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A.P. Dworezkaja. Im Frühjahr 1932 ereignete sich der bewaffnete Aufstand der angestammten Bevölkerung des Taimyr-Gebiets gegen die Eigenmächtigkeit und Willkür der Behörden

Die leitende Archivarin der Abteilung Nutzung und Veröffentlichung von Dokumenten der Regionalen Staatlichen Einrichtung „Staatsarchiv der Region Krasnojarsk“
A.P. Dworezkaja

Im Frühjahr 1932 kam es im Taimyr-Gebiet zu einer Tragödie – dem bewaffneten Aufstand der angestammten Bevölkerung gegen die Eigenmächtigkeit und Willkür der örtlichen Behörden. Der Aufstand auf der Halbinsel Taimyr wurde von der Partei- und Räte-Leitung der Region provoziert, die im Jenisseijsker Norden, ohne Rücksicht auf nationale Besonderheiten, das Entwicklungsniveau der Bevölkerung oder spezifische wirtschaftliche Gegebenheiten die Kollektivierung durchführten.

Die örtlichen Beamten sahen sich vor die Aufgabe gestellt, die Kollektivierung bis zum Ende des Jahres 1932 beendet zu haben. Die Irrealität derartiger Methoden war selbst dem Uneingeweihten offenkundig. Das Tempo, in dem die Kollektivierung hier vorangetrieben werden sollte, stand hinter dem in anderen, wirtschaftlich weiter entwickelten Regionen nicht zurück. Von Seiten der regionalen Sowjet- und Wirtschaftsorgane wurde für die Region ein offensichtlich übertriebener Plan für den Ankauf von Rentieren festgelegt; bei der Durchführung der eigentlichen Ankaufs-Operation wurden sogenannte „extremistische“ Methoden praktiziert. Bei der Pelzbeschaffungsmaßnahme ergaben sich harte Aufgaben, welche die gesamte einheimische Bevölkerung betrafen, ohne diese in soziale Gruppen zu differenzieren, und in einzelnen Fällen, beispielsweise im Awamsker Bezirk, kam es auch zu illegaler Konfiszierung von Pelzen, ohne dass dafür bezahlt wurde.

Hier nun eine kleine dokumentarische Skizze über die Suche nach „Kulaken“ (Großbauern; Anm. d. Übers.) unter den Rentier-Züchtern.

Aus dem Protokoll der allgemeinen Versammlung der einheimischen Bevölkerung des Bezirks Chatanga vom 6. September 1932: „Die Einheimischen baten darum ihnen zu erklären, wer diese Kulaken seien und wie man sie entlarven sollte. Als man es ihnen erklärte, verkündeten die Menschen, dass es unter ihnen keine Kulaken gäbe. Da stellte eine aus Räte-Mitarbeitern zusammengesetzte Kommission eine Liste mit Kulaken und Entrechteten zusammen und verlas diese während der Versammlung. Häufig kam es vor, dass einer kam und ein Stimmrecht entzog, und der zweite stellte es wieder her. Zu Kulaken wurden auch diejenigen erklärt, die 80, 100, 200 Rentiere besaßen. Das ganze Volk unterwarf sich dieser Gemeinheit in dem Glauben, dass all dies auf sowjetischen Gesetzten basierte. Ohne den Leuten zu erklären, was es mit der Partei und den Kolchosen auf sich hatte, hatte man sie einfach hineingetrieben. Als die Einheimischen darum baten, ihnen zu erklären, was es mit all dem auf sich habe, da verkündeten die Räte-Mitarbeiter, dass die Einheimischen gegen die Sowjetmacht eingenommen wären. Sie bürdeten ihnen Steuern auf, ohne den jeweiligen Zustand des Haushalts zu berücksichtigen, schüchterten sie ein, ihnen das Stimmrecht entziehen zu wollen, drohten mit Warenboykott und Geldstrafen und nannten sie sogar Feinde der Sowjetmacht.“.

Erste Signale über die Stimmung in der Tundra sowie die Aktivierung von Tendenzen gegen die Staatsmacht drangen zu den Partei- und Räte-Beamten im Januar 1932 vor. Am 11. Januar traf ein Telegramm aus Wolosjanka in Dudinka ein - über den Zusammenbruch der Pelzbeschaffung und Pläne zur Besteuerung der Ortsbevölkerung, Fälle von Schutzmaßnahmen vor den zu erfüllenden harten Aufgaben durch die Vorsitzenden der einheimischen Kulaken-Räte, Bedrohungen seitens der Ortsbevölkerung gegenüber den Bevollmächtigten und die Weigerung, ihnen Fuhrwerke für Fahrten in die Bezirkshauptstadt zur Verfügung zu stellen. Am 3. Februar erhielt das Gebietskomitee erneut ein Telegramm aus dem Awamsker Bezirk, in dem vom Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die durchzuführenden Kampanien die Rede war. Auf Grundlage dessen begab sich der Vertreter des Gebietsexekutiv-Komitees Iwanenko in die Bezirkshauptstadt, um die entstandene Situation zu liquidieren. Nach seiner Rückkehr nach Dudinka am 18. Februar wurde die Frage über die Methoden zur Durchführung der Entkulakisierung beim Gebietskomitee der WKP (B) aufgeworfen. Unter den Gründen für die Unzufriedenheit wurden folgende Faktoren genannt:

Allerdings wurden keinerlei Maßnahmen ergriffen, um die vorliegenden Überspitzungen zu beseitigen, im Gegenteil – die Suche nach „Kulaken“ setzte erneut ein.

Als Antwort darauf hält die Ortsbevölkerung eine Versammlung ab: am 5. März, vom 28. März bis 1. April – in Awam, am 1. April – an den Stationen Labaja und Belenkoje, am Tschum eines der Leiter des Aufstands Sotnikow, und schließlich, am 7. April, wurden die vier einheimischen Räte in Awam zusammengerufen, wohin die Fremden Vertreter des Bezirksexekutiv-Komitees eingeladen hatten. Dabei wurde unterstrichen, dass das Nichterscheinen letzterer von der Ortsbevölkerung als Abbruch der gegenseitigen Beziehungen mit dem Volk gewertet würde.

Die Machtorgane des Gebiets werteten die vorliegende Stimmung als konterrevolutionäre Erscheinung und gaben folgende Direktive heraus: nicht auf eine derartige Versammlung zu gehen, weil es ein illegaler Kulaken-Treff war. Am 31. März fuhr der Sonderbevollmächtigte I. Kudrjaschow mit der Aufgabe in den Awamer Bezirk, W. Sotnikow zu verhaften, seinen Besitz umzuschreiben und an den Einheimischen-Rat zu übergeben.

Allerdings konnte er dieses Verfügung nicht vollstrecken, weil sich die ortsansässige Bevölkerung zur Verteidigung Sotnikows erhob.

Vom 8.-10. April formieren sich Kampfgruppen von jeweils 3-4 Mann und schwärmen zu den einzelnen einheimischen Räten aus. Vor den Trupps lagen die Aufgaben, „die Organisatoren zu entfernen, die Kulaken zu verhaften und sie zur Erfüllung sämtlicher Aufgaben zu zwingen, welche die Sowjetmacht ihnen auferlegt hatte.

Am 10. April wurden die nach Awam abgefahrenen Bevollmächtigten Korobejnikow, Stepanow und Oschigow gefesselt, entwaffnet und in die Tundra abtransportiert wurden. Dieser Tatbestand diente als Beginn des bewaffneten Auftritts unter der Leitung des Sippen- und Stammesführers, des Schamanen R. Barchatow. Am 12. April wurde zur Niederschlagung des Aufstands aus Dudinka ein Trupp von sieben Mann abkommandiert. Als Antwort darauf schickte der Anführer des Aufstands R. Barchatow Verfolger in alle Ecken des Gebiets, mit der Anordnung, „alle Russen zu ergreifen und nach dem Gewissen Gericht über sie zu halten“. Am 19. April trafen aus Wolosjanka weitere 30 Mann zur Vernichtung der Aufständischen ein. Es kam zu einem Schusswechsel zwischen Aufständischen und Angehörigen der Kampftrupps. Insgesamt wurden 23 Mann getötet. Auf Seiten der Einheimischen gab es nicht einen einzigen Toten oder Verwundeten.

Mit dem Bezirk Chatanga fehlte zu dem Zeitpunkt jegliche Verbindung, und später stellte sich heraus, dass die Einheimischen des Bezirks sich ebenfalls den Awamer angeschlossen hatten und unter der Leitung des allgemeinen Stabs handelten.

Neben den örtlichen Anführern und Parteibevollmächtigten waren auch aufrichtige Freunde der Urbevölkerung der Gewalt ausgesetzt – russische Lehrer, Ärzte, Kulturmitarbeiter, Verkäufer. Sie alle wurden zu Geiseln der Aufständischen. Es begann ein unbeherrschter blutiger Terror. Und die Welle dieses Terrors rollte durch den gesamten russischen Norden.

Anfang Mai 1932 wurden zur Niederschlagung von R. Barchatows Aufstand ein OGPU-Trupp unter dem Kommando des operativen Bevollmächtigten Schorochow losgeschickt. Gegen Ende des Monats stellte die eingeborene Bevölkerung ihren Widerstand ein. Die Anführer des Aufstands wurden verhaftet oder in den Kämpfen getötet.

Am 1. September 1932 verabschiedete das Zentralkomitee der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken) eine geheime Anordnung und einen Brief an die Gebiets- und Regionskomitees der WKP (B) der sibirischen und nördlichen Territorien der UdSSR „Über Verdrehungen der Parteipolitik im Hohen Norden“. Darin wurde das Tun der örtlichen Behörden als „verbrecherische Überspitzungen bei der Kollektivierung in den Gebieten“ charakterisiert und den leitenden Mitarbeitern des Rentier-Trusts und der Organisation „Sojus-Ochot-Zentr“ (Union-Jagd-Zentrum; Anm. d. Übers.) „wegen ihrer unzulässigen Direktiven“ ein strenger Tadel ausgesprochen.

Hätte man die Widersprüche zwischen den Eingeborenen des Taimyr und den örtlichen Beamten von Anfang an auf friedlichem Wege schlichten können? Wahrscheinlich wäre es möglich gewesen, den Konflikt zu vermeiden, wenn die Funktionäre der Staatsmacht auf die Menschen der Tundra gehört hätten, und ihr Bemühen, um jeden Preis die Planzahlen zu erfüllen und über die Ausführung der Direktiven von Partei und Regierung Rechenschaft abzulegen, hätten nicht zu den schweren Fehlschlägen in der Wirtschaft, dem sozialen Bereich und zu direkten Verbrechen geführt.

Liste der verwendeten Quellen und Literaturangaben

1. K.A. Gorbatschow. Die Politik der Kollektivierung bei den eingeborenen Völkern Sibiriens in den Jahren 1930-1933; nach Dokumenten des Taimyrer Gebietskomitees der WKP (B). // Interethnische Verbindungen des Jenisseisker Bezirks (XVIII-XX): Thesen der Vorträge der Archiv-Lesungen. Krasnojarsk, 21. November 1997. – S. 60,61
2. Fond P-28. Verz. 1. Dossier 35. Blatt 221, 221 umseitig
Fond P-28. Verz. 2. Dossier 5. Blatt 4., 5, 8-10, 15, 66. Dossier 7, Blatt 30-32. Dossier 8, Blatt 9, 45, 78

Archiv-Zeitung 2012


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