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P. Sokolow. Schlaglöcher

Kapital 62. Ein Lightstrahl in der Finsternis

„Ruhig und einfach sind wir uns begenet,
In der Seele ist die alte Wunde bereits vernarbt,
Und der Abgrund der Trennung lag zwischen uns.
Wir sind nur Bekannte ... Wie merkwürdig! ...“
(aus einer alten Romance)

Häufiger zog ich es vor, zur Baracke der Verlade-Arbeiterinnen hinüberzugehen, als mich mit klugen Themen zu befassen. Dort wurde ich immer mit Freude in Empfang genommen, und wir sprachen mehr über prosaische Themen, aber auch das nicht immer in einer literarisch annehmbaren Form. Als Hauptrednerin trat gewöhnlich die dritte Brigadeleiterin – Daschinskaja – in Erscheinung, eine einfache Frau, wie man sie häufig auf einem Basar vorfindet. Und wegen Spekulationsgeschäften saß sie hier auch ein. Normalerweise fanden unsere Gespräche über alle möglichen Lebensfragen im Trockenraum statt, wo die Brigaden nach der Arbeit ihr Schuhwerk und ihre Oberbekleidung zum Trocknen aufhängten. Dort war es warm, es roch nach Fäulnis, aber die durchgefrorenen Frauen zogen dennoch diese Atmosphäre der kalten Baracke vor, und dort am Feuerchen fand beinahe die gesamte Brigade Platz. Es versteht sich wohl von selbst, dass diese Lade-Arbeiterinnen bereits jegliches Verständnis von Etikette verloren hatten und oft sehr leichtsinnig in ihrer dünnen Wäsche dort saßen. Darüber würde einmal auch gesprochen. Daschinskaja tadelte: „Wie weit ist es eigentlich mit euch schon gekommen, Frauen! Würdest du zuhause nackt vor einem Mann sitzen?“ – wandte sie sich an eines der Mädchen. Jene errötete, versuchte mit der Hand ihren Büstenhalter zu bedecken und verließ mit einem Sprung den Trockenraum. Das war so natürlich für die Frauen und so widernatürlich in dieser Situation, dass ich dieses Mädchen ganz unfreiwillig noch intensiver in Augenschein nahm. Im allgemeinen ging ich den Frauen aus dem Wege. Erstens hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, dass die Beziehung zu einer Frau im Lager sich zuguterletzt immer in Unannehmlichkeiten verwandelt; zweitens riefen diese Frauenabbilder, so undiszipliniert, unmoralisch, schamlos und liederlich wie sie waren, bei mir ein Gefühl der vorprogrammierten Abneigung hervor, und da plötzlich, wohl zum ersten Mal, empfand ich den Anflug einer gewissen Wärme, eines gewissen Mitleids gegenüber diesem Mädel, das seine Fraulichkeit noch nicht verloren hatte.

Ich begann mich für sie zu interessieren. Sie stammte aus dem Leningrader Gebiet, hatte die Okkupation miterlebt und dann den § 58 erhalten – wegen ihrer Arbeit bei den Deutschen. Sie hieß Walja Aleksejewa. Sie war ein typisch russisches Mädchen von 23-24 Jahren, mit hellen, rötlichen haaren und grauen Augen, nicjt sehr groß, aber ausgestatett mit einer hübschen Figur – gleichzeitig schlank und kräftig gebaut. Im vollsten Sinne des Wortes war sie wohl keine Schönheit, aber sie besaß weiche und angenehme Gesichtszüge. Nach und nach freundete ich mich mit ihr an, und dann kam auch die Liebe. Eines meiner Probleme war, dass ich mich vor Kurowskij für die Fehltage der Leute rechtfertigen mußte. Es kam vor, dass die Frauen, wenn sie manchmal ganze 24 Stunden nicht von der Holzbörse zurückkehren konnten, wohin man ihnen sogar das Essen in Thermosbehältern brachte, von den Holzverladearbeiten dermaßen entkräftet waren, dass sie sich, ohne überhaupt ihre Schuhe ausgezogen zu haben, erneut ihre feuchten Sachen anziehen und sich zur Arbeit aufmachen mußten. Und in dem Bewußtsein so wieder in die Dunkelheit und Nässe hinausgehen zu müssen, versteckte sich dann manch eine und ließ die Arbeit Arbeit sein. Natürlich war das schlimmer, als die Arbeit der Sklaven auf brasiliansichen Plantagen. Um sie tat es mir in der Seele weh, und es war schon wirklich ganz unerträglich, wenn Kurowskij wegen Arbeitsverweigerung die Strafration verordnete und ihnen den freien Tag strich. Es war sehr schwierig, sich irgendwo unbemerkt vor dem Arbeitsabmarsch zu verbergen, besonders dann, wenn die Verladung sich in die Länge zog und ein langer Stillstand der Waggons drohte. Und da ersann ich eine List: ich brachte die Zurückgebliebenen zum Arzt und bat ihn, sie von der Arbeit freizustellen. Ich rief bei der Bahnstation an und, als ich erfuhr dass die Lokomotive zu einem anderen Lagerpunkt unterwegs war, gab ich das Zeichen zum Ladeschluß, obwohl dieHolzverladung noch in vollem Gange war. Manchmal gelang es mir ganz leicht Kurowskij zu betrügen und den kompletten Ausmarsch der Brigade anzugeben, sofern dies in der Nacht passierte. Dann gelang es ihnen zurückzukehren, und die Verladung endete fristgerecht. Mitunter aber sind meine Schummeleien aufgeflogen, und Kurowskij erteilte den Befehl, mich in den Karzer zu stecken. Allerdings war das nur eine symbolische Strafe. Die Nacht verbrachte ich im Karzer, der von dem Udmurten Karatajew verwaltet wurde, der trotz seines Amtes keineswegs ein grausamer Mann war, und am Morgen kehrte ich dann wieder an meine Arbeitsplatz zurück. Übrigens begab ich mich einmal aus Prinzip nicht an meinen gewohnten Arbeitsplatz, sondern ging, wie es sich für einen Karzerinsassen gehörte, unter Wachbegleitung zur Holzbörse, um dort Grubenholz auszusortieren.

Wir hatten noch keine Stunde gearbeitet, als wir Räderrattern vernahmen und der Zug heranfuhr. Auf der vorderen Plattform fuhren die Ladearbeiter, und ganz vorne saß, mit gespreizten Beinen, Pan Kurowskij höchstpersönlich. Als die Waggons zum Stehen gekommen waren, stürzte sich Kurowskij auf mich: „Wozu bin ich hierher gekommen? Die dumme Schura hat wieder alles durcheinandergebracht ...“ Ich antwortete ganz vernünftig, dass er mich doch selber in den Karzer gesteckt hätte, und ich nichts weiter täte, als die Anforderungen der Straßmaßnahme zu erfüllen. Kurowskij fing an zu lachen, klopfte mir auf die Schulter und meinte in einem nun bereits wohlwollenden Tonfall, dass ich auf meinen Platz gehen sollte. Er besprach irgendetwas mit dem Begleitsoldaten, ließ mich auf die Lokomotive steigen, und dann fuhr ich wieder zum Lager zurück. Die Bahnlinie war von den Lagertoren etwa einen Kilometer weit entfernt, der Weg führte an den Häusern einer Siedlung vorbei. Ich ging zum ersten Mal ganz frei, ohne Wachbegleitung, und obwohl ich mir der Tatsache bewußt war, dass dies nur für wenige Minuten so sein würde, war ich dennoch froh, dass ich, wenn ich wollte, einen Schritt nach links oder rechts machen konnte, ohne dass mich jemand anschrie und zum schnelleren Gehen antrieb. In so einer fröhlichen Stimmung stieß ich plötzlich auf unseren operativen Bevollmächtigten. Meine gut Stimmung war auf einen Schlag dahin: jetzt würde er mich anhalten, fragen, was ich außerhalb der Lagerzone machte und sowohl mir als auch Kurowskij einen Verweis erteilen, und kein Mensch wußte, wie sich das auf mein weiteres Schicksal auswirken würde. Zu meiner Verwunderung sagte er überhaupt nichts. Wir verbeugten uns freundlich und gingen auseinander. Auch am Wachhäuschen gab es keine Probleme. Der Wachhabende kannte mich, ließ mich gelegentlich sogar selber durch das Tor hinausgehen, um Brennholz zu holen, und indem er mich mit der gesamten Brigade registrierte, konnte ich auf demselben Wege wieder zurück in die Zone. Mit besonderer Schärfe tauchten all diese Fragen vor mir auf, als ich „heiratete“. Wenn ich auch früher ein abstraktes Mitleid mit unseren Sklavenarbeiterinnen des 20. Jahrhunderts gehegt hatte, so konzentrierte es sich jetzt auf den mir nahestehenden Menschen. Aber Walja war ein wirklicher Mensch und eine starke Frau. Niemals bat sie um Nachsicht, und wenn ich sie an trüben, regnerischen und kalten Tagen überreden wollte, drinnen zu bleiben, ließ sie sich durch mein Zureden nicht erweichen, damit mir ihretwegen nur keine Unannehmlichkeiten entstünden. Wir sahen uns nicht sehr oft, weil die Verlade-Arbeiterinnen ständig sehr beschäftigt waren, aber wenn die Brigaden müde und total erschöpft zurückkehrten, mitunter auch mitten in der Nacht, dann kam Walja trotzdem noch zu mir herübergelaufen, um mit mir ein wenig zusammenzusitzen, und manchmal schließ sie dabei ein, ihr Gesicht an meine Schulter gelehnt.

Zu erwarten hatte sie von mir nichts, um so wertvoller war für mich ihre selbtlose Liebe. Schon bald darauf wußten alle über unsere Beziehung bescheid. Kurowskij ließ sie manchmal ein wenig ausruhen, damit wir die Gelegenheit bekamen, beisammen zu sein, und ich bin diesem äußerlich finster dreinblickenden schroffen Mann, der trotz allem mit einem guten Herzen hinter der bösen Fassade ausgestattet war, dafür sehr dankbar. Aber dan ging diese Freude jäh zuende. Eines Nachts, plötzlich und unverhofft, tauchte eine Haftprüfungskommission von der Verwaltung auf. Sie ging durch die einzelnen Baracken und entdeckte eine ganze Reihe von Paaren, die sich dort zu Familien zusammengeschlossen hatten. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend – ich hatte Dienst, aber ich kam unter die Ersten, über die Sanktionen hereinbrachen. Es erging der Befehl, alle Männer zu entfernen, ohne die man auskommen konnte. Es traf alle, sowohl den Lagerleiter wegen Schlamperei, als auch den Aufseher wegen der Nichtverhinderung unzulässiger Handlungen und Kamnew wegen unkorrekter Verteilung von Sklavenarbeitskräften; das Resultat war, dass der Bumerang auf die Gruppe der Häftlinge zurückfiel, und so wurden wir 10-15 Mann zur Verschickung auf andere Lageraußenstellen bestimmt. Alle Versuche Kurowskijs mich hier zu behalten, waren nicht von Erfolg gekrönt: er genoß aufgrund seines bissigen Charakters keine besondere Autorität. Doktor Klemm und die Sajzewa waren schon nicht mehr im Lagerpunkt. Ich hegte den gedanken, mich an die Ärztin zu wenden, zu der Ich keine schlechten Beziehungen unterhielt, und sie machte mir unzweifelhafte Andeutungen.. Möglicherweise könnte sie mich in die stationäre Krankenabteilung einweisen und mich so vor der Etappe verschonen, aber dies wäre auf jeden Fall nur ein inauszögern, und ganz uneigennützig könne sie dies auch nicht tun; aber der Gedanke daran, dass ich für ihr Wohlwollen meine geliebtes Mädelchen fallen lassen sollte, war mir unerträglich. Diese letzten Tage fühlte ich mit aller Schärfe die Tragödie der Leibeigenen oder Sklaven, die durch den Willen der Herren von ihren Geliebten getrennt werden, eine Sache, die ich wohl aus Romanen kannte, aber beim Lesen nicht mit dem eigenen Herzen wahrgenommen hatte. Es blieb nichts weiter übrig, als sich dem Schicksal zu unterwerfen. Das Letzte, was ich tun konnte, war zur Verwalterin der Kleiderkammer zu gehen und sie um einen kompletten Satz Kleidung für Walja zu bitten. Wir hatten bereits tiefen Winter, und alles, was im Herbst an Kleidung ausgegeben worden war, war längst abgetragen. Auch das war gesetzeswidrig, aber Frauen sind in verschiedenen familiären Angelegenheiten eher zu Gefühlen geneigt.

Kurowskij stellte Walja von der Arbeit frei, und die letzten Tage und Nächte verbrachten wir zusammen. Jeder von uns hatte noch fünf Jahre abzusitzen, und es gab keine Hoffnung, dass wir uns jemals wiedersehen würden; es war nutzlos, sich irgendwelche Illusionen zu machen. Und dann kam der Tag unserer Verschickung. Als wir bereits am Tor standen, kam eine ganze Gruppe Verlade-Arbeiterinnen angerannt. Sie küßten mich, weinten, und es war für mich die allerwertvollste Auszeichnung, daß ich in meinem „Hunde“-Amt eine solch Welle von Gefühlen verdient hatte.


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