Menschen und Schicksale. Den Opfern der politischen Repressionen des Krasnoturansker Bezirks gewidmet...

Marina Raiswich. Ich möchte mir meine Vorfahren ins Gedächtnis zurückrufen

Als tragisch in der Geschichte unseres Landes erwiesen sich die Jahre der Kollektivierung. In dieser Zeit wurden Repressivmethoden gegen die Bauern durchgesetzt, die man den Kulaken (; Anm. d. Übers.) zurechnete. Die Enteignungen betrafen ganz unterschiedliche Schichten der Bauernschaft nicht nur die wohlhabende Oberschicht des Dorfes, sondern ebenso einen Teil der Mittelbauern. Daher rührt auch die ungeheure Zahl der enteigneten Bauern. Die Familie Medwedew gehörte zu der Zeit zu den Mittelbauern. Wer der Enteignung ausgesetzt sein sollte, konnte von den örtlichen Mächten festgelegt werden. Solche Entscheidungen besaßen nicht selten Willkür-Charakter, eine nicht geringe Rolle spielten bei derartigen Beschlüssen Zufallsmomente, nachbarschaftliche Beziehungen oder persönliche Antipathie.

Über die Bauernenteignung im Krasnojarsker Gebiet

Aus Materialien zum Referat des Sekretärs des Krasnojarsker Gebietskomitees der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewisten) aus dem Jahr 1930.
Auf Grundlage der vollständigen Entkulakisierung hat sich unsere Organisation an die Liquidierung der Großbauernschaft als Klasse gemacht. Insgesamt wurden im Gebiet 1497 Höfe enteignet. Im Großen und Ganzen hat unsere Parteiorganisation die Aufgaben erfüllt, allerdings wurden in einer ganzen Reihe von Orten eindeutige Verdrehungen und Übergriffe festgestellt. Insgesamt wurden im Gebiet 257 Hofwirtschaften unsachgemäß enteignet:

Mittelbauern 50
ehemalige Partisanen 10
Familien von Rotarmisten 6

Es wesentlichen fanden drei Übergriffe bei der Entkulakisierung statt. Erstens: man konfiszierte nicht nur die Produktionsmittel, sondern auch den gesamten Hausrat. Zweitens: in einer Reihe von Orten wurden Mittelbauern als Kulaken definiert. . Drittens: es fanden auch Plünderungen statt.

Der Ururgroßvater stritt sich einmal mit dem Dorfratsvorsitzenden, und im Frühjahr 1931 wurde seine Familie enteignet. Man forderte sie auf, 12 Pud Weizen abzuliefern, das Dorf unverzüglich zu verlasen und sich woanders niederzulassen. Doch so viel Weizen konnten sie nicht abgeben es war bereits alles ausgesät. Am nächsten Tag wurde die Familie mitsamt ihren kleinen Kindern in die Ortschaft Abakanskoje abtransportiert (heute die Ortschaft Krasnoturansk) und in einem Kellerraum untergebracht, wo sie eine Woche verbrachten, um sich auf die endgültige Verbannung vorzubereiten. Später trafen fünf Mann aus dem Bezirksapparat ein und forderten alle, die sich zu Unrecht enteignet fühlten, auf, ein Gesuch zu schreiben. Der Ururgroßvater konnte lesen und schreiben; er schrieb sogleich einen Antrag und man ließ ihn nach oben kommen; das Anfechtungsverfahren dauerte die ganze Nacht, und es stellte sich heraus, dass seine Familie unschuldig war. Man händigte ihm ein Dokument aus, das es ihm erlaubte, nach Hause zurückzukehren. Als sie dort ankamen, war schon nichts mehr vorhanden alles war hinausgeschleppt worden. Aus dem Keller hatten sie al le Wintervorräte entwendet, alle Fässer waren leer. Im Haus standen nur noch die nackten Betten, und die Katze saß auf dem Ofen. Sie blieben nicht länger in Belojarsk, sondern fuhren sich nach Abakan. Um sich Essen beschaffen zu können, nähte die Ururgroßmutter Hemden und Hosen, und erhielt dafür von den Leuten Milch und Brot.

Der Ururgroßvater hatte vier Jahre Schulausbildung genossen und fand eine Arbeit als Lehrer an der Analphabeten-Schule.

1934 zog die Familie in die Ortschaft Sorokino. Nachdem man dort erfahren hatte, dass der Ururgroßvater lesen und schreiben konnte, schlug man ihm vor, als Lagerleiter an der Anlegestelle zu arbeiten, Frachten von den Schiffen und Lastkähnen in Empfang zu nehmen.


Die Schwestern Medwedew 1938.

Aufgrund seines Alters brauchte er nicht in den Großen Vaterländischen Krieg ziehen. 1967, als das Krasnojarsker Wasserkraftwerk gebaut wurde, geriet die Ortschaft Sorokino in die Überflutungszone, die Familie Medwedew zog nach Krasnoturansk, wo der Ururgroßvater zwei Jahre später im Alter von 80 Jahren starb.

In der Familie Medwedew gab es zehn Kinder, nur vier von ihnen sind noch am Leben. Die Ururgroßmutter wurde 87 Jahre alt, sie starb im Sommer 1975.

Heute fällt es uns schwer, uns vorzustellen, wie man all die jeder Logik widersprechenden Absurditäten über die Zuspitzung des Klassenkampfes mittels Verstärkung des Sozialismus, über die Durchführung der Massen-Enteignungen, über Schädlingstätigkeit, Verrat, Spionage beinahe der gesamten Partei-, Wirtschafts- und Militär-Leitung glauben konnte. Aber die Leute glaubten das. Diesem Glauben war mein Urgroßvater Wladimir Filippowitsch Kolmagorow fanatisch verfallen. Er war erster Kolchosvorsitzender in der Ortschaft Ust-Jerba im Bogradsker Bezirk. In den dreißiger Jahren, als die Enteignungen in vollem Gange waren, erzürnt und erbittert und feindeten sich untereinander an. Vor der Aussaat begossen die Großbauern den Kolchos-Weizen mit Wasser, das Getreide fing an zu brennen, die Aussaat missglückte. Das galt in jener Zeit als konterrevolutionäre Sabotage. Wegen der Arbeitsdisziplin und der Korrektheit der Arbeit ließen die Vorstände der Kolchosen und Brigadiere eine Aufsicht der Bezirksstaatsanwaltschaft durchführen. 1932 steckten sie den Urgroßvater wegen konterrevolutionärer Sabotage für zehn Jahre ins Gefängnis.

Krieg so brutal, dass es keine Worte dafür gibt
Krieg so traurig, dass es keine Worte dafür gibt
Krieg so erhaben, dass es keine Worte gibt
In der Sehnsucht und dem Ruhm jener Jahre
Und auf unseren Lippen kann
noch nichts anderes sein!
. Twardowskij

Mein Urgroßvater Alexander Davidowitsch Engel war Schuhmacher-Meister in der Ortschaft, und er konnte sehr gut Akkordeon spielen. Als ersten Akkordeonspieler lud man ihn zu Hochzeiten und Festtagen ein.

1941 fingen sie an, alle Wolgadeutschen auszusiedeln und über das ganze Land verteilt in die Verbannung zu schicken. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden holten sie sämtliche Einwohner zusammen, brachten sie mit der Eisenbahn fort, setzten sie ab und ließen sie unter freiem Himmel zurück, wo sie eine ganze Woche bleiben mussten. Später kamen Güterwaggons und transportierten sie in unbekannter Richtung ab. Nach der Bahnfahrt mussten sie auf Lastkähne umsteigen und wurden noch weiter weg transportiert. In den Kahn war ein Loch gehauen, Wasser drang ein, und es kam der Verdacht auf, dass man versuchte sie zu ertränken. Die Menschen begehrten auf, erwirkten, dass der Kahn ans Ufer fuhr, und bestanden auf einer Reparatur des Lastkahns. Sie fuhren bis zur Anlegestelle Sorokino, dort standen Fuhrwerke mit Pferden bereit, und alle wurden auf die verschiedenen Ortschaften verteilt.

Es begann ein schweres Arbeitsleben, sie kamen mit nichts und träumten davon, dass man ihnen erlauben würde, in ihre Heimatorte an der Wolga zurückzukehren.

Doch alles, was war, ist nicht vergessen,
Nicht alle Spuren sind verwischt.
Allein die Unwahrheit macht uns ratlos,
Und nur die Wahrheit ist recht!
Twardowskij Nach der Wahrheit der Erinnerung


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