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Vor uns lebten hier einheimische Kommunisten

Die Exotik längst vergangener Tage

Ein ungewöhnliches Dokument wurde in die Redaktion gebracht: die Kopie eines Stenogramms der ersten Bezirks-Parteikonferenz, die vor fast sechs Jahrzehnten in Dudinka stattfand – im Januar 1932. Ein dicker Band in einer Vinylhülle, in verlaufener, verschwommemer Maschinenschrift geschrieben. Heute ist das bereits ein historisches Dokument. Aber, wie bekannt, ist die Geschichte eine unberechenbare Dame. Und da haben Sie auch schon ein Beispiel als Bestätigung für diese Aussage: im Jahre 1932 galt Norilsk ... als Stadt ohne jegliche Perspektiven!

Zur Konferenz waren 35 Delegierte (darunter 3 Frauen) zusammengekommen. Aufgrund ihrer sozialen Stellung waren die meisten von ihnen AArbeiter oder Angestellte (15 Personen), Beamte, Mittellose und Landarbeiter. Unter den Delegierten befanden sich fünf, die kaum lesen und schreiben konnten, sowie vier Analphabeten. Einige Delegierte erschienen auch mit Dolmetschern, weil sie die russische Sprache nicht beherrschten.

Das Nationale Gebiet Tajmyr (seine Verwaltungsorgane befanden sich in jenem Jahr noch in Turuchansk) war an sich nicht sehr groß – vier gerade erst entstandene Landkreise, 20 einheimische Räte, zwei Siedlungs- und ein Dorf-Sowjet. Man zählte 7650 Einwohner, von denen die meisten (5734) „Einheimische“ waren (so nannte man damals die Vertreter der Urvölker sogar in offiziellen Dokumenten): Juraken, Dolganen, Samojeden, Jakuten, Tungusen und Tundra-Bauern. Es gab 1444 Russen, überwiegend zugereiste Arbeiter und sowjetische Partei-Mitarbeiter (447 Vertreter der werktätigen Bauernschaft.

Was nun beunruhigte die Delegierten (bei der Konferenz war auch eine Delegation von Norilskern anwesend) in jenem Jahr? Es beunruhigte sie die Art und Weise aller möglichen Kämpfe: zum Beispiel gegen die Spuren des Großrussentums und die antimittelständischen Launen oder gegen die Verdrehungen in der nationalen Politik (ein aktuelles Problem für die halbinsel Tajmyr) – zwei Kommunisten hatten deswegen ihre Parteibücher verloren. Sie hatten gegen ein schädliches Element gekämpft: während der Säuberung waren aus der Partei 12 Personen „herausgefegt“ worden (8 von ihnen mit der zusätzlichen Formulierung „aufgrund von Unfähigkeit die Direktiven zu erfüllen“).

Besonders aktiv wurden die Kulaken bekämpft: in jenem Moment befanden sich in den Herden der Großbauern mehr als 42000 Rentiere, und um diese Tiere nicht an die Kolchose abgeben zu müssen, ließ man sie einfach in die Wildnis fortlaufen, in die Tundra – zu ihren wild lebenden Artgenossen. In der Wirtschaft der Tajmyrregion herrschten Anfang der 1930er Jahre feudale Tendenzen vor – die meisten der allerersten Kolchosen entstanden sogar auf der Basis von Tierzuchtbetrieben, und das machte eigentlich überhaupt keinen Sinn. Denn im dritten Jahr der Kollektivisierung in der Tajmyr-Region wurden nur 16% der Bauern-Wirtschaften „vergesellschaftet“.

Das Problem wurde von den Partei-Aktivisten häufiger erörtert. Wie sollte man zum Beispiel in der Region die Erfassung der roten Partisanen regeln? Oder Besonderheiten der nationalen Politik bei der Arbeit mit Parteimitgliedern, die aus den Reihen der Urbewohner stammten? Wissen Sie, es gab einfach viel zu viele Verstöße: mal hatte so ein einheimischer Kommunist keine Registrierkarten, mal kam er eineinhalb Jahre lang nicht aus der Tundra heraus und zahlte die Mitgliedsbeiträge nicht. Ein ziemlich großes Probelm ergab sich auch durch die grausame, allgemeine Hungersnot. In der gesamten Tajmyr-Region fanden sich drei Schulen, sechs Lehrer sowie insgesamt 75 Eingeborene, die lesen und schreiben konnten. Daher gehörte es zu den vordringlichsten Aufgaben der Kommunisten auf der Tajmyr-Halbinsel, in Dudinka viermonatige Kurse für sowjetischen Parteiaufbau zu organisieren.

Sie fragen – und was ist mit Norilsk? Es entsteht der Eindruck, als ob es Norilsk damals noch gar nicht gegeben hätte. Ganz-ganz selten erinnerte sich jemand aus den Reihen der Delegierten an seine Existenz. In den Rechenschaftsberichten wurde beiläufig erwähnt, daß es in der Region von dem Geologen Woronzow entdeckte Kupfer-, Nickel- und Kohlevor-kommen gab und daß dort ein Industrieunternehmen in Betrieb war – das Norilsker Bergwerk (Rohstoffreversen, die Milliarden Rubel wert sind). Die Hauptinvestitionen, wie man heute sagen würde, richtete sich auf einen ganz anderen Zweig. So wurde zum Beispiel der Rentier-Sowchose ein Kredit von 1 Million (Rubel) zugeteilt. Ein Drittel des Geldes wurde, wie auf der Konferenz hervorgehoben, für die Instandsetzung von Geräten ausgegeben. Turuchansk versprach zehn Traktoren zu bewilligen, aber wieder wurden diese nicht für Norilsk zugeteilt – den sie wurden zum Bau der Winterstraße für den Transport von Fisch dringend benötigt.

Hauptträger der tajmyrsker Wirtschaft blieben nach wie vor der Fischfang und die Jagd auf Pelztiere. Die Staatliche Handelsgesellschaft und die Rußland-Pelzwaren-Organisation steigerten ständig ihr Plansoll, und man beabsichtigte sogar, auf der Halbinsel Tajmyr einige Fischkonserven-Fabriken mit einer Kapazität von 3,5 Millionen Konserven pro Jahr zu errichten. Große Hoffnungen wurden auch in die Industrie-Faktoreien an den Flüssen Dudypta, Chatanga, Pjasino und Cheta gesetzt, aber im Kreis Norilsk fingen sie mit einem Fischnetz gleich bis zu hundert Renken. Auch die Jäger gerieten nicht in Vergessenheit: Polarfüchse, Rebhühner (der Plan für 1932 sah 100000 geschlachtete Rebhühner vor).

Von der Norilsker Kohle, dem Norilsker Kupfer, Nickel, Kobalt samt ihren Legierungen war überhaupt nicht die rede. Norilsk zählte 1932 zu den Orten mit geringen Zukunftsperspektiven. Für geologische Schürfarbeiten im Kreis Norilsk, die noch im Jahre 1922 durchgeführt worden waren, hatte man sechs Millionen Rubel ausgegeben, aber das machte wenig Sinn: wertvolle Traktoren, die auf der Winterstraße zurückgelassen worden waren, wurden im Frühjahr vom Fluß fortgeschwemmt. Nach einer derartigen Unwirtschaftlichkeit wollten die tajmyrsker Kommunisten auch nichts davon hören, in Norilsk irgendetwas zu bauen – es war viel einfacher es zu konservieren. Die Frage der Konservierung von Norilsk wurde sogar auf einer Sondersitzung des Staatlichen Planungskomitees erörtert, und wenn nicht eben dieser Kujbyschew rechtzeitig eingeschritten wäre, wäre das Ausbeuten von Norilsk um Jahre verschoben worden, wenn nicht sogar um Jahrzehnte ...

Aus der Rede des Leiters des Norilsker Bauprojektes, des Genossen SAREMBO (Parteimitglied seit 1920):

„Es ist ganz offensichtlich, daß die Entwicklung des Norilsker Bauprojektes sehr langsam vor sich geht. Die Arbeitsergebnisse des Geologischen Komitees sind ganz und gar nicht zufriedenstellend – sie haben in gleichgültiger Weise, ohne jeglichen Eifer gearbeitet, vielleicht, weil es dort uns fremde Elemente gab. Selbst das Norilsker Bauprojekt schaffte dreimal soviel – unserer Schürfer ermittelten reiche Rohstoff-Vorkommen, jetzt begann die Zeit, entschieden den Aufbau von Norilsk zu fordern ... Norilsk war bis heute von einer unbekannten Finsternis verhüllt, scheinbar kam man nicht ohne Schädlingstätigkeit auf dem Gebiet der Verwaltung der Buntmetall- und Gold-Industrie aus, und von hier kommt auch das ständige Aufstoßen bezüglich der Entwicklung von Norilsk. Man muß schnellstens eine Eisenbahnlinie von Norilsk nach Dudinka bauen – unter Berücksichtigung der kulturelle Entwicklung der Einheimischen ... Es fiel die Bemerkung, daß die Norilsker Parteizelle sich dieser Frage gegenüber sehr opportunistisch verhielt. Wenn es so gewesen wäre, hätte man uns, denke ich, längst davongejagt. Die Wohnbedingungen in Norilsk sind schlecht, das Tempo der Bauaktivitäten mäßig, und von nun auf jetzt aus einer solchen Krisis herauszukommen, dazu sind wir nicht in der Lage. Ein wunder Punkt ist das Post- und Fernmeldewesen. Im Januar erhielt ich von der Post die Verfügungen der Verwaltung, die aus den Monaten Juli und August stammten, man ersucht uns um Ausführung der Beschlüsse des Zentral-Komitees, die in den Zeitungen veröffentlicht wurden, nur haben wir diese Zeitungen überhaupt noch nicht gesehen ...

Aus den Reden der Delegierten der Konferenz:

„ ... Man muß den Arbeitern Wohnungen geben, sonst leben sie bei uns schlechter, als bei den Kapitalisten“.

„ ... Beispielsweise das Problem des Kolchosaufbaus in der Norilsker National-Sowchose. Dort gibt es solche Leute wie Albej und Jerotskij, die sich mit allen möglichen Mitteln dem Kolchossystem widersetzten. Da zählt man den Jerotskij zu den Mittelbauern, aber ich glaube, man muß ihn nur ein wenig genauer betrachten und schon fällt er unter die Rubrik „Großbauer“.

„ ... Deshalb stellt die Partei-Organisation die prinzipielle Forderung, die Straße von der Faktorei nach Dudinka auszubauen und die Eisenbahnlinie Norilsk – Dudinka vorerst zu vergessen. Wedernikow sagte auf einer Sitzung des Kreis-Planungskomitees: „Gebt uns lieber zehn Traktoren , aber eine Straße bauen – das bedeutet Millionen Rubel vergeuden. Um so mehr, als 80 km von Dudinka entfernt sechstausend Pud Fisch verderben und es keine Möglichkeit gibt, diese wegzutransportieren. Dafür ist es erforderlich die Anzahl der Fischer am Ufer des Jenisej entsprechend herabzusenken, und gleichzeitig auch den Wohnraum in angemessener Weise zu reduzieren“.

„ ... Nur ein einziger Kommunist soll der Trunksucht verfallen sein – das, glaube ich, ist viel zu niedrig angegeben“.

„ ... In Awama gibt es eine Kolchose, die von dem reichen Rentier-Besitzer und Schamanen Susdajew (600 Rentiere) zerstört wird“.

„ ... Man muß euch kritisieren wegen eurer viel zu großflächigen Verwaltungsarbeit, eurem Bürokratismus, und daß Sie alles in opportunistischer Weise sich selbst überlassen.“

„ ...In der Konservenfabrik in Uport wurden Personen entdeckt, denen das Wahlrecht und andere bürgerliche Rechte wegen ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse entzogen wurde, weil sie sich zudem auch noch von linken Neigungen hatten angestecken lassen“.

„ ... Smezkoj fuhr, er hatte Alkohol und sein Bett mitgenommen. Es stellte sich heraus, daß er einen gewissen Sabelin zur Arbeit eingestellt hatte, der aus der Twersker Region geflohen war, wo er eine große Summe staatlicher Gelder veruntreut und den unterschlagenen Betrag auf einen anderen Kommunisten abgeschoben hatte (und der erhängte sich)“.

„ ... Eine solche Einstellung ist unbegreiflich. Beispielsweise bezeichnet der Vorsitzende des Komitees des Nordmeer-Seeweges Smetskoj Dudinka als „Operette“; er sagt, daß sie kein größeres Interesse als die Herzdame darstellt, daß das Leben dort langweilig und geistlos ist“.

„ ... Die Gelder werden nicht bestimmungsgemäß ausgegeben: es gibt 120 Rentiere, aber man hat ihnen nur vier Hirten gegeben, so dass sie pro Tag ledigklich ein Zuggespann zustande brachten. Die Hirten erwiesen sich als unrentabel“.

„ ... Es stimmt, eure Arbeiter leben schlecht, aber die Arbeitspsychologie muß begreifen, daß dies nicht für lange Zeit so sein wird“.

„ ... Ich halte die Vervollständigung der Sowchosen-Rentierherde für schwach – 47 Prozent Zugtiere, bei den übrigen handelt es sich lediglich um ungelehrige Bullen“.

Wl. TOLSTOW „Sapoljarnaja Prawda“ No. 121 (12359) vom 14.08.2000
(Zeitung, herausgegeben in Norilsk)


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