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... Aber der Schmerz ist geblieben

Erinnerungen: drei unterschiedliche Frauenschicksale, ganz verschieden voneinander und doch so ähnlich.

Albina Bekker, geb. 1925, Dorf Dobrinka an der Wolga

Ich erinnere mich an einen heißen Sommertag, den Vater auf dem Dach des neuen Hauses, als der einzige Lautsprecher im Dorf die Aussiedlung bekanntgab. 24 Stunden Zeit zum Sachenpacken. Schreie, Tränen. Das Vieh schlachten ist verboten, man muß es abgeben. An der Erfassungsstelle – eine lange Schlange. Die Nachbarin hat ihre Kuh abgegeben – dafür hat sie ein Stück Papier ohne Stempel erhalten.

Unterwegs, bis ganz nach Kamyschin – Fuhrwerke über Fuhrwerke, eines pro Familie. Wir hatten nur wenige Habseligkeiten, Kleidung, sechs Kinder. In der Nacht buk Mama Brot und schlachtete heimlich Hühner. Ob das für lange reichen würde? Ich erinnere mich noch an die Unterhaltung der Alten – sie verladen sie in ganzen Transporten, transportieren sie in die Steppe und – den Abhang hinunter mit ihnen. Niemand machte sich Hoffnungen darauf, am Leben zu bleiben.

Sie fuhren durch den Ural. Gegen Ende September kamen wir am Bestimmungsort an – in der Region Omsk. Es war kälter geworden, die Gegend war sumpfig und weit abgelegen. Die Bevölkerung weiß nichts über uns; sie sind der Meinung wir seien Kriegsgefangene und halten sich von uns fern. Sie haben deb gesamten Transport ausgeladen und die Menschen auf die umliegenden Dörfer verteilt.

Eine Hütte, halb in die Erde gegraben, es gibt kein Brennholz. Den Vater holten sie zur Arbeitsarmee nach Workuta. Die Familie blieb mittellos zurück. Fünf Jahre nach dem Einsturz im Schacht kehrte er als Krüppel zurück. Ich bin nun - die Ernährerin. In der Kolchose arbeite ich wie ein Mann. Man verhält sich mir gegenüber nicht schlecht, der Vorsitzende hat Mitleid. Heimlich trage ich in meinen Filzstiefeln erfrorenes Korn vom Dreschboden fort. Seit jener Zeit tun mir die Beine weh – Rheumatismus. Ich habe Angst. Die Tante wurde bereits wegen einer Handvoll Weizen verhaftet. Aber zuhause gibt es nichts, womit man die Kleinen füttern könnte. Man muß sie aufpäppeln, denn bald werden sie auch mich holen. Wie wird es ihnen ergehen? So wie ich es im Gefühl hatte, starben tatsächlich in jenem Jahr beide Schwestern.

Ich geriet in die Arbeitsarmee in der Nähe von Ufa. Das Lager ist riesig, die Menschen kommen von überall her, sind zwischen 16 und 55 Jahre alt, viele Frauen wurden von ihren Kindern weggerissen. Die Kolonne wurden zur Arbeit durch das Dorf getrieben; manche Leute werfen uns Steine hinterher, manche Rüben – es herrscht Krieg, überall finden Begräbnisse statt. Sie glauben, daß wir Faschisten sind.

Wo ich nur überall gearbeitet habe – mit Schützengräben habe ich den Militärflugplatz unterhöhlt – die Hände froren am Spaten fest; ich war Autogenschweißerin an einer Erdölleitung – dort war die Essensration größer; ich schleppte eine 90 kg schwere Gasflasche. 16 Stunden mußten wir pro Tag schuften. Wir schliefen in derselben Kleidung, in der wir auch den ganzen Tag herumliefen. Die Menschen wurden krank und starben, vor allem die Städter. Ins Lazarett geraten war der wahre Verderb; dort nahm man den Kranken das Essen weg. Nach dem Krieg wurde es ein wenig leichter.

So vieles habe ich im Leben durchgemacht. Als ich mich nicht mehr regelmäßig in der Kommandantur melden und registrieren lassen mußte, ging ich zum Lernen. Tagsüber – die Fabrik, abends – die Schule, nachts Russisch. Ich wurde Ingenieurin. Ich zog Kinder groß, Enkelkinder. Alles ist gut. Aber der Schmerz der Erniedrigungen und Demütigen ist geblieben. Wofür? Und jedes Mal, wenn der nächste Enkel losgeht, um den Fragebogen für den Erhalt eines Passes auszufüllen, und das bedeutet auch die Ribrik „Nationalität“, dann durchlebe ich alles noch einmal.

Maria Dolberg, geb. 1920, Dorf Bejdek.

Unser Dorf wurde am 7. September evakuiert. Pro Familie gab es ein Pferd und einen Leiterwagen: ich mit meiner drei Monate alten Tochter, mein Mann, sein Bruder mit Frau und Schwiegermutter. In dem ausgestorbenen Dorf brüllte das zurückgelassene Vieh. In Saratow wurden sämtliche Dorfbewohner auf einen Zug verladen. Wir fuhren nach Süden. Ich erinnere mich an Sand, Hitze, Kamele. Die Lebensmittel gingen verloren, es gab kein Wasser, Scharlach brach aus. Vielen floß Blut aus der Nase. Ich hatte schreckliche Angst um das Kind.

Später erinnerte ich mich noch lange Zeit an den Weg; zur Toilette – nur unter Wachbegleitung, die unterwegs gestorbenen Menschen. Wir kamen in Bijsk an, danach – in Puschtupim. Man verteilte uns auf die Häuser. Mit gespannter Erwartung wurden wir aufgenommen. Wir akklimatisierten uns nicht sofort, aber irgendwann lebten wir uns ein. Ich bin eine enrgische Frau, fürchte die Arbeit nicht; ich ging in eine Brigade, die Mädchen verstanden mcih nicht – sie lachten, ich war nicht beleidigt oder gekränkt.

Kaum hatten wir uns eingewöhnt, da holten sie meinen Mann und den Schwager weg in die Arbeitsarmee mach Kotlas. Dort herrschte ein sehr strenges Regime, sie bekamen fast nichts zu essen, die Menschen nutzten durch die unmenschliche Arbeit schnell ab. Die Toten wurden einfach in die Schlucht geworfen.

Mein Mann war Fahrer, er hatte es nicht ganz so schwer. Er hielt ein Jahr lang durch, dann wurde er schließlich, völlig erschöpft und entkräftet, entlassen; sein Bruder Andrej, ein Schmied, wurde aufgrund der schlechten Ernährung krank und starb kurz darauf.

Andrejs Frau durchlief ebenfalls die Arbeitsarmee – 5 Jahre war sie beim Holzeinschlag. Sie hatte ihren Mann sehr geliebte und wohnte später für den Rest ihres Lebens in unserer Familie. Sie zog meine Kinder groß, heiratete jedoch nicht wieder.

Sie trug seinen Namen bis zu ihrem Tode. Sie starb gerade zu Weihnachten – heilig war diese Frau und zutiefst gläubig. Und ihr Mann wurde von unserer Zimmerwirtin mit Milch wieder gesundgepflegt. Ich werde ihre Güte niemals vergessen.

Swetlana Raff, geb. 1935, Halbstadt.

Soweit ich mich erinnere, bin ich ein Waisenkind. Zuerst das Waisenhaus für Kleinkinder, danach das Halbstädter Kinderheim. Über meine Eltern war mir nichts bekannt. Ich werde als Faschistin gehänselt. Sind es Altersgenossen – zerreiße ich sie, sind es die Erzieher – dann gebe ich ihnen bissige antworten. Früh lernte ich mich zu behaupten und meinen Mann zu stehen.

Das Jahr 1958. Ich arbeite an der Fachschule für Pädagogik. Irgendwie bestellen sie mich zu sich in die Kreisabteilung für Volksbildung: „Ihre Mutter hat sie ausfindig gemacht“. Ich ging nicht zum Bahnhof – was bedeutet sie mir schon, sie, die mich ins Waisenhaus gesteckt und mich nun gefunden hat. Wohnungswirtin ist eine gute, einfache Frau. Sie schenkte mir Milch ein und sagte: „Geh hin und triff dich mit ihr. Urteile nicht, bevor du nicht alles weißt“. Die erste Begegnung – eine hochgewachsene, sehr magere, entkräftete Frau mit willensstarkem Gesichtsausdruck; sie spricht schlecht Russisch. Ich konnte sie nicht sofort umarmen, und das kann ich mir bis heute nicht verzeihen.

Später erfuhr ich: 19 Jahre KarLag – eines der schrecklichsten Lager des NKWD – ohne das Recht auf Briefwechsel. Mit 49 Jahren ist sie Voll-Invalidin, mit starkem Rheuma in den Beinen, schwer geschädigten Gelenken, im Mund – nur noch ein einziger Zahn, das Herz ist abgenutzt wie bei einer hundertjährigen Alten. Weinen konnte sie nicht.

Es stellte sich heraus, daß meine Eltern, deutsche Kommunisten und Antifaschisten, zu Beginn der 1930er Jahre nach Sowjet-Rußland kamen, und zwar auf Einladung der Regierung, zusammen mit Wilhelm Piek. Der Vater stammt aus der Textilfabrikanten-Familie „Raff & Söhne“, aus der Stadt Algebirg; wegen seiner kommunistischen Gesinnung wird ihm vom Großvater das Erbe entzogen. Mama ist die Tochter eines Schlossers, elf Kinder sind in der Familie. Hier ist die Begeisterung für die kommunistischen Ideale schon eher verständlich.

In Moskau arbeiten beide leidenschaftlich in einem berühmten internationalen Kinderheim an der Station Lopastnaja; hier wird ihr erstes Kind geboren. Bald darauf schickt man die Familie nach Halbstadt zur Organisierung eines deutsch-nationalen Bezirks. Papa – als Direktor der Internatsschule und ehrenamtlich als ersten Redakteur der Zeitung „Rote Fahne“. Mama – als Leiterin des Kreis-Gesundheitsamtes.

Die Sache war neu und mitreißend. Der Vater, begeistert von seiner Arbeit, trug alles von Zuhause in die Schule – Geige, Pelzmantel, Kissen. Die Eltern lebten sich ein; im Kreis kannte man sie, man liebte sie. 1935 wurde ich geboren.

Vater wurde im Januar 1938 verhaftet: „ ... wegen der Vorbereitung eines Aufstandes gegen die Sowjet-Macht mit Hilfe der Masseninformationsmittel“. Sie beschlagnahmten 147 Fotografien, mehr als 1000 Bücher – er hatte weniger persönlichen Besitz als Bücher.

Mama wurde genau zwei Wochen später verhaftet, mitten in der Nacht; sie war im 8. Monat schwanger. Die einzige verbliebene Kostbarkeit – ein Familienfoto - zerriß der Geheimpolizist vor ihren Augen.. Aber es gab auch Barmherzige- sie zeigen ihr ihren Mann, den sie nur mit Mühe erkennt, durch Prügeln zum Krüppel gemacht. Sie bekommt ihr Kind in einem Waggon, auf einem Männertransport, Geburtshelfer war ein Tierarzt. Das Kind überlebt drei Monate. Lange, schreckliche Jahre stehen ihr bevor – eine Erzählung, die nicht jeder bis zu Ende anhören kann – das können Sie mir glauben.

Die Materialien wurden zusammengestellt von Swetlana Jadrischnikowa-Fribus, Pressezentrum des Deutsch-Russischen Hauses der Altai-Region.
Sibirische Zeitung plus No. 8 (38), 8/2001 (Zeitung, herausgegeben in Nowosibirsk)


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