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P. Sokolow. Schlaglöcher

Kapitel 73. Märchen aus dem russischen Wald

(Walzer nach der Musik von L.P. Berija)

Als mein Bein vernarbt war und ich wieder laufen konnte, wurde ich erneut ins Forstrevier verlegt. Diesmal kam ich zu einer Brigade, die sich mit dem Durchbruch von Schneisen entlang der Winterparzellen befaßte. Diese Schneisen stellten auch eine Begrenzung dar, auf der Türme für die Wachmannschaften errichtet wurden. In dieser Brigade arbeitete ich etwa einen Monat lang, Aber zwei Ereignisse aus der Zeit sind mir in der Erinnerung geblieben: das erste hätte mich fast das Leben gekostet, das zweite kostete das Leben eines meiner Kameraden. Also zunächst zum ersten. Einmal stand ich auf dem Wipfel eines gefällten Baumes, während ich ihn von Ästen säuberte, als ich plötzlich einen Schrei hörte: „Vorsicht!“ – und sah, wie eine hochgewachsene, trockene Lärche direkt auf mich zugefallen kam, die irgendeiner aus der Brigade mit großer Ungeschicklichkeit gefällt hatte. Der Schnee war schon ziemlich tief, und die umliegenden Äste und Zweige ließen es nicht zu, daß ich ungehindert zur Seite springen konnte; ich sah bereits das unausweichliche Schicksal, wie der Baum unwiderruflich seine Krone mit den spärlich gewachsenen Zweigen über mir ausbreitete. Und plötzlich sah ich, daß dieser Baumwipfel abknickte und irgendwie für einen winzigen Augenblick in der Luft verweilte. In diesem Augenblick ging der geköpfte Stamm ein paar Meter von mir entfernt mit lautem Krachen zu Boden und hüllte mich in eine dichte Wolke feinen Schnees ein. Und danach fiel auch der abgebrochene, fünf Meter lange Wipfel auf die Erde. Offenbar hatte das dürre Holz dem Luftdruck nicht standgehalten. Ich weiß nicht, wer für mich in diesen Minuten gebetet hat, aber wie dem auch sei, ich blieb wie durch ein Wunder unversehrt.

Das zweite Ereignis, das sich nur wenige Tage nach dem eben beschriebenen zutrug, betraf einen der Mandschuren, einen jungen, sehr stillen Burschen. Wir gingen unter der Begleitung eines Wachsoldaten, und der Umgangston war ganz und gar gut nachbarschaftlich. Bei der Arbeit gingen wir umher, ohne auf Verbote zu achten, aber an diesem unglückseligen Tag ertönte ein Schuß, und unser Kamerad starb auf der Stelle, als er aus Versehen die Markierung zur verbotenen Zone übertrat. Es ist sehr schwieirg, dieses demütigende Gefühl totaler Ohnmacht und Bitterkeit wiederzugeben, mit dem wir den Körper des getöteten Burschen auf dünnen Stangen davontrugen. Der einzige Trost war, daß wir ihn wenigstens wie einen Menschen begraben konnten und ihn nicht wie einen Hund verscharren mußten. Wir fertigten einen Sarg an, und er stand den ganzen Tag auf dem Tisch in der Klub-Bibliothek, und irgendein ehemaliger Pope vollzog an ihm sogar so etwas wie eine Totenmesse. Und dann gingen wir wieder an die Arbeit, immer die Mündung des Gewehrs in unserem Nacken fühlend. Schließlich war die Schneide fertig, und die Arbeiter unserer Brigade wurden auf andere Brigaden verteilt. Ich kehrte wieder in meine vorherige Gruppe zurück, aber ein Pferd gab es für mich nicht, und so beschäftigte ich mich, zusammen mit einem anderen Burschen, mit dem manuellem Fällen der im Holzeinschlagsrevier zurückgebliebenen Lärchen, die für eine Bearbeitung mit der Elektrosäge nicht geeignet waren. Es war eine schwere und unddankbare Arbeit. Und es schien, als ob auch die Norm nicht besonders hoch angesetzt war: es reichte vollkommen aus, 6-7 Bäume zu schaffen, aber diese waren an ihrem unteren Ende stark verdickt, hatten einen großen Wurzelstock und lagen im ganzen Revier verstreut herum. Zu jedem einzelnen mußte man sich erst einen Weg bahnen, die dicke Rinde abhauen, die knochenähnlichen, gefrorenen Holzfasern zersägen, von denen bei minus 40 Grad Frost die Sägezähne in alle Himmelsrichtungen flogen und die Äxte schartig wurden; der Stamm mußte in Stücke gehackt, alle kleinen Äste und Zweige verbrannt werden. Allerdings zerbrachen sie beim Fallen des Baumes bereits in Stücke, als wären sie aus Glas, und man hatte eine ganze Menge Arbeit mit ihnen. Und da geschah etwas, was mir ein weiteres mal einen Aufenthalt im Karzer einbrachte. Zuvor hatten sie noch neue Jacken im Matrosenschnitt an uns verteilt. Mir wurde eine sehr elegante zuteil, gefüttert mit einem dichten, khakifarbenen Stoff, wie man sie in der allgemeinen Masse nur selten zu sehen bekam. Ich hütete sie sorgsam, und um sie nicht versehentlich am offenen Feuer anzusengeln, zog ich sie immer rechtzeitig aus und brachte sie an einen sicheren Ort. Und eines Tages, es war gegen Abend, als es schon zu dämmern begann, war ich mit dem Entfernen der kleinen Äste an einer der Lärchen fertig und entfachte aus ihnen unweit des Baumwipfels ein heiß aufloderndes Lagerfeuer. Ich selber stützte mich auf meine Axt und betrachtete die fröhlich knisternden Flammen. In verschiedenen Entfernungen loderten auch andere Feuer oder waren teilweise bereits erloschen. Und da kam mir plötzlich der Gedanke: Wieso eigentlich brennt es am Wurzelstock der Lärche? Ich begriff nicht sofort, daß es meine Jacke war, die schon in hellen Flammen stand. Ich muß wohl nicht erst sagen, daß, während mir dies in den Sinn kam und ich im selben Augenblick auch schon zum Baumstumpf hinüberrannte, an dem meine Jacke hing, nur noch ein einziger Knopf von dem Kleidungsstück übrig war. Für meinen sorglosen Umgang mit dem Staatseigentum wurde ich ins Verlies geworfen und erhielt anschließend von jemandem ein abgetragenes Kleidungsstück, in dem ich dann auch den ganzen Winter verbrachte. In diesem Winter ereigneten sich noch zwei Vorfälle. Es kamen Wölfe, und einer von ihnen geriet hinter die Umzäunung, ohne die geringste Furcht vor den mit lautem Krachen umstürzenden Bäumen oder dem lauten Geschrei der Menschen zu zeigen. Der zweite tauchte unmittelbar auf dem Holztransportweg auf und wurde vom Wachsoldaten erschossen.

Das zweite, wieder sehr tragische, Ereignis war der Tod eines der Fuhrmänner, eines alten Kasachen oder Usbeken namens Sapara. Er saß während der Arbeit auf einem alten Klepper und als er ihn einmal auf der Lichtung wenden wollte, um etwas näher an den Wurzelstock eines Baumstammes heranzukommen, geriet er versehentlich hinter die verbotene Linie und wurde ebenfalls für nichts und wieder nichts erschossen. Gegen Ende des Winters waren wir mit dieser unglückseligen Parzelle fertig, die sich nicht allzu weit vom Lager entfernt befand und daher für die dunkle Jahreszeit übriggelassen worden war; anschließend wechselten wir zu einem anderen Holzeinschlag, zu dem man mehr als eine Stunde zufuß gehen und zudem noch über einen abschüssigen Abhang bis in die tiefgelegene Lichtung hinabklettern mußte.
Die Leute waren erschöpft, und diese Wegstrecke war eine der schwierigsten Prüfungen des Arbeitstages. Der begleitende Wachsoldat schlug nun endgültig über die Stränge: ständig schrie er herum, beleidigte einen, veranstaltete gegen die zu weit Zurückbleibenden Treibjagden mit seinen Hunden, und all das zermübte die müden und geschwächten Menschen noch mehr. Hauptmann Slipenko führte in der Zone eine Säuberungsaktion nach der anderen durch. Selbst der Schriftsteller Isbach wurde in den Wald geschickt, wenngleich er dort nicht lange arbeitete. Ich erinnere mich an einen vielleicht nicht gerade lustigen Fall. Einmal, als wir uns, zerlumpt, ausgebrannt, mit ausgemergelten und erfrorenen Gesichtern, kaum bis zur Parzelle geschleppt hatten, schrie einer der Begleitsoldaten der jüngeren Generation: „ Na los, bewegt euch, verfluchte Bourgeois!“ – Und da plötzlich dröhnte aus der Kolonne allgmeines Gelächter – so unsinnig kam ihnen das Wort „Bourgeois“ in Bezug auf diese abgezehrten Menschen vor. Ganz besonders schwierig war der Rückweg, als sie den ganzen Hügel wieder hinaufklettern mußten. Die Allerschwächsten fielen nach dem langen Arbeitstag buchstäblich von den Füßen. Die Pferdeführern gingen in einer separaten Gruppe, sie waren auch separat registriert, aber jetzt erlaubte der Wachleiter den halben Todeskandidaten sich der Pferdegruppe anzuschließen, damit sie sich am Geschirr festklammern konnten, und auf diese Weise wurden sie dann den Hügel hinaufgezogen. Für gewöhnlich waren die Winter im Gebiet Irkutsk rauh und windstill, aber einmal, irgendwann gegen Ende Februar, brach ein furchtbarer Sturm über unser Holzeinschlagsgebiet ein. Die Bäume knackten und brachen. Der Begleitsoldat wartete das Ende des Arbeitstages nicht ab, holte uns von den Arbeitsplätzen fort, und nachdem wir in aller Eile durchgezählt worden waren, machten wir uns im Laufschritt auf den Weg zurück ins Lager. Der Wind tobte und brauste, mal von links mal von rechts kamen die Böen, die hundertjährigen Kiefern wogten hin und her, wie dünnes Schilfrohr, und die Pferde wieherten und rissen sich los. Endlich erreichten wir das Lager, aber der Wind wurde immer heftiger, und dann, ganz plötzlich, herrschte unerwartete Stille.

Am Morgen entdeckten wir, daß die riesige Lärche, die im Hof gestanden hatte, umgestürzt war. Mitsamt dem Wurzelballen aus dem Erdboden herausgerissen, hatte sie eine Ecke der Baracke um gut einen halben Meter angehoben, während der Stamm auf den Zaun gefallen war und ein großes Loch hineingerissen. Es wäre schwer vorstellbar gewesen, was geschehen wäre, wenn der Baum in die entgegengesetzte Richtung gefallen wäre – direkt auf die Baracke. Die gesamte Brigade war mit dem Zersägen dieser Lärche und der Beseitigung des Schadens beschäftigt.

Als wir in den Wald gingen, fiel uns als erstes auf, daß die kleinen Inselchen aus neuem Saatgut, die ganzen kleinen, am schönsten und gradlinigsten gewachsenen Bäumchen, die nach dem Holzeinschlag auf der Lichtung übriggeblieben waren, alle spurlos verschwunden waren, als hätte es sie nie gegeben. Sie lagen umgeknickt, bis auf die letzte Pflanze, am Boden, und in die Taiga selbst war eine 200 m breite Schneise der Verwüstung gegraben. Aber dieser Orkan löste keinen so großen Schock aus, wie die Ereignisse, die sich im März zugetragen hatten. Wir erfuhren nur sehr wenig darüber, was sich in der Freiheit abspielte. Zeitungen bekamen wir nicht, und wenn dies doch manchmal vorkam, dann auch nur rein zufällig durch die Lagerleitung; manchmal kamen neu Verurteilte, aber nun schon nicht mehr mit kompletten Gefangenenzügen, sondern einzeln. Aber es hielten sich verworrene Gerüchte über Stalins Erkrankung, über irgendeinen Ärzteprozeß usw.

Aber eines trüben Tages wurden wir nicht zur Arbeit geführt. Es war nicht bekannt, woher das Gerücht über Stalins Tod bis zu uns vorgedrungen war. Und da teilen uns nun unsere stimmgewaltigen Nachrichtensprecher im Fernsehen mit, wie bei dieser Neuigkeit „zehn Millionen Mützen in die Luft flogen“. All das Geschwätz, sowohl über die Mützen, als auch über die Millionen. Niemand brachte seine wahren Emotionen zum Ausdruck, selbst wenn er im tiefsten seiner Seele vielleicht frohlockte. Über das eigentliche Gerücht sprach niemand, im Gegenteil, es gab ein Gefühl der Besorgnis, das ständig wuchs: Was wird nun werden? Wer wird Stalins Platz einnehmen? Und wird es dann nicht schlechter werden? Ziemlich lange existierte diese angespannte Erwartung, und sie verging auch dann nicht, als man erfuhr, daß Malenkow Stalins Platz einnehmen würde. Kaum einer kannte ihn, und viele waren der Ansicht, daß er ein Strohmann wäre, hinter dem sich Berija verbergen würde oder irgendein anderer Handlanger des Großen Führers. Einen Tag später führte man uns erneut zur Arbeit aus, aber die allgemeine Stimmung war ganz anders, als noch zwei Tage zuvor. Die Häftlinge wurden weder angebrüllt noch angetrieben. Wir ging, kaum einen Fuß vor den anderen setzend, sahen ab und zu den Wachsoldaten mit schadenfroher Miene an, der total verstört war und sich gänzlich in Schweigen hüllte. Aber bald darauf waren „die Schäfchen wieder bei ihrer Gemeinde“, wenngleich sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein breiter Riß aufgetan hatte, welchen sowohl die Gefangenen, als auch die Gefängniswärtner wahrnahmen.

Im Frühling bekam ich erneut ein Pferd zugeteilt. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ein Koreaner mit ihm gearbeitet. Er hatte sich ihm gegenüber ganz und gar verantwortungslos verhalten, es auf seine Schultern geschlagen, und eigentlich war es schon nicht mehr arbeitsfähig. Es war ein kleines, noch junges Pferdchen namens Elsa. Man hatte vorgeschlagen, es abzuschreiben, zu schlachten und zu Fleisch zu verarbeiten. Mir tat es leid um das Pferd, und so bat ich den Brigadeleiter und überredete auch die junge Tierärztin, die Vollstreckung von Elsas Urteil noch ein wenig hinauszuschieben. Ich paßte ihm das Kummet an, legte eine Unterlage darunter, damit es nicht auf den Wunden scheuerte, und achtete natürlich darauf, es nicht zu überladen, wenn ich Stangen und andere dünne Gegenstände transportieren mußte. Zehn Tage später waren die Wunden an den Schultern eingetrocknet und vernarbt, und Elsa konnte wieder normal arbeiten. Sie trug nicht viel, aber sie war schnell, und ich, der ich ihr nur kleine, geeignete Stämme auflud, schaffte sogar ohne Mithilfe der Auflader drei Fuhren am Tag, während die anderen nur zwei zustande brachten. Aber das Hinterherlaufen hinter der schnellen Stute fiel mir selber immer schwerer. Zu der Zeit gab es große Veränderungen bei der Bewertung unserer Arbeit. Außer den traditionellen Zusatzrationen gab es nun auch eine richtige Bezahlung mit Geld. Das Entgeltsystem war ziemlich kompliziert und verwirrend, aber wie dem auch sei, wer gut geschafft hatte, erhielt jeweils 50-70 Rubel und manch einer auch 200-300 pro Monat. Dieses Geld wurde auf das persönliche Konto überwiesen. Davon konnte man dann Extra-Verpflegung über die Küche bestellen und auch regelmäßig Waren am mobilen Kiosk kaufen, der manchmal ins Lager kam. Ich konnte mit meiner Elsa nicht viele Raummeter machen, die mir einen entsprechenden Lohn ermöglicht hätten, und so bat ich darum, mir eine andere, besser geeignete Arbeit zu verschaffen. So eine Arbeit war das Hochrollen, d.h. das Aufladen der Stämme auf Schlitten oder Karren. Das war körperliche Schwerstarbeit. Man arbeitete paarweise zusammen und war mit 2 – 2,5 m langen Holzstangen ausgerüstet, die als Hebel benutzt wurden. Aber selbst mit ihrer Hilfe war es nicht leicht, einen Stamm mit einem Rauminhalt von 1-1,2 Kubikmetern und einem Gewicht von 800-1000 kg aufzuladen. Ich arbeitete mit Wanja Wartanow - oder Wano - zusammen. Er galt als Georgier, aber mir erzählte er, er sei Armenier und sein wahrer Nachname laute Wartanjan. Er war ein sehr ruhiger und bescheidener Bursche in meinem Alter. Bei meiner Verpflegung fiel mir die Arbeit ziemlich schwer, aber einmal hängte der Buchhalter eine Liste aus, wem und wieviel Verpflegung er jedem Konto gutgeschrieben hatte. Neben anderen Nachnamen entdeckte ich darin auch meinen. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, ging ich in die Buchhaltung und sagte, daß ein Fehler passiert wäre und daß sich auf meinem Kionto überhaupt kein Geld befände. Der Buchhalter erklärte, daß meine Zusatzverpflegung auf sein Bitten hin von Wartanow bezahlt worden wäre.

Diesen vielleicht ganz unbedeutenden Fakt erwähne ich, um noch einmal zu unterstreichen, wie vielen guten, selbstlosen Menschen ich auf meinem Weg begegnet und wie sehr ich ihnen verpflichtet bin, daß es mir durch sie gelang zu überleben und meinen dornenreichen Weg zu bewältigen. Allerdings brauchte ich bei der Verladung der Bäume nicht allzu lange zu arbeiten und mußte mich daher auch nicht länger an die Lagerkapitalisten klammern.


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