Unser Gott – die Einsicht

DIE NATIONALE FRAGE

Den Direktor der Krasnensker Sowchose nennen sie Andrej Andrejewitsch, aber dem Ausweis nach lautet sein Name Genrich (Heinrich) Genrichowitsch Schmidt. Aber Andrej Andrejewitsch wird er sowohl von den Russen als auch von den Deutschen und seinen Verwandten genannt. An Heinrich kann sich Schmidt selbst nur noch erinnern, als er einmal irgendwelche Finanzdokumente unterschreiben musste.

— Es gibt nichts Übergeordnetes in meinem Doppelnamen, — lacht Genrich Genrichowitsch. Wir waren darin übereingekommen, dass wir ihn in dem Artikel so nennen werden. — Die Sache ist die, dass es bei den Deutschen den Namen Genrich nicht gibt, es ist die verzerrte russische Aussprache des Namens Heinrich. Seit meiner Kindheit hatte ich Umgang mit russischen Jungs. Heinrich können sie nur schlecht aussprechen, und so haben sie mich in Andrej umgetauft. Am Morgen stehen die gleichaltrigen Freunde vor dem Fenster und schreien: «Andrej, lass uns spazieren gehen!». Als erstes gewöhnte ich mich an meinen neuen Namen, später auch die Eltern. Und jetzt kennt mich schon der gesamte Balachtinsker Bezirk unter dem Namen Andrej Andrejewitsch.

Die Wurzeln der großen Kolonie der Wolga-Deutschen in Russland werden an zwei Dingen gemessen. In dieser Zeit haben ihre Kulturen sich ohne Druck und Diktat in vielen mit der russischen angeglichen, sie haben sich gegenseitig bereichert. In mancherlei Hinsicht änderten sich die Sitten und Gewohnheiten der Wolga-Deutschen von denen, die von den Deutschen in Deutschland gewahrt werden. Die Deutschen haben keinen Vatersnamen. In Dokumenten schreiben sie Heinrich des Heinrich, das heißt Heinrich, Sohn des Heinrich. Gegenseitig nennen sie sich nur beim Vornamen. Ihren Respekt gegenüber dem Alter, des sozialen Status oder dem Geschlecht drücken sie mit ganz anderen Wortgefügen aus. Die Deutschen in Russland haben sich schon daran gewöhnt und halten die Nennung Name-Vatersname in Dokumenten und im Umgang untereinander inzwischen für normal.

— Wenn in einem Staat viele Menschen und zahlreiche Volksgruppen leben, —meint Genrich Genrichowitsch, — ist ein Prozess der Annäherung der Sitten und Gebräuche unausweichlich. Gerade er ermöglicht es den Menschen, sich gegenüber dem anderen respektvoll zu verhalten. Aber wenn diese Annäherung sich in einem zu schnellen Tempo vollzieht, kann ein kleines Volk seine Sprache und Kultur verlieren. Das muss man niemals vergessen.

Hier hat unser Gesprächspartner von einem lehrreichen Beispiel aus seinem eigenen Leben erzählt. Zu dem Direktor der Sowchose kommen die Leute häufiger mit Fragen, aber manchmal auch nur, um ein wenig zu reden und die Neuigkeiten aus dem Bezirk zu erfahren. Und so überschritt unlängst der Rentner Samuel Andrejewitsch Kunau die Schwelle des Büros. Der alte Mann ist 78 Jahre alt, vollkommen weißhaarig und von Krankheiten geplagt.

— Ich habe es kaum bis zu dir geschafft, Genrich, — sagte er ganz außer Atem. — Die Alte murrt immer noch. Sie ist genau das, ihr Leben lang war sie zwischen Töpfen und Scherben, aber ich möchte unter die Leute kommen.

Wir sprachen Deutsch. Kunau kann kaum Russisch. Der Alte lauschte der aufmerksam dem Bericht des Direktors über die Neuigkeiten aus dem Bezirk, und lachte dann unerwartet auf.

— Und dein Deutsch, Heinrich, ist schlechter geworden. Früher, erinnere ich mich, wie du als gelehrter Mann die Worte sorgfältig gewählt hast. Wir haben dich als gutes Beispiel für unsere Kinder genommen. Das ist ein gebildeter Bursche. Inzwischen hast auch du die guten Worte vergessen.

Als Schmidt davon erzählte, breitete er nur die Hände aus. Wann habe ich es geschafft, die «schönen und gelehrigen» Wörter zu verlieren? Es gab eine Zeit, als die Lehrer und Klassenkameraden Hilfe in Deutsch suchten. Wenn der Lehrer die Übersetzung eines komplexen technischen Textes nicht verstehen konnte, scheute er sich nicht um Rat zu fragen. Aber nach Beendigung des Instituts arbeitete Genrich Genrichowitsch als leitender Spezialist, und heute ist er schon viele Jahre Direktor der Sowchose. Immer weniger Zeit bleibt ihm, Bücher oder Zeitungen in deutscher Sprache zu lesen. Und so sind auch bei ihm, einem Mann deutscher Nationalität, ganz unbemerkt Probleme mit der Muttersprache entstanden. Und bei anderen Deutschen ist das noch mehr der Fall. Viele können schon kein Deutsch mehr.

— Jetzt fängst du an zu überlegen, — sagt Schmidt,— Welches ist denn nun eigentlich «meine Sprache»: Deutsch oder Russisch?

Laut Alltagslogik ist es deutsch, wenn jemand Deutscher ist. Aber er kennt mehr «schöne und gelehrte» Wörter aus dem Russischen. Er denkt russisch, spricht zu Hause mit Frau und Kindern russisch. Vater und Mutter sind Wolga-Deutsche, mit ihnen -–spricht er deutsch. Doch es kommen pro Woche höchstens ein oder zwei Stunden zusammen. Meine Eltern sind schon sehr alt, der Vater geht auf die Neunzig zu. Was kann man ihn jetzt fragen? Wie es um die Gesundheit steht, ob man bei irgendetwas helfen kann?...

— Im Leben ist alles so dicht miteinander verflochten, — meint Schmidt, — dass du auf Anhieb nicht einmal sagen kannst, welche Sprache dir lieber, welche deine Muttersprache ist. Wenn es die deutsche ist, warum nehme ich dann vor dem Einschlafen einen Puschkin-Band in die Hände und nicht Goethe im Original? Habe ich vielleicht nicht nur eine, sondern zwei Muttersprachen? Dies ist kein Wortspiel, dies sind nicht meine persönlichen Zweifel und Gedanken. Zwei meiner Töchter können gut Deutsch. Aber ihre Kinder – werden sie in der Sprache ihres Großvaters sprechen?

In letzter Zeit entfalteten sich im Land ausgedehnte Diskussionen über die Wahrung der Kultur, Sitten und Gebräuche der Völker, selbst der allerkleinsten Volksgruppen. Es werden Vorschläge zur Bildung nationaler Landräte und Bezirke ausgesprochen, damit diese Gebilde die Wahrung der nationalen Psychologie und des Selbstbewusstseins fördern. Doch egal über was wir auch sprachen, die Realität ist die, dass sich bereits eine beachtliche Zwischenschicht von Menschen formiert hat, deren Blut derart international ist, dass sie sich allenfalls subjektiv zu der einen oder anderen Nation zugehörig fühlen. Genrich Genrichowitsch ist – Deutscher, seine Ehefrau Maria Petrowna — Russin. Sie haben zwei erwachsene Töchter – Tatjana und Ludmila. Im Dorf Krasnaja leben Tschuwaschen, Mordwinen, Russen, Ukrainer, sogar Lesginen. Wenn eine der Töchter nun einen dieser Männer heiratet, welcher Nationalität werden dann wohl ihre Kinder sein? Juristisch können sie jeder angehören, aber faktisch – wer sind sie der Nationalität nach? Sowjetische Menschen? Aber warum fürchten wir dieses Wortgefüge in letzter Zeit als wäre es ein Feuer? Was finden wir nicht alles für Argumente, um diesen Begriff für verfrüht, weit hergeholt und lebensfern zu halten. Sie behaupten, es sei ein Breschnjew-Terminus, der aus der Zeit des Stillstands in unseren Alltagsgebrauch geraten ist. Und es existiere überhaupt kein derartiger Begriff, wie Sowjet-Menschen. Es gibt sowjetische Deutsche, sowjetische Russen, sowjetische Letten. Denkt man über solche Quellenforschungen in der nationalen Frage nach, möchte man sogleich den Urhebern seine Frage stellen. Vielleicht gibt es dann keine sowjetischen Russen oder sowjetischen Deutschen, sondern einfach Russen oder Deutsche. Diese nationalen Definitionen sind einfacher. Doch hier gibt es eine Feinheit. Kürzlich hat die Zeitung «Prawda» über den russischen Flugzeugbauer Sikorski geschrieben. 1918 emigrierte er ins Ausland und lebte einen großen Teil seines Lebens in den USA. Somit hielt er sich stolz für einen «Russian American», wie die „Prawda“ berichtet. Und er tat nicht wenig für Amerikas Ruhm. Zugegeben, heutzutage irritieren keinen von uns Begriffe wie das amerikanische, kanadische oder australische Volk. Und wenn wir irgendeinen Staatsfunktionär der USA, einen Sänger oder Schriftsteller kennen, dann fragen wir nicht, welche Nationalität er hat. Uns genügt, dass er Amerikaner ist. Und bei uns wühlen wir mäkelig darin herum. Ist es ein Este, der sich für die Arbeit beworben hat oder nicht? Armenier oder Aserbeidschaner? Und dann überlegen wir noch, ob wir ihn einstellen oder rausschmeißen. Dort drüben in Amerika machen sie keine Einteilung zwischen «unseren» und «nicht unseren», jagen sich nicht gegenseitig von einem Staat in den anderen. Sie arbeiten miteinander und leben zu ihrer Zufriedenheit.

Nicht einmal bei uns auf dem Kongress der Volksdeputierten gab es ein akuteres Problem als das nationale. Ein Deputierter aus dem Baltikum verstieg sich darauf, dass die Russen ihren Wohnort in – Russland haben. Als ob es keinerlei andere Aufgaben gäbe, als ausgerechnet das Land in kleine selbständige Staaten zu trennen.

Wenn sich auf dem Kongress Fragen zu Sprache, Kultur, Tradition ergaben, dann geschah dies aus irgendeinem Grund immer nur in kategorischer Form. Der Eine schiebt alles auf den Stalinismus, der andere auf die Zeit des Stillstands, der nächste auf die Langsamkeit der heutigen Leitung in Bezug auf Entscheidungen zu nationalen Problemen. Das Ganze geht bis zu gegenseitigen Beleidigungen.

Viele heutige Streitigkeiten und sogar Tragödien rühren daher, dass seinerzeit der «große Führer und Lehrmeister» das Schicksal der Völker mit einem einzigen Federstrich entschied, ohne darüber nachzudenken. Genau das kränkte auch die Wolgadeutschen. Sie alle wurden zu Beginn des Krieges nach Sibirien und Kasachstan ausgesiedelt. Genrich Genrichowitsch Schmidt wurde in der Ortschaft Kutter, Krasnogwardeisker Bezirk, Gebiet Saratow, geboren. Es war ein rein deutscher Ort. Von dort wurden sie sehr schnell ausgesiedelt. Sie durften nichts weiter mitnehmen als die allernötigsten persönlichen Sachen. Vieh, Möbel, Häuser ließen sie für wen auch immer zurück. Die Eltern nahmen ihre Kinder an die Hand und jeder trug ein Bündel mit Kleidung. Jetzt rätseln die alten Leute manchmal, ob irgendjemand dort ihr Hab und Gute benutzt hat oder ob alles verloren ist. Obwohl das Land zu dieser Zeit den Mangel an Lebensmitteln schon heftig zu spüren bekam.

Einen Teil der Deutschen brachte man in den Balachtinsker Bezirk, Region Krasnojarsk. Das war im Herbst. Untergebracht wurden sie in Wohnungen, und zu essen gab es, was Gott ihnen schickte. Manch ein Ortsansässiger brachte ihnen einen Eimer Kartoffeln oder ein Huhn im Tausch. Nehmen Sie und lebt euch ein, sagten sie. Eine russische Frau überreicht einen Eimer Kartoffeln, sieht das fremde Leid, weint, und die Deutsche nimmt die Gabe unter Tränen entgegen. Sie hatte doch nichts zum Bezahlen, aber sie dankte mit ihren Tränen.

Mit vielen betagten Deutschen unterhielt ich mich im Dorf Krasnaja. Und sie alle sind der Meinung, dass die Sibirier aufrichtige Menschen sind. Schließlich war zu der Zeit der Krieg in vollem Gange. Das Land erwachte mit Flüchen auf die faschistischen Angreifer und legte sich mit Verwünschungen gegen sie schlafen. Praktisch mit Ausbruch des Krieges erfuhr das sibirische Dorf den Mangel an Lebensmitteln. Die Kolchosbauern lebten selbst von der Hand in den Mund, aber sie gaben den fremden Kindern etwas ab. Faktisch war es kein Eimer Kartoffeln, den die russischen Frauen brachten, aber sie retteten die völlig unschuldigen deutschen Kinderchen. Sie lösten sich von sich selbst, von ihren Kindern, die schon ganz grau vor Hunger waren. Das ist der Grund, weshalb Samuel Andrejewitsch Kunau sich bei der Unterhaltung so brüsk und kategorisch verhält.

— Ich war niemals damit einverstanden, dass sie jetzt versuchen, das russische Volk wegen unserer Leiden während und nach der Umsiedlung zu beschuldigen. Haben denn die sibirischen Frauen diese Qualen für uns erfunden? Alles kam doch aus Moskau. Die Kommandanturen haben sie sich ausgedacht, die Kontrollen darüber, wer mit wem über was gesprochen hat.

Was sich Josef Wissarionowitsch und seine engsten Vertrauten, die übrigens in ihrer Zusammensetzung sehr international waren, nicht alles ausgedacht haben. Unfreiwillig gelangst du zu dem Schluss, dass in den dreißiger und vierziger Jahren an der Spitze des Landes ebensolche Verbrecher standen, wie jene, die nach dem Krieg in Nürnberg verurteilt wurden. Sie legten Hand an, um die Zahl der Deutschen in der Sowjetunion sich verminderte. Nach ihrem Kommando holten sie sofort nach der Umsiedlung sämtliche Männer in die Arbeitsarmee. Und nicht nur sie, sondern auch junge Frauen und Mädchen. Genrich Genrichowitschs ältere Schwester geriet in eine Fischfang-Brigade in Igarka. In eisigem Frost und bei Schneesturm mussten dort Mädchen aller Nationalitäten Löcher in das zwei Meter dicke Eis hacken. Aber sie weinten nicht um ihre erfrorenen Hände und Füße, sondern wegen der andauernden Tadel und der ständigen Verhöre, denen man sie unterzog. Die Willkür war grauenhaft. Das Land, zu dem nach den Worten der Staatsmacht Arbeiter und Bauern gehörten, stellte ein totalitäres Regime dar, in dem ein Tyrann herrschte.

Bei uns wurde wenig über die Arbeitsarmeen geschrieben, es gibt keine Informationen darüber, wie viele Menschen dorthin einberufen wurden, wie viele lebend zurückkehrten. Hier geht es nicht nur um die Deutschen, sondern um alle, die dort gewesen sind. Die Armeen unterschieden sich wenig von den rauen stalinistischen Lagern. Im Dorf Krasnaja lebt ein ehemaliger Angehöriger dieser Armee – A.A. Gingel. Die holten ihn aus dem Balachtinsker Nachbarbezirk, dem Daurischen Bezirk, dorthin. In seiner Gruppe befanden sich 150 Männer. Nach Hause zurück kehrten 50. Verlust wie auf einem Schlachtfeld. Einzige Todesursache war die alle menschlichen Kräfte übersteigende Schwerstarbeit und der Hunger. Mitunter wurden am Tag 50 Menschen bestattet. Adam Adamowitsch berichtete, dass die Armeeangehörigen in drei Kategorien unterteilt wurden. Die erste — die kränksten und schwächsten, die schon dem Tod ins Auge blickten. Ihnen gab man insgesamt 400 Gramm Brot am Tag. Von ihnen verlangte man keine Norm-Erfüllung. Doch sie wurden jeden Tag zur Arbeit geführt und sorgfältig beobachtet, damit sie ihre volle Kraft zum Einsatz brachten. Die zweite Kategorie der Arbeiter erhielt 600 Gramm Brot. Sie erfüllten die Arbeitsnorm. Die dritte — 800 Gramm. Sie mussten die Norm jeden Tag übererfüllen. Neulinge, so lange sie bei Kräften waren, fingen mit 800 Gramm an und endeten bei der niedrigsten Brotmenge und häufig auf dem Friedhof. Sobald der Gesundheitszustand sich bei jemandem verschlechterte, starb er ziemlich schnell.

Unter den Angehörigen der Armee ermutigte man sich zu gegenseitigen Denunzierungen, Erfindungen falscher Tatbestände. Fast jede Nacht wurden die Deutschen zum Verhör geholt. Man fragte sie, was die Leute miteinander redeten, ob es keine Verschwörungspläne gäbe.

Genrich Genrichowitschs Vater, ebenfalls Genrich Genrichowitsch, berichtete, dass seine Kraft, als er aus der Arbeitsarmee nach Hause zurückkehrte, nicht mehr ausreichte, um vom Bezirkszentrum in sein Dorf zu gelangen. Er fiel auf halbem Wege hin und wäre wohl neben seinem Freund, der auch an Dystrophie litt, gestorben; doch irgendjemand brachte eine Nachricht darüber ins Dorf – einer kam mit dem Pferd, nahm ihn auf und begab sich mit ihm auf den Heimweg.

Du kannst die Vergangenheit nicht zurückholen. Menschen sterben, aber ihre Geschichte bleibt für die Nachfahren, egal wie bitter sie auch gewesen sein mag. Und wir haben uns mit Genrich Genrichowitsch in unserem Gespräch nicht darauf festgelegt, unbedingt die Umsiedlung der Wolgadeutschen nach Sibirien und Kasachstan zu beleuchten. Der heutige Tag ist besorgniserregend. Die nationalen Beziehungen im Lande verschärfen sich, es kommt zur Gewalt, zu Opfern. In einigen Republiken wird das Leben für nicht einheimische Menschen gefährlich. Die Entscheidung über so dringende Probleme, wie die Überlassung einer Autonomie für die Wolgadeutschen ziehen sich in die Länge.

— Ein solcher Beschluss ist unabdingbar, — meint G.G. Schmidt. — Heute verlassen nicht wenige Deutsche das Land, vor allem siedeln sie aus Kasachstan aus. Dabei ist doch unsere Heimat— die UdSSR. Die Autonomie hilft uns, unsere Sprache und Kultur, unsere Sitten und Bräuche zu bewahren. Allerdings glaube ich nicht, dass die Schaffung einer Autonomie sofort eine Massenumsiedlung der Menschen dorthin zur Folge hat. Die meisten von ihnen haben sich eingelebt in Sibirien und Kasachstan und halten diese Gegenden für ihre Heimat.

Im Balachtinsker Bezirk geht die Zahl der Personen deutscher Nationalität an die Tausend. Mit allen kann man nicht sprechen, aber mit wem man bisher auch geredet hat, bislang hat niemand von ihnen daran gedacht, aus Sibirien ins Wolgagebiet zurückzugehen. Obwohl alle der Idee der Schaffung eines autonomen Gebiets positiv gegenüberstehen. Und an eine Übersiedlung haben sie nicht gedacht, weil sie in Sibirien schon viel zu tiefe Wurzeln geschlagen haben. Man reißt sich nicht so einfach los, der Schmerz für einen selbst und die einem Nahestehenden wäre zu groß. Adam Adamowitsch Gingel fährt aufgrund seines Alters und seines Gesundheitszustandes nirgends mehr hin. Und in der Region Krasnojarsk leben auch seine Enkel; und Urenkel sind auch schon geboren. Im Dorf Krasnaja gibt es heute 16 rein deutsche Familien. Bei den Eheleuten handelt es sich vorwiegend um betagte Menschen, die längst über sechzig Jahre alt sind. Wohin sollen sie denn fahren? Elf Familien gibt es noch, in denen einer der Ehepartner deutscher Nationalität ist. Und alle jungen Familien sind — gemischt.

— Ich kann mich ans Gebiet Saratow praktisch nicht erinnern, sagt Genrich Genrichowitsch. — Aber ich glaube nicht, dass der Boden, den wir damals bewirtschaftet haben, heute verödet ist. Irgendjemand wohnt dort. Wir werden hinfahren. Alle Aufmerksamkeit gilt den Umsiedlern; sie brauchen Arbeit, eine Wohnung, Geld, um sich einen Haushalt anschaffen zu können. Ob das nicht diejenigen kränkt, die die letzten vierzig Jahre dort gelebt haben? Und wieder wird es Kundgebungen, Streiks und Fehden geben.

Dem «Führer und Lehrmeister aller Zeiten und Völker» fiele es leicht darüber zu verfügen, aber heute haben sich Realitäten herausgebildet, dass man sich darin zurechtfinden kann. Man muss keine Trennwand mehr einreißen und eine Menge Kraft aufwenden, um Überzeugungs- und Überredungsarbeit zu leisten.

Der Weg zu Freundschaft und Einigkeit hilft uns den einzigen Gott zu finden — unsere Vernunft und Einsicht. Gegenseitige Anschuldigungen sind schlechte Helfer. Und Gerechtigkeit – ist nicht immer eine Rückkehr zu dem, was vor fünfzig oder hundert Jahren einmal war. Es gibt keine Lösung, und es kann auch keine geben, die für alle Völker unseres multinationalen Landes akzeptabel ist. Wir brauchen neue, nicht traditionsgemäße Wege einer Entscheidung der nationalen Frage.

Im Balachtinsker Bezirk gibt es unter den Personen deutscher Nationalität viele Angehörige der Intelligenz. Ärzte, Lehrer, Partei-Mitarbeiter, Ingenieure. Es ist vollkommen real eine Vereinigung, eine gesellschaftliche Organisation zu schaffen. Sie wird die Entwicklung der Sprache und die Wahrung der Bräuche fördern. Seit langem ist es möglich im Bezirk Festtage mit deutschen Liedern und Volkstänzen durchzuführen. Aber es gibt heute nicht die Möglichkeit, den Unterricht an Schulen in deutscher Sprache abzuhalten. Denn die Deutschen wohnen nicht in ein oder zwei Dörfern, sondern überall im Bezirk verstreut. Warum kann man nicht mit der regionalen Abteilung für Volksbildung darin übereinkommen, eine zusätzliche Zahl von Unterrichtsstunden in deutscher Sprache zu erteilen? Schließlich lernen überall in den Republiken alle die Sprache der indigenen Nationalität.

Nur Frieden und Einvernehmen bringen uns Gedeihen. Nur Vernunft hilft uns gleichberechtigt zu leben.

A. SWEREW

„Dorf-Nachrichten“ (Balachta), 29. Juli 1989
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt.


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