Buch für meine Kinder

Kapitel aus den Erinnerungen

Das wahre, reale Leben begegnete Jurij mit Erschütterungen. Das erste traumatische Ereignis brachte es 1929 mit der Verhaftung von Vater und Mutter. Und ihrer Verbannung nach Jaroslawl.

Die ganze Wucht und Härte des Dramas fiel auf Bussenka (Großmutter) und Tusja (die ältere Schwester), die auf ihren noch halben Kinderschultern viele Jahre hindurch die Last der Erziehung der jüngeren Geschwister, der Sorge um ihre Ernährung, Kleidung, Erhalt der Wohnung, Laufereien wegen der Pässe, ganz zu schweigen von ihrer Schulausbildung, trug.

Verständlich, dass Jurijs Alter und auch das der anderen nach seinen Rechten verlangte und sich dadurch bemerkbar machte, dass Bussinas und Tussinas Leben ständig vergiftet wurde durch schlechte Noten in der Schule, Prügeleien und häuslichen Streitigkeiten, Unfolgsamkeiten und ungeduldigen Äußerungen «ich will essen... ich will aber», auch wenn es nichts zu essen gab. Ebenfalls verständlich ist, dass die verletze Ordnung des häuslichen Lebens auch die gewohnte moralische Ordnung verletzte, was sich auf die weitere Entwicklung des kindlichen Geistes auswirkte. Doch zweifelsohne hat das gesamte vorherige Leben in allen seine Spuren hinterlassen hat, zumindest in Form einer zärtlich-liebevollen, bisweilen auch platonischen Zuneigung gegenüber der Familie und untereinander.

Diese Zuneigung haben Kolja und ich immer in den Briefen der Kinder in Jaroslawl, in Kineschma und zuletzt in Archangelsk, Krasnoborsk und Tscherewkowo empfunden. Leider sind fast alle Briefe während des Krieges in unserer Abwesenheit verloren gegangen.

Das erste Wiedersehen nach unserer Ausweisung geschah 1930 in Jaroslawl.

Wir arbeiteten damals in der Schule Dosatschi und hatten auf jener Seite der Wolga ein Zimmer für den Sommer genommen.

Jura hat in der Zeit eine Menge durchgemacht. Sendungen, die sie und Tusja uns in die Woinow-Straße brachten, Besuche bei der Staatsanwaltschaft mit Anfragen über uns, Begegnungen mit ebensolchen entrechteten Familien wie sie es waren und natürlich die Tatsache, dass sie sich damit nicht abfinden konnten; eine ganze Reihe solcher Schulkameraden, die Verluste erlitten und viel Unglück durchgemacht hatten — all das löste bei den Kindern (Juraj war 15) den Wunsch aus, jemandem sein Leid zu klagen, etwas rückgängig zu machen, gegen irgendetwas zu protestieren, nachzulesen.

Die Kinder trafen sich, sprachen miteinander, lasen vermutlich dieses und jenes... Jedenfalls, mit einem Wort gesagt, klingelte es noch 1929, als man uns vorübergehend frei gelassen hatte und wir zu Hause waren, an der Tür — dort standen sie mit ÿâëÿþòñÿ ñ âèíòîâêàìè äåëàòü îáûñê... bei Jura. Natürlich herrschte Verzweiflung. Um Mama darauf vorzubereiten, die ständig an Herzanfällen litt, welche sich bei Aufregung noch verstärkten, weckte ich sie so vorsichtig wie möglich und signalisierte ihr die Durchsuchung. Schnell kleidete sie sich an und betrat genau in dem Moment das Zimmer, als sie Jurijs Kindertischchen aufrissen, das mit «Blechsachen» vollgestopft war, und in dem sie Unerlaubtes suchten.

Bussenka stürzte sich auf Jura, drückte ihn an sich und schrie verzweifelt: «Jurij, dir sind sie auch hinterher; dabei bist du doch noch ein Kind!» Aber Jura war glücklich: «Bussenka, reg dich nicht auf; versteh doch, es bedeutet, dass ich schon ein ganz großer Junge bin!..» Offenbar machten Jurijs Kinder- «Waffen», das Kindertischchen und dieser Ausruf Eindruck auf die Durchsuchenden. Die Begutachtung von Jurijs Besitztümern wurde eingestellt, zu konfiszieren gab es nichts, und sie schlugen ihm vor, ihnen zur Gorochowaja-Straße zu folgen. Außerdem wurde dem Ehemann und seinem Freund And. Íèê. erlaubt, mit ihnen zu fahren. Sie fuhren mit der Straßenbahn, wobei die Begleitpersonen separat saßen und man den «Verbrechern» sogar gestattete, sich mit dem Vater zu unterhalten. Was weiter geschah, erfuhr ich teils von Jurij, teils von Kolja sowie von einem Vertreter des Roten Kreuzes, an den ich mich wegen einer Anfrage bezüglich Jurij wandte. Und später, bei meiner nächsten Verhaftung, berichtete mein Ermittlungsrichter Stronin von Jurij, dem die Akte der Jungs bekannt war und der sich mit viel Mitgefühl über Jurij äußerte.

Als sie Jurij in das Zimmer brachten, in dem er auf seinen Aufruf in die Amtsstube warten sollte, schlief der «Verbrecher», nachdem er schon eine ganze Weile gewartet hatte, friedlich ein und erwachte erst wieder, als jemand vorsichtig auf seine Schulter klopfte und sagte: «Bürger, Ihr werdet erwartet». Die Unterredung mit dem Ermittlungsrichter war nach Jurijs Worten von einem sehr unangenehmen Ton gekennzeichnet: «Als ob ich selber einer der Kriminellen wäre». Das Gespräch zog sich in die Länge; es dauerte wohl mehrere Stunden, und bald stellte sich heraus, dass man dem «Bürger» nichts zu sagen hatte. Der Ehemann ging lange auf der Gorochowaja-Straße auf und ab und beobachtete, wie man jemanden, der Jurij mit seinem Kinder-Cowboyhut und einem für die Körpergröße unverhältnismäßig kurzen Mantel in einen «schwarzen Raben» einsteigen ließ und mit ihm davonfuhr. Da sich ansonsten auf der Straße nichts mehr tat und es sinnlos und unsicher war, noch weiter zu warten, ging er schließlich nach Hause. Eineinhalb Stunden später klingelte es an der Tür und Jura erschien höchstpersönlich. «Aus Mangel an beweisen» hatte man ihn freigelassen. Natürlich war er stolz und zufrieden mit dem Abenteuer und vor allem mit der Anerkennung seines «Erwachsenseins» und seiner «Staatsbürgerlichkeit».

Als er nach einigen Tagen in der Schule erschien, waren ein paar seiner Kameraden nicht dort, und der Junge musste zum ersten Mal das Verhalten der „Allgemeinheit“ ihm gegenüber erfahren. Einige allerdings sprachen mit ihm mit tiefem Respekt, aber diejenigen, die sich von ihm abwandten, als wäre er ein gefährliches oder zumindest verdächtiges Subjekt, befanden sich in der Mehrzahl.

Als Jura in den Ferien zu uns nach Jaroslawl kam, merkte man die Auswirkungen dessen, was er durchgemacht hatte, deutlich: er zeigte sich uns viel zurückhaltender, wohl sogar verschlossen, weniger aufgeschlossen gegenüber neuen Bekannten, und er sprach nicht offen über die Eindrücke, die das Gesehene ihm vermittelt hatten...
Er spielte begeistert Klavier (es gelang, für ihn eine Möglichkeit zu finden, wo er üben konnte) und las natürlich viel.

Danach sahen wir Jura bis 1935 nicht mehr, als er dann schon aus der Verbannung zurückkehrte. Die Zeit ist am allerschwierigsten, wenn ein Kind zum Mann wird, wenn die Unterstützung durch die Erwachsenen, den Vater, den älteren Bruder so nötig ist, wenn es unumgänglich ist, Fragen zu stellen und sogleich eine Antwort auf quälende Fragen zu erhalten, einen Ratschlag, wie man sich verhalten soll, - genau in der Zeit war Jura sich selbst überlassen, und es ist ein Glück, dass seine unverdorbene Natur ihn vor Schmutz und Gemeinheiten bewahrte.

Nachdem er die Schule mit fünfzehn Jahren beendet hatte (das war damals die Neun-Klassen-Schule), geriet er an einen Scheideweg. Aufgrund seines Alters war es unmöglich von der Universität zu träumen. Einem Ratschlag seiner Freunde folgend, beschloss er an der Betriebsfachschule weiter zu lernen. Das wichtigste Ereignis dieser „Epoche“ in seinem Leben war seine Liebe zu Lenotschka; sie hat seine Liebe wohl auch erwidert, doch irgendetwas geschah zwischen ihnen, sie stritten miteinander und trennten sich... Jura dachte noch lange an sie — er hatte die Liebe immer ernst genommen und es war für ihn nun eine qualvolle Zeit. Während der Verbannung bat er aus Mariinsk seinen Vater, bei Lena vorbeizuschauen und mit ihr zu reden, vielleicht würde sich die Lage klären und die Sache käme wieder ins Reine. Kolja tat, was er konnte, aber Lena (das war, wenn ich nicht irre, 1934) war bereits verheiratet.

Die Betriebsfachschule beendete Jura ein Jahr später, wobei er sich irgendwelche Rechte auf «ein Stück Blech» erwarb, welches er danach nie ausgehändigt bekam. Wieder begann er von der Universität zu träumen. Es war sehr schwierig dorthin zu gelangen: Vater und Mutter waren in der Verbannung. Doch ein offenes Gespräch mit jemandem, der genügend Kraft besaß, um ihn zu unterstützen, half — und, siehe da, er ist Student am Institut für Eisenbahnwesen (das spätere LIISchT). Aber das Glück dauert nur wenige Monate.

In diesem Jahr endete vorzeitig die Verbannung seiner Schulkameraden. Sie waren in Medwesche Gore, wo man sich ihnen gegenüber ausschließlich wohlwollend verhielt und ihnen bei der Berufsausbildung behilflich war. Die Jungs kehrten nach Leningrad zurück, fingen an sich zu treffen, nicht empfohlene Literatur zu lesen, über Dinge zu reden, über die sie nicht hätten sprechen dürfen – und es kam erneut zum Verhör und zur Verhaftung. Zu der Zeit waren wir in Tscherewkowo, in der Region Archangelsk, und der Brief über Juras Verhaftung und Verbannung entsetzte uns. Später berichtete man uns von der Durchsuchung und darüber, wie Jura, nachdem er von der Verhaftung seiner Kameraden erfahren hatte, beschloss zu fliehen, ohne zu wissen wohin, darüber, wie er, belesen mit Gedenkliteratur, ein Kilogramm Machorka und Schnupftabak bei sich verwahrte, um sich bei einer Verhaftung zu verteidigen, wie er schließlich ums Haus gelaufen und dann losgerannt war, bis zum Michailowskij-Platz kam (man verfolgte ihn), stürzte und festgenommen wurde, nachdem ein aufmerksamer Passant ihm ein Bein gestellt hatte. Das war wohl am Allerschlimmsten: das Gefühl eines gehetzten Tieres, dem der Tod droht, und das Bewusstsein, dem nicht ausweichen zu können. Später wurde alles leichter: der Tod ging an ihm vorüber, wenngleich er, wie es schien, ganz in der Nähe gewesen war; die Woinowa-Straße, Verständigung mit den Gefährten im Unglück — vorwiegend Gedichte — von einer Seite deutsche mit Übersetzung ins Russische, von der anderen — russische und ihre Übersetzung ins Deutsche. Die poetische Freundschaft, die auf der Liebe zur Poesie basierte, dauerte auch in der Folgezeit an, in den kurzen Jahren, in denen sich beide in Freiheit befanden.

Auch in diesen Jahren überwand Jura die schweren Momente seines Daseins in der Woinowo-Straße. Vor allem natürlich die Begegnungen mit dem Ermittlungsrichter. Nach Juras Worten waren beide — der ältere, wie auch sein jüngerer Gehilfe — aufrichtige, vollkommen ordentliche Menschen, die, wenn auch nicht vom kriminellen Verhalten, so doch in der Fehlerhaftigkeit der Meinung derer, gegen die zusammen mit ihm ermittelt wurde, überzeugt waren – der anderen Jungs, Juras Kameraden. Nachdem sie ihre Fälle untersucht hatten, beschlossen sie, sie anderweitig zu überzeugen, sie umzuerziehen. Das Ermittlungsverfahren wurde nach allen Regeln und Methoden der damaligen Zeit geführt. Später erinnerte sich Jura an das abschließende Gespräch mit dem Ermittler, der streng mit ihnen redete, sie von ihrer Kriminalität überzeugte und mit dem Versprechen «Höchststrafe» endete.

Jura wurde natürlich leichenblass (er war gerade erst 17 Jahre alt), aber beim Hinausgehen warf er dem Richter mit siegreicher Haltung entgegen: «Dann kann ich dort ja Grüße von dir ausrichten».— «Wem denn?» — «Dserschinskij oder Lenin höchstpersönlich». Das reichte aus, um den Ermittler, der nur wenig jünger als Jurij war, aus der Haut fahren zu lassen. «Dummkopf»,— rief er zur Antwort und begann dann in einer einfachen, kameradschaftlichen und deswegen viel überzeugenderen Sprache zu sprechen. Statt «Höchststrafe» versprach er nun die Verbannung der ganzen Bande in die Region Archangelsk, und so geschah es auch. Gleichzeitig schenkte er Jura ein Buch Lenins mit einer berührenden Inschrift: «Für Jura von seinem Untersuchungsrichter» — und er verlangte, dass der Junge es aufmerksam durchlesen und dann seine Schlussfolgerungen noch einmal überdenken sollte.

Die Jungs fuhren gemeinsam, ließen sich in Archangelsk ebenfalls zusammen nieder und wohnten in einer Kommunalwohnung. Jeder von ihnen fand Arbeit, ðàáîòó, namentlich bei der «Bahn». Jura machte sich seine Vorbereitung zur Betriebsfachschule zunutze, vernachlässigte aber, offensichtlich aus mangelnder Erfahrung in der Praxis, die Vorsichtsmaßregeln und verstümmelte sich einen Finger. Davon berichtete mir später die nach ihm nach Archangelsk verbannte G., die dort als Ärztin oder Krankenschwester arbeitete.

Jura begab sich selbst ins Ambulatorium, kreidebleich im Gesicht und voller Blut. Bevor er das Bewusstsein verlor, gelang es ihm noch zu fragen, ob er sich hinsetzen dürfte. Das verblüffte die Krankenschwester (oder Ärztin), die an höfliche Patienten nicht gewöhnt war, dermaßen, dass sie ihre Arbeit verließ, sich den Patienten anschaute und erste Hilfe leistete. Später unterhielt sie sich mit ihm und erfuhr, dass er mein Sohn war (mich kannte sie aus der Woinowo-Straße). Natürlich fanden sich eine Menge allgemeiner Themen, die Jura von den unerträglichen Schmerzen bei den folgenden Verbandswechseln ablenkten.

An der Wunde bildete sich ein Furunkel, und der Finger musste operiert werden: Jura verlor ein Glied (des Zeigefingers) und für immer die Möglichkeit Klavier zu spielen, worunter er sehr litt.

Die wirtschaftliche Seite der Kommune gab den Jungs die Möglichkeit, sich recht gut zu ernähren und auch auf manche Vergnügungen, wie Kino, Theater, seltene Konzerte, nicht verzichten zu müssen.

Der ganze Lohn, Paketsendungen, Geldüberweisungen wurden bei der Hauptkasse abgegeben, und dann für allgemeine und individuelle Erfordernisse mit Wissen des gesamten Kollektivs verwendet.

Sie lebten gut, lasen viel und waren mit dem Leben zufrieden, wenn da nicht das Bewusstsein über ihre unfreie Existenz, ständige Überprüfungen, manchmal auch Durchsuchungen und andere Repressalien gewesen wären, welche stets ein jugendliches Bestreben nach Protest hervorriefen. Er äußerte sich in unbeherrschten Gesprächen, bisweilen in Bubenstreichen auf der Straße oder während der Arbeit.

Unter dem Einfluss der Kommune schrieb Jura einen Brief an den Ermittlungsrichter, dass er die von ihm empfohlenen Bücher gelesen habe, doch auch weiterhin bei seiner vorherigen Überzeugungen bliebe und sich weigere, weitere Forderungen und Befehle von ihm zu erfüllen. (Er sagte nie, was er genau meinte.) Die Folge des Briefes war die Verlegung der gesamten Gruppe aus Archangelsk in den Bezirk Schenkursk und bald darauf Jurijs zweite Verhaftung. Ein Zufall: man brachte ihn in demselben Zug nach Leningrad, in dem wir nach der ersten Verbannung aus Tscherewkowo zurückkehrten.

Ich weiß nicht mehr, an welcher Station wir in den Leningrader Zug umsteigen sollten, aber wir mussten auf dem Bahnhof mehrere Stunden warten, ohne die Vermutung zu hegen, dass ganz in der Nähe, vielleicht in einer anderen Ecke des Wartesaals, unser armes Jungchen, unter Wachbegleitung, ebenfalls auf das Umsteigen wartete. Was hätten wir uns für Vorwürfe gemacht, dass wir, noch ganz traumatisiert von der Verbannung, wir hier an demselben Ort säßen: alles kam uns so vor, als ob man uns verfolgte, dass, ungeachtet unserer Freilassung, sie uns jederzeit, jede Minute, erneut verhaften könnten.

Und dennoch – wenn wir wenigstens hätten vermuten können, dass Jura sich hier irgendwo befindet, dann wären wir natürlich auf ihn zugestürzt, selbst wenn seine Bewacher das verboten hätten. Und wie viel leichter wäre uns Dreien ums Herz gewesen. Von Jurijs Verhaftung hatten wir zufällig erfahren und auch nicht sofort: wie das gewöhnlich zu sein pflegte, informierte uns einer der Freigelassenen, die mit ihm zusammen in einer Zelle gesessen hatten.

Jura geriet an denselben Untersuchungsrichter, überstand neben dem gewohnten Ärger und Verdruss, auch die Vorwürfe, dass er das freundliche Vertrauen, welches ihm im ersten «Fall» entgegengebracht worden war, enttäuscht hatte.

Die zweite Episode von Juras Epopöe endete mit seiner Verbannung nach Mariinsk.

In Mariinsk wurde Jura, der jüngste von allen Verbannten, warm und freundlich begrüßt. Zuerst wurden alle bei allgemeinen, ungelernten Arbeiten beschäftigt – sie zogen aus dem gefrorenen Boden Futter- und Runkelrüben, später verrichteten sie Bauarbeiten. Im Bautrupp passten sie gut zusammen: ein Architekt, ein Musiker, ein Kunstmaler. Gierig nach allen nur möglichen Kenntnissen und ganz besonders nach den unterschiedlichen Arten von Kunst interessiert, erwies sich Jura als guter Schüler. Er nahm alles in sich auf, verschlang alles, wovon geredet wurde, erarbeitete sich seinen eigenen Standpunkt, seinen eigenen Geschmack, und wurde vom Technischen her — ein hervorragender Zeichner, was ihm, neben seiner «Eisernen», in der Folge der Verbannungszeit sehr zustatten kam.

An Mariinsk erinnerte sich Jura immer mit Dankbarkeit an die Menschen, mit denen er dort das Glück hatte bekannt zu sein und Umgang zu haben.

Zu der damaligen Zeit konnte man noch vorzeitig freigelassen werden, wenn man gewissenhaft arbeitete, und so wurde Jura 1935 entlassen, allerdings ohne Wohnrecht für Leningrad.

Nachdem er einige Zeit Zuhause gewohnt hatte, sollte Jura irgendwohin fahren. Wir wollten nicht, dass es zu weit weg war und beschlossen, ihn 100 km entfernt, nach Malaja Wischera, zu schicken. Allerdings musste er dort eine Arbeit finden, doch das gestaltet sich nicht leicht, wenn eine Masse amnestierter Leningrader, mit Familien, die mit unserer Stadt in Verbindung standen, nach Luga oder Malaja Wischera stürmten. Außerdem waren fast alle große Spezialisten, und für so einen Nebensächlichen, wie Jura es war, fand sich keine einigermaßen geeignete Aufgabe. Die Stellen für Zeichner, Wirtschaftsfachleute, Statisten, Buchhalter, Rechnungsführer u.a. waren von Professoren besetzt, quasi Akademikern. Da Jura körperliche Arbeit nicht scheute, zudem schon die Feuertaufe in Mariinsk bestanden und Arbeit unabhängig vom Geld geleistet hatte (wir führten damals ein karges Leben), die auch für Lebensmittelkarten unerlässlich war, wurde Jura Flößer. Unverdrossen und leidenschaftlich wie immer machte er sich an die Arbeit. Aber da er ungeeignete Kleidung trug, wurde er schnell nass und erkältete sich.

Zu der Zeit hielt ich mich bei ihm in Malaja Wischera auf. Ein kleines Städtchen, eher ein Dorf, hölzerne Häuschen, Matsch, unbefestigte Straßen und auf Schritt und Tritt — mal ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Eremitage, mal ein bekannter Historiker und Archivar, mal ein Universitätsprofessor — «ehemalige», natürlich, mitunter mit ihren Ehefrauen; sie wohnten irgendwo, häufig unter Wanzen und Kakerlaken, die sich in Hülle und Fülle in den hölzernen Behausungen eingenistet hatten. Wir schauten uns stets nach allen Seiten um, hatten Angst, jemandem zu begegnen und in irgendeinem Kollektivfall angeklagt zu werden. Jurij hatte fast gar keine Bekannten, besonders quälend war der Mangel an Büchern, auch wenn wir uns bemühten, sie mit unseren eigenen Einsendungen aufzufüllen. Er suchte die Gemeinschaft auch nicht, fühlte sich stets vergiftet und gab der Mariinsker Verbannung den Vorzug vor einem halbfreien Dasein.

Man bemühte sich um jede beliebige Arbeit, die von längerer Dauer und geeigneter war. Zu dieser Zeit wurde der Moskau-Wolga-Kanal gebaut, und Jura gelang es, dort zunächst als Zeichner und später als Techniker anzufangen.

Darüber, wie er dort arbeitete, erfuhr Kolja durch den Bauleiter, der sich Jura gegenüber sehr gut verhielt. Er führte zwei Episoden an, die Jura und seine Einstellung zur Arbeit und seiner Umgebung charakterisierten.

Jura wurde zum Arbeitsleiter auf irgendeinem entfernten Abschnitt ernannt, wo die Arbeiterschaft aus Verbannten bestand; zuerst benahmen sie sich Jura gegenüber wie zu einem ehemaligen Mitbruder, der die Front gewechselt und nun der Leitung zu Diensten war. Doch bald darauf änderte sich das Verhalten ihm gegenüber. Jura tat alles, was er in seiner Lage tun konnte, um die die Arbeiter vor Amtsmissbrauch durch kleinere Beamte zu bewahren, die mit allen möglichen Mitteln versuchten, ein Vermögen zu machen. Als so ein Mensch erwies sich der im Abschnitt eingetroffene Kassierer. Bei der Auszahlung der Arbeiter kürzte er auf jede erdenkliche Art und Weise ihren bescheidenen Lohn, wobei er dies sehr klug tat, denn den «Fehler» finden konnte nur jemand, der sich mit der Arbeit auskannte. Jura führte selber eine genaue Statistik und warnte den Kassierer, nachdem er ihn bei seiner Gaunerei erwischt hatte, dass er sich, für den Fall, dass dies noch ein- oder zweimal geschehen sollte, höchstpersönlich mit ihm beschäftigen würde.

Als der Kassierer mit seinen Hinterziehungen nicht aufhörte, verprügelte Jura ihn vor aller Augen. Der Kassierer beschwerte sich, und man hätte Jura wegen Selbstjustiz verurteilen sollen. Als der Bauleiter Jura zu sich rufen ließ, verlangte er eine Erklärung, weshalb Jura sich nicht an die Leitung gewandt hätte. Jura antwortete: «Ich war kein Denunziant und werde auch nie einer sein, aber ich habe starke Fäuste, und für solche Schlitzohren sind sie überzeugend, zumindest können sie dieser Strafe nicht ausweichen, und in Zukunft werden sie vorsichtiger sein».

«Aber du weißt, was dir dafür blüht?» — «Ja, aber jetzt weiß ich wenigstens wofür». Der Leiter vertuschte den Fall und beschränkte sich auf Juras Versetzung zu einem anderen Bauabschnitt.

Dort ereignete sich ein weiterer Fall. Auf dem Bau, in Jurijs Revier, kam ein neues, ausländisches Fahrzeug zum Einsatz, welches für die Arbeit auf Vordermann gebracht werden musste. Mal fehlten Ersatzteile, mal gab es keine geeigneten Fachleute, jedenfalls konnten sie mit dem Gerät nichts anfangen: es funktionierte einfach nicht.

Jura, der so ein Fahrzeug noch nie gesehen hatte, nahm es auf eigenes Risiko auseinander, studierte die Technik und erweckte sie zum Leben. Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, blieb jedoch am Grund des Flusses stecken. Man musste es herausziehen. Es war Mitte November, das Wasser eiskalt. Jura schlug vor zu tauchen. Niemand meldete sich dafür. Da tauchte er selber ab. «Und Minute für Minute verstreicht, aber er taucht nicht wieder auf. Wir nahmen bereits unsere Mützen ab: klar — er war ertrunken. Und plötzlich ein Klappern, ein Knarren, das Fahrzeug bewegte sich und räumte Erdreich hervor, und oben - sitzt der bewusstlose Jura». Es dauerte lange, bis sie ihn wieder zum Leben erweckt hatten, und natürlich ging das Ganze auch nicht ohne Erkältung ab, doch das Fahrzeug war funktionsfähig und konnte zur Arbeit eingesetzt werden. Jura erhielt eine Dankesurkunde und eine Prämie, sein Prestige war fest etabliert.

Damals wurde in Dmitrowo eine Filiale des Hydrotechnischen Instituts eröffnet, und Jura wurde als Kandidat ernannt. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen. In aller Eile schickten sie ihm Dokumente, notwendige Bücher. Aber... die oberste Leitung erteilte ihm als ehemaligem Repressionsopfer keine Erlaubnis für ein Studium, trotz aller schmeichelhaften Äußerungen, die der Bauleiter über Jura gemacht hatte.

Dem ersten "begeisterten“ Telegramm nach Hause folgte ein anderes, in dem volle Verzweiflung zum Ausdruck kam. Doch die Arbeit auf dem Bau ging zu Ende, erneut keimte Hoffnung auf: Jura wurde für eine Medaille mit Tilgung seiner Vorstrafen aufgestellt. Es blieben Formalitäten, die dem Jungen Hoffnung gab, Komsomolze zu werden — davon hatte er immer schon geträumt — und vollberechtigtes Mitglied der sozialistischen Gesellschaft, von der er seit frühen Jahren ein aufrichtiger Bewunderer war, trotz aller Unbill, die er mit bloßen Zufälligkeiten erklärte.

Und plötzlich wieder ein Telegramm: «Hurra, in die Rote Armee einberufen. Alles ist vergessen, ich werde Soldat». So dachte er tatsächlich, als er zwei Monate vor Beendigung des Baus nach Pskow fuhr. Doch hier ereilte ihn eine Enttäuschung: er wurde, wie viele andere ehemalige Repressierte auch, einem Baubataillon zugewiesen, d.h. «nichts war vergessen», es ist dieselbe Verbannung, dieselbe Arbeit, nur mit einer viel strengeren Soldatendisziplin.

Und diese Disziplin hielt er nicht aus.

Dem waren Ereignisse vorausgegangen, die sich in Moskau und Dmitrowo zugetragen hatten.

Als er dort wohnte, lernte Jura in der Familie Pawlow ein Mädchen kennen, das sich in ihn verliebte. Nicht sehr hübsch, nicht besonders klug, aber vergleichsweise gebildet, Universitätsstudentin, zudem der Humanwissenschaften, Kunsthistorikerin, Theaterliebhaberin – natürlich war sie eine interessante Gesprächspartnerin für Jurij, besonders in Dmitrowo, wo es nur wenige Menschen gab, mit denen er außerhalb der Arbeit Kontakt hätte haben können und wollen.

Zu Lida kam einmal deren Freundin Lusja Chotimskaja, ebenfalls Studentin der Moskauer Universität. Sie war ein derart charmantes Wesen, dass wohl in der ganzen Umgebung klein einziger Mensch, Mann oder Frau, war, der nicht ihrem Liebreiz verfallen wäre. Klein, äußerst zerbrechlich, mit dunkelbraunem Haar, ungleichmäßigen Gesichtszügen, riesigen, wunderbaren Augen – wenn sie erstrahlten, wurde sie zur Schönheit. Sie leuchtete auch mit einem inneren Licht, und er zwang sich, es nicht zu sehen, nicht zu bemerken; schön oder nicht, jedenfalls strahlte es nicht nur sie selber an, sondern ihre gesamte Umgebung. Konnte man etwa nicht hinschauen, wenn Lusja auf der Bildfläche erschien? ... Natürlich konnte Jura nicht widerstehen. Es begann eine Tragödie: er liebt sie, und sie liebt ihn ebenfalls, aber auch die andere liebt ihn, und beide lieben sich, zudem bedauert er die zweite, verstoßene. Alle Treffen zu dritt, alle Begegnungen zu zweit verdüsterten sich mit dem Schatten der sich zusammenbrauenden Tragödie, der Vorahnung von Herzensschmerz. Genau zu dieser Zeit riss das Schicksal Jura aus Moskau fort und versetzte ihn zum Baubataillon nach Pskow. Sehnsucht nach Lusja und dem kulturellen Leben in Moskau; in den meisten Fällen konnten die grobschlächtigen, wenig intelligenten Kameraden seinem Hang zur Poesie, zur Musik und ganz allgemein zum Schönen nicht gerecht werden. Sie mochten ihn auf ihre Weise, verstanden ihn aber nicht immer.

Auf der anderen Seite — war Leningrad, waren seine Eltern und Geschwister, die er leidenschaftlich und ruhelos liebte, so nah, wie alles, was er tat. In Leningrad — die Eremitage, das Russische Museum und die Philharmonie, und hier langweilige Arbeit, auf der Suche nach Baumaterial Reisetätigkeiten durch wenig mit Kultur behaftete Bezirke. Es kommt zu Missbrauch bei den beruflich bedingten Fahrten. Sie schicken Jura irgendwohin; er sieht zu, dass er die Aufträge so schnell wie möglich erledigt, um wieder nach Hause zu können, wo man ihn mit schmackhaften Kartoffelfladen durchfüttert, wo alles gut ist, denn es ist Leningrad, sein Zuhause, seine Menschen, mit denen er über alles hervorragend und in interessanter Weise reden kann. Zudem schreibt Papa, der seine Dissertation verteidigt, an einem Buch über Russland; er wird Auszüge daraus lesen, und Mama wird auch etwas Interessantes für ihn finden. Und die Jüngeren werden mit verliebten Augen schauen, herumalbern und so tun, als wären sie erwachsen... Das war das Jahr 1936/37.

Die Abwesenheit nach Leningrad konnte nicht spurlos vorübergehen. Auf einer der Heimfahrten, im Schlafwagen des Zuges sitzend, der in Richtung Pskow fuhr, stieß Jura auf den Leiter. Natürlich wurde ausgefragt, nachgeforscht, man war misstrauisch (obwohl wir Jurij, wie immer, mit der gesamten Familie begleitet hatten), es kam eine offizielle Strafe.

In dieser Zeit beschlossen die Moskauer Schönheiten Jura gegenseitig abzutreten, und stellten es schließlich großherzig ihm anheim eine der beiden Freundinnen für sich auszuwählen. Mit großem Verstand und Gefühl schickten sie ihm ein Telegramm, welches sein weiteres Schicksal besiegelte: «Wir sind frei, sei du es auch». Das war 1937. Die «suspekten» Reisen nach Leningrad, das «verdächtige» Telegramm, seine nicht ausreichend ernst genommene Einstellung zum Dienst, ein paar «unverständliche» Verse — das reichte für eine Verhaftung vollkommen aus.

Nachdem wir lange keinen Brief mehr von Jura bekommen hatten, beunruhigt wegen seines Schweigens und allem, was um uns herum geschah, schickten wir Telegramme, schrieben an den Vorgesetzten des Truppenteils – alles blieb ohne Antwort. Schließlich erhielten wir ein Päckchen mit Familienfotos, von denen Jura sich nicht hatte trennen können, und erfuhren, dass der Junge erneut verhaftet worden war. Von der Zeit seines Aufenthalts im Pskower Gefängnis erzählte er nicht gern. Er sagte nur, dass es eine schwere Zeit war... Dafür berichtete er vom märchenhaft schönen Leben in Dmitrowo und Moskau, natürlich über Lusja und Freund Slawa, dem er zur größter brüderlicher Freundschaft verpflichtet war, der Möglichkeit, über alle erdenklichen ernsten Fragen der Philosophie, Kunst, Literatur zu diskutieren, um letztendlich wieder zu demselben Schluss zu kommen! Das Wertvollste im Leben sind — Musik und Kunst ganz allgemein, und Lusja — die Personifikation des Schönen.

Es begann die dritte Etappe von Juras Leiden. Diesmal der Osten: Abakan, Komsomolsk u.a. Zum Glück für uns alle hatte man Jura nicht das Recht auf Briefwechsel entzogen — die schmerzhafteste Maßnahme, die den Menschen komplett von seiner Familie und den Bekannten abschneidet und ihn so zur ewigen Einsamkeit verdammt.

Nach langem Schweigen erhielten wir einen Brief zunächst von unterwegs, später aus Komsomolsk und dann mehr oder weniger regelmäßig, mal direkt von ihm, mal über Lusja, mit der wir sowohl in der Zeit vor unserer Verhaftung, als auch zu der Zeit, als ich - zuerst allein und später mit Tusja - in Jakutsk lebte, brieflich in Verbindung gestanden hatten.

Wenn die vorhergegangenen Verbannungen den Charakter einer gewissen «Freiheit» in sich getragen hatten, wo man das Recht hatte zu arbeiten, wenn man angenommen wurde, sich seinen häuslichen Alltag nach den materiellen Möglichkeiten einzurichten — mit Meldung seiner Adresse an die zuständigen Behörden, mit der Möglichkeit, ständig eine Durchsuchung erwarten zu können, eine Aufforderung zum Erscheinen bei der «Amtsstelle» zu erhalten, in der Erwartung, stündlich Repressionen und der andauernden Meldepflicht ausgesetzt zu sein (mitunter alle 2—3 Wochen oder einmal im Monat), so waren die Lageraufenthalte mit ständiger Wachbegleitung (Such-Hunden) verbunden, sobald man das Lager-Gefängnis-Territorium verließ, mit vollständiger Unterwerfung bisweilen auch unter die Marotten der bei weitem nicht immer kultivierten Leitung, die von jedem beliebigen Begleit-Wachmann repräsentiert werden konnte.

Allerdings brauchte man sich um das Essen keine Sorgen machen, doch es reichte damals keineswegs aus, und mehrfach stellte Jura i9n seinen Briefen begeistert ein «Lukullisches Festmahl» dar, wenn er mit seinen Kameraden, zusätzlich zum Mittagessen, ein paar Kartoffeln mit Kastor- oder technischem Öl gebraten hatte, «das mitunter stark nach Kerosin roch». Am schwierigsten zu ertragen war der Mangel an Machorka. Dem Rauchen frönte er, seit er zum ersten Mal im Gefängnis gesessen hatte, und griff später immer wieder darauf zurück, wenn er besonders einsam war.

Leider konnten wir ihm nur selten mit Geld helfen, für das man, wie er schrieb, nichts kaufen konnte, oder mit Paketen: wir führten auch ein sehr schwieriges Leben. Häufiger schickten Lusja und ihre Eltern etwas, die zu der Zeit in einem sehr guten Verhältnis zu Jura standen.

Einen großen Trost bedeutet für Jura damals die Freundschaft mit Jascha Ch. und der Beginn gemeinsamer «Übersetzungen» von du Ventre.

Als erster Anstoß für die Wahl des Sujets und die Form diente Mérimées «Chronik der Regierungszeit Karls IX». Von dort wurden die Illustrationen übernommen. Übrigens hätte Jura auch ein überdurchschnittlicher Graphiker sein können, wenn er sich auf dieses künstlerische Genre spezialisiert hätte. Im Großen und Ganzen, zeichnete er sich, ähnlich dem Vater, ausschließlich durch sein vielseitiges Talent aus. Was das technische Zeichnen anging, so war er seinen Künstler-Freunden und Kameraden in der Mariinsker Verbannung verpflichtet. Seine Lesezeichen- Designs, Miniaturen u.a. hoben sich durch ihre Exaktheit der graphischen Linienführung, ihre Einfachheit hervor, und, zusammen mit einer raffinierten Formschönheit, feilte er auch an seinen Versen mit der Sorgfalt und Kleinlichkeit eines Künstlers, arbeitete einzelne Strophen und Abbildungen etliche Male um. Vielleicht hinderte ihn die Vielseitigkeit des Talents daran, eine bestimmte Art der künstlerischen Form zu wählen und diese dann zu perfektionieren, und das Leben, wie auch sein Vater, taten alles, um ihn von diesem Bestreben abzuhalten. Nur in einem Fall diente Asthma als Hemmnis, in dem anderen – die Verbannung...

Nachdem er Lusja in der Dmitrowsker Zeit nähergekommen war, erstarkte in Jura während der Verbannung nicht nur das Interesse an ihr, sondern auch seine Liebe, trotz der schmerzhaften Erfahrung ihrer Trennung. Lusja bedeutete ihm alles: moralische Unterstützung, strenge Kritik, Freund, Liebe.

Alles Gute im Leben und in seinen Träumen konzentrierte sich in ihr. Über alles schrieb er ihr, ohne seine zufälligen Liebesabenteuer in der Verbannung auszulassen, und sie, die darunter litt, begriff trotzdem, weinte, aber verzieh, denn das Wertvollste war doch seine Aufrichtigkeit ihr gegenüber und die Erkenntnis, dass seine Liebe zu ihr ungebrochen war, so dass sie alle Hemmnisse hinfort fegte und vernichtete.

Lusja verbuchte riesige Erfolge in Schriftsteller-, Schauspieler- und anderen gehobenen Kreisen. Die Zeit verging, es wurde immer schwieriger, dass Ende von Juras Wanderschaft abzuwarten. Und trotzdem kam ihr nicht einmal der Gedanke der Möglichkeit, sich ein anderes Leben aufzubauen, wenngleich Jura, der an seiner Freilassung zweifelte, ihr mehrfach empfohlen hatte, mit ihm nicht mehr zu rechnen, wobei ihn gleichzeitig das Entsetzen über die Möglichkeit einer solchen Entscheidung erfasste.

Einmal, nach der Erklärung eines in vielerlei Hinsicht «glänzenden» jungen Mannes, der sie beschwor, seine Frau zu werden, antwortete sie: «Mein Guter, ich mag Sie sehr, aber ich habe doch Jura». Und bei dem Herausforderer sanken Kopf und Hände herab: Jura kannte er, und ein solches Argument war viel zu überzeugend, um weiterhin irgendeine Hoffnung zu hegen...

Zu dieser Zeit schrieb Lusja, die gerade ihre Aspirantur beendet hatte, an ihrer Doktorarbeit über Slowatzkijs Dramaturgie. Es lässt sich unschwer erraten, weshalb sie ausgerechnet dieses Thema wählte: Jura verehrte diesen Poeten genauso wie ich.

Ich reagierte auf Lusjas Aufruf, ihr behilflich zu sein, und verbrachte 1947 drei oder vier Monate bei den Chotimskijs. Ich habe keine Ahnung, welchen Nutzen ich ihr brachte, obwohl sie mir versicherte, dass sie ohne meine Hilfe überhaupt nicht zurechtgekommen wäre. Aber sie beherrschte die Sprache ebenso gut, wie sie die feinsten Schattierungen in den Gedanken des Dichters verstand, dass sie natürlich auch ohne mich erfolgreich klargekommen wäre.

Meine Gesellschaft war ihr ganz besonders deswegen so wertvoll, weil wir über Jura sprechen konnten, über das, was sie liebte, worüber sie aber mit ihren Angehörigen nicht reden konnte, die sie sehr gern hatte, die ihr aber in vielen Dingen fremd waren. Nicht umsonst nannte sie mich ihre «Leningrader Mama».

Dann ging der Krieg zu Ende, und immer häufiger wurde davon gesprochen, dass man nun bald diejenigen freilassen würde, deren Verbannungszeit ablief...

1947 fuhr Jura nach Moskau. Wir drei erwarteten ihn mit Ungeduld, hatten aber auch Angst vor ihrer Begegnung. Irgendwie waren 10 Jahre verstrichen. Briefe — beantwortet mit Briefen, aber beide hatten sich körperlich verändert. Würden sie bei ihrem Wiedersehen dieselbe Nähe fühlen, die sie empfunden und von der sie während ihrer Trennungszeit geträumt hatten?

Auf diese Frage antwortete mir Jura mit einem Brief. «Lusja hat mich wiedergesehen. Ich dachte, dass ich die Minute überhaupt nicht erwarten könnte, bis ich sie umarmen würde. Wir saßen im Auto... und da fühlte ich, dass Lusja tatsächlich meine Frau war».

Jura konnte nicht einmal davon träumen, in Moskau oder Leningrad Arbeit zu finden. Es fanden sich Bekannte, die Jura den Rat gaben, die nicht realisierbaren Träume literarischer Verdienste fallen zu lassen, egal, wie sehr seine Gedichte, seine Zukunftspläne auch bewundert wurden. Jurij musste es erneut bei der «Eisernen» versuchen. Nach Monaten des Wartens bekam er eine Arbeit als Ingenieur und Konstrukteur beim Waggonbau-Werk in Kalinin.

Es begann ein glückliches, aber mühsames Leben: Lusja — in Moskau, Jura — in Kalinin. Freitagnachts fährt Jura nach Moskau, bleibt am Samstag und kehrt Sonntagabend wieder zurück, um sich, ohne geschlafen zu haben, sofort wieder zur Arbeit in die Fabrik zu begeben. Und trotzdem — es gibt immer gute Menschen — man verzeih ihm, schätzte sogar seine Arbeitsfähigkeit, und sie liebten ihn als guten Menschen.

Ihren Urlaub verbrachte Lusja in Kalinin. Sie lebten in einem hellen Zimmer, in dem es fast keine Möbel gab, Lusja war glücklich die verheiratete Frau und Hausfrau zu spielen, machte sich über das Essen Gedanken und ging zum Markt. Dieser Monat war die einzige glückliche Zeit in Juras 36-jährigem Leben. So lebten sie bis zum Jahr 1947.

1949 wurde Jura erneut ohne Anklageerhebung verhaftet, ohne Angabe von Gründen verbannten sie ihn in die Region Krasnojarsk, nach Sewero-Jenisseisk. Kann man sich wohl die Verzweiflung der beiden vorstellen? Bei der Verladung gelang es Jura noch, mit Lusja zu sprechen. Natürlich bemühten sie sich, einander gegenseitig zu stützen, zu trösten und sich Hoffnungen zu machen... Näheres in Briefen; sie kamen überein, dass Lusja, wenn sie den Vorschuss in Höhe von 3000 Rubel für die in Druck gegebene Arbeit erhalten hätte, nach Sewero-Jenisseisk fahren und dort einige Monate mit Jura verbringen sollte. Ganz zu ihm ziehen konnte sie nicht, die finanziellen Mittel dafür waren nicht vorhanden. Jurijs Lohn würde nicht reichen, sie hätte ebenfalls Geld verdienen müssen, aber ihre Arbeit war doch die bei der Theater- und Literaturgesellschaft – und das war eng mit Moskau verbunden.

Das Schlimmste war ihre Kränklichkeit (ein uraltes Leberleiden, welches sich offensichtlich nach einer Zwangsabtreibung, einer Operation und häufigen Anfällen verschlechterte), die Eltern sprachen sich kategorisch gegen ihre Fahrten aus und verlangten grundsätzlich die Trennung von Jura.

Über eine Trennung wollte Lusja nicht einmal nachdenken, aber die Reisen musste sie aussetzen. Aber dann hatte sie das Geld bekommen, und der Zeitpunkt war festgelegt... Jura wartet auf das endgültige Telegramm mit dem Abreisetermin... Und er erhält ein Telegramm von Lusjas Schwester, dass Lusja plötzlich und unerwartet verstorben ist.

Die Schwester hatte dieses Telegramm versendet, obwohl ich ihr, nachdem ich die Nachricht von Lusjas Tod erhalten hatte, sofort telegrafiert hatte, dass sie Jura nicht informieren, sondern warten solle, damit ich selber zu ihm fahren und es ihm sagen könnte.

Als er das Telegramm gelesen hatte, verlor er das Bewusstsein, und, nachdem er wieder zu sich gekommen war, dachte er an Selbstmord.

Ich telegrafierte ihm, dass ich bei der nächsten Möglichkeit losfahren würde, beschwor ihn, an mich zu denken, sich zusammenzunehmen und auf mich zu warten ...

Und Jura riss sich zusammen und wartete. Nachdem ich 3000 Rubel aufgebracht hatte, fuhr ich zu ihm, und er wartete immer noch. Das war unsere letzte Begegnung, und es fällt schwer, darüber zu reden.

Die Flugzeuge hatten gerade erst ihre Flüge zwischen den Winter- und Frühjahrsschneefällen aufgenommen. Einen regelmäßigen Flugplan gab es nicht, auch Telegramme gingen unregelmäßig. Jura erwartete mich, während er an einem Schachtprojekt tätig war, den er baute. Als das Flugzeug in Sicht kam, stürzte er zum Flugplatz, aber er verspätete sich. Ich trat hinaus und schaffte es, den Koffer (mit großer Mühe, denn er war sehr schwer) bis zur Aufbewahrungskammer zu ziehen. Vom Flugzeug entsprach das einer Entfernung von etwa 1 km. Ganz außer Atem dachte ich darüber nach, was nun werden sollte. Das Problem war nicht nur das Fehlen eines Transportmittels – ich kannte auch Juras Adresse nicht, denn ich hatte angenommen, dass er mich abholen würde. Plötzlich sehe ich ihn kommen, daher fliegen: in dem roten, österreichischen Mantel, den der Bruder ihm geschickt hatte, aufgeknöpft, wie Flügel flatternd. Kopf und Oberkörper vorneweg, die Beine kommen kaum hinterher (sein gewohnter Gang). In den Augen Tränen, bereit, jeden Augenblick in Schluchzen auszubrechen. Wir erinnerten uns an die gesamte Verbannungszeit, Lusja, das Haus... Um ihn von einem Tränenausbruch und heftigem Aufschluchzen abzuhalten, versuche ich, ihn «wegen der Verspätung» auszuschimpfen, sozusagen, die Stimmung mit geringfügigen Sorgen und Vorwürfen umzuschalten: dass ich seine Adresse gar nicht hätte, wohin ich denn hätte gehen sollen, wohin das Gepäck veranlassen. Schuldbewusste, liebenswerte Augen, Versuche, sich zu rechtfertigen: «Das Flugzeug ist so schnell gelandet, ich habe es während der Arbeit gesehen, aber ich habe es nicht rechtzeitig geschafft, der Weg war einfach zu weit»... und wieder unwichtige Sorgen um das Gepäck, den Hauswirt, den Teå. Dass nur alles gut geht...

Eigentlich lief mein ganzer Aufenthalt von April bis Juni darauf hinaus — wenn nur alles gut ging. Bei Jurij — dasselbe. Nur nachts, wenn er dachte, dass ich schlief, ließ er seinen Nerven freien Lauf: er weinte, wie ein kleines Kind. Über das Schmerzliche sprachen wir nicht – wir konnten es beide nicht. Der ganze Sinn meines Aufenthalts bestand darin, ihn abzulenken, zu vergessen. Und es wurde nichts vergessen. Denn Jura von hier fortreißen konnte ich nicht, und hier erinnerte ihn alles an die Möglichkeit, mit Lusja zusammen zu sein, wenigstens eine Nachricht von ihr zu erhalten, sogar einfach nur zu wissen, dass sie da war, in Moskau, an ihn, an ein Wiedersehen mit ihm denkt, wenn auch vielleicht nicht mehr in diesem Jahr... In den seltenen offenen Gesprächen gestand der: «Es besteht keine Notwendigkeit zu leben – für wen denn und für was? Das Leben ist zu Ende, nach mir bleibt niemand, nichts zurück. Wenigstens ein einfaches menschliches Glück, wenn es ein Sohn wäre...» Er beschloss zu heiraten. In der Nähe gab es eine Arbeitskollegin. Dafür, dass sie gelegentlich mit ihm ins Kino ging, wurde sie entlassen. Das verpflichtete ebenfalls. Sie fuhr zu ihrer Schwester nach Krasnojarsk (beim Warten auf das Flugzeug machte ich bei ihnen Halt). Kuchlas Schicksal. «Es gibt keinen Ausweg» usw. War es das Gespräch wert zu sagen, dass dem nicht so war, dass die Verbannung bald endete (wenngleich er ohne zeitliche Begrenzung verbannt worden war und kein Recht auf Rückkehr in die Heimat besaß)? Jura lebte wie ein Anachoret, mit anderen Verbannten freundete er sich nicht an, den jeder hatte seine eigenen Interessen, seine Hoffnungen, und es war auch riskant, Freunde zu machen; es zog ihn nicht zu den Menschen hin, obwohl er über viele eine gute Meinung äußerte. Gedichte wurden «nach Lusja nicht geschrieben», die Bücher wurden sehr schnell verschlungen, es blieben fast keine Spuren übrig.

Was blieb war die «Eiserne». Es wird eine Ausrüstung geschickt, die eine Menge Kenntnisse erfordert. Man muss besser English können... Er und ich suchten sorgfältig nach einem Ausweg und mochten nicht daran denken, dass es eigentlich keinen gab. Sorgsam hütete ich alle Kleinigkeiten, die an Lusja erinnerten: ihre Briefe (mitunter las ich Auszüge daraus), ihr Bärchen, ihre Bücher — alles gegenständliche, was an sie, die nicht mehr existierte, erinnern konnte.

Manchmal gingen er und ich ins Kino: die einzige Möglichkeit einer kulturellen Abwechslung. Dann zog Jura seinen schmucken Mantel an und nahm jenen unabhängigen Ausdruck an, der ihn so sehr von den anderen unterschied, der einen zwang, sich vor ihm zu verbeugen und ihm nachzugeben. Jura ging mit allen sehr höflich um, aber mit wachsamer Vorsicht. Da es in Sewero-Jenisseisk Banditen («Urkas»), in Hülle und Fülle gab, beschützte Jura mich ganz besonders: er hakte mich ein und prüfte mit seinen Blicken aufmerksam die Nachbarschaft. Es genügte bereits, wenn er nur die Vermutung hegte, dass jemand sich mir gegenüber nicht respektvoll genug verhielt, dass er blass wurde, seine Muskeln sich anspannten; ich hatte immer Angst, dass er eine Minute später die Fäuste schwingen würde und es zu einem Skandal käme. Er hielt sich mit reiner Willenskraft zurück. Ich fürchtete diese öffentlichen Plätze und schlug ihm vor, einfach nur mit ihm in der Gegend spazieren zu gehen. Doch selbst als der wundervolle sibirische Frühling einsetzte, mit Unmengen von Blumen, mit märchenhaften «Lichtlein» (Badeanzug), Türkenbundlilien, Tulpen, riesigen violetten Trauben der Vogel-Wicken, aromatischen Kiefern auf den Hügeln,— selbst dann ging ich allein oder mit den Nachbarskindern zum Blumenpflücken: Jura vermied derartige Spaziergänge, vielleicht, weil sie ihn zu lebhaft an Lusja und die Dmitrowsker Spaziergänge erinnerten. Gleichzeitig arbeitete er angestrengt an einem Vortrag auf seinem Spezialgebiet (es handelte sich um die «Eiserne») — über die neuste Ausstattung mit Elektrogeräten beim Schachtbau. Ich begriff nie, worin der Kern der Sache lag, aber Jura las mir seine «Erfindungen» vor und lauschte meinen «architektonischen» Ratschlägen. Er war sehr besorgt, denn an dem Vortrag sollten «echte» Ingenieure mit Universitätsbildung und langjähriger Berufserfahrung zugegen sein. Etwa zwei Wochen arbeitete er mit großer Begeisterung îí ñ óâëå÷åíèåì, der Vortrag wurde mit Erfolg gehalten, er hörte eine ganze Reihe Komplimente von Experten; nachdem er jedoch zurückgekehrt war, wälzte er sich erneut die ganze Nacht im Bett herum (er schlief auf dem Boden, denn sein Bett hatte er, trotz meiner Proteste, mir zur Verfügung gestellt) und war mit der Frage beschäftigt: «Wozu das alles?»

In den ersten Juli-Tagen reiste ich ab. Meine Abfahrt wurde ein wenig durch den Gedanken beschleunigt, dass Anja eintreffen sollte, ihr gemeinsames Leben beginnen würde und es besser wäre, sie in der ersten Zeit nicht dabei zu stören.

Wir trennten uns mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen, vielleicht im nächsten Jahr.

Anja wurde tatsächlich bald darauf von ihrer Arbeit in Krasnojarsk entlassen und kehrte zu Jura zurück. Zuerst wohnten sie in einer Privatwohnung, danach zogen sie zur Mutter, in deren eigenes Haus.

Anja hat — einen schwierigen, unnachgiebigen Charakter, sie konnte ein halbes Jahr lang nicht mit ihrer Schwester reden, die mit ihnen Seite an Seite lebte. Ihre Mutter kannte ich nicht, aber nach Äußerungen anderer, entschärfte sie häufig Aninas Mäkeleien, Taktlosigkeiten und Charakterlosigkeiten innerhalb des Familienlebens. In Jurijs Briefen flackerte mitunter eine verständliche Unzufriedenheit mit dem Leben auf, aber der Traum von einem Kind glättete die Unebenheiten.

Da ich Jurijs Stimmung begriff, schrieb ich ihm häufig, und im Dezember 1950 unternahm ich den Versuch, mit ihm am Telefon zu sprechen. Das Gespräch fand nicht statt...

Die Anmeldung des Gesprächs war angenommen und bestätigt. Wir warteten bis 6 Uhr morgens hier und Jura bei sich im Postamt. Und trotzdem geschah nichts. Offenbar maß Jura diesem Telefonat eine besondere Bedeutung bei, denn er schickte ein Telegramm mit der Bitte, den Anruf zu wiederholen. Man musste diesen Anruf über Moskau nach Krasnojarsk tätigen, und dort per Funk. Konnte man das wirklich? Würde das den Behörden nicht verdächtig vorkommen, falls sie auch anderen, nicht verwandtschaftlichen Beziehungen auf der Spur waren, wenn sie sogar zwischen Mutter und Sohn argwöhnisch waren? Würde mein Anruf Jurijs Schicksal als Verbannter nicht womöglich schaden? (Zu der Zeit häuften sich bei ihnen gerade die Verhaftungen.) All das zwang mich, vorerst von einem erneuten Anruf Abstand zu nehmen. Was für Vorwürfe mache ich mir jetzt deswegen! Vielleicht wäre das unser letztes Gespräch gewesen. Und hätte es Jura möglicherweise von etwas ganz Schrecklichem abgehalten?

Mit einem Wort – am 20. Januar versetzte uns ein Telegramm in Entsetzen, in dem mitgeteilt wurde, dass Jura im Schacht tödlich verunglückt wäre...

Später gab es nähere Einzelheiten. Eine Woche zuvor hatte er von Lusjas Freundin ein Paket erhalten mit einem posthum herausgekommenen Büchlein Lusjas. Verzweiflung brach erneut mit unaufhaltsamer Kraft aus ihm hervor. Er verbrannte all ihre Briefe. Im Laden kaufte er alle möglichen Materialien für einen Morgenmantel für Anja, Flanellstoff für das erwartete Kind und noch einige Dinge mehr.

Am 20. Januar sollte er zum letzten Mal den von ihm gebauten Schacht besichtigen, damit er in Betrieb genommen werden konnte. Vor der feierlichen Eröffnung begab er sich... ohne Grubenlampe hinein... und stürzte tödlich. Als Anja, nachdem sie es erfahren hatte, herbeigeeilt kam, war er noch warm, aber tot.

Das war‘s. Austausch von Telegrammen mit Anja und ihren Kolleginnen. Zur Beerdigung fahren ist unmöglich: die Entfernung, kein Geld, und selbst, wenn es ein Flugzeug gegeben hätte – sie wären ja vom Januarwetter abhängig gewesen. Anja richtete die Bestattung nach üblichem Brauch aus, die Kolleginnen trugen den offenen Sarg zum Friedhof, man wollte sogar Musik dabei haben, aber die Leitung erlaubte es nicht: sie fürchteten sich vor dem Toten. Der Totenschmaus – «wie bei den Menschen». Unser Leben, von dem wir geträumt hatten, unsere Liebe, unsere Arbeit, eine nützliche Arbeit, zur eigenen Freude, zur Freude der Angehörigen und aller Menschen, unsere blauäugige, mit Melancholie versetzte Beharrlichkeit und Zähigkeit — hochgezogene Augenbrauen, und, vor allem nach Lusjas Tod... Unser Jura findet auf dem hochgelegenen Friedhof in Sewero-Jenisseisk seine letzte Ruhe. Anja kümmert sich um ihn, genauer gesagt, um sein Grab. Sie hängt Kränze aus künstlichen Blumen ans Kreuz; es ist schön, dass sie das Grab mit einer Umzäunung eingefasst haben.

Indessen befindet sich ihr Sohn Nikolai, auf Jurijs Wunsch so benannt nach dem Großvater, in seinem siebten Lebensjahr. Der Junge gilt als vaterlos, trägt nicht seinen Nachnamen, und wir träumen lediglich davon, dass wenigstens der Nachname, wenn auch nicht der Vatersname, an Jurij erinnern würde...

J.A. Weinert

Veröffentlicht in der Datenbase des Sacharow-Zentrums


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