Nikolai Erdman in Sibirien

Zu Fuß in die Geschichte

Zum Jubiläum des Schriftstellers

Nikolai Erdman war der einzige Satiriker in der sowjetischen Dramaturgie, der die wahre Aufgabe der Satire erfüllte — er machte das Machtsystem lächerlich, nicht persönliche menschliche Unzulänglichkeiten.

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Deshalb wurde der noch junge Erdman für seine Stücke vom stalinistischen Staat verfolgt. Und wie zu vermuten ist, äußerten sich diese Verfolgungen in den Verboten seiner Stücke zur Veröffentlichung und Inszenierung und, letztendlich, seiner Verbannung nach Sibirien, — diese Verfolgungen führten dann auch zu einer Krise, die bis zum Ende seines Lebens anhielt, und der Tatsache, dass Erdman nach dem berühmten «Selbstmörder» kein einziges dramatisches Werk mehr schrieb.

Verbannung in Sibirien. Wovon lebten die Menschen in diesem fernen und frostigen «Land» namens Sibirien? Einige interessante Antworten sind in den Briefen des Schriftstellers an seine Eltern und Freunde enthalten, welche diese von Nikolai Robertowitsch aus verschiedenen sibirischen Städten erhielten.

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Gleichmäßig blauer Himmel. Die Sonne scheint. Leichter Frost. Trockene Luft und kein Wind. Heute Abend werden wir in Irkutsk sein. Gestern fuhren wir an Krasnojarsk vorbei. Die Bergkuppen vor Krasnojarsk sehen rau und majestätisch aus. Der Jenissei ist breit und gewichtig. Im Großen und Ganzen organisiert Sibirien mich, äußerlich wie charakterlich. Ob ich mich damit arrangieren werde – das wird die Zukunft zeigen. Jenisseisk soll Gerüchten zufolge der getreidereichste Ort in ganz Ost-Sibirien sein. Wollen wir hoffen, dass diese Gerüchte sich bewahrheiten. In Irkutsk werde ich versuchen, ein Telegramm an euch zu versenden... Der Weg nach Jenisseisk ist lang, es sieht so aus, als ob die Schiffe schon nicht mehr fahren — wir werden wohl Pferde benutzen. Ob es unterwegs ein Postamt gibt — ich weiß es nicht. Ich küsse euch, meine Lieben. Lebt in Frieden...

Auf der Postkarte ein Stempel — 6.2.33. 1

Heute ist der 6., und ich sitze immer noch in Boschaja Murta. Ich und eintausendsiebenhundert Fischer, die vom steigenden Jenissei ins Dorf gestürmt sind. Fünf Minuten später erwiesen die Gäste sich als Herren. Die eingeborene Bevölkerung zog sich in ihre Hausflure zurück. Trotz dreißig Grad Frost hatten die dahinvegetierenden Angestellten des Branntwein-Zentrums keine Möglichkeit, ihre weit geöffneten Türen auch nur eine Sekunde lang zu schließen. Gegen Abend begannen die Gläser vom lauten Gesang zu zerspringen. Nach und nach gingen die Lieder in Prosa über. Am Morgen fiel Schnee. Ich ging zur Post und sah, wie bärtige Fischer aus dem Schnee aufstanden, ihre Kleidung abschüttelten und auseinandergingen, um sich in ihre Hütten zu begeben. Auf der Post erteilten sie mir wegen der Pferde eine abschlägige Antwort; ich trat auf die Straße hinaus, ohne genau zu begreifen, was ich nun tun sollte. Das Åinzige, was mir blieb, war - nichts zu tun, und so begab ich mich zum Markt, über den ich in meinem vorherigen Brief geschrieben habe. Auf dem Markt gab es einige Pud Fleisch, ein paar Pfund Butter, einige Dutzend Eier und ein paar Fische zu kaufen. Nach meinem Besuch dort waren es fünf Eier und ein Pfund Butter weniger, und mein Geldbeutel — um dreißig Rubel leichter. Auf dem Rückweg las ich die Aushängeschilder; auf einem von ihnen stand «Torgsin», das bedeutet: «Handel mit Ausländern», ich öffnete fassungslos meinen Mund und stieß mit einem Passanten zusammen. Als ich zu meiner Wirtin zurückkehrte, war ich bereits in einer besseren Stimmung, die sich jedoch leider sehr schnell wieder verschlechterte. Meine Wirtin erwies sich als eine Frau aus Marmor. Aus solchen Frauen muss man Waschbecken machen, aber keine Wirtin. Sie buk einen Stapel Piroggen, Brezeln, Gebäck und Ragulki, und riss sich alles selber unter den Nagel; nicht einmal einfaches Brot gab sie mir zum Probieren. Heute bin ich zur «Futterstation «Jenisseisolota»» umgezogen. Dort hat man mich nett empfangen. Ich esse mich satt, schlafe gut und warte ungeduldig auf das Auto. Ich beende meinen Brief, weil jetzt die Post zum Versand geht...
Nikolai.

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Jenisseisk. Stalin-Straße 23.
20. November 1933.

Ich schreibe erst jetzt, weil meine Hölle sich dafür nicht früher eignete — nun werde ich häufiger schreiben.

Gestern habe ich zum ersten Mal seit meiner Abfahrt in einem Bett geschlafen. Es war unglaublich schwierig, hier eine Wohnung zu finden.

Auf dem Jenissei saßen siebzig Schiffe fest, und die ganze Stadt und alle Dörfer bis nach Krasnojarsk waren voll von Fischern. Vier Tage habe ich bei einem Mann gewohnt, dem ich zufällig in Murta begegnete. Vier Tage bin ich auf der Suche nach einer Wohnung durch die Stadt geschlendert und jeden Abend wieder zu ihm zurückgekehrt. Stell dir diese winzige Wohnung mit zweieinhalb Zimmerchen vor, in denen man sich bewegen muss; mein Bekannter, seine Frau, vier rotzige, schreiende, schmutzige und nicht richtig sprechende Kinder, der halbblinde Herr des Hauses, die vollkommen blinde alte Hauswirtin, eine Haushälterin und ich. Gestern bin ich in mein Zimmer umgezogen — das reine Paradies. Dieses Paradies befindet sich im Hof, mit kleinen Fensterchen, mit ein wenig abschüssigem Fußboden und zwei Engel – nicht älter als vierzig Jahre. Mein Paradies kostet 35 Rubel im Monat, wobei der jüngste Engel mir für diese Summe Essen kochen soll. Unter meinen Lebensmitteln befinden sich ein paar Konservendosen. Ein Beutel und eine Packung mit Gebäck, Nudeln, Kakao, eine Schachtel Konfekt, Bruchzucker, sechs Tafeln Schokolade. Einige Schachteln Papirossi und Plötze, die ich auf dem Weg hierher von denen, die ihn (nicht den Fisch, sondern den Weg) ausgeklügelt haben, erhielt, sowie Kristallzucker.

Freien Brotverkauf gibt es hier nicht. Ob es ihn einmal geben wird, ist nicht bekannt. Ein Pud Mehl kostet 80 Rubel. Ich habe ein Pud und fünf Pfund gekauft. Wie du siehst, bin ich ein bemerkenswerter Hausmann. Wenn du gesehen hättest, wie ich den Kuhstall repariert und Holz gesägt habe — eine Augenweide.

Die Fahrt hierher hat mein Geld aufgefressen. Die Fahrt von Krasnojarsk nach Jenisseisk hat mich ungefähr vierhundert Rubel gekostet. Heute habe ich zwei Überweisungen erhalten und morgen werde ich wieder reich sein.

Mamachen, mein Goldstück, es ist sich schwer für dich. Ich küsse dich und warte auf deinen Brief.

Mamis Sibirier.

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3. Dezember 1933.

Heute habe ich deinen ersten Brief erhalten. Vielen Dank, mein Goldstück. Du hast keine wahre Vorstellung von meinem Leben. Es gibt keinerlei Grund, um mich in Angst und Sorge zu sein. Als ich in Gagry lebte, hättest du eher Gründe haben sollen, meinetwegen beunruhigt zu sein, als jetzt. In Gagry hätte ich vom Berg hinunterstürzen, im Meer ertrinken, mich in eine Schauspielerin verlieben oder mich auf einen Skorpion setzen können. Hier kann ich nicht einmal meinen Durst löschen, weil sie kein Wasser verkaufen.

Ich bin sehr froh, dass du wieder gesund bist...

Sei meinetwegen ganz ruhig.
Dein nichtsnutziger Sohn

Nikolai

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Da ich von dir in Krasnojarsk kein Telegramm erhalten habe, entschloss ich mich, dir erst zu schreiben, wenn ich genau weiß, wohin sie mich schicken.

Weniger hatte ich daran gedacht, dass ich in Krasnojarsk eine ganze Woche völlig umsonst sitzen muss. Aus Jenisseisk fuhr ich ohne Begleiter, nur mit einem zufälligen Reisegefährten, ab. Das Wetter war göttlich und die Fahrt hätte man beinahe als vergnüglich beschreiben können, wenn ich sie nicht auf meine eigenen Kosten hätte bestreiten müssen. Allerdings, so versicherte man mir, würde ich die Fahrtkosten in Krasnojarsk erstattet bekommen, aber da ich mich daran erinnere, dass ich auch aus Krasnojarsk mit eigenem Geld abfuhr, habe ich nur wenig Hoffnung. Ich streite nicht — alles wird teurer, aber die Verbannung an sich kostet schon viel Geld. Also sollte man schon irgendwo in der Mitte des Weges bleiben und noch drei Jahre für die Flucht arbeiten. In den vergangenen Monaten habe ich so viel Interessantes und Lehrreiches gesehen, dass du wieder einmal zu Bett gehst und denkst — wie schade, dass ich kein Schriftsteller bin. Tomsk hat mir gefallen. Ganz besonders nach Krasnojarsk, zu dem ich eine unüberwindbare Abneigung verspüre.

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In Nikolai Robertowitsch Erdmans Archiv liegt eine Bescheinigung verwahrt, die am 19. Oktober 1936 von den NKWD-Organen in Tomsk über die «Verbannungszeit» ausgestellt wurde. Es begannen die langen Jahre der Irrfahrten durch Städte und Gewichte — in Moskau lebte Erdman zu jener Zeit mit den Rechten eines Vogelfreien, aber er hat diese Rechte wohl nie missachtet...

Die Briefe las Sergej SCHTSCHEGLOW

„Krasnojarsker Abendblatt“, 02.06.1992


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