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Erwachen

Ich habe einen Freund, der Briefumschläge mit seltenen Poststempeln des sowjetischen Nordens sammelt. Einmal erwischte ich ihn in einem Zustand des Glückswahns: „SLON! Schau mal, ich habe einen SLON-Stempel ergattert“ – und mit diesem Aufruf reichte er mir einen sorgfältige von einer Plastikhülle geschützten grauen Umschlag, abgestempelt mit einem doppelten Oval und den vier deutlich sichtbaren Buchstaben S.L.O.N. in der Mitte. Bei aller Gleichgültigkeit gegenüber der Philatelie verblüffte mich dieser Briefumschlag – allerdings nicht wegen seines Stempels vom traurig berühmten Solowezker Lager mit besonderer Bestimmung, sondern aufgrund der mit zittriger, alter Handschrift geschriebenen Adresse: RSFSR, Igarka – hinter dem Polarkreis – Siedlung „Probuschdenie“ („Erwachen“; Anm. d. Übers.), Wohnheim N° 2, an Olga Iwanowna Galuschkina, von I.I. Galuschkin, SLON, Gebiet Archangelsk.

Neben der Anschrift befand sich ein Zusatz in schwarzbrauner, verblichener Tinte: „Rücksendung wegen Todesfall“ und ein Stempel aus Igarka mit dem Datum: „10.08.33“.

Wem hatte der unbekannte I.I. Galuschkin aus Solowki nach Igarka geschrieben? Seiner Ehefrau, der Schwester oder Tochter? Auf welche Weise und warum hatte das Schicksal sie voneinander getrennt? Und was war das für eine geheimnisvolle Siedlung „Erwachen“, deren Spuren weder auf alten Karten, noch in den Zeitungsbündeln des „Polar-Bolschewiken“ aufzufinden war – und auch nicht in alten Buch-Beschreibungen über Igarka? Woher kam der Name „Erwachen“? Und schließlich die Frage: Aus was „Erwachen“?

Lange Zeit konnte ich keine Antwort auf all diese Fragen finden. Den Schlüssel zur Lösung des Rätsels gab mir die führende „Literatur-Zeitung“ vom 22. April 1929. Sie war der Kollektivierung gewidmet und enthielt insbesondere Zeilen wie diese: „Die Bauernmassen können natürlich nicht sofort“ zum Bewusstsein „erwachen“ und aktive, entschlossene Teilnehmer am sozialistischen Aufbau werden. Zum Bewusstsein erwachen… Sollten sie den etwa in Igarka „erwachen“?

Dieses Rätsel hätte sich wohl niemals in Gewissheit verwandeln können, wenn nicht eine Begegnung mit den Autoren des Sammelwerks „Wir aus Igarka“ stattgefunden hätte, welche im August 1984 zu uns kamen. Es half auch dabei, die erste Bresche in die Wand des tiefen Schweigens zu schlagen, von dem die Siedlung „Erwachen“ umhüllt war. Später wurde es ergänzt durch aus der Sonder-Verwahrung freigegebene sowjetische und ausländische Ausgaben, neueste Publikationen zentraler Periodika sowie den kürzlich gezeigten Film swerdlowsker Dokumentarfilmer „Die Vergangenheit erscheint wie ein Traum“.

Die Folgen der Reise Stalins nach Sibirien Anfang des Jahres 1928 wirkten sich unverzüglich auf zerstörerische Art und Weise auf das zu Zeiten der NÖP (Neue Ökonomische Politik; Anm. d. Übers.) erreichte Tempo bei der Entwicklung der Landwirtschaft des Landes aus: in einem irreversiblen Maße verringerte sich die Stückzahl an Vieh, die Ernteerträge sanken, und im Sommer 1930 schickte man die ersten Schwalben des „großen Umbruchs“ den Jenissei flussabwärts – wuchtige mehrstöckige Schleppkähne, die einst von Koltschak für Truppentransporte gebaut worden waren. Jetzt waren keine Soldaten auf ihnen untergebracht, sondern Bauern – eben jene sibirischen Bauern, die als erste in Russland mächtige Kooperativen organisierten, welche die vaterländischen und westeuropäischen Märkte mit Butter, Käse und Getreide versorgten. Ausgerechnet solche talentierten und findigen arbeitssamen Menschen rief Wladimir Iljitsch auf zu lernen und es nicht zu wagen, das Kommando zu geben“…

In Igarka bereitete man sich in jenem Sommer auf die Aufnahme neuer Bau- und Hafenarbeiter vor, für die man bereits als Winterquartier einfache, aber warme Behausungen errichtet hatte, die später die Bezeichnung Karsker Baracken erhielten. Aber aufgrund organisierter Anwerbung kam nur ein Teil der erforderlichen Arbeiter nach Igarka; nach ihnen gingen zum größten Erstaunen der Einwohner von Igarka, jene an Land, die man hier keinesfalls erwartet hatte: hunderte ausgehungerter und zerlumpter alter Männer, Frauen und Kinder, denen man bei der Durchführung der „Entkulakisierung“ alles, bis aufs letzte Hemd, weggenommen hatte (eine alte Frau aus dem swerdlowsker Film fing an zu weinen, als sie sich daran erinnerte, wie man sogar noch versucht hatte, ihren einzigen Rock zu „verstaatlichen“).

Die krasnojarsker Autoren des Buches über Igarka – Nowikow und Troschew – malten die Ankunft der Umsiedler in äußerst idyllischen Farbtönen aus: „In der zweiten Schifffahrtsperiode tauchten in Igarka Frauen, Familien mit Kindern auf. Und sie erfüllten die Siedlung mit ihren fröhlichen Stimmen und würdigten damit auch ihr gemütliches Zuhause“. Laut Kommandantur der OGPU war der Einsatz dieser „fröhlichen Stimmen“ bei beliebigen Arbeiten, die nicht mit der Verladung von Seeschiffen im Zusammenhang standen, zulässig. Die letztgenannte Einschränkung wurde mit der kategorischen Weigerung Englands begründet, Holz aufzukaufen, welches von Häftlingen oder Verbannten verladen worden war.

Es gibt keine Worte, Igarka brauchte dringend arbeitende Hände, aber ein einziger Blick auf das sich im Nieselregen ausdehnende Umsiedler-Lager reichte aus, um zu begreifen, dass diese Menschen körperlich zu „beliebigen Arbeiten“ überhaupt nicht in der Lage waren. Ohnmächtige Verzweiflung, die jähe Klima-Veränderung, völlige Erschöpfung bereits in den ersten Tagen führten zum Ausbruch von Typhus und Ruhr, wodurch die Hafen-Administration zur Vermeidung von Epidemien gezwungen war, das Lager der „enteigneten Kulaken“ in eine sichere Entfernung von Igarka zu verlegen. Aber Leute wie Hafen-Hauptmann Petrow und sein Helfershelfer Mikeschin, der Vorsitzende des Nordmeer-Seewegskomitees Lawrow und seine Frau, überließen die Sonderumsiedler nicht so einfach der Willkür des Schicksals. Die Bedürftigen erhielten medizinische Hilfe und die am meisten notwendigen Dinge; in einer der Karsker Baracken wurde eine zweimaliger Verpflegung nach Essensgutscheinen organisiert, und dank der an die Verbannten ausgehändigten Werkzeuge entstand zum Herbst in der Nähe von Igarka die Erdhütten-„Sondersiedlung N° 1“.


Auf dem Foto: Sondersiedler in Igarka

Selbst ein halbes Jahrhundert später löste die alleinige Erwähnung des Namens des ersten Hafen-Hauptmanns von Igarka bei den Menschen ein wohlwollendes Lächeln aus. Es schien, als ob dieser „eiserne Kommissar“, der die grausame Schule des Bürgerkriegs durchgemacht hatte und in Igarka praktisch mit grenzenlosen Machtbefugnissen ausgestattet war, normalerweise gegenüber fremdem Unglück ganz gleichgültig hätte eingestimmt sein müssen, besonders wenn es sich um das Unglück eines Ausgestoßenen, eines zum Feind der Sowjetmacht Proklamierten handelte. Aber in den Kommunisten der leninistischen Garde – und zu ihnen gehörte Hauptmann Pestow – lebte das unwiderstehliche innere Gefühl der Gerechtigkeit, das weder die führenden „Literatur-Zeitungen“, noch die Befehle der OGPU-Kommandantur zerstören konnten.

Als erbarmungsloser Gegner der Koltschakow-Anhänger und Teilnehmer an zahlreichen blutigen Kämpfen, konnte er in den Alten, Kindern und schwangeren Frauen einfach keine Feinde sehen. Und so folgte er schlicht und ergreifend seinem Gewissen. Er versorgte die verbannten Kleinen (den Dokumenten zur Folge galten sogar zwei Monate alte Säuglinge als Sonderumsiedler!) täglich mit einer Portion der in Igarka so kostbaren Milch, stoppte den Ausbruch von Krankheiten, verschaffte den älteren Kindern die Möglichkeit in der gerade erst eröffneten Schule den Unterricht zu besuchen, und ihren Müttern – eine Berufsausbildung zu erhalten.

Mehr noch, er teilte Leute und Material für den Bau zweier geräumiger, warmer Baracken ein, wonach die „Sondersiedlung N° 1“ leichtfertig und voller Stolz von irgendeinem Optimisten in Siedlung „Erwachen“ umbenannt wurde. Und die Sonderumsiedler verbrachten dort ihren ersten ganz schrecklichen Winter.

Wenn wir zurückblicken können wir sagen, dass Hauptmann Pestow in jenem Winter ein Wunder beging, welches sich in Igarka bis zu Stalins Ende kein weiteres Mal wiederholen sollte: die Todesrate der Verbannten war 1930 nicht höher, als die der Einwohner von Igarka, die sich in Freiheit befanden.

Pestow nahm an, dass sein Hafen mit der plötzlich auf ihn zurollenden Welle menschlichen Leids zurechtkommen würde, nun konnte er sich auf die Erfüllung seiner Aufgaben konzentrieren, und alle „Verbannungs-Schwierigkeiten“ lagen hinter ihm. Wie oft hat sich später dieser Irrglaube in der Geschichte Igarkas wiederholt. Die Welle des Jahres 1930 stand in keinem Vergleich zur der tatsächlichen Sintflut von Sonderumsiedlern, welche die Ufer von Igarka in der nächsten Schifffahrtssaison überflutete: sie waren beinahe die einzige „Fracht“, die in den Hafen hinterm Polarkreis geschickt wurde.

Diese „Fracht“ wurde außer der Reihe angeliefert – sogar frisches Gemüse und Obst mussten warten, bis die Lastschiffe im tiefsten Herbst geleert waren, als das Wasser des Jenissei an der Oberfläche bereits zu Matscheis gefror. Und so gelangten diese lebenswichtigen Produkte schon nicht mehr nach Igarka, nachdem sie im Eis nahe Worogowo eingefroren waren. Zugrunde ging unter freiem Himmel auch ein Großteil dessen, was Boris Lawrow über den Nordmeer-Seeweg heranzutransportieren verstand, denn die beizeiten vorbereitete Gemüse-Lagerhalle war bis an den Rand mit Verbannten vollgestopft, da für sie kein anderes Dach über dem Kopf vorhanden war.

Die schreckliche Tragödie, die sich anschließend in Igarka abspielte, erwähnt W.P. Ostroumow beiläufig vier Jahre später während einer Rede im Kreml: „Wenn 1933 dreieinhalb Tausend Menschen an Skorbut erkrankten, dann nur deswegen, weil man damals das herbeigeschaffte Gemüse nicht lagern konnte, alles erfror…“. Nicht nur weil – und nicht nur im Jahre 1933! Doch Walentina Petrowna konnte Kalinin doch nicht die Wahrheit darüber ins Gesicht schleudern, dass die tausenden an Skorbut gestorbenen Menschen allesamt aus den Reihen der Sonderumsiedler stammten, die man, völlig erschöpft, ohne jeden Plan und ohne die vorherige Ergreifung entsprechender Maßnahmen, nach mehrmonatigen Qualen, in diese winzige Polarstadt gebracht hatte… Unter den an Skorbut umgekommenen Personen befand sich auch die Adressatin des Briefes aus Solowki – Olga Iwanowna Galuschkina. Sie starb am 13. Kuni 1933 und in der Siedlung „Erwachen“ gab es demzufolge zwei weitere Waisenkinder…

Zu der Zeit war in Igarka auch schon die „Sondersiedlung N° 2“ aufgetaucht, welche später in „Poljarnij“ umbenannt wurde. Aufgrund der sich nach Landarbeit sehnenden Hände ihrer Bewohner, zeichnete sich Igarka durch verblüffende Errungenschaften in seiner Landwirtschaft aus, die im ganzen Land Schlagzeilen machten. Übrigens – nicht nur im ganzen Land: in den Memoiren von Himmels Leibarzt Felix Kersten, ist von offenkundiger Besorgnis die Rede, mit der der Reichsführer der SS über die von den Russen hinter dem Polarkreis erhaltenen frostharten Getreidesorten sprach: „Wenn es ihnen gelingt, die Grenze der Ackerbau-Kultur wenigstens um zehn Kilometer gen Norden zu verschieben, dann wird das ein völlig anderes Land sein!“

Den Igarkaer Sonderumsiedlern begegnete Hitlers Abschaum nicht nur in den Berichten über die Erfolge in der Landwirtschaft hinter dem Polarkreis. Touristen, die zum Kriegerdenkmal der im Krieg gefallenen Einwohner von Igarka kamen, haben wohl kaum darüber nachgedacht, dass sich unter den heiligen, in Metall verewigten Namen, nicht wenige Sonderumsiedler befinden. Man konnte Syrjanow und Pawlow, Okladnikow und Tscherkaschtschin, Gorew und Dolgow das Stimmrecht entziehen, aber niemand konnte ihnen das Recht auf ein Leben fürs Vaterland nehmen!

Ungeachtet der lautstarken Zeitungsberichte über die Fertigstellung des Baus, stieg die Anzahl der Sonderumsiedler in Igarka weiter ständig an und erreichte 1935 die erstaunliche Ziffer von 4000 Personen – einem Drittel der gesamten Stadtbevölkerung. Und das ohne Berücksichtigung der sogenannten „administrativen Verbannten“, welche das Gesetz über den Diebstahl sozialistischen Eigentums, vom Volk auch kurz „sieben Achtel“ (nach dem Datum seines Inkrafttretens am 07.08.1932 genannt, ganz nobel in Igarka abgeliefert hatte. „Sieben Achtel“ war die unmittelbare Folge einer in der Geschichte des Landes nie dagewesenen Hungersnot, welche die ländlichen Bezirke nach den „Siegen“ der Kollektivierung heimgesucht hatte. Anstatt den durch seine Schuld verelendeten Dörfern Hilfe zu leisten, ließ er über sie eine neue Welle der Repressionen hereinbrechen, indem er eine Handvoll vom Feld aufgesammelter Ähren, einen Armvoll heimlich gemähten Heus zu einem Verbrechen deklarierte…

Der Verbannten-Strom schwächte sich erst gegen Mitte der 1930er Jahre ab. Die „Kirow-Welle“ ging an Igarka vorüber, die vorherigen Sonderumsiedler hatte man nach und nach auf alle erdenklichen “Nord-Polar-Wälder“, „Integral-Vereinigungen“, Taimyr-Trusts“, Pferdehöfe und ähnliche Einrichtungen verteilt, die Igarka sich, wie es sich für jede ordentliche Stadt gehört, zugelegt hatte; und den Einwohnern von Igarka kam es so vor, als ob das Leben, aufgewühlt durch die Umsiedler-Welle, endlich anfängt in gewohnten Bahnen zu laufen…


Auf dem Foto: Sonderumsiedler am Treibhaus „Agroarktiki“

R. Gortschakow
„Kommunist des Polargebiets“ N° 75 23, 25. Juni 1988


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