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Der lange Weg zu sich selbst

An meinem 54. Geburtstag lief ich vom Unterricht nach Hause. In der Beresowkser Mittelschule hatte eine Geschichtsunterweisung über das altertümliche Griechenland stattgefunden, aus deren Anlaß geschichtslehrer aus dem ganzen Bezirk zusammengekommen waren. Und ich hatte beschlossen, mich mit der deutschen Geschichte zu befassen, und zwar beginnend vom Anfang der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Meine erste Bekanntschaft mit Deutschen fand bereits ziemlich früh statt. Ich war fünf Jahre alt, als nach und nach Traktoristen aus der Maschinen- und Traktorenstation bei uns eintrafen. Die meisten von ihnen waren Deutsche. Im Dorf verhielt man sich ihnen gegenüer mit großem Respekt. Alle waren sie hervorragende Spezialisten, die ihre Arbeit mit bestem Wissen und Gewissen erledigten. Folgende Familiennamen sind mir aus meinen Kindertagen in Erinnerung geblieben: Schrainer (Schreiner?) Wiegel, Kerp.

Nach dem Schuabschluß ging ich nach Jenisejsk, um dort zu studieren. Direktorin an der pädagogischen Fachschule war der von allen sehr geschätzte Boris Franzewitsch Kreschtschuk, der, nach seinem Vatersnamen zu urteilen, wohl ebenfalls Deutscher war.

Mit mir in einer Gruppe lernten Mädchen mit den Nachnamen Arndt, Bulach, Dering (Döring?). Die Nationalität beunruhigte damals niemanden – man lernte und freundete sich an; wir gingen zu Olga Bulach zum Tee, es gab auch deutschen Kuchen; ihre Mutter fabrizierte ganz hervorragende Kuchen, ich habe vergessen, wie sie auf Deutsch hießen. Während des Studiums wohnte ich am Rande der Stadt; das Territorium nannte sich aus irgendeinem Grunde Siedlung Kujbyschew. Es war keine Zeit zum Grübeln und Nachdenken, für uns gab es immer irgendetwas zu tun, irgendeine Arbeit. Wenn das Dorf so heißt, dann heißt es eben so; dort leben Deutsche, na schön – dann leben sie dort eben - unser Land setzt sich aus so vielen Nationalitäten zusammen, es gibt dort so viele verschiedenen Leute.

In den Geschichtsstunden lernten wir von der Geschichte der Partei, der egenen sowie der französischen Revolution, von Parteitagen, Konferenzen und den schöngefärbten Biographien der Bolschewisten. Über Stalin allerdings schwiegen die Lehrbücher bereits. Und ich kannte noch nicht einmal seinen wirklichen Nachnamen. So beendete ich die pädagogische Fachschule, ohne überhaupt die wahre Vergangenheit meines Landes zu kennen – und so viele interessante Menschen hatte ich verpaßt!

***

Mein selbständiges Unterrichtsleben begann hinter dem Fluß Tschulym, in dem Dorf Udatschnoje, wo ich mich mit Maria Genrichowna Filjusina anfreundete, die sich selbst Andrejewna nannte.

Mir gefiel ihr wahrer Vatersname so sehr, daß ich gar nicht begreifen konnte, weshalb er in einen russischen Namen umgeändert worden war. Es verging eine ganze Menge Zeit, und meine Freundin erzählte mir, wie und warum die Deutschen nach Sibirien gekommen waren. Und mit diesem Bericht von Maria Genrichowna über ihre Familie begann mein Verständnis der tragischen Geschichte der Rußland-Deutschen.

Seit jener Zeit sind 33 Jahre vergangen. Vieles in uns, in unserem Lande, hat sich verändert – ein Land, das ein ganz anderes wurde und in dem vieles nur noch der Vergangenheit angehört. Die Zeit gibt uns die Möglichkeit, die Vergangenheit objektiv zu betrachten.

Bekanntschaft

Diese energische Lehrerin, die Heldin meines Berichts, kannte ich bereits lange vom Sehen. Wir waren uns schon vorher auf Bezirksebene bei pädagogischen Konferenzen begegnet, als dort die Lehrkräfte für Geschichte zusammenkamen. In ihrem ganzen Wesen konnte man noch die ehemalige Komsomolzen-Mitarbeiterin wahrnehmen, die sie eunmal gewesen war.

Derart überzeugte und ideengeladene Leute hatten wir in unserer Jugend aus Spaß immer als Kommunisten bezeichnet. Und sie war tatsächlich auch Mitglied der kommunistischen Partei gewesen. Ich weiß noch, als die Perstrojka begann – da erlebten wir alle den Zusammenbruch der Ideale in der Gesellschaft. Und sie machte das alles in einem besonders heftigen Maße durch. Wahrscheinlich hatte ihre Vergangenheit im Kinderheim deutlichen Spuren und Auswirkungen hinterlassen. Wir, die Kinder, die zuhause aufgewachsen waren, hörten in der Schule und im Radio über das allgemeine Leben im Lande die eine Variante, zuhause vernahmen wir die andere; wir führten mitunter mit den Eltern Streitgespräche, versuchten zu beweisen, daß sie das Wichtigste überhaupt nicht begriffen. Die Eltern erklärten uns mit aller Vorsicht die Wahrheiten des Lebens, was in unseren leichtgläubigen Herzen zahlreiche Zweifel erzeugte. Dieses Zweifel gestatteten es uns, viele im Lande vor sich gehende Ereignisse von einem ganz anderen Standpunkt aus zu betrachten, und nicht aus der Sicht dessen, was die offizielle Propaganda uns weiszumachen versuchte.

Der Tag des Lehrers

Das leben ging weiter, mit all seinen auf die Perestojka folgenden verfahrenen Situationen und Schlaglöchern. Man zahlte uns monatelang kein Gehalt, wir streikten, prozessierten gegen die eigene Kreisabteilung für Volksbildung, man versuchte uns zur Ordnung zu rufen und in die Schranken zu weisen, man schuf diverse Hindernisse und strapazierte unsere Nerven mit allen möglichen Kontrollmaßnahmen..

Als das Leben irgendwann ein wenig leichter wurde, gab es auch wieder Festtage. Im Herbst 2002 wurde ein Treffen für Veteranen-Pädagogen organisiert. Hier ergab sich auch eine nähere Bekanntschaft mit Erna Iwanowna Pawlikowskaja. Am festlich gedeckten Tisch unterhielten wir uns. Ich war neugierig darauf, von Erna Iwanowna zu erfahren, wie sie damals ihre Mutter wiedergefunden hatte: vor langer Zeit hatte ich gehört, daß sie und ihre Mutter sich während des Krieges verloren und sich dann viele Jahre später glücklich wiedergefunden hatten. Der Bericht meiner Bekannten führte uns weit weg vom Festtagstisch. Alle lärmten, redeten, um uns herum saßen wunderbare Menschen, aber wir nahmen sie nun schon gar nicht mehr wahr. Erna Iwanowna durchlebte noch einmal all das, was geschehen war, und ich hörte ihr zu und vergaß alles andere auf dieser Welt.

***

Wissen Sie, - begann meine Gesprächspartnerin ihren Bericht, - lange Zeit wußte ich so gut wie nichts über mich selbst, denn ich wurde seit meinem fünften Lebensjahr in einem Kinderheim erzogen.

Mein kindliches Gedächtnis hat das junge Gesicht der Mutter mit dem hübschen Baskenmützchen, ja, und die Großmutter mit ihren kranken Beinen bewahrt. Ich kann mich auch noch an einen Speicher erinnern; an der Schwelle liegt die Großmama (wegen ihrer kranken Beine kann sie nicht gehen). Und das ist alles, mehr weiß ich nicht. Als ich bereits erwachsen war, sah ich einen Film über den Krieg, in dem die Deutschen Menschen abtransportieren, unter ihnen auch eine junge Frau. Und an der Türschwelle bleibt ein kleines Mädchen allein zurück. Und irgendwie hat diese Episode in mir so eine heftige Unruhe ausgelöst. Mir wurde ganz einfach schlecht! Und jedes Mal, wenn ich diesen Film sah, wiederholte sich das alles. Immer an dieser einen Stelle fing ich an, mich ganz schlecht zu fühlen!

Ich konnte mich erinnern, wie ich heiße, ich wußte, daß Mama Emma Iwanowna Pawlikowskaja hieß und Papa Iwan Iwanowitsch Pawlikowskij; und ich wußte auch, wie alt ich war. Aber ich kannte den genauen Trag meiner Geburt nicht, deswegen schrieb man meine Papiere im Kinderheim auf den gleichen Tag aus, wie Stalins Geburtstag – den 21. Dezember. Im Gedächtnis geblieben ist mir auch noch eine Episode, bei der man mich mit einem anderen Mädchen aus einem Kinderheim in ein anderes brachte. Mir fällt auch noch eine Schulklasse ein, wo wir uns in einer Ecke auf Zeitungen zum Schlafen niederlegten. Vielleicht war das der Klassenraum, in dem wir jetzt sitzen. Das ist doch hier das alte Schulgebäude!? Ich wuchs im Beresowsker Kinderheim auf. Es nannte sich damals Sonder-Kinderheim (extra für Kinder von Repressierten). Zu unterschiedlichen Zeiten lebten hier ganz verschiedene Kinder: Deutsche, Kalmücken, Letten, Latgalen, Litauer, Ukrainer. Dort beendete ich insgesamt sieben Schulklassen und fuhr dann zum Lernen in die Bezirksmittelschule. Anfangs wohnte ich in einem Wohnheim, später nahm mich der Schuldirektor zu sich in die Wohnung.

***

Da fällt mir auch noch der März 1953 ein, Stalins Tod, die allgemeine Trauer. Es schien, als ob die Welt vor lauter schrecklichem Kummer zusammenstürzen sollte!

An der Wand ein großes Portrait des Führers mit Trauerschmuck und ich, die Neuntklässlerin, mit verweinten Augen bei der Ehrenwache. Wenn ich damals die ganze Wahrheit gewußt hätte! Nicht nur, daß mein ganzes Leben durch die Schuld dieses Mannes zerbrochen ist; nein, nun muß ich auch noch für den Rest meines Lebens an seinen Geburtstag denken!

In den Sommerferien fuhr ich nach beresowka, wo ich zusammen mit dem Direktor arbeitete, indem ich die in Urlaub gefahrenen Lehrkräfte vertrat. Man mußte sich zusammenreißen. So beendete ich schließlich zehn Schulklassen und nahm in meinem ehemaligen Kinderheim eine Stelle als vollwertige Erzieherin an.

Der 13. August 1954 – das war der Beginn meines selbständigen Erwachsenen-Lebens.

Ich war auch als Pionierleiterin tätig, später im Bezirkskomitee als Komsomolzin, danach wieder in dem mir bekannten Kinderheim; ich lernte ständig, bildete mich weiter, wenn das Leben dies erforderlich machte.

1961 wurde unser Kinderheim aufgelöst. Ich brachte die letzten Zöglinge aus beresowka nach Kuragino. Ich selbst begab mich anschließend nach Krasnojarsk und sichte mir dort Arbeit in einem Kindergarten. Später schloß ich weitere Lehrkurse ab und kam durch Zuweisung in unseren Bezirk, ins Simonowkser Kinderheim.

***

Das Leben wollt es, daß ich erneut nach Beresowka zurückkehren mußte. Und diesmal für lange Zeit. Ich arbeitete sowohl an der Schule als auch im Kndergarten, und dann wieder in der Schule – als Geschichtslehrerin. Hier wuchs meine kleine Tochter auf. In all diesen Jahren vergaß ich meine Mutter keine einzige Minute. Mein Lbene lang hatte ich sie gesucht. Stets hatte dabei die Hoffnung in meiner Seele gelebt. Nachdem ich selber Mutter geworden war, empfand ich noch viel stärker das Bedürfnis, einen lieben Angehörigen um mich zu haben. Eines Tages geriet mir das Buch „Letzendlich“ über die Nürnberger Prozesse in die Finger (an den Autor kann ich mich nicht mehr erinnern). Abe rim Gedächtnis haften geblieben ist der Name eines sowjetischen Anklägers – Roman Andrejewitsch Rudnenko. Und da kam mir eine total verrückte Idee! Ich beschloß ihm einen Brief zu schreiben:

„Sehr geehrter Roman Andrejewitsch, sie haben die deutschen Faschisten verurteilt. Sie können vieles bewirken und vielleicht wird es Ihnen nicht allzu viel Mühe bereiten, auch meine Mutter ausfindig zu machen... Finden Sie meine Mama!...“

Kurz zuvor hatte ich einen Brief an die Zeitung „Neues Leben“ geschrieben, der in deutscher Sprache abgedruckt wurde. Er enthielt dieselbe Bitte. Am interessantesten ist, daß ich an Staatsanwalt Rudenko ganz einfach schrieb: Moskau, General-Staatsanwalt, Roman Andrejewitsch Rudenko. Es war wohl schon eine andere Zeit eingeläutet worden – jedenfalls kam der Brief an! Bereits nach einer Woche kam eine Benachrichtigung, daß man „Die Angelegenheit zur Kenntnis genommen“ hätte. Buchstäblich drei Wochen später traf folgende
Mitteilung ein:

„Ihre Mutter, Emma Iwanowna Pawlikowskaja, lebt in der Kasachischen SSR, im Dorf Poludino...“.

***

So habe ich meine Mama wiedergefunden. Gleichzeitig tauchte in der Zeitung die Mitteilung auf, daß wir uns gefunden hatten. All diese Ereignisse trugen sich unmittelbar vor Neujahr zu.
In der Schule war gerade das vierte Quartal zuende gegangen, Abschlußberichte, Tannenbaum – und sie ließen mich nicht zur Mama. Und sie arbeitete offenbar auch an einer Schule, als Köchin allerdings, aber auch sie durfte nicht vor den Ferien ihren Arbeitsplatz verlassen. Also zählten wir ungeduldig die Tage bis zu unserem Wiedersehen.

Und auch die Tante und Bruder Fjodor fanden sich dank der Zeitung ziemlich schnell. Sie kamen zu mir gefahren. Stellen Sie sich vor, wie ihnen zumute gewesen sein muß, als sie in der erwachsenen Frau das fünfjährige kleine Mädchen von damals wiederzusehen! Die Tante erkannte mich, sie fand verwandtschaftliche Ähnlichkeiten in meinen gesichtszügen. Aber sie konnte sich auch noch daran erinnern, dass ihre kleine Nichte Erna ein Muttermal auf dem Rücken besessen hatte. Und da waren sie dann von der tatsächlichen Verwandtschaft vollständig überzeugt!

Und dann kam meine Mama zu mir. Es fügte sich so, dass meine zukünftige Schwiegermutter gemeinsam mit ihr anreiste. Ich war zuhause als die Nachbarin herbeigelaufen kam:“ Erna Iwanowna, ihre Mama kommt!“

Ich griff nach meinem Mantel, steckte die Füße in die erstbesten Schuhe und stürzte auf die Straße. Auf dem Weg zum Haus kam mir eine betagte Frau in einfachem Mantel entgegen. Unter dem Kopftuch lugten große, graue Haarsträhnen hervor. Aber inmeiner Erinnerung war doch ein ganz anderes Bild von meiner Mama: das Bild einer jungen, hübschen Frau mit weißer Baskenmütze, die seitlich mit modernen kleinen Haarnadeln festgesteckt war!

Ich erstarrte und konnte mich keinen Schritt weiter von der Stelle rühren, bis Mutter selbst zumir herangekommen war! Dann endlich kamen die Tränen, viele Tränen. Das war der allererste Augenblick unseres Wiedersehens!

***

Der Feiertag für die Lehrkräfte war zuende. Wir gingen in unsere Häuser zurück, aber die Lebensgeschichte der Erna Iwanowna ließ mir keine Ruhe. Nach Beresowka zu fahren – dazu fehlten mir die Möglichkeiten, den versprochenen Brief bekam ich nicht. Und da, an meinem Geburtstag, ergab sich die Gelegenheit meine Bekannte doch noch aufzususchen.

Sobald unser Autobus bei der Schule gehalten hatte, lief ich los, um das bewußte Haus ausfindig zu machen. Meine Zeit war begrenzt. Erna Iwanowna, die sichmit den Besonderheiten des Lehrerberufs auskannte, verstand mich sofort auch ohne viele Worte.
Als ihr Ehemann unsere Eile bemerkte, half er uns sogleich bei der Suche nach alten Fotografien. Jetzt hörte ich nicht nur alles, was Erna Iwanowna von ihrer Mutter erfahren hatte, sondern ich machte auch zahlreiche Notizen.

Was die Mutter berichtete

„Die Stadt, in der wir vor Kriegsausbruch lebten, hieß Marxstadt, das liegt im Gebiet Saratow am Ufer der Wolga. Unsere Familie bestand aus: meine alten Mutter, meinem jüngeren Bruder Fedja, deinem Vater Iwan, mir, dir und Wanja – deinem jüngeren Brüderchen. Ich arbeitete in der Fabrik als Dreherin, der Vater als Leiter. Die Familie lebte einträchtig miteinander. Wir hatten viele gute Bekannte und Freunde. Sie lebten, arbeiteten, zogen ihre Kinder groß. Fest- und Feiertage verbrachten wir immer in fröhlicher Stimmung, zusammen mit Freunden. Aber das schöne Leben endete im Jahre 1938, als sie eines nachts deinen Vater verhafteten. Die Freunde waren auf einen Schlag verschwunden. Es war zu gefährlich, mit der Ehefrau eines Verhafteten in Kontakt zu bleiben. Ein guter Bekannter, der bei den Behörden tätig war, sagte mir eilig im Vorbeigehen, dass ich auf meinen Mannnicht warten sollte – er würde nie mehr zurückkehren. Das sagte er, und dann ging er schnell seines Weges.

So blieben wir also allein zurück. Und nach einiger Zeit kamen sie erneut und holten diesmal mich und den kleinen Wanja. Er war ja noch ein Säugling! Es war Sommer, in der Zelle herrschte stickige Luft, frische Luft gab es nicht, Wanjuschka wurde krank. Dann entließen sie mich. Genauso wie sie mich verhaftet hatten, ohne jedwede Erklärungen, so entließen sie mich – ohne jegliche Äußerungen. Aber Wanjuschka wurde nicht wieder gesund – zuhause erkrankte er erneut und starb.

***

Als der Krieg begann, wurde Bruder Fedja zur Front einberufen. Wo er kämpfte, was aus ihm wurde, erfuhr ich ebenfalls nicht.

Im Jahre 1941 wurden alle Deutschen aus unserer Stadt nach Sibirien verschickt. Uns wurde das Dorf Tasejewo in der Region Krasnojarsk zugewiesen. Allerdings hielt ich mich dort nicht lange auf. In den Rüstungsfabriken des Ural wurden dringend Arbeitskräfte benötigt. Meine Berufserfahrung als Drechslerin war sehr gefragt. Und wieder holten mich Leute von den staatlichen Organen und verschleppten mich ohne ein Wort der Erklärung. Und du bliebst mit der kranken Großmutter allein zurück.

***

Ach, was hatten wir in der so genannten Trudarmee für ein schweres Leben! Nicht genug damit, dass wir wie Sklaven, wie Aussätzige arbeiten mußten. Wir arbeiteten auch noch in einem gefährlichen Industriezweig und vielen oft vor Hunger in Ohnmacht. Und zudem trieben bewaffnete Wachmannschaften ihren Spott mit uns.

Wie denn? Sollte man vielleicht auf „die deutschen Frauen von Volksfeinden Rücksicht nehmen“? Besonders schwer hatten es die hübschen jungen Mädchen. Die ins Hinterland versetzten Wachtrupps vergewaltigten sie kaltblütig, wen und wann immer sie wollten. Neben mir in der Baracke starb ein junges Mädelchen. Vor ihrem Tode sagte sie mir, dass die Wachen sie nacheinander vergewaltigt hätten. Insgesamt zählte sie dreizehn Vergewaltiger, dann verlor sie das Bewußtsein, und als sie aufwachte, befand sie sich bereits wieder in der Baracke. Und so kam das arme Mädchen ums Leben.

Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe zu überleben, aber scheinbar hat der liebe Gott es so gewollt. Nach dem Krieg schickten sie uns nach Kasachstan. Hier ging ich ein Verhältnis mit einem mann ein, er war ebenfalls Deutscher, und 1947 wurd e mein Töchterchen Walja geboren. Du bist also nicht allein auf dieser Welt, du hast noch eine Schwester. Dich habe ich alle die Jahre nicht vergessen, lange habe ich nac dir gesucht. Aber aus sämtlichen Kinderheimen erhielt ich immer nur die eine Antwort, dass es ein solches Mädchen dort nicht gibt. In meiner Verzweiflung nahm ich an, dass du schon nicht mehr unter den Lebenden weilst – in deiner Kindheit warst du immer ziemlich klein, mager und kränklich“.

Das Leben nach dem Wiedersehen

Mama war während der Ferien bei mir in Beresowka zu Besuch, und als sie abreiste, nahm sie die Enkelin mit.

Damals gab es bei uns keinen Kindergarten, und ich mußte mein Töchterchen ständig mitnehmen. Mama und ich beschlossen, dass ich nach dem Ende des Schuljahres nach Kasachstan fahren sollte. Aber das Schicksal traf wieder einmal eine andere Verfügung. Ich kam mit den klimatischen Verhältnissen in Kasachstan nicht zurecht, und es gab auch andere Gründe; also kehrte ich wieder nach Beresowka zurück. Als ich mit meinem Töchterchen abreiste, sagte Mama: „Wir sehen uns heute wohl zum letzten mal“. Ich beruhigte sie, versprach ihr, in den Ferien zu kommen. Aber Mama sollte Recht behalten – ich sah sie nie wieder – weder tot noch lebendig. Die schädliche, gefährliche Arbeit förderte die Enstehung von Magenkrebs. Sie starb 1956, ohne dass sie auch nur eine einzige Monatsrente zu sehen bekommen hatte.

Als ich von Mutters Tod erfuhr, wollten mein Mann und ich zur Beerdigung fahren. Aber es war wohl eine wohlgemeinte Fügung des Schicksals, dass wir nicht dorthin gelangten. Bei der Eisenbahn ereignete sich ein schweres Unglück, aufgrunddessen wir drei Tage auf dem Atschinsker Bahnhof festsaßen. Zur Reise mit dem Flugzeug fehlte uns das Geld. Und so kehrten wir nach Hause zurück.

***

Und meine jüngere Schwester Walja – Lehrerin für Fremdsprachen, lebte mit ihrem ukrainischen Ehemann in Kasachstan. Als dieses Durcheinandermit der Perestrojka begann, fingen auch die Kasachen an, ihre feindliche Gesinnung gegenüber den Russen zum Ausdruck zu bringen; die beiden zogen in die Ukraine um. Und so verloren wir uns in dieser schwierigen Zeit erneut aus den Augen. Heute weiß ich nicht, was aus ihnen geworden ist, wo sie leben, und habe keine Ahnung, ob wir uns irgendwann noch einmal wiedersehen werden.

Jetzt bin ich in Rente, habe 44 Jahre in der Volksbildung gearbeitet“.

Meine Gesprächspartnerin schwieg, und ich eilte in die Schule. Die Unterrichtsstunde, die nicht nach dem Lehrbuch erfolgte, erstreckte sich über genau 40 Minuten. Erna Iwanowna erwies sich als gute Lehrmeisterin, und das erhaltene Geschichtsmaterial über eine deutsche Familie vergißt du nicht mehr, selbst wenn du es möchtest.

***

ZUM BESSEREN VERSTÄNDNIS: die Deutschen wurden zum permanenten Aufenthalt in Rußland schon durch Katherina II ins Wolgagebiet eingeladen. Vor den Deutschen lebte dort keine seßhafte Bevölkerung, lediglich alle möglichen Nomadenstämme und unabhängige Völker.

Katharina beschloß die genannten Gebiete auf Dauer zu kolonialisieren. Bei Umzug aus Deutschland wurden den Siedlern eine Reihe von Privilegien bewilligt: sie bekamen das Geld für den Umzug, 30 Desjatinen Land (32,7 ha), waren 30 Jahre von Steuern und jedweden anderen Abgaben befreit und waren nicht von der allgemeinen Wehrpflicht betroffen. Die deutschen Siedlungen unterschieden sich von den russischen durch ihre Sauberkeit und Akuratheit. Die breite Straßen mit den hübschen, sauberen Häusern waren von Bäumen umpflanzt. In den Häusern war der Fußboden stets reingefegt, in den Zimmern standen Möbel. Männer und Frauen unterschieden sich von anderen durch ihre adrette Kleidung. Die Deutschen betrieben Ackerbau, besaßen ihre Obst- und Gemüsegärten, Tabakplantagen und zogen Senf. Die Deutschen brachten aus ihrer Heimat die Kultur nach Rußland, ihr Wissen und Können, ihre Methoden der Haushalts- und Hofwirtschaftsführung.

***

1924 wurde die autonome Republik der Deutschen gegründet.

Am 28. August 1941 wurde der Ukas zur Aussiedlung aller Deutschen aus dem Wolgagebiet verabschiedet. Die Regierung befürchtete einen Massenverrat. So wurden die Russen zu Geiseln zweier Diktatoren: für die Deutschen sind sie Russen, für die Russen sind sie Deutsche – für alle sind sie Fremde!

1939 lebten in unserem Lande 1,4 Millionen Deutsche. Ab 3. September 1941 fuhren Häftlingstransporte gen Osten, in denen sich die Wolgadeutschen befanden. Aus der ehemaligen Republik wurden 438.280 Personen abtransportiert. Und so wurde die Republik liquidiert. Der Deportation waren alle Bewohner dieser Nationalität aus allen Ecken des Landes unterworfen. Alle deutschen Kriegsgefangenen wurden in die Trudarmee geschickt, in Kohlegruben und Fabriken, wo sie aufgrund der alle Kräfte übersteigenden Arbeit, Hunger und Durchfallerkrankungen wie die Fliegen starben. Allein in unsere Region wurden im September 1941 67.000 Menschen verschleppt. Anfang 1942 wurden 1.210.000 Menschen verschleppt. Die alteingesessene Bevölkerung verhielt sich ihnen gegenüber wenig freundlich. Den von der Wolga Zwangsverschleppten war es verboten, Vorgärten und kleine Grundstücke für den Eigenanbau zu besitzen, man warf sie buchstäblich von einem Ort an einen anderen und fügte ihnen nicht nur großen materiellen, sondern auch schweren seelischen Schaden zu. Einmal im Monat mußten sie sich in der Kommandantur melden und registrieren lassen (sowohl Erwachsene, als auch Kinder ab dem 16. Lebensjahr).

Und nach dem Krieg befanden sich die Rußland-Deutschen noch bis 1956 unter Verwaltungsaufsicht. Erst 1976 wurde ihnen gestattet in ihre Heimat zurückzukehren.

T. Tschumakowa
Lehrerin an der Kytatsker Mittelschule

„Nachrichten“, N° 16 (7134), 16.04.2005
„Nachrichten“, N° 17 (7135), 23.04.2005


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