Überleben und leben

DEUTSCHE IN SIBIRIEN

Unter dieser Devise verlief am Samstag im Kultur-Historischen Zentrum der Tag des Gedenkens an die deutschen „Trudarmisten“ und die Massen-Deportation der Russland-Deutschen. An diesem Tag ehrten Vertreter der regionalen Gesellschaft «Wiedergeburt» und der regionalen Organisation «National-kulturelle Autonomie der Russland-Deutschen» feierlich das Gedenken an die Opfer der stalinistischen Repressionen und legten Kränze auf dem Jenissei nieder. Für diesen Gedenktag waren auch die Exposition «Schicksalhafte Wege», die Ausstellung «Schaffenswerk deutscher Künstler» und andere kulturelle Maßnahmen angesetzt.

So, wie du aus einem Lied nicht die Worte entfernst, streichst du auch aus der Geschichte Russlands nicht ihre tragischen Seiten. Am 28. August 1941 kam das Dekret über die Aussiedlung aller Deutschen aus dem Wolgagebiet nach Sibirien und Kasachstan heraus. Gemäß diesem Erlass wurden 75000 Deutsche in die Region Krasnojarsk verbannt und in fast allen Bezirken angesiedelt. In demselben Jahr 1941 wurden die Deutschen in „Trudarmeen“ zur Zwangsarbeit herangezogen, bei denen es sich faktisch um Konzentrationslager des NKWD handelte. Tausende «Trudarmisten» kamen in dieser Zeit durch Dystrophie ums Leben...

Über die Ereignisse der längst vergangenen Jahre berichtet der Sohn des «Trudarmisten» Wladimir Andrejewitsch Folmer, der im Jemeljanowsker Bezirk lebt:

— Bis ins ferne Sibirien waren die Deutschen lange unterwegs, hauptsächlich in Güterwaggons («Viehwagen»). Viele fanden Zuflucht in der Region Krasnojarsk — vor dem eisigen Polargebiet und den Steppen Chakassiens. Trotz der grausamen Haltung seitens der Behörden und der misstrauischen Wachsamkeit der Ortsbevölkerung lebten sich die deportierten Deutschen dort sofort unter den ungewohnten sibirischen Bedingungen ein. Vor allem mussten sie sich gegen die Winterfröste schützen. Und so hoben die Deutschen Erdhütten aus, machten sich verwahrloste, löchrige Scheunen als Wohnraum zurecht. Aber vor allen Dingen — mussten sie sehr viel arbeiten, die schmutzigsten und schwersten Arbeiten verrichten. Die Zähne zusammenbeißend und alle Demütigen der Behörden vergessend, schufteten sie, wie es nur die Russland-Deutschen vermögen.

In vielen Bezirken von Krasnojarsk fand eine dichte Besiedlung durch die deportierten Deutschen statt. Im Jemeljanowsker Bezirk befindet sich die Ortschaft Logowskoje, die zu jener Zeit Deutsche aus dem Wolgagebiet beherbergte. Ihre Nachfahren (und ich bin einer von ihnen) leben auch heute noch hier. In drei Jahren werden wir bereits den 60. Jahrestag der Deportation begehen. Viele Jahre sind vergangen, aber noch sind einige von denen am Leben, die im reifen Alter gezwungen waren, die heimatliche Wolga zu verlassen, die die schweren Schicksalsherausforderungen der «Trudarmee» am eigenen Leib erfahren mussten. Maria Iwanowna Schefer war noch keine 17 Jahre alt, als sie zusammen mit anderen «Trudarmistinnen» mit dem Schiff von Minussinsk zu Zwangsarbeiten in den entlegenen Turuchansker Bezirk geschickt wurde. Dort musste sie Fische fangen und anschließend einsalzen. Heute kann sie sich nur unter Tränen an jene fernen und schweren Jahre erinnern, die voller Leid und Erniedrigungen waren. Erst 1955 bekam sie die Erlaubnis, mit ihren beiden Kindern in den Kuraginsker Bezirk zu fahren, wo sie sich mit ihren Verwandten wiedervereinigen konnte.

In Logowskoje lebt heute auch die Familie ehemaliger «Trudarmisten» - Jakob und Lydia Dumler. Als neunzehnjähriger Bursche geriet Jakob Jakowlewitsch nach Reschoty, zum Holzeinschlag. Man brachte sie mit der ersten Partei Deutscher im Winter in die Taiga und zwang sie, ein Lager mit Wachtürmen für die Aufnahme einer noch größeren Gruppe (200—300 Personen) fertig zu bauen. Nach eineinhalb Jahren wurde Jakow Dumler in ein anderes Holzeinschlagsgebiet geschickt – ins Molotowsker Gebiet, wo die Lebensbedingungen sich noch schwieriger gestalteten und das Verhalten der Lagerleitung gegenüber den Insassen noch grausamer war. Die «Trudarmisten» in diesem Lager kamen immer häufiger durch Hunger und das Fehlen warmer Kleidung ums Leben.

— Nun ist es schon zehn Jahre her, dass mein Vater, der alte „Trudarmist“ Amdrej Jakowlewitsch Folmer, starb. Er war 25 Jahre alt, als er, wie viele andere auch, zum Holzeinschlag ins Kirowsker Gebiet geriet. Von den Strapazen, den Erniedrigungen jener Jahre hat er nur sehr spärlich berichtet, auf all meine Fragen antwortete er einsilbig und ungern. Doch mitunter bemerkte ich Tränen in seinen Augen, die seine Seelenqualen zum Ausdruck brachten. Schließlich hat er mehr als vier Jahre als «Trudarmist» durchgemacht! Und später, bereits im Minussinsker Bezirk, musste er rund um die Uhr als Mechanisator auf dem Feld arbeiten. All diese Schicksalsherausforderungen haben das Leben des Vaters früh zerrissen. Gott sei Dank, dass er wenigstens seine letzten Lebensjahre an den Ufern der so liebgewonnenen Wolga verbringen konnte. Beerdigt wurde der «Trudarmist» auf dem alten verwahrlosten Friedhof in Samara. Als die Friedhofsmitarbeiter das Grab für den Vater aushoben, stießen sie auf die Spuren eines Massengrabes. Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei um eines der Massengräber, in denen in den Nachkriegsjahren kriegsgefangene Deutsche bestattet wurden. Sie hatten damals die zerstörten Rüstungsfabriken in Samara wiederaufgebaut (zu der Zeit hieß die Stadt Kujbyschew). Und da saß ich nun auf dem Grab des Vaters unter einer alten Eiche und dachte über die bittere Ironie des Schicksals nach: in ein- und derselben Erde war die Wiedervereinigung der Überreste deutscher Soldaten mit einem Russland-Deutschen erfolgt, dessen Vorfahren sich vor mehr als zwei Jahrhunderten am Mütterchen Wolga niedergelassen hatten...

...1989 verabschiedete der Oberste Sowjet der UdSSR eine Anordnung über die Aufhebung aller oben erwähnten stalinistischen Dekrete. Die Russland-Deutschen erhielten die Möglichkeit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die Einen begaben sich zurück in ihre historische Heimat, andere kehrten an die Wolga zurück. Viele blieben jedoch in Sibirien, das für sie inzwischen vom Verbannungsort zur kleinen Heimat geworden war.

Iwan BELJAKOW
„Krasnojarsker Arbeiter“, 13.10.1998


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