Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Ðóññêèé

P. Sokolow. Schlaglöcher

Kapitel 67. Ich erlerne den Beruf eines Bauardeiters

„Maurer, Maurer mit der weißen Schürze,
Was baust Du denn da? Und für wen?
Ich bin beschäftigt, Herr, mit einer verantwortungsvollen Aufgabe,
Ich baue hier, ich baue hier ein Gefängnis.“

Danach kamen die Verlegungen an andere Lagerpunkte. Ich kann mich heute schon nicht mehr an die Nummern aller Außenlager, in denen ich mich aufhielt, und an all jene Arbeiten erinnern, die ich zu erledigen hatte. In meinen bruchstückhaften Erinnerungen huschen lediglich die Bezeichnungen der Bahnstationen „Tschuna“ und Tschukscha“ vorüber, die nicht sehr breiten, aber wasserreichen Flüßchen gleichen Namens und Wald, viel Wald, in dem ich Bäume fällen, abtransportieren und verladen mußte. Die Technologie der Holzbeschaffung gestaltete sich hier ganz anders als im WjatLag. Hier wußte sogar niemand, was ein „Lutschok“, eine Bügelsäge, war, mit der praktisch die gesamte Holzbeschaffung im WjatLag bewerkstelligt wurde. Hier wurde das Bäumefällen mit Elektrosägen erledigt. Ein ganzer Waldstreifen wurde gelichtet, anschließend säuberte man die gefällten Stämme von Ästen und Zweigen; nach diesem Ästehacken kam eine zweite Säge zum Einsatz, welche die Stämme in Balken zerteilte. Die Holzabfuhr geschah ebenfalls mit Pferden, aber nicht auf Fuhrwerken, sondern schleifend, auf extra zu diesem Zweck verlegten Wegen, und mit dem Wurzelstock nach vorn zeigend (und im Winter mit Schlitten). Die Bäume waren groß, in einem einzigen Stamm hätte gelegentlich die komplette Fuhre eines kleinen Wjatka-Wäldchens Platz gefunden.

Von der Holzbörse wurde das Holz zu den Fuhrwerken an der Bahnstation gebracht. Für sie wurden an einer ganzen Reihe von Stellen hölzerne Wege aus dicken Brettern gebaut, welche man über die aus Balken bestehenden Schwellen gelegt hatte. Das war eine sehr mühselige Arbeit, die einen großen und unwiederbringlichen Verlust an wertvollem Säge- und Holzmaterial mit sich brachte, wie sie wohl nur bei uns möglich waren, wo die Gewohnheit des Einsatzes von unbezahlten Arbeitskräften die Arbeitsproduktivität sicherstellte. Aber es lohnt sich, einige der Episoden meiner langen Reise durch diese Jahre zu erwähnen. Ich schrieb bereits, daß aufgrund totaler Erschöpfungszustände im „OserrLag“ nicht sonderlich viele Menschen übrig geblieben waren und man die Kranken in Invaliden-Lager geschickt hatte, von wo sie, nachdem sie wieder zu Kräften gekommen waren, erneut in die Produktion gesendet worden, wo sie entweder zu Arbeiten innerhalb des Lagers oder zu anderen leichteren Tätigkeiten außerhalb herangezogen wurden. Während einer dieser Verlegungen geriet ich in eines jener Lager, die man vorübergehend zu Durchgangslagern umfunktioniert hatte. Ein trostloser und unngenehmer Anblick war das. Hunderte alter Männer, Krüppel, schlichen über das Lagergelände und drängten sich in der Kantine um die Essensausgabe. Eine Gruppe von 8-10 Mann brachte ein Faß mit Wasser, wie wir es einst getan hatten, nur daß dieses hier auf einem Karren stand. Auf der Wagengabel befand sich ein hochgewachsener Alter mit einem ziemlich üppig gewachsenen, grauen Bart, und neben ihm, mit einem Schleppriemen über der Schulter, ein Einarmiger, der sich mit den Füßen abstützte und den leeren Ärmel herunterbaumeln ließ. Eine bemitleidenswerte Szene! Von dort kam ich dann wohl ins Lager Tschukscha. Hier arbeitete ich erneut bei der Eisenbahnlinie. Wir legten eine Drainage. Das heißt, daß wir am Abhang, wo Grundwasser vorhanden war, zur Vermeidung von Erdrutschen parallel zur Bahnlinie einen Graben aushoben, hölzerne Rohrleitungen hineinlegten, die wir aus geteerten Brettern zusammengehauen hatten, in die Löcher hineingebohrt worden waren, durch die dann das Wasser in den Bereich hinter der Bahnlinie abfloß. Der Graben war ziemlich tief, etwa vier Meter, der Boden war lehmig und mit Wasser durchtränkt; Schubkarre und Spaten waren die einzigen Arbeitswerkzeuge. Der lehmige Untergrund wurde mit Holzspaten von ganz unten bis auf den Rand des Grabens hochgeworfen, auf Schubkarren verladen und weggefahren. Auf der Erdoberfläche stand die Hitze, während einem tief unten im Graben, durch den eisiges Wasser rann, der Dampf aus dem Mund quoll. Und hier hätte ich mir um ein Haar noch einen weiteren Paragraphen eingehandelt. Wir hatten uns hier bereits 3-4 Tage lang abgequält und konnten das nächste Rohr nicht verlegen. Der Graben war mit flüssigem Dreck vollgelaufen, und hunderte von abgefahrenen Bottichen hatten immer noch nicht den gewünschten Effekt gebracht. Nachdem wir den ganzen Tag dort zugebracht hatten, verließen wur unseren Arbeitsplatz, um am nächsten Morgen erneut einen mit dicker Eisbrühe gefüllten Graben vorzufinden. All diese Tage stand ich bis zu den Knien im vereisten Wasser und schöpfte es mit Hilfe der von oben heruntergereichten Eimer ab. Beim Hochziehen spritzte einem das Wasser auf Schultern und Kopf. Die Beine wurden steif vor Kälte, über den Rücken rann der Schweiß, und man hatte überhaupt keine Zeit, sich den Schmutz aus dem Gesicht zu wischen oder sich für einen Moment in die Sonne zu begeben. Und in genau einem solchen Moment, als ich aufgrund der völlig sinnlosen Arbeit in völlige Verzweiflung geriet, aber dennoch weitermachte wie ein Automat und einen Eimer nach dem anderen herausschöpfte, da hörte ich plötzlich eine an mich gerichtete Stimme und bemerkte am oberen Rand des Grabens das vornübergelehnte Gesicht unseres Leiters der Kultur- und Erziehungtsabteilung. Er hielt ein Blatt Papier in der Hand und verlangte von mir, daß ich die sozialistische Verpflichtung unterschreiben sollte, daß wir heute verbindlich das unheilvolle Rohr verlegen würden. Ich konnte meine Wut schon nicht mehr zurückhalten und schrie, daß ich kein Mann des Sozialismus wäre und es auch nicht gewohnt sei, derart übertriebene Pflichten auf mich zu nehmen, denn ganz sicher würden wir das Rohr auch heute nicht in diesen Graben bringen. „Dann haben Sie dort auch nichts zu suchen!“ – regte sich nun seinerseits der Leiter auf. – Sehen Sie zu, daß Sie aus dem Graben kommen!“ – Zorn erfaßte mich. Ich nahm sämtliche Kräfte zusammen, sprang mit einem Satz aus meinem eisigen Grab und warf dem Vorgesetzten die Schaufel direkt vor die Füße. Ich mochte wohl ziemlich erschreckend ausgesehen haben: halbnackt, nur mit einer Unterhose bekleidet und mit wütenden, bösen Augen. Der Leiter wich jäh zurück, verfiel aber sogleich in einen etwas friedfertigeren Tonfall: „Na, nun beruhigen Sie sich mal! – meinte er. „Sagen Sie mir doch, weshalb es Ihrer Meinung immer noch nicht möglich ist, hier das Rohr zu verlegen“. Ich erklärte es ihm. „Ist denn da gar nichts zu machen?“ – erkundigte sich unser Erzieher. „Wieso gar nichts“, antwortete ich. „Man muß nur einen Rohrverschluß aufsetzen und während sich das Wasser dahinter sammelt, das in zwei Hälften geschnittene Rohr plazieren; und dann muß man das Wasser durch dieses Rohr abfließen lassen und in dem so trockengelegten Graben die zweite Hälfte verlegen. Ich hatte das dem Vorarbeiter schon vorgeschlagen, aber der hat überhaupt nicht zugehört“. Der Leiter der Kultur- und Erziehungsabteilung ließ den Vorarbeiter holen und wiederholte meinen Vorschlag noch einmal. Als dies nun von oben an ihn herangetragen wurde, da trug es bereits den Charakter einer Direktive in sich, die unsere Bürokraten so sehr lieben, und diesemal widersprach er dann auch nicht. Und in der Tat – es waren kaum zwei Stunden vergangen, als dieser Arbeitsabschnitt erledigt war und das Wasser den ihm vorherbestimmten Weg nahm. Ich saß auf dem hohen Roß. Eine „Kampfliste“ wurde herausgegeben, auf der mein Nachname als „großer Bahnbrecher“ der Initiative stand, und der Leiter der Kultur- und Erziehungsabteilung meinte mit friedliebender Stimme, daß hier die sozialistische Pflichterfüllung ihre Rolle gespielt habe, indem sie die Initiative von unten geweckt hätte.

Endlich empfand ich ein Gefühl der Genugtuung, aber noch zufriedener war ich mit der Tatsache, daß zu meinem ganzen §-Bukett nicht auch noch der Absatz 10 wegen antisowjetischer Agitation hinzugekommen war. Aber die Arbeit bei der Drainage ist mir nicht nur deshalb so gut in der Erinnerung geblieben. Erfahrene Leute schüttelten den Kopf und meinten, daß sich das tägliche Stehen im eiskalten Wasser früher oder später schlimm auf mich auswirken würde. Viele Jahre später spürte ich, daß diese Prophezeihung eingetroffen war, und heute denke ich immer mal wieder an diesen unheilvollen Lagerpunkt zurück. Aber ich erinnere mich dann nicht nur an die Konflikte mit der Kultur- und Erziehungsabteilung und die Eiswanne. Zum Herbst hin wurden die Arbeiten an der Bahnlinie eingestellt, und unsere Brigade, die noch etwas länger bei Gleis- und Erdarbeiten beschäftigt blieb, wurde aufgelöst. Ich kam zu einer Baubrigade, die mit Renovierungs- und Reparaturarbeiten der Baracken und ihre Vorbereitung auf den Winter betraut war, aber auch mit dem Bau einer BVR – einer Baracke mit verschärftem Regime, die in etwa unserer Baracke mit verschärftem Haftregime im WjatLag entsprach. Und hier begann ich mir zum ersten Mal ernsthaft den Beruf eines Bauarbeiters anzueignen, nachdem ich zuvor lediglich über einige bescheidene Erfahrungen als Maler verfügt hatte, welche ich mir in Baron Hoyers Kreativ-Vereinigung erworben hatte. Natürlich arbeitete ich anfangs auf den verschiedenen Spezialgebieten unter den Fittichen der Meister, später durfte ich auch schon etwas qualifiziertere Tätigkeiten verrichten, wie beispielsweise Verputzen, das Verlegen von Fußböden und die Reparatur von Öfen. Der wichtigste Lehr- und Übungsplatz wurde für mich die Regime-Baracke, wo vor meinen Augen praktisch der gesamte Zyklus des Hausbaus ablief. Als die Konstruktion in die Endphase kam, wurde ich in einen üblen Fall verwickelt. Ich bearbeitete die Kante unbehauener Bretter, um daraus Dielenbretter herzustellen. Da ich mich zwischendurch an einen anderen Arbeitsplatz begeben mußte, versteckte ich meine Axt, und als ich am Abend mein Werkzeug abliefern sollte, konnte ich sie nicht mehr finden. Das war ein außergewöhnliches Ereignis; die Lagerleitung wurde benachrichtigt. Ich stellte alle Winkel auf denn Kopf, durchsuchte alles und fand schließlich die Axt unter einem Stapel Holzbretter; dennoch steckten sie mich, um mein Gedächtnis zu schärfen, über Nacht in den Karzer. Diese Einrichtung befand sich in einer der Sektionen der Regime-Baracke und war praktisch für die Aufnahme von Dauerinsassen gerüstet. Ich blieb dort nicht allein. Mein Mitbewohner war ein gewisser Sotow, ein Bursche in meinem Alter, aus den Reihen der Mandschuren. Persönlich war ich mit ihm nicht bekannt, aber ich hatte seinen Nachnamen schon gehört und kannte ihn vom Sehen, so wie man eben besonders populäre Persönlichkeiten im Lager kennt – Produktionsbestarbeiter, Köche und üble Lügner. Sotow gehörte zu den Letztgenannten. Was den Komfort betrifft, so war es im Karzer besser als in der Baracke. Er war geräumig und warm, denn der Ofen, welcher das Zimmer des Aufsehers beheizte, wies mit einer Seite zum Karzer, und obwohl es auf den Pritschen kein Bettzeug gab, hatten sie dies vollständig durch wattierte Jacken ersetzt, die anderweitig nichtmehr benötigt wurden. Die Nacht verstrich mit dem Erzählen von Witzen und Abenteuern aus unserem Leben, und gegen Morgen befanden wir uns bereits auf freundschaftlichem Fuße. Ich mußte noch ein weiteres Mal in diese Baracke mit verschärftem Regime, aber das war dann im Büroraum. Irgendein Beamter kam und rief anmehreren Abenden etliche Häftlinge zu sich, um ihre Personenakten zu überprüfen u.ä. Das gab den Impuls für neuerliche Gerüchte über eine bevorstehende Durchsicht der Straffälle, mögliche Freilassungen usw. Einmal wurde auch ich dorthin bestellt. Der Beamte saß in einem Raum direkt neben dem Karzer. Auf dem Tisch lagen Aktenordner und Papiere. Der Beamte, der weder Major noch Oberstleutnant war, zwang mich ihm in Kürze zu berichten, wie ich in diese Lebenslage hineingeraten sei. In der Hoffnung auf eine Wenung zum besseren berichtete ich ihm alles. Der Beamte klammerte sich an meine Aktivitäten während meiner Zeit bei der Sowjetischen Aufklärung und führte Reden darüber, dass ich der Sowjetmacht offenbar loyal gegenüberstünde; und dann schlug er mir mit recht zweideutigen Formulierungen vor Informant zu werden. Ich erwiderte, dass ich während des Krieges bei der Spionage tätig gewesen wäre und dort gegen den äußeren Feind gearbeitet hätte, dass ich nichts gegen diejenigen hätte, die nun in der gleichen Lage wären wie ich, dass uns unter diesen Bedingugnen der Zaun voneinander trennte und wir so lange nicht auf einen gemeinsamen Nenner kämen, bis wir auf einer Seite dieses Zaunes stehen würden. „Wie soll ich das denn verstehen?“ wollte der Beamte erstaunt wissen. „Verstehen sie es wie sie wollen!“ – meinte ich, und damit war die Audienz beendet. Ich fürchtete, dass daraufhin Sanktionen gegen mich erhoben würden, obwohl ich stets nur bei allgemeinen Arbeiten beschäftigt und eine weitere Degradierung kaum noch möglich war. Im Großen und Ganzen wirkte sich diese Unterredung nicht auf mein weiteres Schicksal aus. Übrigens kam es auch nicht zu irgendeiner Veränderung der Lage bei all denen, deren Akten überprüft worden waren. Irgendwann, auf dem Höhepunkt des Frühlings, wurden wir, d.h. eine große Gruppe Häftlinge, in ein anderes Lager gebracht; wenn ich mich recht erinnere – der 30. Lagerpunkt. Ich weiß nicht mehr genau, wie diese Häftlingsetappe sich zusammensetzte und wie der Transport vorgenommen wurde. Deswegen nehme ich an, dass man uns zufuß oder mit einer „Lore“, die ständig entlang der Trasse hin- und her fuhr, beförderte, die über eine Plattform verfügte, auf der sonst Ballastmaterial und ähnliche Lasten transportiert wurden.


Zum Seitenanfang