Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Русский

Der unvergessliche Geschmack einer ganz gewöhnlichen Suppe

Anna Michailowna Kornewa, Mädchenname Gorelowa, ist heute fast 80 Jahre alt. In Schilinka lebt sie seit dem März 1942. Hier hat sie beinahe ihr ganzes Leben verbracht.

Anna Michailowna erinnert sich schmerzlich an das Elend, das in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts über ihre Familie hereinbrach, als Millionen Bauern Opfer der Kollektivierung wurden.

Zu der Zeit lebten die Gorelows im Bezirk Karatus, Region Krasnojarsk. In dem geräumigen Haus reichte der Platz für drei Generationen von Bauer: hier wohnten die alten Gorelows, ihre fünf Kinder; drei Söhne hatten ihre eigenen Familien mit Kindern.

Am 20. Februar 1930 betraten bewaffnete Männer das Hofgelände und fragten, wer hier der Hausherr sei. Der Großvater zeigte auf den ältesten Sohn Michail, Annas Vater, und meinte: „Er ist meine rechte Hand“. Man befahl Michail ein Pferd anzuspannen und nach Karatus zu fahren.

Drei Tage später brachten Bewohner aus demselben Dorf das Pferd zurück; Annas Vater wurde seit dem Tag von niemandem mehr gesehen. Die Schwiegertochter gaben die Großeltern, zusammen mit den drei Kindern, an ihre vorherige Familie im Bezirk Jermakowo zurück. Bald darauf bestellte man Anastasia (so hieß Annas Mutter) zum Dorf-Rat und schickte sie mit zwei ihrer Kinder ins Gefängnis. Die älteste Tochter entging der Zelle dank des Umstands, dass sie zu der Zeit in einem anderen Dorf bei Verwandten wohnte.

Im Gefängnis befanden sich viele Mütter mit ihren Kindern. Die Lebensbedingungen waren unerträglich, die Kinder starben. Auf Anraten der anderen Gefangenen sandte Anastasia ihren Eltern ein Telegramm mit der Bitte, die Kinder zu sich zu nehmen. Schon bald kam der Großvater, um die Kinder abzuholen, und ihre Mutter wurde nach Narym in die Verbannung geschickt, wo vier Jahre lang im Wald bei der Holzbeschaffung arbeiten musste.

Nach dem Tod der Alten holte die Tante die Kinder zu sich. Sie war eine gläubige Frau und lehrte ihre Neffen das Beten. Die Kinder baten die Geheiligte Muttergottes darum, ihnen die Mutter zurückzugeben. Nicht lange danach floh Anastasia aus der Verbannung zu ihren Kindern. Wenige Tage später kamen Mitarbeiter des Dorf-Rats und befahlen ihr sich fertig zu machen und mit zu kommen.

Man brachte die Familie in den Bezirk Bolschaja Murta und quartierte sie, zusammen mit anderen Umsiedlern, in einer Baracke am Ufer des Jenissei ein. In der Mitte des Gebäudes gab es einen eisernen Ofen, der die Baracke erwärmte; darauf bereiteten sie auch das Essen zu. Die Umsiedler wurden in die örtliche Kolchose aufgenommen. Einmal entdeckten die Kinder unter einer Brücke einen heimlich von irgendjemandem versteckten Sack mit Hafer. Die Mutter kochte aus dem Getreide Suppe und Grütze. Das ermöglichte es der Familie den Winter zu überleben. Im Frühjahr pflanzten sie Kartoffeln an.

Anna Michailowna erinnert sich mit großer Dankbarkeit an den Kolchos-Vorarbeiter, der jedem eine Kartoffel gab, als sie von der Arbeit zum Mittagessen gingen. Aus den Knollen, welche die Mutter mit nach Hause brachte, kochte Anna für die Familie eine Suppe. An den Geschmack dieser Suppe und auch der Hafergrütze kann sie sich offenbar bis heute erinnern.

In der Kolchose gab es eine Schule, an der das Mädchen fünf Klassen absolvierte. Das Lernen fiel ihm leicht, doch der Traum von einer guten Ausbildung ging nicht in Erfüllung. 1942 zog Anastasia mit der Tochter in eine Sowchose des NKWD im Suchobusimsker Bezirk um, die später in Siedlung Schilinka umbenannt wurde. Zur Schule gehen konnte sie nicht, sie musste ungelernte Arbeiten erledigen. Zusammen mit den Erwachsenen arbeitete das heranwachsende Mädchen bei der Getreide-Drusch, bei der Aussaat und bei der Viehfutter-Beschaffung. Bald wurde man auf das kluge, strebsame Mädchen aufmerksam und versetzte es als Sekretärin und Maschinenschreiberin ins Kontor.

Nach dem Krieg nahmen die Strapazen der Familie ein Ende. Anna heiratete den ortsansässigen Traktoristen Grigorij Kornew, bekam drei Töchter und zwei Söhne und konnten es kaum erwarten, ihre ersten Enkelkinder zu Gesicht zu bekommen. Ihre Mutter lebte bis zum Tode bei Tochter und Schwiegersohn und konnte sich noch in aller Ruhe über ein friedliches Leben freuen.

Schade, dass es im Bezirk kein Denkmal für die Frauen gibt, die all das Unheil zur Zeit der Kollektivierung erleben mussten, im Hinterland schwer arbeiteten, als der Krieg herrschte, und anschließend dem Land aus dem Nachkriegs-Ruin wieder auf die Beine halfen. Sie hätten es verdient.

Galina Schuwajewa

„Land-Leben“ (Ortschaft Suchobusimskoje), 14.04.2006


Zum Seitenanfang