Historisch-rechtliche Forschungsreise: Mitgefühl als Instrument der Demythologisierung

Aleksej Babij. Krasnojarsk, Russland.
Krasnojarsker „Memorial“-Organisation für geschichtliche Aufklärung und Menschenrechte

Hauptquelle der Mythen über die sowjetische Vergangenheit ist – Unkenntnis. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl das Internet, als auch die Buchläden voll von Forschungsarbeiten und Dokumenten sind, wächst die junge Generation in einem Informationsvakuum auf. Wenn zur Sowjetzeit dieses Vakuum dadurch entstand, dass viele Themen nichtöffentlich waren, so wird es heute dadurch verursacht, dass gegenüber diesen Themen kein Interesse besteht.

Die Unkenntnis der Geschichte nimmt eine Reihe komischer Formen an. So stellte sich einmal während einer Diskussion unter Krasnojarsker Geschichts-(!) Studenten heraus, dass keiner von ihnen wusste, wer Koltschak gewesen war. Einer der Studenten sagte übrigens, dass das der Mann sei, der im 17. Jahrhundert Sibirien erobert hätte.

Allerdings gründen sich auch vorhandene Kenntnisse nicht selten auf sowjetischen Mythen. So wurde im Verlauf der Unterschriftensammlungen gegen die Errichtung eines Stalin-Denkmals in Krasnojarsk im Jahre 2005 die Position derer klar, die DAFÜR waren. Da wir die Unterschriften in der Nähe des Rathauses sammelten, argumentierten diejenigen, die sich weigerten unsere Unterschriftenblätter zu unterzeichnen so: «Wenn es Stalin gäbe, hätte er DIE (auf das Rathaus weisend) alle erschossen». Das heißt, es ist immer noch der alte Mythos im Umlauf, der noch durch Chruschtschow auf dem 20. Parteitag aktiviert wurde – dass zu Zeiten des „Personenkults“ vor allem Partei- und Staatsfunktionäre Repressalien ausgesetzt waren. Jetzt wurde dieser Mythos transformiert: angeblich wurden korrupte Personen sowie schmierige, gewissenlose Tschekisten u.a. unterdrückt. Allerdings reicht es aus, den Befehl 00447 genauer zu betrachten oder einen beliebigen Band des Buches der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen durchzublättern, um sich davon zu überzeugen, dass die Repressionen des Jahres 1937 in erster Linie gegen die enteignete Bauernschaft gerichtet waren, während die Partei-Apparatschiks und sogar Parteimitglieder ganz allgemein nur einen unbedeutenden Prozentsatz unter den Unterdrückungsopfern ausmachten.

Für jenen Teil der Jugendlichen, der sich dennoch für die Geschichte interessiert, ist die Position «vom Gegenteil» charakteristisch. Wenn sie in der Schule lernen, dass Repressionen etwas Schlechtes sind, (und in der Schule wird immer gelogen), dann sind die Unterdrückungen in Wirklichkeit etwas Gutes. Gerade diese jungen Leute stellen den Grundstock der «Jung-Stalinisten» auf verschiedenen Internet- Seiten dar. Es ist charakteristisch, dass keinerlei Dokumente und logische Begründungen bei dieser Zuhörerschaft funktionieren: die Dokumente erklären sie sogleich für Fälschungen, Argumente streiten sie in der Regel nicht ab, sondern ignorieren sie einfach. Einem solchen jungen Mann, der deutlich die These verteidigte, dass gerade die korrupten Apparatschiks und Tschekisten verfolgt wurden, wurden die Bände des Buches der Erinnerung vorgelegt und ihm empfohlen, namentlich die Personen der von ihm genannten Kategorie aufzulisten. Er fand einen einzigen Tschekisten unter zehntausenden Menschen und hielt das für einen ausreichenden Beweis seiner Richtigkeit.

Allerdings ist Unwissenheit nicht das einzige Problem. Es ist nämlich so, dass es nicht ausreicht, die Verfolgungen allein mit dem Verstand, anhand von Dokumenten und mittels Logik zu erkennen. Neostalinisten sind gerade deswegen bombensicher, weil sie den Preis, der für die «Errungenschaften» gezahlt wurde, ausklammern und nicht in der Lage sind, Mitleid mit den Opfern zu fühlen. Gerade die emotionale, moralische Komponente soll die dominierende sein, wenn wir die jungen Leute entmythologisieren wollen.

Eine solcher Formen fand sich während einer historisch-rechtlichen Expedition, die seit vielen Jahren von der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation und dem pädagogischen College in Jenisseisk durchgeführt werden. Jeden Sommer fahren etwa zehn Studenten des Colleges (hauptsächlich aus dem Geschichtsbereich), gemeinsam mit Mitgliedern der „Memorial“-Gesellschaft in die Ortschaften des Jenisseisker Bezirks und befragen einstige Repressionsopfer. Die Region Krasnojarsk war einer der drei wesentlichsten Verbannungsregionen, und so kann man in jeder beliebigen Ortschaft nicht nur einem Dutzend Deutsche, Balten, Griechen oder enteigneten Bauern begegnen. Für die Studenten ist das eine praktische Sommerarbeit zum Thema «überlieferte Geschichte», für „Memorial“ – eine neue Informationsquelle. Die Technologie dieser Befragungen (Methodik, Fragebogen, Vorlesungen u.a. – das ist ein gesondertes Thema), doch das wichtigste Resultat dieser Forschungsreisen sind nicht die gesammelte Information oder die Art und Weise der Durchführung der Befragungen. Das wichtigste Ergebnis sind die verweinten Augen der Mädchen, wenn sie vom Interview zurückkommen. Das, was in den Lehrbüchern als kümmerliche Statistik aufgetischt wurde, wächst plötzlich zu lebendigen Einzelheiten an, die teilweise in ihrer Alltäglichkeit ganz schrecklich anmuten. Es weinen die Befragten, weil sie sich erinnern, und es weinen die zutiefst erschütterten Studentinnen.

Bei den Befragungen stützen sie sich auf Einzelheiten des Alltags. Das ist auch vom Forscherstandpunkt aus gesehen wichtig, doch nicht weniger wichtig ist die emotionale Seite. Hier ein typisches Beispiel: man bringt eine Familie deportierter Deutscher in das nördliche Dorf Jarzewo. Den Ehemann haben sie in die Arbeitsarmee geholt, die Ehefrau zum Holzeinschlag geschickt. Es schien alles klar, aber tatsächlich war es nicht so. Hat man ihnen spezielle Kleidung für die Arbeit beim Holzeinschlag gegeben? Schließlich war die Kleidung, die sie an der Wolga getragen hatten, für Sibirien völlig ungeeignet, und sie erwies sich sehr schnell als unbrauchbar: sie zerriss durch Äste, verbrannte am Lagerfeuer. Es stellt sich heraus, dass keinerlei spezielle Berufskleidung ausgegeben wurde. Konnten die Sondersiedler sie denn kaufen? Bekamen sie denn ein Lohn bezahlt oder erhielten sie bloß eine Lebensmittelration? Es stellt sich heraus, dass es in der ersten Zeit nur die Ration gab. Infolgedessen konnten sie nur von dem Geld etwas kaufen, das sie mit hierhergebracht oder gegen mitgebrachte Sachen eingetauscht oder sich beispielsweise hier verdient hatten, weil sie aus der Heimat eine Nähmaschine mitgenommen hatten. So zieht eine einzige kleine Frage eine Vielzahl weiterer nach sich, doch das Wesentliche dabei ist, dass die Studentinnen begreifen, von welchen undenkbaren Schwierigkeiten ganz gewöhnliche Tätigkeiten begleitet waren (wie beispielsweise eine Fahrt zum Krankenhaus in die Bezirksstadt). Bei den Deutschen (aber auch bei den Balten und Ukrainern) gab es zudem das Sprachproblem: viele konnten kein Russisch. Die Befragten berichten von unterschiedlichen Fällen – teils komischen, teils tragischen, aber aus diesen Gegebenheiten setzt sich das Leben eines Sondersiedlers zusammen…

Wichtig ist, dass die Studentinnen später Geschichte in der Schule unterrichten. Es gibt die Hoffnung, dass sie ihren Schülern nicht auch nur anhand des „Lehrbuchs“ die Geschichte erzählen, sondern auch emotional auf sie einwirken. Empathie gegenüber den Opfern ist wichtig, ebenso wie die Kenntnis von Fakten und Dokumenten.

Thesen der internationalen wissenschaftlich-praktischen Konferenz „Der Mensch in der totalitären Gesellschaft: Reflektionen des 21. Jahrhunderts“. 23.—2. Juni 2013. Odessa


Zum Seitenanfang