Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Русский

Menschen und Schicksale. Den Opfern der politischen Repressionen des Krasnoturansker Bezirks gewidmet...

Emilia (Emilie) Karlowna Dieterle (Zohl/Zoll)

Meine Eltern lebten vor dem Großen Vaterländischen Krieg im Gebiet Saratow, Kanton Unterwalden, Ortschaft Bettinger, wo sie auch geboren waren. Vater: Karl Davidowitsch Zohl Zoll), geb. am 09.05.1909; Mutter: Dorothea Karlowna Zohl/Zoll (Geil), geb. am 21.02.1910.

In den ersten Kriegstagen wurden die Russland-Deutschen nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Die Deportation verlief unter grausamen Bedingungen. Man sagte den Menschen, dass sie im Verlauf der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht mehr hier wären. Andernfalls würde man sie erschießen. Nur das Allernotwendigste durften sie mitnehmen. Alles mussten sie im Stich lassen – ihr Haus, das Vieh und alles, was sie sich im Laufe vieler Jahre angeschafft hatten. Die Menschen wussten nicht. Wohin man sie bringen würde und – weshalb. Man brachte sie ins Unbekannte, Ungewisse. Unsere Familie bestand aus zehn Personen. Das jüngste Schwesterchen, das ebenfalls als Volksfeindin galt, war gerade erst drei Monate alt. Man kann sich unschwer vorstellen, welche schrecklichen Geschehnisse die Leute miterleben mussten.

Ende Oktober brachte man unsere Familie nach zwei Monaten Fahrtdauer in die Ortschaft Sisesino im Idrinsker Bezirk.

Am 20. Januar 1942 holten sie den Vater in die Arbeitsarmee. Bestimmungsort – ein Konzentrationslager, schärfste Bewachung, Stacheldrahtzaun und Wachtürme für die Wachmannschaften. Sie lebten dort in Baracken, schliefen auf nackten, zweistöckigen Pritschen. Unmenschliche Schwerstarbeit, chronisches Unwohlsein, Erniedrigungen und Demütigungen – all dem waren sie dort ausgesetzt.

1946 kehrte der Vater dermaßen erschöpft und ausgezehrt aus der Arbeitsarmee zurück, dass er nicht auf den Beinen stehen konnte. Er wurde seine Erkrankungen nicht wieder los und wurde nur 45 Jahre alt. Mama zog uns allein groß.

Manchmal, wenn ich an die Eltern zurückdenke, bestärken mich die Zeilen: «Möge der Krieg grimmig und bestialisch sein, wenn er über Schicksale und Ideen entscheidet. Aber das Leben beweist und rechtfertigt letztendlich diese Menschen».


Zum Seitenanfang