Menschen und Schicksale. Den Opfern der politischen Repressionen des Krasnoturansker Bezirks gewidmet...

Schmerz und Tränen... Valentina Iwanowna Knaub


Familie Grauberger 1948, Swerdlowsk, Trudarmee


Familie Knaub 1941, Wolgagebiet; vor der Deportation.

Mein Vater, Iwan Fjodorowitsch Grauberger, wurde 1924 geboren; er stammte aus dem Gebiet Saratow; im Alter von 17 Jahren wurde er in den Krasnoturansker Bezirk, Region Krasnojarsk, deportiert. 1942 holten sie ihn in die Trudarmee nach Swerdlowsk. Verheiratet war er mit der Russin Olga Jewgrafowna Trawkina, geb. 1924, die ihren Nachnamen aus bekannten Gründen behielt.

Beide arbeiteten in der Fabrik "ChimMasch", in der Waffen für die Front produziert wurden.
Mama wurde die Medaille "Für glänzende Arbeitsleistungen in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges" verliehen. 1948 wurde ich geboren. Bis 1953 befand sich unsere Familie unter Kommandantur-Aufsicht und besaß nicht das Recht, den Wohnort zu wechseln. 1954 zogen wir in den Krasnoturansker Bezirk, Region Krasnojarsk, um. Vater arbeitete in einer Tischlerwerkstatt, deren Leiter er später wurde. In seinen letzten Lebensjahren war er als Wirtschaftsleiter an der Krasnoturansker Mittelschule tätig. Mehrfach wurde er mit Ehren-Urkunden ausgezeichnet, die er sorgsam aufbewahrte. Als er in Rente ging, bekam er die Medaille Veteran der Arbeit ausgehändigt, aber in den Genuss von Vergünstigungen kam er nicht.

1987 verstarb er plötzlich und unerwartet.

Mama arbeitete ihr ganzes Leben als Sanitäterin in einer Geburtsklinik. Sie starb 1989.
Ich finde keine Worte, um den Schmerz und die Erniedrigungen zu beschreiben, die unsere Familie durchmachen musste. In den Erinnerungen an die Kindheit tauchen die Worte "Faschisten", "deutsches Gesindel" auf. Beim ersten Versuch der Komsomolzen-Organisation beizutreten sagte eines der Mitglieder der Kommission: "Die Deutschen gehören aufgehängt und nicht in den Komsomol, - ich rannte aus dem Saal. Später wurde ich nicht nur Komsomol-Mitglied, sondern auch Sekretärin der Komsomolzen-Lehrer-Organisation der Schule, ich wurde Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und änderte nie meine Weltsicht; ich war kein "Wendehals", wie manche Mitglieder der Kommunistischen Partei, die sie bereits am 20. August 1991 veränderten und bis heute "Purzelbäume schlagen".

Durch die Ironie des Schicksals wurde ich Lehrerin der russischen Sprache und Literatur. Und oft musste ich das Grinsen auf den Gesichtern sehen, wenn ich meinen Beruf nannte. Auch ein Gespräch im Lehrerzimmer kann ich nicht vergessen. "Diesen Deutschen kann man kein Lesen und Schreiben beibringen. Die können nur pflügen." Und ich fragte: "Wissen Sie denn auch, wie viele solcher Pflüger es in der Romanow-Dynastie gab?" Während der Tätigkeit im Apparat des Bezirkskomitees der Partei als Leiterin des Kabinetts für politische Aufklärung, hörte ich vom Sekretär des Bezirkskomitees den Satz: "Wie viele Deutsche kann man denn noch in leitenden Ämtern einsetzen. Als ob es nicht schon genug von ihnen gibt".

Ich kann mir meine Erklärungen dem Vater gegenüber nicht verzeihen: "Ich werde einen Russen heiraten, seinen Familiennamen annehmen und Russin werden". Aber ich heiratete einen deportierten Deutschen, Konstantin Gottfriedowitsch Knaub, geboren 1941, der im Alter von sechs Monaten und sein Bruder Viktor mit zwei Jahren zu Volksfeinden erklärt und gemeinsam mit ihren Eltern aus dem gebiet Saratow deportiert wurden.

Die Züge streckten sich
Dem fernen, nicht heimatlichen Gebiet entgegen.
Unsere Gesänge wurden zu Stöhnen,
Das Leben zu Qual und Sehnsucht...

Dies ist der Auszug aus einem Gedicht meiner Tante Pauline Fjodorowna Beifuß, die ebenfalls all die Grauen der Deportation miterleben musste.

Meine Schwiegermutter Maria Davidowna Knaub, geb. 1913, musste auch noch die Inhaftierung im Gefängnis durchmachen. Man sperrte die schwangere Frau drei Jahre lang ein, weil sie mit ihren kleinen Kindern ein paar Ähren auf dem Feld gesammelt hatte, damit diese nicht Hungers starben. Im Gefängnis bekam sie 1948 eine Tochter. Man nahm ihr das Kind sofort weg, un die Mutter durfte es nie wiedersehen.

Erzählst du wirklich alles? Bis heute gibt es nicht selten Fälle von Erniedrigungen und Beleidigungen. Erst unlängst wurde in der Zeitung "Stimme der Wahrheit" der Gedanke geäußert, dass die Deutschen während der Kriegsjahre besser gelebt hätten, als die Russen, und auf welcher Grundlage ihnen eigentlich heute mehr Vergünstigungen zuständen.

Ich finde keine Worte... Wird man bei uns irgendwann einmal Deutsche und Faschisten auseinanderhalten? Man kann es nur schwer glauben...

Möge die Geschichte uns alle überdenken
Und jedem eine Beurteilung geben,
Mögen die Dahingeschiedenen nicht vergessen werden,
Und möge wenigstens irgendjemand über uns erzählen.


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