Zurückgekehrt

Eduard Jonathanowitsch Gutman, Stadt Sosnowoborsk
20.07.1938-13.06.2012

Irgendwie konnte ich nicht schlafen. Ich musste daran denken, wie Jon über einen unlängst stattgefundenen Streit mit Alexander, einem der Vorstandsmitglieder der Kolchose, berichtet hatte. Es war bloß um eine Kleinigkeit gegangen. Aber trotzdem war das Herz wegen Alexanders Drohungen in Sorge: «Na, du wirst noch bedauern, was du da gesagt hast». Schließlich schloss Amalia ihre Augenlieder und sank in einen unruhigen Schlaf. Im Unterbewusstsein vernahm sie draußen Stimmen. Sie schaffte es nicht mehr, rechtzeitig aus dem Fenster zu schauen.

Die nächtlichen Besucher klopften beharrlich an die Tür und verlangten, dass man ihnen öffnete. «Jon, Jon, wach auf»- rief Amalia ihrem schlafenden Ehemann zu. Aber der zog bereits seine Hosen an. Er ging zur Tür und öffnete sie.

Die ungebetenen Gäste traten eilig ins Haus und verlangten, ungeachtet der schlafenden Kinder, mit lauter Stimme: «Zieh dich an, Jon, du kommst mit uns mit». «Mitten in der Nacht gehe ich nirgends mit euch hin», antwortete der Mann starrsinnig. «Du kommst mit, du bist verhaftet!»- meinte mit schiefem Lächeln einer der Besucher, vermutlich der Ranghöchste.- «Ich habe niemandem etwas Böses getan, es gibt keinen Anlass mich festzunehmen. Ich bin unschuldig». - «Zieh dich an, beim Dorfrat werden sie alles klarstellen». Amalia, die vor Aufregung nicht ganz begriff, packte schnell ein paar Sachen und Lebensmittel zu einem Bündel zusammen und gab es ihrem Mann. Sie durften sich nicht einmal ordentlich verabschieden; man versetzte ihm einen Stoß in den Rücken und öffnete die Tür. Jon blickte seine Frau an, blickte schuldbewusst auf die weinenden Kinder und ging hinaus. «Ich komme bald zurück, es muss sich um einen Irrtum handeln», - warf Jon ihr auf der Schwelle zu.- «Geh, geh, er wird zurückkommen», - knurrte einer der Begleitwachen. Die Tür wurde zugeschlagen.

Amalia sank kraftlos auf die Bank. Das Leben musste weitergehen. Sie wusste davon, dass schon einige Männer aus dem Dorf abgeholt worden waren, aber bis zu diesem Zeitpunkt war noch keiner von ihnen zurückgekommen. Den ganzen Tag wandelte sie wie im Traum umher. Sie wartete, dass die Tür sich öffnete und ihr Mann lächelnd, als wäre nichts gewesen, eintreten und sagen würde: «Na siehst du, ich habe doch gleich gesagt – es ist ein Irrtum. Da bin ich wieder!» Doch der Tag ging zu Ende. Die Sonne versank bereits hinter dem Horizont, doch Jon kam nicht. Amalia begriff, dass sie ihm Sachen bringen und gleichzeitig dabei erfahren musste, was geschehen war. Sie konnte den Morgen kaum erwarten, packte ein wenig Essen ein und befahl der Schwiegermutter auf die Kinder Acht zu geben; dann machte sie sich auf den Weg nach Krasnij Kut zum Dorfrat, doch dort konnte man ihr keine Auskunft geben; sie sagten nur, dass ihr Mann nach Engels gebracht worden sei. Erst einen Tag später nahm man ihr das Paket ab. Der Wachsoldat übergab ihr eine kurze Notiz mit nur wenigen Worten:

«Verzeih, aber es gibt keine Möglichkeit. Irgendetwas zu tun. Pass auf die Kinder auf. Dein Jon». Das war die erste Nachricht über ihren Mann nach seiner Verhaftung und, wie sich herausstellen sollte, auch die letzte. Es kam der November des Jahres 1937.

Acht Monate nach der Verhaftung ihres Mannes bekam Amalia einen Sohn, den sie Eduard nannte, wie es der Vater gewollt hatte. Die Familie war nun größer geworden: drei Söhne, die Schwiegermutter und eine Adoptivtochter. Und zwei schwielige Arbeitshände, die alle auch noch ernähren, waschen und mit Zärtlichkeit bedenken mussten. Und nirgendwoher und von niemandem gab es Hilfe. Sie wurden lediglich von der Hoffnung erwärmt, dass der Mann zurückkehren und alles sich regeln würde. Doch das Kind war schwächlich und verlangte eine Menge Fürsorge. Arbeiten musste sie ganz allein, aber Maruska, die Adoptivtochter, half ihr so gut es ging.

1940 kam ein neues Elend – die Aussiedlung nach Sibirien, in die Region Krasnojarsk. Wie sie bis dorthin gelangten – daran konnte Amalia sich nur schlecht erinnern. Ihr Fleiß und ihr fügsamer Charakter erwiesen sich hier in Sibirien als absolut notwendig. Doch auch hier ereilte sie das Schicksal – Maria erlag einer schweren Erkrankung. Nur gut, dass wenigstens die älteren Kinder schon herangewachsen waren, so dass sie im Haus helfen konnten. Kaum hatten sie sich am neuen Wohnort eingelebt, da wurden sie in die örtliche Milizabteilung bestellt, wo man ihnen ihre nächste Verbannung verkündete, die sie nun weit in den hohen Norden führen sollte, ins kalte Turuchansk.

Schlimmer als andere litt Maria an diesen neuerlichen Entbehrungen. Sie wartete wohl mehr als die anderen auf den Vater, denn sie erinnerte sich gut an ihn, liebte ihn, aber für die Brüder war er nicht der leibliche Vater, denn die Mutter hatte ihn nach dem Tod es richtigen Vaters geheiratet, an den sie sich ebenfalls noch gut erinnern konnten. Aber ich war noch viel zu klein, um das alles zu verstehen. Doch es kam die Zeit, dass auch ich heranwuchs und Marusja mir immer häufiger von meinem Vater erzählte, was mir nach und nach den Gedanken einflößte, dass er doch noch, irgendwo in der Verbannung, am Leben war, vielleicht mit einer neuen Familie. Verwunderlich ist, dass sich genau dieser Gedanke in den Köpfen unserer Familie festsetzte. Die Hoffnung keimte auf, dass auch wir den Vater ausfindig machen würden, man müsste nur seine Postfachadresse herausfinden.

Nachdem ich zur Schule gekommen war und ein wenig schreiben gelernt hatte, bat Marusja mich an die Organe zu schreiben, mit der Bitte, uns die Anschrift des Vaters mitzuteilen. Und ich schrieb: zuerst an die Bezirksmiliz, dann an die regionale NKWD-Behörde, doch von überall kam immer nur die gleiche Antwort: wir verfügen über keinerlei Angaben zu Ihrem Vater.

In den höheren Klassenstufen gab irgendjemand mir den Rat, mir mit der gleichen Bitte bezüglich unseres Vaters direkt an K.J. Woroschilow zu wenden. Warum Woroschilow? Wahrscheinlich, weil er ein Nationalheld war, jedenfalls besagt das ein Lied über ihn. Und natürlich schien es allen so, dass er der gerechteste, gutmütigste Mensch war, der menschlichen Kummer verstand und im Elend helfen konnte. Ich dachte, dass er bestimmte all seine Untergebenen auf die Suche nach dem Vater ansetzen würde. Erstaunlich, aber die Antwort von Kliment Jefremowitsch kam ziemlich schnell. Die ganze Familie versammelte sich um mich, um endlich eine Nachricht über den Vater zu erhalten. Nur Mama schaute nachsichtig auf unser Getümmel. Sie war eine kluge Frau, die schon keinerlei Hoffnungen mehr hegte. Die Antwort des Kriegsherrn trug den gleichen Wortlaut, wie die Mitteilungen aus den anderen Instanzen.

Man hatte den Eindruck, als ob alle Antworten in demselben Arbeitszimmer verfasst worden wären. Danach wandten wir uns nicht mehr an die höheren Instanzen. Die Jahre gingen dahin. Unsere Familie war in sämtliche Ecken unseres Heimatlandes verstreut worden. Ein Bruder ging auf der Suche nach einem besseren Los nach Kasachstan, der andere nach Duschanbe. Ich bekam eine Zuweisung in den Abansker Bezirk, Mama und Schwester Marusja fuhren mit mir. Dort gegruben wir unsere Mama. Sie erlebte die Nachrichten über den Verbleib ihres Ehemannes nicht mehr. Aber Marusja verlor die Hoffnung auf eine Rückkehr des Vaters nicht.

Einmal lasen wir in der Zeitung eine Notiz darüber, dass in Moskau irgendein musikalischer Wettbewerb stattgefunden hatte, die dem Natalja Gutman gesiegt hätte. Und erneut erfasste meine Schwester Unruhe. «Unser Nachname ist selten, Natalja ist wahrscheinlich unsere Schwester», - versuchte Marusja mir immer wieder einzureden. Ich gab nach und schrieb einen Brief nach Moskau. Natürlich besaß Natalja Gutman keinerlei Verbindung zu unserer Familie. Die Tochter hatte ihren Vater nicht überlebt, sie ruhte auf dem Troizker Friedhof der Regionshauptstadt.

Erst in den 1960er Jahren gab es die Möglichkeit, Auskünfte über politisch verfolgte Angehörige zu erhalten. Auf mein Gesuch an die Staatsanwaltschaft von Saratow kam die Antwort, dass man die Akte meines Vaters zur Überprüfung an das Saratower Gebietsgericht übergeben habe. Etwa einen Monat später bekam ich Antwort vom Gericht: der Fall meines Vaters sei aus Mangel an Tatbeständen niedergelegt worden. Und kein Wort über das Schicksal meines Vaters. Er wollte nicht zurückkehren.

Erst 2007 bat ich meinen Enkel im Internet zu suchen, vielleicht konnte er dort etwas finden. Und er fand etwas. Es stellt sich heraus, dass es ein Buch der Erinnerung an die Oper der politischen Repressionen gibt. In dem uch über die Opfer des Saratower Gebiets fand er ein paar spärliche Zeilen: Gutman, Jon Andrejewitsch, verhaftet am 15.11.37 von der Eckheimer NKWD-Behörde. Verurteilt am 21.11.37 von einer Troika des NKWD der ASSR der Wolgadeutschen zur Höchststrafe. Erschossen am 27.11.37 in der Stadt Engels. Rehabilitiert am 23.10.63 vom Saratower Gebietsgericht.

Mit solchen spärlichen Worten im Internet war also der Vater aus dem Nichtsein 70 Jahre nach seiner Erschießung zurückgekehrt.

Die Pflicht der Erinnerung.
Dem Gedenken an den älteren Bruder
JAKOB ANDREJEWITSCH ROSE
gewidmet.

Wer den Jenisseisker Norden kennt, hat wohl auch die wunderschöne kleine Siedlung namens Kostino am nicht sehr steilen Ufer des Jenisseis gesehen, aber wohl kaum jemand kannte das kleine Dörfchen Melnitschnoje, das ein halbes Dutzend Kilometer weiter nördlich von Kostino gelegen ist. Aber wie soll man es auch kennen, wenn es nie auf einer Karte existiert hat, es sei denn auf einer Karte der Bezirksleitung.

Und heute erinnern nur noch kaum erkennbare, mit Gras überwucherte und mit leuchtenden Steinbeeren-Büschen bedeckte Hügel, an diejenigen, die einstigen Verbannungssiedler, die hier ihr kümmerliches Dasein fristen mussten. Selbst die Trümmer von Erdhütten und wenigen anderen Bauten haben die Erinnerung an die einst hier lebenden, leidenden und liebenden Menschen vollends begraben. Vor dem Eintreffen der Verbannten stand am Ufer ein einziges Haus, das von Angehörigen des Bojen-Bauers Miron bewohnt war.

Mitte September 1940, als im Norden bereits die „weißen Fliegen“ herumwirbelten, legte am Ufer der Raddampfer „Maria Uljanowa“ an, von dem 30 Familien von Verbannungssiedlern an Land abgesetzt wurden, Familien von „Volksfeinden“ – insbesondere ehemalige Bewohner des Wolgagebiets. Es handelte sich um Frauen, Kinder und sehr alte Menschen sowie die Familie des Invaliden Roman, unter denen auch wir uns befanden: Mama mit ihren drei Jungs, der Adoptivtochter und der Schwiegermutter, der Mutter ihres 1937 verfolgten Ehemannes. Bis zu dem Zeitpunkt hatte die Familie eines „Volksfeindes“ im Kasatschinsker Bezirk in der Verbannung gelebt, doch das NKWD beschloss, unsere Familie noch weiter fortzuschicken. So gerieten wir nach Melnitschkoje, 50 km von Turuchansk entfernt. Aber da am Ufer lediglich ein einziges Haus stand und es bereits die ersten Fröste gab, blieb ihnen nur die Möglichkeit, sich in den Erdboden einzugraben. So entstanden in Melnitschkoje drei Dutzend Erd-Hütten; außerdem baute man mit vereinten Kräften eine kleine Schule mit einem Klassenzimmer und einem Wohnraum für die Lehrerin Anna Lukjanowa.

Aus Turuchansk wurden mit einem Lastkahn ein paar Kühe für die neu gegründete Kolchose gebracht. Und Möglichkeiten für andere Arbeitstätigkeiten gab es in der Umgebung: der majestätische Jenissei mit seinem Fischreichtum und die Taiga mit ihrem Groß- und Kleinwild, der kurze Sommer und die endlosen Winter mit schrecklichen Frösten unter minus 50 Grad Celsius. Taiga und Jenissei waren es, welche die verlassenen Menschen vor dem Aussterben bewahrten. Und Melnitschnoje wurde für alle für Jahrzehnte zum Wohnort – zum Wohnort, aber nicht zur neuen Heimat. Die Heimat, «das Zuhause», das war dort – an der Wolga. Und dieses Zuhause war für alle wie ein wegweisender Stern, weit entfernt, aber dennoch erreichbar. Man musste die elendigen Jahre nur durchstehen, um „nach Hause“ zurückkehren zu können. Damals vermutete niemand, dass diese Rückkehr niemals stattfinden würde. Einstweilen blieben sie hier in der Kolchose.

Die gegründete Kolchose mit ihrer Milchfarm und den Fischer- und Jäger-Brigaden war die Sonder-Kolchose namens Stalin, deren Zentrum sich in der schönen kleinen Siedlung Kostino mit seinen Holzhäusern, nicht mit Erd-Hütten, zwei Straßen, einer 7-Klassen-Schule, einem Internat, einem Dorfrat und sogar einem Klub, befand. Einmal nach Kostino umziehen – davon träumten alle Erdhütten-Bewohner. Aber das lag einstweilen noch in der fernen Zukunft. Unsere aus sechs Personen bestehende Familie begann sich am neuen Aufenthaltsort einzuleben.

Mama arbeitete als Melkerin in der Kolchose. Die älteren Brüder (10 und 14 Jahre alt) arbeiteten anfangs in der Nebenwirtschaft. Aber schon zwei Jahre später kam der älteste Bruder Jakob in die Fischer- und Jäger-Brigade (im Winter ging es auf Jagd, im Sommer zum Fischfang). Munition und Ausrüstung wurde von der Kolchose zur Verfügung gestellt. Die ganze Hausarbeit erledigte Marusja, während Großmutter und ich ihr nur vor den Füßen herumliefen. Übrigens lebte die Großmutter nicht lange. Sie wurde von der ewig mangelhaften Ernährung und vom Skorbut dahingerafft. So erlebte sie auch nicht mehr, dass ihr Sohn aus dem Lager zurückkehrte. Ich weiß nicht, ob unsere Familie überlebt hätte, wenn die Hilfe der Brüder, besonders die Hilfe Jakobs, nicht gewesen wäre. Wie sehr erwarteten wir im Winter seine Rückkehr von der Jagd, wenn die wenigen Wintervorräte aufgebracht waren! Zur Jagd schickten sie einen im Winter immer für einen längeren Zeitraum (nicht weniger als zehn bis fünfzehn Tage).

Ich erinnere mich noch, wie bei eisigem Frost auf dem Jenissei Skiläufer auftauchten, die sich geschickt auf ihren breiten Golizy (so wurden die mit Rentierfell beschlagenen Skier genannt) zwischen den Eisbänken hindurch manövrierten. Sie scheiterten nicht im tiefen Schnee, glitten gut und rutschten beim Aufstieg nicht nach vorn. Man brachte mich zu meinem Bruder. Ich drückte mich an sein vom Wetter gehärtetes Gesicht und weinte vor Glück, als ich den geliebten Bruder sah und hoffnungsvoll auf Geschenke aus dem Wald wartete. Und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Jakob zog Felle aus dem Quersack (Eichhörnchen, Hase, Feuerwiesel, Hermelinâ, sogar ein listiger Vielfraß war unter den Fellen). Diesen ganzen pelzigen Reichtum musste man in der Kolchose für die Anrechnung von Tagesarbeitseinheiten abgeben. Es gab allgemeine Freude. Mit Begeisterung befühlte ich den wunderschönen Kopf eines Auerhahnsÿ, wie ein Wunder schienen mir die schneeweißen Rebhühner, die grauen, unscheinbaren Birkhühner. Aber das Wichtigste für mich war – der kleine hölzerne Schlitten, den der Bruder für mich an den langen Abenden am Lagerfeuer gebaut hatte. Die anmutigen Gleitkufen aus dem gebogenen Holz der gewöhnlichen Traubenkirsche, die wunderschön verzierten Schweller, welche die Kufen mit dem oberen Teil verbanden. Der Schlitten war mit Liebe gemacht, er war für mich, als würde er einem Märchen entstammen, ein echter Märchenschlitten – ein Hörnerschlitten, nur um ein Mehrfaches kleiner, eben für ein Kind gemacht, das einen Hügel hinabrodeln wollte.

Wenn der Bruder aus der Taiga nach Hause kam, wurde in der Hütte aufgeräumt: die Erd-Fußböden wurden sorgsam gefegt, die aus grob zusammengenagelten Brettern bestehenden Betten wurden mit Decken abgedeckt, die Mama aus verschiedenfarbigen Stofffetzen genäht hatte. Selbst der Ofen, so kam es einem vor, schien noch wärmer zu heizen als sonst. Alle erwartete ein richtiges Abendessen mit Fleisch, das seinen köstlichen, appetitlichen Duft verbreitete. Ausgehungert und gierig stürzten wir uns auf die Fleischmahlzeit, jeder erhielt ein fetthaltiges Stückchen mit reichlich Brühe. Alle mitgebrachten Vogelkadaver, die nach der Abgabe in der Kolchose noch übrig waren, wurden gefroren und dienten für einige Zeit als Zusatz zu unseren bescheidenen Mahlzeiten. Essen wollte man immer, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Als wir Kinder ein wenig größer geworden waren, gingen wir im Winter in groben Pelzschnürschuhen auf die Straße, in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden. Meistens liefen wir in der Nähe der Bäckerei herum, um den Duft von frischgebackenem Brot einzuatmen, welches wir in so winzigen Stückchen bekamen, dass wir sie sofort verschlangen. Übrig blieb der Duft, den wir gierig einsogen, indem wir weiter die Bäckerei umrundeten. Überhaupt war das Backhaus das wichtigste Objekt im Dorf. Viele Geschichten sind mit ihm verknüpft. Eines Morgens teilte uns Mama, als sie vom Melken nach Hause kam, mit, dass in der Nacht jemand in die Bäckerei eingestiegen sei und einen Diebstahl begangen habe. Deswegen würden sie so lange kein Brot ausgeben, bis der Delinquent gefunden sei. Sogar die Leute in Turuchansk wurden über den Diebstahl informiert, und am Abend traf ein Milizionär von dort ein. Er versammelte alle Verdächtigen vor der Bäckerei und verlangte, einer nach dem anderen neben den nächtlichen Schuhabdrücken, seine eigenen Spuren hinterlassen sollte.

Identische Schuhabdrücke würden allerdings nicht gefunden. Schließlich holten sie den schlagfertigen Burschen Karluscha, den ersten Weiberhelden im Dorf. Im Galoppsprung hinterließ er seinen Kontrollabdruck – und noch den anderen Fuß, und bügelte auf diese Weise buchstäblich alles so platt, dass eine Fortsetzung des Experiments nicht mehr von Nutzen war.

Keiner zweifelte daran, dass Karluscha derjenige gewesen war, der das Brot entwendet hatte, eine ganze Stange. Und so nahm der Milizionär den armen Teufel in die Bezirkshauptstadt mit. Fünf Jahre später kehrte Karluscha nach Hause zurück, nachdem er die ganze Zeit in Norilsk für einen entwendeten Brotlaib abgesessen hatte, was gewiss kein Zuckerlecken gewesen war. Brot war im hohen Norden, wo es nichts gibt, außer Kartoffeln und Futterrüben, die im Dorf aber nicht angebaut wurden, die einzige Freude in unserer großen Familie. Die Aufteilung des Brotes war ein Ritual, das der strengsten Kontrolle unterlag und das von allen 10 Augen angespannt verfolgt wurde. Einmal wurde Mama als Auszeichnung für die geleistete Stoßarbeit in der Kolchose eine Prämie ausgehändigt, von der man damals noch nie gehört hatte – zwei ganze Stangen Brot. Da herrschte aber Freude in der Familie – ganze zwei Tage lang.

Bereits später, als ich die oberen Klassenstufen der Mittelschule besuchte, reichte das Brot hinten und vorne nicht, und es kam mir so vor, als ob es unmöglich wäre, sich daran satt zu essen. Und als unsere Russisch-Lehrerin ein Gedicht über „die leuchtenden Gipfel des Kommunismus“ verfasste, da sahen wir Kinder auf diesen Gipfeln Berge mit Meterbroten, weiße, schwarze, duftende, wie die aus unserer Bäckerei, die man immer essen konnte – und so viel, wie man wollte. Doch einstweilen leuchteten diese Gipfel lediglich in unvorstellbarer Entfernung; uns blieb nichts anderes übrig, als uns an dem Duft des frischen Brotes gütlich zu tun, von dem es für unsere Familie weniger als einen Laib pro Tag gab. Ist es jetzt verständlich, weshalb wir unsere Dorfbäckerei so geliebt haben!?

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal riesiges Glück hatte. Die Angehörigen Mironows hatten eine große Aalquappe gefangen und warfen dem Hund den Kopf hin. Ich war flinker, und der Kopf fiel mir zu, wobei die daraus gekochte Fischsuppe ungewöhnlich schmackhaft war, vielleicht deswegen, weil es meine Beute war, und die ganze Familie tat sich an diesem Wunder gütlich. Mitunter gelang es, ganz unbemerkt zur Mama auf die Farm zu gelangen, und dort wurde mir ein kleiner Becher mit frischer Milch zuteil. Im Sommer gingen die Melkerinnen mit den Kühen auf die Weide, die Kühe grasten weiter am Ufer entlang, und um sie zum Abend melken zu können, fuhren Mama und ihre Freundin mit den Kannen in einem Boot, entgegen der Strömung, zur Herde. Als ich schon ein paar Jahre alt war und ein Boot führen konnte, da bekam ich aus Auszeichnung für meine Hilfe frische Milch. Übrigens, der Vorsitzende übte Nachsicht ob dieser Hilfe.

Meine Brüder konnten am neuen Wohnort nicht zur Schule gehen, sie mussten die Familie unterstützen. Andrej hatte drei Jahre lang die Schule an der Wolga besucht, Jakob hatte sechs Klassen absolviert. Daher stand meine Schulzeit unter der angespannten Aufmerksamkeit der älteren Brüder. Sie bastelten für mich ein hölzernes, mit Fischleim (damit die Tinte nicht auslief) eingestrichenes Tintenfass he, nähten aus Zeitungen des „Nordischen Kolchosbauern“ Hefte zusammen, in denen wir schrieben, gaben mir Preiselbeersaft, der die Tinte ersetzte, prüften die Hausaufgaben. Und nachdem die Grundschulzeit in Melnitschnoje beendet war, setzte Jakob mich in ein Boot und brachte mich ins gesegnete Kostino, und die Familie erhielt endlich die Möglichkeit, dorthin umzuziehen.

Ich weiß noch, wie ich in der ersten Zeit bei Bekannten von Mama wohnte. Abends verkroch ich mich hinter den Ofen und weinte bitterlich, ich hatte Sehnsucht nach Mama, nach den Brüdern und der Schwester. Einmal besuchte Mama mich, brachte Lebensmittel, aber zum abendlichen Melken in Melnitschnoje zurück sein. Ein eigenes Boot hatten wir damals noch nicht, und so musste Mama den Weg zu Fuß zurücklegen und zudem auch noch den etwa 25 m breiten Fluss überwinden. Ich weinte die ganze Nacht, weil ich solche Angst hatte, dass Mama ertrinken oder von wilden Tieren angefallen würde. Aber alles ging gut.

Endlich kam die Zeit, als unsere ganze Familie nach Kostino umzog, die Kolchose teilte uns ein halbes Haus zu, das uns nach der Erd-Hütte wie ein Schloss vorkam. Bruder Andrej war zu der Zeit ein erwachsener, hübscher Bursche geworden; Jakob heiratete, baute sich ein kleines Häuschen, bearbeitete ein 5 Hundertstel großes Stück Land, auf denen er Kartoffeln anbaute. Eigene Kühe besaßen die Kolchosbauern nicht, Milch erhielten sie anhand der Tagesarbeitseinheiten. Die Fischerbrigade, die von meinem Bruder Jakob geleitet wurde, nahm beim Wettbewerb den ersten Platz ein, die Brigademitglieder erhielten dafür jeder eine Prämie in Höhe von 15 Rubel, aber Jakobs Brigade bekam als Prämie die einzige in der Kolchose vorhandene Ziege geschenkt, die sich allerdings als völlig nutzlos erwies. Als Zugabe bekamen sie dann einen Geißbock. Der Bruder baute einen Ziegenstall, es mangelte nicht an Heu und Espenzweigen, und so war unsere Ziege wohlgenährt und glatt, schön und unglaublich kapriziös. De Geißbock hielt wohl auch wieder nach einer hübschen „Braut“ Ausschau, und so beschenkte uns die Ziege im ersten Jahr mit Zicklein. So konnten Jakobs Kinder immer fette Ziegenmilch trinken, und für mich fiel ab und an auch etwas ab. Aber auch nachdem der Bruder unsere Familie verlassen hatte, half er uns ständig, brachte uns Alltagsweisheiten und Mut in schwierigen Situationen bei.

Ich erinnere mich an einen Fall, der sich ereignete, als ich 12 Jahre alt war. Es war ein früher Sommerabend, es herrschte noch große Schwüle nach der Tageshitze. Jakob hatte mich auf der Straße entdeckt und schlug vor, mit ihm zu kommen, um die langen, straffgespannten Leinen mit den herabhängenden Angelschnüren ausfindig zu machen, die auf der anderen Seite des Jenisseis angebracht worden waren. Fast jede Familie fing prächtige Fische, stellte die Angelleinen an einer bestimmten Stelle gegenüber dem Dorf aus, wobei sie sich diesen Ort anhand irgendeiner Mulde am Ufer, eines Steines, eines zerstörten Baumstammes u.a. merkten. Mit einem Wort, alle kannten ihren geschätzten Platz, an dem sie ihre Angelleinen, etwa 30 – 50 m vom Ufer entfernt, anbrachten. Für uns Jungs bedeutete die Teilnahme am Angeln ein riesiges Vergnügen, wenn man zufällig herrlich große Sterletts erwischte oder mit viel Glück sogar einen Stör. Da hatte man dann etwas, mit dem man sich vor den Altersgenossen rühmen konnte!

Daher nahm ich die Idee meines Bruders mit Begeisterung auf. In ein paar Minuten hatten wir alles zusammengepackt – und schon standen wir mit unseren Rudern am Boot. Einen halben Kilometer ruderten wir gegen die Strömung, dann überquerten wir den Jenissei. Ein sonniger, klarer Abend, der Fluss glatt wie ein Spiegel, völlige Windstille. Nach 20-25 Minuten gingen wir bereits vor Anker und wählten die Leine aus. Mein Bruder befahl mir, als er ein leichtes Zittern der Angelschnur spürte, das Boot vom Schwimmer auszuhaken, und das Boot, das nun den Bewegungen des am haken hängenden Fisches folgte, schwamm langsam mit der Strömung dahin. Jakob holte die Angelschnur ein, der funkelnde Körper eines Sterletts tauchte auf; der Bruder entfernte geschickt den Haken aus dem Fisch und warf ihn ins Boot.

An jenem Abend gesellten sich noch zwei weitere Sterletts zum ersten. Plötzlich lief ein kupferfarbenes Flimmern durch den Fluss, es kam ein scharfer Nordwind auf, es war, als ob der ganze Fluss sich erhob, zwei noch nicht ganz hohe Wellen kamen herangerollt. Am Himmel zogen düstere Wolken auf. «Los, wir müssen uns beeilen, sonst geraten wir in die Klemme», - sagte Jakob. Nachdem er mit mir die Plätze getauscht hatte, nahm er selbst das Ruder in die Hand und erteilte mir die verantwortungsvolle Aufgabe, das Steuer zu übernehmen. Der Wind hatte inzwischen stark aufgedreht und trieb riesige Wellen vor sich her; wir mussten schnellstens auf unsere Uferseite zusteuern. Mal hob sich unser Boot bis zum Wellenkamm hoch, dann schoss es je in die tiefen Wellentäler hinab, so dass einem das Herz bis zum Halse schlug. «Hab keine Angst, - schrie Jakob mir durch das langgezogene Heulen des Windes zu. – Achte nur auf die Wellen, damit sie uns nicht hochpeitschen, halte das Boot quer zu den Wellen. Wenn du einen Fehler machst – kentern wir.

Ich mühte mich mit aller Kraft. Das Boot stieß mal hoch, mal sank es ins Wellental hinab. Das Ganze kam uns endlos vor, und als unser Boot wieder einmal hoch von einem Wellenkamm in den Abgrund stieß, dachten wir schon, dass wir nun nie wieder nach oben gelangen und das Ufer zu sehen bekommen würden. Und da zeigte das Boot mit dem Buk in Richtung Ufer, und wir stiegen erschöpft und aufgeregt aus. «Du bist ein toller Kerl, hast das Boot gut gehalten», - lobte Jakob mich zärtlich. Dieses Lob nahm ich gern auf, denn ich hatte eine anschauliche Lehrstunde des Ruhebewahrens und, wenn Sie wollen, des Mutes erhalten. Auch später noch dachte ich in schwierigen Minuten an diese Bootsfahrt und blieb ruhig, so wie ich mich damals auf dem Fluss verhalten, so, wie der Bruder es mich gelehrt hatte. Die Unterstützung der Brüder empfand ich stets und ständig. Sowohl damals, als ich noch ein kleiner Junge war, als auch später, als ich weit von Zuhause weg in Turuchansk die Mittelschule besuchte. Als ich die 10. Klasse absolviert hatte, kam die Frage auf, was nun weiter aus mir werden sollte. Mama gab mir unzweideutig zu verstehen, dass sie es gern sähe, wenn ich weiterlernen würde, aber dass es für sie schwierig sei, mir noch etwas beizubringen. Da beschlossen meine Brüder, dass ich einen Beruf erlernen sollte. Jakob gab mir 50 Rubel und ließ mich nach Jenisseisk fahren, um Lehrer zu werden.

Schließlich hatten sie mich im Dorf schon seit langem als Lehrer bezeichnet, denn bei allen Kinderspielen trat ich in der Rolle des Lehrmeisters auf. Und auch ich selber träumte davon Lehrer zu werden. Die Frage war vorherbestimmt. Aus dem Norden traf der Dampfer „Komponist Kalinnikow ein», der gerade auf irgendeiner Forschungsfahrt unterwegs war. Jakob brachte mich mit dem Boot zum Schiff, das auf Reede lag. Er verteilte an alle, die es wollten, herrlichen Fisch, und dann kam man überein, dass sie mich kostenlos bis nach Jenisseisk mitnehmen würden. So erhielt ich, ein klein gewachsener, schmächtiger Bursche aus einer Verbannungssiedler-Familie als erster in der Familie einen Ausweis (und damit auch das Recht auf freie Bewegung), als erster im Dorf hatte ich die Mittelschule absolviert und wurde Student der geschichtsphilosophischen Fakultät am Pädagogischen Institut in Jenisseisk.

Ich lebte und lernte mit Stipendium (ein Wunder – damit konnte man eine Zeit lang kümmerlich leben), aber auch in dieser Zeit halfen mir meine Brüder und die Schwester so gut sie konnten. Die fünf Studienjahre gingen wie im Fluge vorüber; sie endeten mit einem Diplom als Lehrer für Geschichte, russische Sprache und Literatur, und ich begab mich in den Abansker Bezirk, um dort zu unterrichten.

Doch auch in der Zeit genoss ich die Unterstützung und den Rat der älteren Brüder, obwohl beide eine eigene Familie hatten und das Leben sie auch nicht gerade verwöhnte. Jakob kam fast jedes Jahr zu uns. Aber es kam so, dass er es in den letzten Jahren nicht mehr konnte; inzwischen haben wir uns einige Jahre nicht mehr gesehen, aber wir telefonierten miteinander, wie das heute so üblich ist.

Das Telegramm über seinen Tod traf mich wie ein Axtschlag am Kopf. Aufgrund meines Gesundheitszustandes konnte ich meinen Bruder auf seinem letzten Weg nicht begleiten. Verzeih mir, mein unvergesslicher großer Bruder. Ich werde mich bis ans Ende meiner Tage an dich erinnern, denn du warst für mich nicht nur der ältere Bruder – du warst für mich wie ein Vater…

Februar 2011


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