Das Pantheon des Generalissimus

Auf einer kürzlichen Demonstration in Moskau, die von den Kommunisten organisiert worden war, trug man Porträts, die Stalin zeigten. Das politische Exekutivkomitee der Vereinigung der Stalinisten verteilte, wie RIA mitteilt in der Hauptstadt Flugblätter, in denen die Moskauer aufgerufen waren, an der Versammlung auf dem Roten Platz, die „dem 39. Jahrestag des Todes des Genossen Stalin gewidmet ist“, teilzunehmen. Diejenigen, die sich versammeln, sind eingeladen, «die Bande der Feinde des Volkes und des Sozialismus, die sich im Weißen Haus verschanzt haben, erbarmungslos zu brandmarken».

Nichts haben sie in 70 Jahren gelernt

Man erinnert sich an die Fahrt mit dem Touristenschiff auf dem Jenissei im vergangenen Jahr, den Aufenthalt in der Ortschaft Kureika am Polarkreis, wo Stalin von 1913—1916 die Zaren-Verbannung verbüßte, das merklich geräumige, verwitterte Gebäude des ehemaligen Führer-Museums, das das mit seinen blind in den Öffnungen klaffenden großen Fenstern einiges an Prunk eingebüßt hat.

Nach Beteuerung des «Kurzlehrgangs der Geschichte der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken)», leitete Genosse Stalin von hier, aus der tiefen, entlegenen Turuchansker Verbannung, den Kampf der Partei und der Arbeiterklasse gegen die Autokratie.

MIT VIEL SCHWUNG

Im Dezember 1949 feierte das Land mit viel Schwung den 70. Geburtstag seines Generalissimus. Damals wurde auch beschlossen, mit den Mitteln und Kräften des Norilsker Bergbau- und Metallurgie-Kombinats, das zum System des GULAG beim Innenministerium der UdSSR gehörte, in Kureika ein I. W. Stalin-Museum zu bauen. Dorthin, ans Steilufer des Jenissei, schickte man aus Norilsk eine Brigade aus erfahrenen Häftlings-Bauarbeitern mit kurzen Haftstrafen, etwa 200 Mann.

In Kureika gab es damals eine Stalin-Kolchose und eine während des Krieges geschaffene Hilfswirtschaft des Norilsker Kombinats, in der Gefangene und Verbannte arbeiteten.

Pawel Wladimirowitsch Tschiburkin, ein gefangener Arzt ohne Wachbegleitung, wurde damals nach Kureika zur Sanitätsabteilung des NorilLag geschickt. Seine zehnjährige Haftstrafe erhielt er 1943 ãîäó, als er leitender Chirurg des medizinischen Sanitätsbataillons der 86. Garde-Schützen-Division war — «wegen Beleidigung des Führers». 1952 wurde er freigelassen (die Haftzeit verkürzte sich wegen guter Arbeit um ein Jahr), 1956 rehabilitiert, heute lebt er in Moskau und ist Rentner. Der Bau des Museums lief vor seinen Augen ab.

Mir berichtete Pawel Wladimirowitsch, dass auch beschlossen wurde, Kureika auf dem angrenzenden Gebiet baulich hübsch zu gestalten, um einen entsprechenden Hintergrund für das majestätische Pantheon des Führers zu schaffen und kurzfristig neue öffentliche Gebäude zu errichten. Außerdem sollten die alten Hütten der Bewohner in einen eigens dafür eingerichtetes «Schutzgebiet» — ein Eckchen im vorrevolutionären Kureika, umgesetzt werden. An ihrer Stelle sollten neue errichtet werden.

Die Wände des Pantheons aus dicken Lärchenholz-Platten wurden in einer märchenhaften Geschwindigkeit errichtet. Von außen wurden sie mit einem speziellen Putz überzogen – unter rotem Granit. Des Weiteren wurde eine spezielles Kraftwerk für eine Beleuchtung und Beheizung des Pavillons rund um die Uhr. Die hohen Fensteröffnungen — sie reichten vom Fußboden bis zur Decke — wurden so hergerichtet, dass sie niemals einfrieren konnten, selbst in der grimmigsten Kälte des hohen Nordens nicht. Im Rahmen des Projekts war der Einbau von großen Fenstern aus Spiegelglas in drei Schichten vorgesehen, zwischen denen ununterbrochen warme Luft zirkulierte.

Anfangs lebte Josef Dschugaschwili in Kureika mit seinem Verbannungs-kameraden Jakow Swerdlow zusammen in der Hütte der Tarassejews.

Diese gediegene, aus Holz zusammengebaute Hütte, war noch erhalten. Man walzte die Hölzer aus, zog sie unter die Bogen des Pantheons und verwendete die Holz- stücke. Und für Anfissa Stepanowna Tarassejewa, eine gesprächige Alte, die von Tscheburkin über Einzelheiten von Stalins Verbannten-Dasein befragt hatte, wurde ein neues Häuschen mit allem nur erdenklichen Komfort gebaut.

Zum Sommer 1952 war der Bau beendet. Unter den gewaltigen Bögen des Pavillons wurde durch die strahlende Beleuchtung das Nordlicht imitiert, das die künstlerisch bemalte Kuppel, die mit rotem Sand ausgeschlagenen Wände und Stände mit Bildern aus der heroischen Biographie des großartigen Führers ausleuchtete. Rund um den Innenraum wurde ein Parkettweg angelegt. Vor dem Gebäude wurde ein Quadrat mit Blumengärten und Beeten angelegt.

In der Nähe stand eine zehn Meter hohe Statue, verkleidet mit weißem Gips, die den Generalissimus mit einer Zeitung in der Hand, «im weit geöffneten Uniformmantel und einfachen Stiefeln» zeigte, wie damals die Zeitungen schrieben.

DER MYTHOS AUS DEM «KURZ GEFASSTEN LEHRBUCH...»

Seit der Zeit des «Kurz gefassten Lehrbuchs der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken)» gibt es einen Mythos: der treue Freund und Mitstreiter Lenins, der Genosse Stalin aus dem fernen Kureika, leitete unermüdlich den Kampf der Partei und der Arbeiterklasse gegen die Autokratie. Der Krasnojarsker Poet Kasimir Lissowskij, der gegen Ende der Bauarbeiten des Museums das Gedicht «Sonne über Kureika» über Stalin schrieb, besang eine mit sieben Dochten bestückte Kerosinlampe, die im Museumszimmer auf dem Tisch stand: «Das Licht dieser Lampe war weit-weit zu sehen. Sie wurde von allen gesehen, die sich erhoben, um für die Freiheit und das Glück des arbeitenden Volkes zu kämpfen». Im Großen und Ganzen – wie es in dem bekannten Lied so schön heißt -, «habt ihr hier aus Funken eine Flamme entfacht, Dank euch – ich wärme mich am Feuer».

Wie die revolutionäre Flamme in Kureika das Mitglied des russischen Büros des Zentralkomitees der Russischen Sozial-Demokratischen Arbeiterpartei (Bolschewiken) – J.W. Stalin - «entflammte», ist bekannt. Im Gegensatz zu anderen verbannten Bolschewiken führte er unter den herrschenden Bedingungen keinerlei mögliche Parteiarbeit durch. Er erledigte seine Aufgaben nicht — und so hat er bis zum Ende seines Lebens nicht eine einzige Fremdsprache erlernt. Er schrieb in der Turuchansker Verbannung nicht einen einzigen Artikel. Der zweite Sammelband seiner Werke endet mit einer Broschüre, die er im Februar 1913 verfasste. Der dritte Band beginnt mit dem Artikel «Über die Arbeiterräte und Soldaten-Deputierten», gedruckt in der «Prawda» am 14. März 1917.

Vielleicht war Stalin im allgemeinen kein Theoretiker, sondern eher ein revolutionärer Praktiker, der in irgendeiner Weise organisatorisch tätig war? Ja, so eine Tatsache gab es. Im Sommer 1915 nahm er an einer Versammlung politisch Verbannter — Mitglieder des Russischen Büros des Zentralkomitees der RSDAP (B) in der Ortschaft Monastyrskoje (dem heutigen Turuchansk) teil. Diskutiert wurde der Prozess gegen die bolschewistische Fraktion der Staatsduma. In der offiziellen Biographie des Führers heißt es, dass er auf dieser Versammlung eine Rede hielt und das doppelzüngige Verhalten L.B. Kamenews in diesem Prozess anprangerte. Doch Stalins Teilnahme an dieser Versammlung bleibt — die einzige Tatsache. Und er hat dort auch nicht gesprochen. Swerdlows Ehefrau K.T. Nowgorodzewa, die mit ihrem Kind zum Ehemann in die Verbannung gekommen war, schreibt in ihren Erinnerungen: «Kein einziges Wort hat Stalin während der Versammlung geredet. Im Auftrag der Versammlung hätten Swerdlow und Stalin die Resolution abfassen sollen, doch Stalin eilte gleich nach der Zusammenkunft, ohne sich noch länger dort aufzuhalten, zurück nach Kureika und nahm an der Ausfertigung der Resolution nicht teil. Schließlich wurde sie, wie ich mich gut erinnern kann, von Swerdlow und Spandarjan geschrieben».

Im Allgemeinen verließ er Kureika nur ungern und sehr selten. Womit beschäftigte er sich dort?

Während Stalins Verbannung bestand die gesamte Bevölkerung der kleinen Siedlung Kureika aus 38 Männern und 29 Frauen. Die Einwohner waren Jäger und Fischer. Der auf dem Verwaltungsweg verbannte Josef Dschugaschwili (sein Spitzname innerhalb der Partei lautete Koba) war ebenfalls süchtig nach reicher Beute beim Jagen und Angeln. Und was machte er noch in dieser nordischen Entlegenheit?

Es gab noch eine Aufgabe, der er mit großer Begeisterung frönte,— abendliche Feiern und Trinkgelage. Aber in dieser Beziehung war Swerdlow, der mit ihm zusammen in der Hütte der Tarassejews wohnte, ihm kein guter Kamerad. Schon nach kurzer Zeit floh Jakow Michailowitsch vor ihm und quartierte sich in einer anderen Wohnung ein, und ein Jahr später erwirkte er seine Verlegung in die Ortschaft Monastyrskoje, von wo er auch seiner Ehefrau schrieb, dass Dschugaschwili nicht zu ertragen und ein Leben mit ihm unmöglich wäre. Anfissa Stepanowna Tarassejewa berichtete Tscheburkin:

— Er und Jakow Michailowitsch lebten nicht in Eintracht miteinander. Manchmal beschimpften sie sich heftig. Josef spuckte sogar in Jakows Suppe, und der weigerte sich dann, sie zu essen.

Der Sohn von A.I. Mikojan und Doktor der Geschichtswissenschaften Sergo Mikojan schreibt in seinem Artikel «Asketismus des Führers», der in der 15. Ausgabe der «Ogonka» im Jahr 1989 veröffentlicht wurde: «Stalin selbst erzählte dreißig Jahre später den Mitgliedern des Politbüros lachend, wie er zusammen mit Swerdlow den gemeinsamen Haushalt geführt hatte. Damit er nicht abwechselnd mit ihm Küchendienst machen musste, bereitete er extra ein ungenießbares Mittagessen zu».

Doch auch Koba logierte nicht lange bei den Tarassejews; schon bald begab er sich zur Kate der Pereprygins, um in deren Anbau Quartier zu beziehen. In dieser Hütte, so wird in dem Buch «J.W. Stalin in sibirischer Verbannung» berichtet, trafen oft die jungen Leute zu abendlichen Partys zusammen. Durch A.S. Tarassejewas Aussage in dem Buch erhalten die Pereprygins eine wenig schmeichelhafte Charakteristik für eine sibirische Bauernfamilie: «Sie haben Hunger, sind aber immer am Singen und Tanzen».

Anfissa Stepanowna war gesprächig, erinnert sich P.W. Tscheburkin, besonders dann, wenn er mit einem Viertel Wodka ankam. Sie trank gern. Wie alle Bewohner dieser Gegenden, wie auch der überwachte Verbannte Josef Dschugaschwili.

— Josef war ein fröhlicher Bursche,— erzählte die Tarassejewa,— er konnte gut tanzen, sang Lieder, freundete sich mit einem Fremden an, und der schickte ihm Briefe irgendwohin. Er war hinter den Frauen her, hier wurde ihm ein Sohn geboren, von einer meiner Verwandten...

Bemerkenswert ist die letzte Seite seiner Turuchansker Verbannungszeit. Im Oktober 1916 wurde der Milizkämpfer I. Ranges Josef Dschugaschwili mit einigen anderen Verbannten, Bolschewiken und Sozialrevolutionären, nach Krasnojarsk zur medizinischen Ausmusterung für die Einberufung in die Armee bestellt. Einer der mit Stalin zu Pferde dorthin reisenden Verbannten, Boris Iwanow, erinnerte sich: «In Wjerchne-Imbatsk blieben wir etwa eine Woche, wir wollten uns ausruhen. Mit uns waren Musikanten unterwegs, man feierte Partys. Auf diesen Gesellschaften war I.W. Stalin der allerfröhlichste».

— Und warum sollten sie hier nicht leben,— erzählt Tarassejewa weiter.— Schließlich bekamen sie vom Staat ein wenig Geld fürs Essen. Fünfzehn Rubel monatlich für jeden! Und als im Herbst das Schiff kam, habe ich mir für den ganzen Winter für zwei Rubel einen Vorrat an Mehl angelegt...

Die staatliche Beihilfe reichte allerdings nur zum Leben. Und Wodka kostete im fernen Kureika eine Menge Geld. Eine Flasche Schnaps, beispielsweise, 4-5 Rubel. Woher sollte ein Verbannter das nehmen? Und so verschickte Stalin wehleidige Briefe an seine Bekannten, mit der Bitte, Geld zu schicken (später wird er all diese seine Wohltäter verfolgen und in Lager schicken). Sie schickten ihm auch aus der Parteikasse nicht wenig Geld. Und damit die Gendarmen nicht auf die Geldüberweisungen aufmerksam wurden, gingen sie an den Polizisten Mersljakow, mit dem Koba sich angefreundet hatte und gern zechte. Nach der Revolution vergaß Josef Wissarionowitsch seinen Kureijsker Polizisten nicht und schützte ihn mit einem besonderen Brief vor den sowjetischen Jenisseisker Behörden, die den Vorsatz gefasst hatten, den ehemaligen Diener des Zarismus zu strenger revolutionärer Verantwortung zu ziehen.

Allein in den ersten drei Monaten seiner Turuchansker Verbannung erhielt der arme Soso 60 Rubel. Im weiteren Verlauf trafen Überweisungen über 100 und 50 Rubel ein...

ER ERINNERTE SICH NICHT GERN

Dieses Buch — «J.W. Stalin in der sibirischen Verbannung» — kam im Herbst 1942 im Krasnojarsker Regional-Verlag heraus; als formeller Anlass für die Ausgabe diente der 25. Jahrestag des Oktober. Verantwortlicher Redakteur des Buches war der Sekretär des Krasnojarsker Regionskomitees der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken), der für Propaganda und Agitation zuständige Konstantin Ustinowitsch Tschernenko. Das Aushängeexemplar, welches zur Bestätigung auf «allerhöchster Ebene» nach Moskau geschickt wurde, löste bei Stalin heftigen Unmut und Verärgerung aus. Die Auflage geriet unters Messer; von den 15 Tausend Exemplaren überlebten wie durch einen Zufall etwa hundert. K.U. Tschernenko war, wie der Historiker Roi Medwedjew bestätigt, gezwungen, Krasnojarsk deswegen zu verlassen, wobei er es allerdings verstand, sich erfolgreich zum Studium an der Hochschule der Parteiorganisatoren in Moskau einzuschreiben. Und den Verfasser des Buches — den einst nach Krasnojarsk evakuierten Moskauer Professor M.A. Moskalew, damals ein bekannter Partei-Historiker, schickten sie später, 1949, in die Verbannung, wie die damalige Direktorin und Hauptredakteurin des Verlags, Soja Ilinitschna Semiguk, bestätigt.

Nach allem zu urteilen mochte sich der Führer nur äußerst ungern an seine Verbannung in Kureika erinnern. Dabei hätte er als professioneller Revolutionär und Bolschewik doch eigentlich stolz darauf sein sollen...

Die Gründe dafür lassen sich nur erraten. Die angeführten Fakten sprechen davon, dass es nichts gab, worauf er hätte stolz sein können. Er tat nichts, amüsierte sich auf abendlichen Partys, hinterließ manche Sünde... Er stritt mit Kameraden, die ebenfalls verbannt worden waren, von denen die meisten später in den Kerkern oder Lagern des NKWD verschwanden: Stalin konnte die Zeugen seiner durchaus nicht makellosen, unbescholtenen Jugend nicht ertragen.

Die Ironie des Schicksals, dargestellt in den Zeilen des bekannten, von Jus Aleschkowskij geschriebenen, Liedes: «Und da sitze ich nun in der Turuchansker Region, wo zu Zarenzeiten ihr in der Verbannung saßt...». Die zaristischen Satrapen (Statthaltern; Anm. d. Übers.) hätten selbst im schlimmsten Albtraum nicht von dem globalen System der Massenvernichtung von Menschen träumen können, welches vom stalinistischen Imperium des GULAG geschaffen wurde. Zu seinem ungeteilten Erbe wurde auch der Jenisseisker Norden, der mit den dichten Maschen von Stacheldrahtzäunen umgeben war.

In der Presse wird die Frage diskutiert, ob der Revolutionär Josef Stalin geheimer Agent der zaristischen Geheimpolizei war. Obwohl die Beweisführung Indizien anführt, ist klar, dass Feigheit, Neid, Rachsucht, raffinierte Hinterhältigkeit und unglaublicher Egoismus eine gute Grundlage für Verrat an allen und allem werden konnten.

Weshalb gelang ihm beispielsweise mit so einer Leichtigkeit die Flucht aus den vorherigen fünf Verbannungen? Und warum unternahm er keinerlei versuch, der Turuchansker Verbannung zu entkommen?

Nun, die Region Turuchansk bezeichnete man damals als Gefängnis ohne Gitter, denn es war so gut wie unmöglich, von dort zu fliehen. Trotzdem kamen Fluchtversuche vor, und auch Stalin hatte eine derartige Möglichkeit. Im Sommer 1914 flüchtete mit dem Schiffå «Ragna» der norwegischen Sibirischen Handelsgesellschaft einer von Stalins Kameraden aus der Kureisker Verbannung nach Westeuropa – auf dem Seeweg, unter Mitwirkung des Direktors und Verwalters dieser Gesellschaft, Jonas Lid.

DER SCHATTEN DES PANTHEONS

Das pompöse Pantheon in Kureika wurde von Gefangenen für eine Lebensdauer von hundert Jahren gebaut. Die Lüftungsschächte mit ihrer besonderen Konstruktionen schützen das Gebäude auch jetzt noch vor den Schelmenstreichen des ewigen Frostes. Damals befahl man allen Kapitänen der auf dem Jenissei fahrenden Schiffe, hier bei jeder Fahrt für die Dauer von zwei Stunden festzumachen. Die gesamte Mannschaft und sämtliche Passagiere sollten — zu Ihm gehen... Noch sieben Jahre nach seinem Tod begab sich das gesamte Dorf zum Pantheon, legten an Feiertagen Blumen am Denkmal nieder.

Aber 1961, in einer finsteren Nacht, wickelte man eine Trosse um das Idol und zog mit einem Traktor. Es heißt, dass er nicht lange Widerstand leistete... Sie versenkten die Statue im Jenissei, an der tiefsten Stelle. Der Aberglaube besagt, dass er mit dem Gesicht nach unten auf dem Grund des Flusses liegt.

Schnell erfuhren die Kapitäne von der geheimen nächtlichen Operation. Diejenigen, die es gewohnt waren, standen respektvoll am «heiligen Ort» und vermieden es in ihrem Aberglauben noch lange, über «ihn» hinwegzufahren, wobei sie versuchten, ihre Schiffe durch andere Fahrwasser zu führen. Selbst aus der Tiefe brachte er Schaudern über einen herein.

Und das Pantheon? Das riesige Gebäude ist verfallen und sieht trostlos aus.

Ein paar Sachen und Exponate aus dem Museum in Kureika wurden Anfang der 1960er Jahre ans Atschinsker Heimatkunde-Museum übergeben. (In dieser Stadt lebte J.W. Stalin, nachdem er vom Krasnojarsker Gouverneur die Erlaubnis erhalten hatte, dort das Ende der Verbannung zu verbringen, zusammen mit L.B. Kamenew in einer Wohnung – weniger als einen Monat vor seiner Abreise nach Petrograd am 8. März 1017). Ein Teil dieser Sachen befindet sich auch heute noch in den Lagerräumen des Atschinsker Museums, wobei beharrliche Bitten und Anfragen vorliegen, sie dem Staatlichen J.W. Stalin-Museum in der grusinischen (georgischen; Anm. d. Übers.) Stadt Gori, der Heimat des «Kreml-Bergbewohners», zu übergeben oder an dieses zu verkaufen.

In Kureika befinden sich heute — die Filiale der Igarsker Sowchose und ein Stützpunkt des in Norilsk gelegenen Erdöl- und Erdgas-Forschungsinstituts der Landwirtschaft des hohen Nordens. Die Bewohner der Ortschaft, die sich seit langem an ihre «Sehenswürdigkeiten» gewöhnt haben, blicken gleichgültig in die leeren Augenhöhlen des Pantheons. Übrigens, einige Einwohner von Kureika produzieren bereits seit ungefähr vier Jahren selbstgemachte Postkarten mit Ansichten des Pantheons.

Wissenschaftler des Landwirtschaftlichen Instituts des Hohen Nordens haben vorgeschlagen, das Gebäude des Pantheons als Gewächshaus einzurichten — zumindest wäre es dann von einem gewissen Nutzen. Die Öffentlichkeit hat sich noch zu Breschnews Zeiten für ein Museum verbannter Revolutionäre des Jenisseisker Nordens ausgesprochen. Hier verweilten die Unfreien, angefangen bei den Bauernrebellen und aufsässigen Sektierern und Kirchenspaltern, in rauen Mengen.

Aber am meisten — liefer ihnen Zahlen! — hielten sich in diesen eisigen Gefilden «Volksfeinde» auf, und das heißt – auch «Feinde» des Genossen Stalin höchstpersönlich. Also muss man ihnen hier auch ein Museum einrichten — ein Museum für die Opfer der stalinistischen Repressionen. An Besuchern wird es nicht mangeln: auf dem Jenissei — von Krasnojarsk bis nach Dickson — fahren Touristengruppen.

Die Wände des Pantheons sind mit zahlreichen «Autogrammen» beschmiert – in der Art von «Hier war Wasja». Aber es heißt, dass es unter ihnen auch solche gab: «In ehrendem Gedenken», «Mit seinem Namen sind wir gestorben», «Russland ohne Herrn». Im folgenden Sommer traf ich diese Aufschriften schon nicht mehr an — sie waren zwischenzeitlich abgescheuert worden. Ich glaube, das war umsonst — mögen sie uns warnen, dass das Kureisker Flämmchen schwelt. Wie Viktor Petrowitsch Astafjew schrieb, «die Flamme jener Jahre erlosch, am Leben sind diejenigen, die bereit sind, sich auf alle Viere zu erheben und in die glühenden Kohlen zu blasen, bis sie wieder von Neuem entfacht ist, bis die helle Flamme das von Enthusiasmus ergriffene Antlitz erleuchtet...».

Das Pantheon mit dem komisch hervorstehenden Sockel, auf dem einmal die Statue stand, ist jetzt von einer kräftigen Einzäunung aus Pfählen umgeben, die oben mit Stacheldraht versehen wurde. Das hat man gemacht, damit das Vieh sich nicht veräuft. Als wir uns näherten, tauchte von irgendwoher ein schwarzer Hund auf; er bellte nicht, schlüpfte ins Innere des Gebäudes und legte sich in der Mitte nieder. Und während wir leise auf den Überresten des abgeschürften Parkettbodens durch das marode Museum gingen, lag er ohne sich zu rühren da. Wie der treue Ruslan aus dem gleichnamigen Roman. Für eine Sekunde fühlte ich mich sogar recht unwohl — das Bild zeigte eine schmerzliche Symbolik.

Am Schiff erwarteten uns ortsansässige Händler mit Ansichtskarten. Ich kaufte die komplette Sammlung — die Geschichte darf man niemals vergessen.

Valerij JAROSLAWZEW, freier Korrespondent der «Russische Zeitung».

Kureika — Krasnojarsk

Foto: historisches Foto aus der Sammlung der in Kureika gekauften Ansichtskarten.

„Russische Zeitung“, 21.03.1992


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