Das Volk, das in der Verbannung blieb


Die Zahl der in der Region Krasnojarsk lebenden Deutschen liegt etwas höher, als die der Chakassen. Aber, wie bekannt, setzt sich ihre Abwanderung in das durch sowjetisch-amerikanische Bemühungen geeinte Deutschland fort. Wir es gelingen, die Entwicklung dieser Tendenz zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen?

Wir möchten Sie auf ein Gespräch des Korrespondenten der «KK» mit dem Mitglied der All-Unionsgesellschaft der Sowjetdeutschen – N.A. BUKSMAN (BUCHSMANN) – aufmerksam machen.

— Nikolai Alexandrowitsch, lassen Sie uns ganz am Anfang beginnen. Wann und aus welchem Anlass bewegten sich deutsche Umsiedler nach Russland?

— Es begann im 18. Jahrhundert. Und wenn Peter I lediglich einzelne Fachkräfte einlud, so entwickelte sich unter Katharina II eine umfangreiche Umsiedlung von Kolonisten in die unbewohnten und dünn besiedelten Gebiete an der Wolga. Auf die Einladung der Zarin reagierten mehr als 30000 Familien. Sie alle wurden russische Staatsbürger, zahlten Steuern an die kaiserliche Schatzkammer und festigten mit ihrer fleißigen Arbeit die Macht des Imperiums. Man muss anmerken, dass die Deutschen im allgemeinen einen sehr großen Beitrag Entstehung und Entwicklung des russischen Staates, der Industrie und Kultur leisteten. Jeder vierte Beamte, Heerführer oder Industrielle war deutscher Herkunft. Und wenn wir einmal Puschkin nehmen? Seine Großmutter (Ehefrau des Äthiopiers Hannibal) war Deutsche.

— Wirklich? Soviel zum «russischen Dichter»...

— Anlässlich ähnlicher «Überraschungen» habe ich mehrfach an unseren bekannten Patrioten und Russophilen Stanislaw Kunjajew (Redakteur der Zeitschrift «Unser Zeitgenosse») geschrieben. Heute die Rasse des «wahren Russaken» auszuleuchten, ist praktisch unmöglich. Wenn du nur Kunjajews Nachnamen anschaust – dann wird klar, dass dort etwas «nicht stimmt»...

— Und wann kam es zur Vernichtung der deutschen Wolga-Republik?

— Als der stalinistische Ukas vom 28. August 1941 herausgebracht wurde. Hier ein charakteristischer Ausschnitt daraus: «...innerhalb der deutschen Bevölkerung gibt es tausende und abertausende Diversanten und Spione...» (Ganze Siedlungen voller Spione. — W. L.). Das war das Urteil. Die Repressionsmaschinerie wurde in Gang gesetzt, und die Bilanz: es wurden 122.778 Männer, 297.565 Frauen, 354.516 Kinder unter 16 Jahren zu Sonderumsiedlern und 121.459 Personen kamen in die sogenannte Trudarmee. Das deutsche Volk erfuhr zum ersten Mal eine unbegründete Anklage wegen Verrats. Ihr folgten zahlreiche andere. Übrigens, die Krim-Tataren waren die letzten in dieser Liste...

In der Zeit nach Stalin wurden Bemühungen, die deutsche Autonomie wiederherzustellen, hart unterdrückt. Erfolglos blieb auch eine Pilgerfahrt nach Moskau im Jahre 1965, nach der praktisch alle Hoffnungen schwanden...

— Und da setzte die Perestroika ein...

— Wir nahmen sie mit viel Enthusiasmus auf. Die Hoffnungen lebten wieder auf, die All-Unionsorganisation der Sowjetdeutschen („Wiedergeburt“) wurde gegründet. Doch bis heute wurde, außer der Verabschiedung einer Deklaration und der Schaffung von Komitees, kein einziger praktischer Schritt unternommen, im die Republik an der Wolga wiederherzustellen. Das Paradox liegt darin, dass sie juristisch gar nicht abgeschafft wurde, aber das ganze Volk faktisch bis heute nicht aus der Verbannung zurückgekehrt ist.

Mehr und mehr Menschen verlieren den Glauben daran, nach Deutschland auszureisen. 1990 überstieg der Strom der Emigranten die 100.000-Marke. Seelisch vorbereitet auf die Ausreise sind mindestens weitere 600.000 Sowjetdeutsche, deren Vorfahren 200 Jahre zuvor ihr Schicksal mit der neuen Heimat verknüpften.

— Und innerhalb welcher Grenzen existierte die Deutsche Republik?

— Zu ihr gehörten 15 Bezirke des heutigen Gebiets Saratow und 5 des Wolgograder Gebiets.

— Das heißt, es wird jetzt vorgeschlagen, den umgekehrten Prozess der Massenumsiedlung zu organisieren?

— Ich denke, das ist durchaus machbar. Denn es wird sich dabei nicht um eine einmalige Aktion handeln, bei der hundertausende Menschen an einen leeren Ort verfrachtet werden. Es ist unerlässlich, zuerst eine Infrastruktur zu schaffen: Straßen, Unternehmen, Häuser bauen, Geschäfte, Kindergärten. Der Prozess wird nach und nach und von Grund auf stattfinden. Die ersten Schritte sind bereits getan. In Alma-Ata. Beispielsweise, wurde eine nationale deutsche Bank geschaffen. Hilfe wird auch von den Deutschen im Ausland erwartet.

— Wie sieht es mit der Reaktion der örtlichen Bevölkerung aus?

— Die Alteingesessenen, die sich gemeinsam mit den Deutschen auch noch an den «Aufenthalt» erinnern, begrüßen die Wiederherstellung der Republik. Na, und diejenigen, die damals aufgrund des stalinistischen Ukas in die Häuser der Repressionsopfer eingezogen sind, fürchten sich natürlich, dass die zurückkommenden Hausherren die Rückgabe ihrer Behausungen fordern. Gerade bei diesen («misstrauischen») Bevölkerungsschichten fanden die örtlichen Partei-Funktionäre Unterstützung, als sie die «Protest-Kampagne» gegen die Wiederherstellung der deutschen Republik in ihrer Domäne organisierten. Eine derartige Position ist leicht zu verstehen — in der neuen administrativen Einheit wird es vor allem eine neue Leitung geben. Daher der wütende Widerstand des Alten, der eindeutig seine Unterstützung in Moskau fand, wo, meiner Ansicht nach, eine ganz bestimmte Verbindung verfolgt wird, das Ineinanderfügen der Parteikreise mit den russischen Nationalisten des «Pamjatnik»-Typus. Zumindest geht es nicht ohnedem. Um aus ihnen eine soziale Basis in der Person eines bestimmten Teils der Ortsbevölkerung herauszuschlagen, rufen wir Interessenten dazu auf, ins Wolgagebiet zurückzukehren und ihre Ansprüche auf ihre alten Häuser geltend zu machen. Dies wird dazu beitragen, Spannungen abzubauen.

— Wie also den Widerstand der Unionsführung durchbrechen?

— Unsere letzte Hoffnung — ein Kongress des deutschen Volkes der UdSSR, der für den 16. März dieses Jahres anberaumt ist. Er soll endgültig eine Antwort darauf geben: ob uns unsere Autonomie zurückgegeben wird oder nicht. Dafür gibt es zwei Ansätze. Zu dem einen bekennen sich die «offiziellen» Deutschen — Befürworter der Politik der KPdSU, die umsichtig die wichtigsten Plätze im Organisationskomitee einnehmen. Sie schlagen vor, sich auf die Schaffung einer nichtterritorialen Vereinigung zu beschränken.
Die andere Gruppe der «Aktivisten», die im Organisationskomitee die Minderheit ausmacht, jedoch eine klare Mehrheitsmeinung hat, ist für die Wiedergeburt der deutschen Republik innerhalb ihren vorherigen Grenzen. Diese Gruppe hat das Organisationskomitee verlassen, um ihre Linie von außen durchzuführen, damit ihr nicht die «Disziplin» verdreht würde.

— Nehmen wir an, dass auf dem Kongress die Anhänger des Wiederaufbaus der Republik gewinnen. Was werden sie tun, wenn die Unionsregierung alle Entscheidungen trifft und die Beschlüsse des Forums einfach ignoriert?

— Dann gibt es nur einen Ausweg — die Schaffung einer eigenen Regierung und der Kampf. Möglicherweise auch aus der Emigration.

— Und welches Futter wird der Delegation für den Kongress bereitgestellt?

— Ein Delegierter kommt auf 2.000 Personen deutscher Nationalität. Aus der Region Krasnojarsk werden 27 Personen gewählt, darunter 5 unmittelbar aus der Stadt Krasnojarsk.

— Das bedeutet wie viele Deutsche in der Region?

— Etwa 54000. Im Großen und Ganzen gibt es viele von uns in Sibirien, aber ein großer Teil lebt auch in Kasachstan. Ich stamme übrigens selber von dort.

— Und wann soll die Wahl der regionalen Delegierten für den Kongress stattfinden?

— Genau einen Monat bevor er beginnt, das heißt am 16. Februar. An diesem Tag findet im städtischen Kulturpalast in Krasnojarsk eine Konferenz statt. Sie fängt um 10 Uhr an. Das Organisationskomitee fordert alle Personen deutscher Nationalität dazu auf, aktiv an der Wahl teilzunehmen. Während der Konferenz können Interessenten der Allrussischen Gesellschaft der Sowjetdeutschen „Wiedergeburt“ beitreten».

Ich bin der Meinung, dass man diese, wohl allerletzte, Chance für eine Wiederherstellung der autonomen Republik der Wolgadeutschen nicht versäumen darf. Andernfalls werden die Auswanderungszahlen rasch steigen und die Assimilation der verbleibenden Personen zunehmen. Die Einzigartigkeit der alltäglichen und spirituellen Kultur der Sowjetdeutschen wird endgültig verschwinden, und das Land viele fleißige und disziplinierte Arbeiter und qualifizierte Spezialisten verlieren.

Das Gespräch führte W. LATYSCHEW

„Krasnojarsker Komsomolze“, 7.02.1991


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