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P. Sokolow. Schlaglöcher

Kapitel 70. (Fortsetzung des vorangegangenen). Bilder von der Natur

Nun, nachdem ich den allgemeinen Hintergrund des Bildes hinreichend genau umschrieben habe, werde ich versuchen, einzelne Details und Personen genauer zu beschreiben. Da sind zunächst einmal meine mir nahestehenden Mitstreiter in Sachen Kunst. Wir wissen also, dass einer von ihnen Chrobatin oder Chrobykin war, wie der Arbeitsanweiser und auch alle anderen ihn nannten. Das war ein Männchen um die 40, damals noch Ofensetzer „für Polen“; er hatte in der polnischen Armee gedient und erinnerte sich noch an den Text des Eides: „Ich schwöre, dem polnischen Staate ...“ (Für die Korrektheit des Klangs kann ich nicht garantieren). Während der deutschen Okkupation wurde er zum Arbeiten nach Deutschland geschickt, wo er irgendwo in die Nähe von Wien in ein Flugzeugwerk geriet. Dort beging er einen Diebstahl und kam für fünf Monate in ein deutsches Konzentrationslager. Natürlich interessierten wir uns sehr dafür zu erfahren, wie dort alles im Vergleich zu unseren Lagern aussah. Ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, rief Chrobykin aus: „Ach, Mensch!“ und faßte sich an den Kopf. Er erzählte, wie nach dem Ende seiner Haft, losrannte und Angst davor hatte, sich genauer umzusehen. Ich dachte, dass sie wohl einen Grund gehabt hatten, Menschen zu so kurzen Haftstrafen zu verurteilen, allerdings unter grausamsten Bedingungen, um ihnen für immer die Lust auf eine Rückkehr zu verderben. Unsere Strafen von 10, manchmal 15 Jahren unter einigermaßen erträglichen Bedingungen stumpften letztendlich das Bewußtsein darüber ab, dass du dich im Gefängnis befandest, und das geschah durch eine gewisse Alltäglichkeit, eine bestimmte Lebensweise usw. Nach der Vernichtung Deutschlands kehrte Chrobykin erneut in seine Lwower Umgebung zurück; er erwies sich als Banderow-Anhänger und bekam nach der neuen Staatlichen Normenbehörde eine Haftstrafe von 25 Jahren aufgebrummt. Obwohl er in seinem Leben schon viel gesehen hatte, war Chrobykin recht unwissend, kannte sich in Politik überhaupt nicht aus und war mit den Angelegenheiten „für Polen“ gänzlich zufrieden, denn da hatte es viel Brot und Speck gegeben, und es waren auch keine Begriffe wie Diskriminierung und Ungesetzlichkeit aufgekommen, die wir empfanden, als wir seinen Berichten lauschten. Zwischen Schadrin und uns war es so, als würde es keine gemeinsamen Berührungspunkte geben, aber das Lager lehrt einen Geduld zu üben, den Menschen so zu nehmen, wie er ist, und zwingt einen, sich aufeinander einzustellen, und zwar auch die Charaktere, die miteinander völlig unvereinbar scheinen. Daher lebten und arbeiteten wir einträchtig miteinander, und waren doch in gewisser Weise Antipoden. Iljuscha Schadrin war Vorsitzender der neuen Generation der sowjetischen Intelligenz. Er stammte aus Brjansk, hatte die 10-Klassen-Schule absolviert und lernte noch an irgendeiner Künstler-Fachschule. In die Armee war er wohl aufgrund seines Alters noch nicht einberufen worden, aber nachdem er unter die Besatzung geraten war, wurde er Partisan. 1942 oder 1943 geriet er in deutsche Gefangenschaft, durchlief einen Aufenthalt im Lager und kam anschließend zu den Wlassow-Leuten. Bei Kriegsende befand er sich in der Tschechoslowakei, nahm am Prager Aufstand teil und wirkte, gemeinsam mit der Roten Armee, auf einem sowjetischen Panzer bei der Befreiung Prags mit. Danach folgten Filtrationslager, Kriegsgericht und Haftstrafen von 10 oder 25 Jahren. Schadrin war ein kultivierter, gebildeter Bursche mit einem hinreichend breiten Horizont, einemGefühl für Humor, und wir beide kamen ausgesprochen gut miteinander aus, obwohl wir über politische Fragen häufig in Streitgespräche gerieten. Schadrin war scharf antisowjetisch eingestellt und ich vertrat zwar nicht Stalins Regime, war aber dennoch fest von den Positionen des Sozialismus überzeugt. Im übrigen stimmten unsere Meinungen in vielerlei Hinsicht überein, und prinzipielle Diskrepanzen störten unsere Freundschaft keineswegs. Im Winter, wenn es eigentlich nichts zu tun gab, mußte Monarch für uns irgendeine Arbeit finden. Wir befaßten uns mit Reparaturen sowie der Ausstattung der Amtszimmer der Obrigkeit. Nachdem wir den Putz erneuert und die Wände geweißt hatten, beschlossen wir sie ein wenig auszuschmücken. Hier kamen nun Schadrins Talente zur Anwendung. Aus kleinen Stückchen Dachpappe oder Karton stellte er Schablonen her, und darauf sprühte er mit Hilfe eines selbstgebastelten Zerstäubers verschiedene Ornamente und Gebilde. Die Farben bereiteten wir selber vor, indem wir Ruß abkratzten, Ziegelsteine zerrieben oder Arzneien verwendeten: Grünfutter, Akrichin, welches eine durchdringende gelbe Lösung ergab, u.a. In puncto erlesener Geschmack konnte man unser Werk wohl eher als spießig betrachten, aber die anspruchslosen Bewohner waren hellauf begeistert, und ich muß dazusagen, dass das Kunstwerk in Bezug auf seine Herstellung von hohem Niveau war. Am häufigsten von allen kam der Leiter der Kultur- und Erziehungsabteilung, um es zu bewundern. Während er unsere Ornamente anschaute, berichtete er ganz nebenbei von den Ereignissen in der Welt und stellte damit für uns die einzige Informationsquelle dar. Einmal, als er sich gerade auf dem Weg in die Buchhaltung befand, schaute er kurz zu uns herein, um sich ein Bild davon zu machen, wie wir das Arbeitszimmer des Lagerleiters ausstatteten. Unten verlief eine braune Wandtäfelung mit leicht aufgesprühtem Pflanzenornament, die Wände waren in einzelne Meßtischblätter und separate Rahmen in der gleichen Farbe wie die Täfelung unterteilt. In jeder Sektion gab es Verzierungen, und oben verlief eine schwarze Bordüre, die sich aus der Silhouette des Kreml zusammensetzte – mit roten Sternen an den Türmen und sich abwechselnden Abbildungen von Hammer und Sichel. Der Leiter der Kultur- und Erziehungsabteilung schaute lange darauf und meinte lobend.: „Ausgezeichnet!“, wobei er jede Silbe extra betonte, wie es seiner Wologder Gewohnheit entsprach. „Sogar mit Hammer und Sichel. Sozusagen als Symbole“, - erwiderte Schadrin. – Damit kannst du mähen oder schmieden, wenn du willst….“ – Offenbar kannte der Leiter die Bedeutung dieses Zitats oder konnte es zumindest leicht erraten. „Na ja, Schadrin! Sie wieder mit ihrem Antisowjetismus!“, sagte er und hatte es plötzlich eilig, von diesem gefährlichen Thema Abstand zu nehmen und sich in die Buchhaltung zu begeben. Aber auch dort trat er ins Fettnäpfchen. Die Buchhalter hatten mit dem großen Defizit an Bleistiften zu kämpfen; in der Siedlung gab es keine, aber die Kultur- und Erziehungsabteilung hatte sie trotzdem von irgendwoher beschafft. „Nun seht mal, was ich hier aufgetrieben habe“, - sagte er feierlich, eine Schachtel Bleistifte in der Hand haltend. – „Seht mal, was für schöne ….“. Er hob die Bleistifte in Augenhöhe und las die Silben: „Hart-mut! Tschechoslowakische! Nicht solche, wie wir sie hier in der Sowjetunion haben!“ – Jemand brach in Lachen aus. Verlegen betrachtete der Leiter die Umstehenden. „Das bedeutet § 58-10, Bürger Leiter!“ sagte jemand. Der Leiter war total verwirrt, winkte ab, legte die Bleistifte auf den Tisch und entfernte sich eiligst aus dieser sündenvollen Räumlichkeit.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich auch mit unserem Oberaufseher. Ich habe unseren Regime-Chef bereits beschrieben, der ein großer Verehrer des Bacchus war. Natürlich gab es ein solches „Regime“ bei uns überhaupt nicht, alles lief ganz von selbst; auch die Aufseher drückten immer ein Auge zu, und die Beziehung zu ihnen war äußerst frei und ungehemmt. Morgens, wenn die wenigen Brigaden zur Arbeit ausmarschiert waren, fand die Kontrolle statt. Diejenigen, die keine Beschäftigung hatten, begaben sich auf den Platz neben dem großen Tor, während die Aufseher durch die Baracken streiften und dort die Zurückgebliebenen durchzählten – Kranke, Baracken-Diensthabende, Küchen- und Werkstatt-Mitarbeiter. Anschließend mußten die vor dem Tor Stehenden zu fünft Aufstellung nehmen und wurden ebenfalls durchgezählt. Die erhaltene Zahl wurde zur Zahl derer hinzuaddiert, welche die Zone zum Arbeiten verlassen hatten, und geprüft, ob sie mit der Anzahl auf der Liste übereinstimmte. Manchmal war das nicht der Fall, und dann wurde die ganze Prozedur noch ein- oder mehrmals wiederholt. Wenn regnerisches Wetter herrschte, wurde die Kontrolle in den Baracken durchgeführt. Aber meistens gingen alle nach draußen, und das taten sie sogar gern, weil sie dort Bekannte trafen, tratschen und herumwitzeln konnten. Sie standen herum und unterhielten sich. Einige, die zu faul gewesen waren, sich etwas Wärmeres anzuziehen, fingen an herumzutanzen. Der Oberaufseher stand am Tor, neben dem sich das „Wachhäuschen“ befand, eine kleine Holzbude, in der der Wachdienst-Leiter seinen Dienst versah, und über diesem Holzbau erhob sich der eigentliche Wachturm mit dem Wachsoldaten. „Na. Warum springt ihr denn so herum?“ – mischte sich der Oberaufseher in die Unterhaltung ein. „Der Kolchosarbeiter fährt ungefähr zehn Werst weit zum Holzholen, was ihm überhaupt nichts ausmacht, und ihr seid schon nach fünf Minuten durchgefroren.“ – „Ein schöner Kolchosarbeiter ist das“, entgegnete einer aus der Menge – „der trinkt ja auch vorher einen halben Liter Schnaps! Dann macht ihm die Kälte auch nichts aus!“ – „Was denn für Schnaps!“ – erwiderte der Aufseher. „Die haben ja nicht einmal genug Brot – und da reden Sie von Schnaps!“ – In der versammelten Menge wurde gelacht. „Wieso lacht ihr denn?“ – fragte der Aufseher gekränkt – „das stimmt doch oder vielleicht nicht?“ – „Ja-ja, es stimmt!“ - erhält er zur Antwort. „Allein wegen solcher Wahrheit sitzt die Hälfte von uns hier“. Der Aufseher resigniert, schielt zum Wachturm hinüber und bahnt sich seitlich einen Weg zum Wachhäuschen. Die Häftlinge lachen.

Nach der Fertigstellung des Kontors verbreitete sich der Ruhm der Meister ihres Fachs auch jenseits des Stacheldrahtzauns, und man fing an, uns darum zu bitten, die Renovierungsarbeiten in den Wohnungen des freien Personals zu übernehmen. Hier ging es auch nicht ohne Verwicklungen ab. Eines der ersten Objekte war die Wohnung des operativen Bevollmächtigten, dessen Kabinett wir ebenfalls mit allen möglichen Emblemen und Symbolen der Rechtmäßigkeit ausstatteten. In die Siedlung brachte man uns unter spezieller Wachbegleitung, dann ging der Wachsoldat fort und kam erst gegen Abend wieder, oder der Hausherr selbst brachte uns bis zum Wachhäuschen zurück. In diesem Fall übergab man uns den treuen Händen der Mutter des operativen Bevollmächtigten. Sie begrüßte uns sehr freundlich, als würden wir uns schon lange kennen, half uns, bewirtete uns mit Tee, befragte uns zu unserer Person und unseren Eltern und seufzte aufrichtig. Zum Mittagessen kam die ganze Familie zusammen – mit dem operativen Bevollmächtigten als Oberhaupt. Man ließ uns immer mit allen zusammen am großen Tisch sitzen. Anfangs fühlten wir uns ein wenig beengt, schauten den operativen Bevollmächtigten von der Seite an; aber er war ein einfacher und zuvorkommender Gastgeber, und die Atmosphäre wurde ganz familiär.

Gegen Abend, als wir mit dem Weißen fertig waren, kam der für die Haftordnung verantwortliche Leiter ins Haus, schmutzig und heruntergekommen wie immer, aber wenigstens nüchtern. Er lobte unsere Arbeit und sagte, daß auch er seine „Hütte“ weißen müsse. Sogleich näherte sich der Begleitsoldat, aber der Leiter schickte ihn fort und ließ ihn wissen, daß er uns selber geleiten würde. Nachdem wir uns von unserem liebenswerten Gastgeber verabschiedet hatten, begaben wir uns zum Haus des Regime-Leiters, um uns anzusehen, was es dort für uns zu tun gab. Die „Hütte“ war völlig verkommen: verrußte Decken und Wände, an manchen Stellen war schon der Putz abgebröckelt. Wir wurden von einer unfreundlichen Frau in Empfang genommen- der Ehefrau des Leiters. „Hör mal, Weib“, - wandte er sich an sie. „Ich hab‘ hier zwei Meister mitgebracht, die sich mal anschauen sollen, was hier zu machen ist“. Die Frau murmelte irgendetwas, aber der Mann ließ sie nicht in Ruhe. "Hör mal – du mußt die beiden wenigstens bewirten!“ – Erneut murmelte sie vor sich hin, und der Leiter überzeugte sie davon, daß es so gedacht war. Schließlich gab sie ihren Widerstand auf, stellte verschiedene Häppchen auf den Tisch und dazu eine halbe Flasche Wodka. Dann verließ sie den Raum. „Eßt nur, Kinder!“ forderte der Leiter sie auf. „Aber den hier dürft ihr nicht“, fügte er hinzu und ergriff die Flasche. „Der ist für mich!“ – Er schenkte sich ein Glas ein und trank es in einem Zug leer. „Und nun gehen wir. Morgen komme ich und hole euch ab“. Bleibt nur noch zu sagen, daß er weder am nächsten noch am übernächsten Tag kam, um uns zum Arbeiten zu sich zu holen. Ein anderes Mal begaben wir uns zur Wohnung eines uns nicht bekannten, offenbar zivilen Eisenbahners. Er wollte seinen Ofen mit aller gebotenen Gründlichkeit repariert haben. Die Arbeiten dort gestalteten sich schwierig. Es herrschte Frost. Lehm und Wasser wurden auf dem Elektroherd warmgemacht; und auf dem Dachboden sollten sie auch arbeiten. Wir genossen die Vorfreude, daß wir für diese ganze Mühe mit Ruhm und Dank geehrt würden. Das Öfchen summte, wir blickten den Hausherrn fragend an, doch der wackelte noch nicht einmal mit seinem Schnauzbart, geschweige denn bat er uns zum Essen an seinen Tisch. „Na, dem wird‘ ich’s aber zeigen!“ drohte Chrobykin und verschwand hinter der Tür. Kurze Zeit später kehrte er zurück und meinte, daß man nicht so stark heizen sollte, weil der Ofen erstmal trocknen müßte. Und so kehrten wir, ohne etwas in den Magen bekommen zu haben, in die Lagerzone zurück. Am Tor nahm uns der Arbeitsanweiser in Empfang. Ich muß dazusagen, dass er, der uns in die Siedlung geschickt hatte, niemals den Versuch unternahm, daraus irgendeinen Nutzen zu ziehen, wenngleich er auch nicht ablehnend reagierte, wenn man ihm etwa Eßbares anbot. „Hör mal, Arbeitsanweiser, - meinte Chrobykin zu ihm. „Das ist aber ein schlechter Mensch. Wenn morgen irgendwas an Arbeit kommt, dann schick uns nicht wieder dahin!“ – Und tatsächlich stand am frühen Morgen, als die Leute schon zur Arbeit abmarschierten, der unglückliche Hausherr wieder am Tor und bat darum, ihm die Meister von gestern wieder zu schicken: der Ofen würde nicht heizen. Der Arbeitsanweiser schaute mürrisch auf den Boden und erwiderte, dass die Leute bereits alle zur Arbeit eingeteilt wären und wir bereits eine Aufgabe zugeteilt bekommen hätten. Dabei merkte er unzweideutig an, dass man mit meisterhaft arbeitenden Menschen etwas großzügiger umzugehen habe, woraufhin der andere sogleich beteuerte, dass das selbstverständlich in Ordnung sei. Schließlich ließ Monarch Gnade vor recht ergehen und gab uns das entsprechende Signal. Wir saßen am Fenster der nahegelgenen Baracke und amüsierten uns göttlich, während wir die diplomatischen Verhandlungen beobachteten. Als wir dann dort ankamen, war schon beinahe die ganze Stube in Rauhreif gehüllt, aber bei der Nachbarin war alles in Ordnung, und man ließ uns sogleich am Tisch Platz nehmen. Anschließend setzte sich Chrobykin nachdenklich an den Ofen, vergewisserte sich, dass der Ofen „nicht zog“, stieg auf den Dachboden und verkündete bei seiner Rückkehr, dass das Ofenrohr mit gefrorenem Schnee verstopft sei, was sich durch die feuchte Ofenluft noch verschlimmert hätte. Er verlangte nach trockenem Brennholz, und schon fing der Ofen an lustig vor sich hin zu summen. Was Chrobykin da nun genau gemacht hatte, blieb ein Berufsgeheimnis, aber dem „Menschengesindel“ hatte er jedenfalls eine heilsame Lehre erteilt. Und so kehrten wir dann auch mit einem Weißbrot und einer dicken Seite Speck im Schnabel zurück. Der Arbeitsanweiser nahm uns in Empfang, und in seinem ansonsten finsteren Gesicht war so etwas wie ein Lächeln zu sehen. Aber dann schickten sie uns einmal zu Hauptmann Kopalkin – dem Leiter der Sanitätsabteilung. Sein Haus stand etwas abseits von der eigentlichen Siedlung, näher an den Kasernen. Der Gehilfe des Zugkommandeurs brachte uns dorthin, ein Obersergeant der Frontsoldaten. Der Leiter begrüßte uns und zeigte uns seine Wohnräume. Es handelte sich um fast völlig leerstehende Zimmer und eine kleine Küche. Der Mann lebte allein. Die Wände waren, wie überall, mit Lehm verputzt und dann mit einem Mörtel aus Lehm und Sand eingerieben worden, jedoch ungeweißt. Der Leiter gab uns zu essen und ging dann, uns seinen kümmerlichen Besitz anvertrauend, fort. Wir blieben allein zurück. Wir weißten die Wohnung, hatten aber nach dem ersten Versuch lediglich den Putz mit unserer Aktion zerrieben; der Kalk trocknete in den stark beheizten Räumen nicht, und all unsere „Streichmuster“ blieben sichtbar zurück. Gegen Abend kam der Hauptmann. Wir erklärten ihm, dass man den Kalk erst trocknen lassen müsse, um dann alles ein zweites Mal zu streichen. Aber er winkte nur hoffnungslos ab. „ Ich brauche euch nicht mehr, es hat mich auch so schon viel Mühe gekostet, darum zu bitten. Soll es bleiben, wie es ist!“ – Danach gab er uns ein paar Fleischkonserven, Butter und andere Sachen, an die wir uns schon längst nicht mehr erinnern, und zum Abschied erhielten wir noch fünf Päckchen Machorka-Tabak und etwas Geld, was eigentlich gesetzwidrig war. Aber uns war es unangenehm, dass wir unsere Arbeit nur zur Hälfte erledigt hatten, und so versprachen wir, bei Gelegenheit wiederzukommen und das selber mit unseren Vorgesetzten abzusprechen. Der Gehilfe des Zugkommandeurs holte uns ab, und auf dem Heimweg erklärten wir ihm die Situation und teilten mit ihm den Tabak, der auch bei den Freien Mangelware war. Wir kamen mit ihm überein, dass er uns morgen, wenn die Obrigkeit unterwegs war, wieder holen solle. Gesagt – getan. Am nächsten Tag beendeten wir unsere Arbeit in bester Qualität und wurden dafür vom gutherzigen Hauptmann erneut reich beschenkt. Auch der Obersergeant, der uns wieder abholte, bekam seinen Anteil, und der Arbeitsanweiser kam ebenfalls nicht zu kurz.

Einmal ging ich auch allein zum Leiter der Kultur- und Erziehungsbteilung. Die anderen waren schon irgendwo anders beschäftigt. Er bewohnte eine ebensolche kleine Wohnung wie Hauptmann Kopalkin. Alle Sachen waren bereits von ihrem eigentlichen Platz weggerückt und abgedeckt. Der Hausherr war nicht zuhause, und der Major, der im Rang des Kultur- und Erziehungsleiters stand, wurde vorübergehend zu meinem Hilfsarbeiter. An der Wand hing immer noch ein aus einer Zeitung ausgeschnittenes Porträt Stalins. Der Leiter riß es herunter und warf es zu Boden; dann machte er sich selber daran, den Kalk in einem Eimer anzurühren. Ich war ein wenig verwirrt und murmelte, dass es heruntergefallen sei. „Zum Teufel mit ihm!“ – antwortete der Kultur- und Erziehungsleiter. „Nanu!“ – dachte ich. Wäre Schadrin hier gewesen, dann hätte er sicher aus diesem Anlaß gehässige Reden geführt, mir jedoch war es unangenehm, dieses schon etwas ältere und gutherzige Onkelchen in Verwirrung zu bringen.


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