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Im Herzen frisch geblieben - wie ein Tautropfen im Frühling

Rosa Alexandrowna Krasnoschtschokowa, die Heldin meiner Erzählung erblickte das Licht der Welt in einer Bauernfamilie, in einem der Dörfer in der Region Saratow. In der kleinen Kate lebten 11 Personen – Großeltern, Eltern und sieben Kinder. Und obwohl Rosa die Älteste war, mußte der Vater doch ganz allein die ganze Familie ernähren. Er blieb bei seiner Meinung, daß die Tochter studieren sollte. Um so mehr, als ihr das Lernen leicht fiel. Nach Beendigung der Sieben-Klassen-Schule ging sie zur Fachschule für Pädagogik, die sie 1940 abschloß. Arbeiten mußte Rosa in ihrer Heimatschule, dort, wo sie selber zur Schule gegangen war, und sie schämte sich vor den ehemaligen Lehrern wegen ihrer ärmlichen Kleidung. Als der Krieg ausbrach, fing man an, alle Deutschen, die in der Sowjetunion lebten, zwangsweise umzusiedeln. Ihre Familie wurde nach Sibirien verschleppt – in die Ortschaft Tolstichino, Kreis Ujar. Den ganzen Winter hindurch arbeitete sie in der Kolchose, wo sie in Schober setzen mußte oder losfahren, um Brennholz zu beschaffen. Im Frühjahr, als die Schiffahrt auf dem Jenisej wieder aufgenommen wurde, schickte man sie in ein kleines Dörfchen in der Nähe von Dudinka zum Fischfang. Lebensmittelkarten bekamen sie nicht, da man der Meinung war, daß Fischer allein in der Lage sind sich zu ernähren; zuweilen fingen sie bis zu fünf Tage lang nichts. Genau an solchen Tagen mußten sie hungern. Als Flösse mit zerlegbaren Häusern eintrafen, schleppten sie die Baumstämme. Aber bald darauf zog Rosa eine Glückskarte: eine Lehrerin verließ das Dorf, und das Mädchen wurde an ihrer Stelle eingestellt.

Sie heiratete. Ihr Mann arbeitete als operativer Bevollmächtigter für die Verurteilten, von denen es zu jener Zeit an den Ufern des Jenisej nicht wenige gab. Es wurden vier Kinder geboren. Lange Zeit mußte sie versuchen, die Erlaubnis zur Abreise an einen anderen Ort zu bekommen. Schließlich erhielten sie die Genehmigung und siedelten nach Ujar über, wohin kurz zuvor Rosas Eltern mit den kleinen Kindern umgesiedelt waren. In der Stadt waren nicht genügend Kindergärten vorhanden, und da der Mann arbeitete, kümmerte sie sich um Haushalt und Wirtschaft, denn die Familie verfügte über ein wenig Vieh: Kühe, Ferkel und Hühner.

Das Elend ereilte Rosa zu dem Zeitpunkt, als sie es am wenigsten erwartet hätte. 1964 starb ihr Mann und ließ die Kinder in ihren Armen zurück, wie man so sagt – wie die Orgelpfeifen, eines kleiner als das andere. „Ich war zur damaligen Zeit Erzieherin im Kindergarten“ – erinnert sie sich. Das Kollektiv, in dem ihr Mann viele Jahre als Schlosser gearbeitet hatte, schlug ihr vor, dorthin zu wechseln: dort war nicht nur der Lohn höher, sondern es war auch leichter, der Witwe und ihrer Familie zu helfen. Nachdem sie lange Zeit dort gearbeitet hatte, ging sie von dort aus auch in Rente. Sie versorgte die Enkelkinder; Rosa Alexandrowna hat auch schon drei Urenkel, und man müßte sie einfach sehen – durch nichts gibt sie ihr Alter zu erkennen, so jung strahlen ihre Augen. Und wenn man diese flinken, behenden Bewegungen beobachtet, die sie vollführt, die ganze Energie dieser Frau, dann versetzt einen das unfreiwillig in Erstaunen.

Außerdem ist sie eine bescheidene, bemerkenswerte, einfache Frau, eine gastfreundliche Wirtin. Jeder Gast wird in ihrem Haus mit freundlicher Aufmerksamkeit behandelt und mit großer Fürsorge umgeben. Und wie gut Rosa Alexandrowna auf der Balalajka spielt! Und mit wieviel Herz und Inbrunst sie ukrainische Lieder singt! Die Kinder werden sie nicht vergessen und sie leben und ehren. Was braucht ein Mensch denn im Alter mehr?

J. KURAGINA
„Wperiod“ („Vorwärts“), No. 79 (9365)
30.09.2000 (Zeitung, herausgegeben in Ujar)


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