Die das Schicksal gemeistert haben

In unserem Bezirk gibt es hinreichend viele Bewohner – der Nationalität nach sind es Deutsche. Die meisten von ihnen wurden während des Krieges von den Ufern der Wolga nach Sibirien und Kasachstan umgesiedelt. Gut können sich die hier lebenden Alten noch daran erinnern. Was haben sie erlebt? Wie war das damals?

Wir drucken die Erzählung einer Zeugin jener lang zurückliegenden Ereignisse – Alexandra Michailowna Schultais (Schultheiß?), Einwohnerin der Ortschaft Atamanowo.

Bis zum 8. September 1942 konnte man auf allen Landkarten der Sowjetunion einen kleinen Kreis (an der Wolga) zwischen den Städten Saratow und Stalingrad erkennen. Da war die ASSR NP (die Autonome Sowjetische Sozialistische Republik der Wolga-Deutschen mit der Stadt Engels vermerkt – genau gegenüber von Saratow). In der Republik lebten etwa zwei Millionen Menschen. Wie überall woanders auch gab es bei uns Städte, Universitäten, Betriebsfachschulen, Schulen, aber der Unterricht wurde immer auf Deutsch abgehalten. Russisch wurde als Fremdsprache gelehrt. Es gab zahlreiche Dörfer, aber im Unterschied zu den russischen, herrschte dort Ordnung, Genauigkeit, Sauberkeit. Die Straßen waren gerade wie eine Linie angeordnet. Zäune, Gartenpforten, Tore waren nicht irgendwie in die Erde eingeschlagen, sondern dauerhaft und schön verziert. Die Häuser waren aus Baumstämmen gezimmert, trugen Strohdächer und die Hofgebäude (am Haus gab es auf jeden Fall auch eine Sommerküche) – alles war leuchtend weiß angestrichen.

Alles wurde verputzt und bis auf Hochglanz geglättet, und man versuchte stets, alle Ecken spitzwinklig zu bekommen. Die Fenster glänzten, die Höfe wurden täglich gefegt und die Straßen einmal pro Woche, mitunter auch häufiger. Im Haus standen, wie auch bei den Russen, Möbel: Sitzbänke, Betten – aber in puncto Sauberkeit herrschte Hochglanz. Die Haus trug fast immer ein Kleid mit Schürze (in der Regel weiß). Alle hatten am Haus Gemüse-, Obst- und Blumengärten, in denen Ordnung herrschte (Unkraut gab es nicht). Alle hielten Vieh und Geflügel und, wie überall im Land, arbeiteten sie in Kolchosen für Tagesarbeitseinheiten und sorgten für reiche Ernten. Wie ihren eigenen Augapfel hüteten sie die technischen Gerätschaften und erhielten nach einem Zählsystem Stöckchen für die von ihnen geleistete Arbeit. Tagsüber ging man nicht zu Besuch und sich Brot oder Salz von der Nachbarin borgen galt als Schande. Betrunkene sah man nirgends – auch das zählte als Schande. Aber abends nach dem Abendessen saßen sie gern auf der Straße auf einer Bank beisammen (besonders an den Sonntagen), um in sauberen Kleidern ein wenig zu tratschen. Sie führten ein ärmliches Leben, genau wie die Russen auch.

Ich erinnere mich an die merkwürdige deutsche Ordnungsliebe: in dem Haus, in dem sich die Mädchen befanden, sollten Hof und Straße jeden Tag sauber gemacht werden. Und wenn irgendeine Schlafmütze dieses Gesetz vergaß, dann kippten die jungen Burschen ihr einen ganzen Mülleimer voll Stroh und Kuhfladen auf die Straße vor dem Haus. Am Morgen, wenn sie dann die Kühe hinaustrieben, war das ganze Dorf versammelt und lachte schallend, und die Schuldige wurde entweder böse oder fing an zu weinen. Natürlich kam das nicht oft vor.

In jedem Dorf gab es Klubs, fast überall auch Laienspielgruppen, deren Organisatoren die Lehrerschaft war. Die Deutschen mochten sehr gern tanzen. Ihre Lieblingstänze waren Walzer und Polka. Ach, wie ausgelassen Jung und Alt tanzten und dabei ihre schwere Arbeit ganz vergaßen, ihre Sorgen von sich warfen! Samstags war der Klub immer voll, und Konzerte waren auch sehr beliebt. Sie hatten überall ihre eigene Musik: Geigen, Zimbeln, Ziehharmonikas, nur Balalaiken gab es bei uns nicht. Häuser und Gartenpforten wurden nie verschlossen; war eine Holzlatte darübergelegt, bedeutet es, dass niemand daheim war. Diebstahl – eine Schande!

Die Lehrerinnen waren sehr geachtet. Mein Mann und ich erinnern uns noch (1937), wie wir zwei „noch grünen“ Lehrerkräfte (jeweils 19 Jahre alt), nach Abschluss der pädagogischen Fachschule die Straße hinaufschlenderten, und die Leute vor uns die Mützen abnahmen und sich verbeugten; die Frauen neigten ihre Köpfe – und das taten sie die ganze Zeit. Und was soll man über die Disziplin in der Schule sagen? Ruhe und Ordnung. Einen Vorfall habe ich das ganze Leben nicht mehr vergessen. 1970, bereits hier in Sibirien, kam ein Mann zu meinem Ehemann ins Amtszimmer (er war Hauptbuchhalter der Sowchose „Tajoschnij“ im Suchobusimsker Bezirk) und fragte lächelnd: „Sind Sie David Davidowitsch Schultais?“ Haben Sie vor dem Krieg als Lehrer an der Millerschen Schule an der Wolga gearbeitet?“ – „Ja“, - antwortete mein Mann. – „Wieso?“ – „Und lebt ihre Frau Alexandra Michailowna auch hier?“

„Ja“ –antwortete mein Mann. – „Meine Frau und ich sind ihre einstigen Schüler. Wir haben immer wieder an Sie gedacht und freuen uns über dieses Wiedersehen“. Nach dieser Begegnung wurden sie unsere „Adoptivkinder“. Viele ehemalige Schüler schreiben uns auch – ein interessanter Briefwechsel! Alle sind inzwischen schon – alte Leute, Großmütter und Großväter.

Ich komme zurück auf die Republik der Deutschen. Das Jahr 1939. Die Geburt unseres ersten Kindes. Mein Mann und ich, beide Lehrer, leben einträchtig miteinander und sind materiell einigermaßen gesichert. Ich bin Deputierte des Obersten Sowjets erster Einberufung und Lehrerin der russischen Sprache, er ist – Mathematiker. Beide haben als Fernstudenten das pädagogische Institut in Engels absolviert. Das erste Kind stirbt. Am 1. Juli 1940 wird der zweite Sohn geboren, und meinen Mann holen sie zur Armee. Wie ein Donnerschlag im ganzen Land – der Krieg! Bald darauf – das Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August, unterzeichnet von Stalin, über die Umsiedlung aller Deutschen aus der Republik. Wohin? Das ist nicht bekannt!

Ich erinnere mich an den 8. September 1941. Alles ist ruhig. Wir habe ein neues Schuljahr begonnen. Und plötzlich – ein Trupp Soldaten und ein Offizier mit Knabengesicht. Sie holten die Bewohner aller Dörfer beim Klub zusammen und verkündeten: „Aufgrund des von Stalin unterzeichneten Dekrets müssen sich alle Deutschen binnen 24 Stunden zur Umsiedlung bereit machen. Die Ortschaft mit Fahrzeugen oder zu Fuß zu verlassen, ist verboten. Nur das Wichtigste darf mitgenommen werden: Winterkleidung und Lebensmittel für mindestens eine Woche. Nur so viel, wie ihr tragen könnt. Zum Abend haben sich alle mit ihren Sachen am Ufer der Wolga einzufinden. In der Nacht nimmt ein Schiff euch auf“. Wohin bringen sie uns? Das ist nicht bekannt!

Die Russen durften bleiben. Was da im Dorf los war! Schrecken, Tränen, Stöhnen, Wehklagen, Hektik. Wir durften etwas schlachten, um Fleisch mitnehmen zu können, alles andere mussten wir zurücklassen. Das Vieh, so meinten sie, sollten wir nicht einsperren, sondern alle Türen im Haus, im Hof sowie die Gartenpforte sperrangelweit offen lassen.

Und was sollte ich tun? Ich war doch Russin, aber mein Mann – Deutscher – und er befand sich bei der Armee. Mein Sohn – noch ein Säugling, ebenfalls Deutscher. Ich begab mich zum Kommandanten. Er hörte mich an, sah meine Papiere durch und sagte: „Sie können bleiben, aber ihren Sohn nehmen wir mit, der ist Deutscher“. Ich erstarrte. „Wie bitte? Sie wollen mir den Säugling wegnehmen? Was hat er denn verbrochen?“ Ich weiß nicht mehr, wie sehr ich geschrien habe, was mit mir los war. Der Leutnant besann sich eines Besseren, beruhigte mich, entschuldigte sich und meinte: „Fahren Sie mit den anderen zusammen. Das Dorf wird morgen menschenleer sein, und dann sitzen Sie mit Ihrem Sohn ganz allein hier. Nach Saratow zu den Eltern können Sie auch nicht, denn hier legt nirgends ein Schiff an. Man hat uns gesagt, dass die Männer, wenn sie aus der Armee zurückkehren, alle an den Wohnort der Familie geschickt werden“.

So beschloss ich, mit den anderen zu fahren. Unser Lehrer-Kollektiv beschloss zusammen zu bleiben, komme, was wolle. Am Abend, es dämmerte bereits, befanden sich alle am Ufer. Überall Bündel, Körbe, Säcke. Lagerfeuer brannten, das Abendessen wurde zubereitet. Die Stimmung war gedrückt: Tränen, als ob man sich schon von Toten verabschiedete. Wind kam auf, die Feuer erloschen; der Wind heulte, als ob er auf die Menschen wütend war, die das Dorf verließen. Auch die Dorfhunde heulten. Angst und Grauen! Das Söhnchen war launisch. Ich erinnerte mich, dass ich nicht ein einziges seiner Spielzeuge eingepackt hatte und beschloss, nach Hause zu gehen. Unser Haus stand am anderen Ende des Dorfes. Dunkelheit. Schrecklich! Der Wind peitschte mir ins Gesicht, zerrte an der Kleidung. Die Fensterläden klapperten, die Gartenpforten standen offen, die Fenster gähnten einem entgegen wie schwarze Löcher, das verwaiste Vieh lag dort, wo es gerade Platz gefunden hatte. Die Hunde jaulten ganz fürchterlich. Mich befiel Angst, ein wahnsinniges Grauen, es schien, als ob mich irgendein Ungeheuer verfolgte, das mich jeden Augenblick erwürgen wollte. Wie gelangte ich nur zum Haus, ohne ein einziges Mal zu stürzen? Ich stieß die Tür auf, machte die Lampe an. Alle Möbel standen an Ort und Stelle, als ob noch Menschen hier wohnen würden. Aber da war keine Menschenseele. Die Dörfer hatten mehr als zwei Wochen verlassen dagestanden, das Vieh streunte überall herum, die Kühe brüllten nach ihren Herren, ihre Milch war versiegt. Erst später trafen Flüchtlinge ein, die durch den Krieg vertrieben worden waren. Sie nahmen die besten Häuser ein und brachten das Vieh zur Fleischverarbeitung für die Front. Die schlechten Gebäude wurden im Winter niedergebrannt. Innerhalb eines Jahres war vom Dorf nur noch die Hälfte – plus Ruinen und Müll – übriggeblieben.

Und was war mit uns? Wir saßen bis zum Morgengrauen am Ufer der Wolga. Ein Passagierschiff kam. Die Matrosen ließen Stege herab. Der Kommandant schrie, dass wir uns dicht nebeneinander niederlassen sollten, den wir würden auch noch die Bevölkerung aus den Nachbardörfern aufnehmen. Zwei oder drei Dörfer fuhren wir anschließend noch an. Wieder Bündel, Körbe, Kisten, Hektik, erschöpfte Menschen, Gram, und auf dem Schiff konnte man sich nirgends mehr durchzwängen – es waren so viele Menschen, wie Heringe in der Büchse. Sie brachten uns nach Kamyschin. Dort hatten sie auch noch Leute aus anderen Dörfern hin-gebracht: auf Fuhrwerken oder womit es gerade möglich gewesen war. Es wurde befohlen, dass sich alle an Ort und Stelle aufhalten sollten, bis die Verladung auf Waggons erfolgte. Erst am nächsten Tag mussten wir in einen Eisenbahnzug aus lauter alten „Vieh-„Waggons steigen. Wieder schrie der Kommandant: „Dichter zusammenrücken, noch dichter!“ Die Soldaten bemühten sich, den Befehl auszuführen; sie trieben die Menschen wie Vieh zusammen und verluden sie. Die Waggons sind undicht, haben Ritzen, Zugluft pfeift hindurch, die Kinder weinen. Mein Söhnchen wurde krank, und Großmutter und ich versuchten es zu retten. Ja wie denn! Gab es hier vielleicht einen Arzt? Wen beunruhigten schon unsere Kinder, wer brauchte uns denn schon? Nachdem wir uns ein wenig von Kamyschin entfernt hatten, hielt der Zug inmitten von Feldern, ringsumher sah man Strohpuppen stehen. Es erging der Befehl, sich mit Stroh zu versorgen. Danach wurde es in den Waggons etwas gemütlicher. Wir schliefen abwechselnd: einige saßen in der Hocke, legten sich dann hin, um auszuruhen; dann wechselte man sich ab, es gab einfach zu wenig Platz. Die Kinder hatten schlechte Laune, weinten. Die erschöpften Mütter redeten ihnen gut zu. Manche schimpften auch. Alle versuchten zu erraten: „Wohin fahren wir?“ Sie brachten uns gen Osten – 11 Tage lang. Der Zug hielt häufig an, um Züge mit Soldaten, Panzern, Geschützen passieren zu lassen, die in Richtung Westen, in den Krieg, fuhren. Während der Zug-Halte kam es nur selten vor, dass wir es schnell genug schafften, ein wenig Suppe zu kochen.

Sie brachten uns ins Gebiet Tjumen. Frost herrschte nicht. Überall lag Schnee, aber er taute innerhalb von 2-3 Tagen wieder. An den Bahnstationen standen zahlreiche Fuhrwerke, und wir wurden damit auf verschiedene Dörfer verteilt. Sie brachten uns in alten Hütten unter – Bruchbuden, Badehütten, Klubhäusern. Viele Deutsche hoben sich Erd-Hütten aus, um dann darin zu hausen. S o wurden die Deutschen über ganz Sibirien verstreut angesiedelt. Auch in Kasachstan fanden sich viele von ihnen. Seltsamerweise tauchten Kalmücken auf (sie waren ebenfalls alle umgesiedelt worden). Nach Kasachstan hatten sie von irgendwoher auch Tschetschenen geholt und nach Sibirien Finnen und die Völker aus dem Baltikum.

Mütterchen Sibirien nahm die armen Vertriebenen unter seine Fittiche, denen man die Heimat genommen hatte.

Alle wurden von der strengen Kommandantur registriert. Man befahl ihnen, am neuen Wohnort zu bleiben und ihn nicht zu verlassen, nicht herum zu streunen. Ein paar Tage später fingen sie an, die Männer und jungen Burschen in die Arbeitsarmee zu holen. Die Familien blieben zurück, ohne sich eingerichtet zu haben – hungernd in der Fremde. Schrecklich!

Nachdem eine Weile verstrichen war, kamen sie, um auch die Mädchen und jüngeren Frauen in die Arbeitsarmee zu holen. Meine Nachbarin Maria rissen sie von ihren drei Kindern fort, von denen das älteste die vierzehnjährige Tochter war. Die Väter befanden sich in der Arbeitsarmee. Die Kinder gingen betteln. Und wie viele solcher Kleinen gab es! Sie hatten keine Verwandten und ringsumher – alles fremd. Das Zuhause, das heimische Nest – sie hatten es ihnen genommen. Das, was sie in Bündeln von der Wolga mit hierher gebracht hatten, schwand dahin: sie mussten es gegen Lebensmittelkarten eintauschen, um nicht zu verhungern. Und dann nahmen sie den Kindern das, was ihnen am meisten vertraut, am bedeutsamsten war – den Vater und die Mutter! Die Mama!
In ausweglosem Kummer gingen die verlassenen Kinder mit ausgestreckter, bettelnder Hand im weiter ins Unbekannte. Aber es gibt keine Welt ohne gute Menschen. Es fanden sich welche, die zu sich in die Familie nahmen und dort gemeinsam mit ihren eigenen aufwachsen ließen. In Kasachstan gab es viele solcher Fälle: sie hatten schon selber zahlreiche Kindern – und trotzdem nahmen sie auch och welche auf. Was es da nicht alles für Kinder gab: blonde, schwarzhaarige und welche mit rotem Schopf! Und so wuchsen sie auf, und erst nach dem Krieg wurden sie abgeholt. Wessen? Wer? Doch es war nicht immer so, dass Eltern oder Verwandte sie ausfindig machten. Die Kinder streunten ständig herum und bettelten um Almosen, und davon lebten sie dann. Sehr oft wurden sie dabei als Faschisten und Hitlers beschimpft, das war kränkend und schmerzlich.
Wie viele alte Leute liefen mit ausgestreckter Hand umher? Sie erfroren, starben. Die Sibirier lebten selber von Kartoffeln, aber sie hatten wenigstens ihr Haus, Mutter und Angehörige. Alles für die Front! Lehrerinnen, die der russischen Sprache mächtig waren, wurden fast alle zur Arbeit an der Schule eingestellt. So wurde ich Leiterin der Grundschule im Dorf Suetujak, Aromatowsker Bezirk, Gebiet Tjumen. Die Dokumente waren alle in der Kreisabteilung für Volksbildung an der Wolga zurückgeblieben. Ich lediglich mein Studienbuch. So habe ich durch die Umsiedlung nicht nur die Zeugnisse über meine Ausbildung, sondern auch über das nicht abgeschlossene Studium am Institut verloren. Bis 1956 lebten wir unter der strengen Aufsicht der Kommandantur: keinen Schritt vor, keinen zurück. Wehe, wenn du dich nicht einmal im Monat registrieren ließest! Wie sollte sie da denn zur Prüfung ins Institut fahren!
Wir trafen zum Winter ein. Nachdem wir uns ein wenig eingerichtet hatten, mussten wir zusehen, dass wir uns mit eigenen Kartoffeln versorgten (Getreide gab es nirgends). Alles, was man zum Eintauschen hatte, wurde eingetauscht. Es kam vor, dass sie auch im Nachbardorf herumwanderten, wobei sie den Zorn des Kommandanten fürchteten, aber der Hunger ist – ein übler Gast!
Bündel und Kleidungsstücke, von der Wolga mitgebracht, schrumpften merklich dahin. Nach der Arbeit in der Kolchose bewarben sie sich zum Spinnen, Stricken und Nähen. Manche Hausherren erlaubten ihnen, den Gemüsegarten umzugraben und die noch in der Erde liegenden Kartoffeln mitzunehmen. Und so lebten wir. Die Sibirier waren ebenfalls arm, schlecht gekleidet und nagten am Hungertuch, aber sie waren zumindest zuhause.
Ich denke, ich habe Glück gehabt, wenn man mal außen vor lässt, dass wir so schlecht ernährt waren. Ich hatte Kartoffel, Kräuter, 13 kg Hafermehl mit Schale – alles für einen Monat – und ein wenig Milch. Alle, die eine Kuh besaßen, mussten jeweils 2 kg Fleisch oder Milch im Monat abgeben. Aber wo sollten wir eine Kuh hernehmen? Wovon denn kaufen? Und außerdem gab es damals keine guten Kühe – alles war für die Front bestimmt.
In den Dörfern wurde aber trotzdem irgendetwas gegessen. Und was war mit denen, die sich in der Arbeitsarmee befanden? Sehr viele Deutsche blieben aufgrund des Hungers für immer hinter dem Ural. Viele Mädchen und Jungen gerieten in den Hohen Norden zum Fischfang. Eisige Kälte, schlechte Kleidung; sie aßen Fischchen, Brot gab es nur wenig, und auch das nicht immer. Nachdem wir den ganzen Tag in nassen Sachen herumgelaufen, völlig durchgefroren waren, kehrten wir am Abend übermüdet in die Baracken zurück, heizten den Kanonenofen, trockneten die nasse Kleidung, das durchweichte Schuhwerk. In der Baracke entstand Dampf, aber die Kleidung und die Schuhe waren nicht bei allen bis zum Morgen wieder trocken. Nachts hatten wir oft Alpträume: tosende Meere, bleierne Wellen, ein gekentertes Boot. Und so geschah es nicht nur einmal auch in Wirklichkeit.. Das herzlose Meer holte sich viele Opfer.

Ich wollte so gerne zur Mama, aber das Wort wollte mir nicht über die Lippen kommen. Denn diese „Fischer“ waren so jung! Sie waren noch Kinder, und es verlangte sich nach mütterlicher Zärtlichkeit! Und viele Mütter , die ebenfalls in der Arbeitsarmee waren, sehnten sich ebenfalls nach ihren Kindern. Wie viele Tränen, wie viel Trauer, Leid und unermesslichen Kummer mussten die Mütter durchmachen! Und die Armen „Fischer“, die sich auf den nackten Pritschen wälzten, fanden erst gegen Morgen in einen tiefen Schlaf. Abends nähten sie noch lange Zeit Kleidung und Schuhe, und so manches Mal saßen sie da und erzählten mit Wehmut von Zuhause, von ihren Angehörigen – und weinten. Viele hatten keine Adressen, erhielten keine Briefe. Wohin sollten sie schreiben? Wie schwer war es ihnen ums Herz! Können Sie sich das vorstellen?

Am frühen Morgen, in der Regel um sechs Uhr, brüllte der Brigadier (und es gab eine Menge grober, zynischer Männer) brüllte durch die ganze Baracke: „Na los, ihr Faulenzer, Faschisten, zieht euch schneller an, gleich geht’s zur Arbeit!“ Nicht selten teilten sie auch Ohrfeigen und Tritte aus. Dabei gab es doch auch Kranke und Menschen mit starker Erkältung! „Los, zur Arbeit! Seht zu, dass ihr die Norm schafft! So wie ihr arbeitet, werdet ihr auch essen!“

Sehr viele Minderjährige wurden zur Holzverarbeitung geholt. Da herrschte dasselbe Bild: schlechte Kleidung und Schuhwerk, spärliche Verpflegung, schlechte Sägen und Äxte. Zur Arbeit ging es um sechs Uhr morgens – und dann bis zum späten Abend. In den Wald! „Schau nicht aufs Wetter – erfülle die Norm!“ Kälte und Schwerstarbeit, Erkältungskrankheiten, ständig husteten die Leute; viele wurden hier begraben. Hohe Normen, aber wenig Kräfte.

In der Arbeitsarmee bei den Erwachsenen (meist Männer) ging es noch viel schlimmer zu. Dort herrschten Armee-Verhältnisse und Disziplin. Die Anforderungen waren hart, wie bei Soldaten: die Arbeitsnormen waren hoch gesteckt, die Ernährung – eine wahre Hungerration. Es gab beispielsweise diesen Fall: zur Bahnstation wurden gefrorene Kartoffeln gebracht und hier auf einen großen Haufen geschüttet. Über Nacht wurde er zu Eis. Jeden Tag kamen Arbeiter von der allgemeinen Essensversorgung, schlugen von dem Eishaufen so viel ab, wie sie benötigten, brachten es fort, tauchten es auf, drückten die Masse aus und warfen sie, oft ohne alles abzuwaschen, in die Suppe. Und mit der Wasserbrühe wurden wir verpflegt. Was für eine Körperkraft sollte man da denn erwarten? Wir schlichen durch die Abfallhaufen, gruben im Müll. Völlig durchgefroren, ohne das Gefundene vorher abzuwaschen, aß man es sofort auf und starb gewöhnlich an Vergiftung. Sehr viele aus der Arbeitsarmee, so heißt es, bis zu50% der Deutschen, kehrten nicht mehr zu ihren Familien zurück. Die strenge Aufsicht, Bespitzelung, Misshandlungen – und dazu noch die schwere Arbeit, Wassersuppe, Kälte, die nicht eingerichtete Lebensweise führten oft zum Tod. Während des Krieges verloren viele Umsiedler einander, und später liefen jahrelang die Nachforschungen.

Ihnen fehlten ihre heimatlichen Dörfer, ihr Zuhause (alles blieb an der Wolga), man warf sie von einem Ort an den anderen – ohne zu fragen. In der Arbeitsarmee schickte man die Männer in Fabriken, in denen gesundheitsgefährdende Materialien ausgestoßen wurden. In den Werken, in denen Zinn produziert wurde, liefen die Leute ganz gelb von der vergifteten Luft herum, nur wenige überlebten. Und in den Salpeter-Fabriken? Dadurch wurden Kleidung, besonders die Schuhe, nie trocken. Und so arbeiteten sie dort in völlig durchgefrorenem Zustand. Hält man das lange aus? Viele aus der Arbeitsarmee waren für 10 oder mehr Jahre, nachdem man ihnen den §58 angehängt hatte, als „Volksfeinde“ in den Lagern eingebunkert. Quatsch nicht! Halte alles schweigend aus! Natürlich bekamen alle ihren Teil ab: sowohl die Russen, wie auch die Umsiedler. Krieg ist Krieg. Die Russen hatten ein Zuhause, eine Familie, aber diese hier – nichts.

Seit dem Beginn der Umsiedlung sind nun bereits mehr als 50 Jahre vergangen, unsere Kinder sind längst erwachsen. Unser Jungchen, der die Umsiedlung miterlebte, sollte 56 Jahre alt werden und dann sterben. Die Tochter und ihre Familie leben mit uns zusammen. Wir haben auch schon Enkel und Urenkel. Mein Mann und ich sind schon lange in Rente und beide über 80. Aber die alten Alpträume vergessen wir nicht. Ich habe mein ganzes Leben den Kindern, der Schule hingegeben; ich galt als beispielhafte Lehrerin. Ich besitze eine Menge Ehrenurkunden, aber man hat den Deutschen keine einzige Medaille überreicht. Urkunden ja – aber immer mit Vorsicht: „Dass sie für diese Freizügigkeit bloß nicht bestraft würden!“

Mein Mann, David Davidowitsch Schultais, konnte nicht als Lehrer arbeiten (er galt als Geächteter, ihm hatte man den §58 aufgedrückt), er wurde aber ein guter Buchhalter. Bis zur Rente haben sie ehrlich, aufrichtig und gewissenhaft gearbeitet. Mit der Rente haben sie sich Achtung und Anerkennung erarbeitet, und so leben sie bis ans Ende ihrer Tage ohne Medaillen und Aufmerksamkeit seitens der Behörden, aber die Erinnerung ist noch klar und bewahrt sorgsam alles, was sie durchmachen mussten. Und ist das Leben heute ein Zuckerschlecken? Demokratie. Unser gesamtes 20. Jahrhundert: aber selten glimmt mal ein Fünkchen Freude auf. Ein schwieriges Jahrhundert ist uns zu Teil geworden: der Bürgerkrieg, die Hungersnot von 1921, die Kollektivierung, der Hunger des Jahres 1932, die Willkürherrschaft 1937, der Große Vaterländische Krieg, der Kommunismus mit dem grauenhaften: „Was? Ihr seid gegen den Partei-Beschluss? Die Partei – das ist die Ehre und das Gewissen des Volkes!“ Und die Umsiedlung – dieser Alptraum? Und die Willkür der Umgestaltungen? Da habt ihr euer 20. Jahrhundert.

Hochachtungsvoll
A. Mjasnikowa-Schultais
Dorf Atamanowo

„Land-Leben“ (Suchobusimskoje), 05.08.2000


Zum Seitenanfang