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Es ist unsere Pflicht, an jeden Einzelnen die Erinnerung zu wahren

Dieser Tage fand die Präsentation des fünften Bandes des „Buches der Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen in der Region Krasnojarsk“ statt (PIK „Offset“, 2007). Diese Ausgabe konnte aufgrund der gemeinsamen Initiative der „Memorial“-Gesellschaft für Menschenrechte und soziale Fürsorge, der Archiv-Agentur, der Agentur für den sozialen Schutz der Bevölkerung bei der Regionsverwaltung, der regionalen Staatsanwaltschaft sowie der regionalen FSB-Behörde verwirklicht werden.

Hauptbestandteil dieses Bandes ist eine Liste von Bürgern, deren Familiennamen mit den Buchstaben L – M beginnen und die auf dem Territorium unserer Region illegal Repressionen ausgesetzt waren. Wie der Leiter des Projektes, der Vorsitzende der Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft – Alexej Babij – anmerkte, „befinden wir uns jetzt noch ganz am Anfang des Weges und hoffen, daß wir es schaffen, unsere moralische Pflicht in Bezug auf die unschuldig zu Tode gequälten Menschen bis zum Ende zu bringen und jeden einzelnen von ihnen in der Erinnerung haben ...“.

In dem Buch gibt es einen Abschnitt mit der Überschrift „Wem die Stunde schlägt“, in dem Fotografien von Repressierten abgebildet sind. Schauen Sie sich die Gesichter dieser einfachen Leute, unserer Landsleute an – viele von ihnen träumten von einer klaren, hellen kommunistischen Zukunft; stattdessen gerieten sie ins Straflager oder bekamen eine Kugel in den Hinterkopf. Der Band beginnt mit Auszügen aus dem Strafgesetzbuch der RSFSR des Jahres 1926, in dem auch der traurig-berühmte § 58 („Konterrevolutionäre Verbrechen“) angeführt ist. Aufgrund dieses Paragraphen wurden auch alle Helden dieses Buches verurteilt. Unter den Opfern befanden sich Vertreter aller sozialen Schichten, Kommunisten und Parteilose, Männer und Frauen und – sogar Kinder.

Unter der sarkastischen Rubrik „Glückliche Kindheit“ kann man die Erinnerungen der Maria Wolkowa lesen, die dem bitteren Schicksal ihrer Familie und nächsten Verwandten gewidmet sind. Von einer vergilbten Fotografie, die im Jahre 1937 auf der Insel Otdycha (Erholung; Anm. d. Übers.) aufgenommen wurde, blicken uns die fröhlichen Gesichter von fünf Kindern an (unter ihnen auch die Autorin der Erinnerungen). Zu jener Zeit war bereits die berühmte Losung aufgekommen: „Danke, Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit!“

Doch lange währte die glückliche Kindheit dieser Kinder nicht. Marinas Vater – Georgij Troschin, ein in Krasnojarsk bekannter Musiker, Leiter des Orchesters für Volksinstrumente, wurde kurz nach einem sommerlichen Familien-Picknick verhaftet und im Oktober 1937 (vor ganz genau siebzig Jahren) erschossen. Zu Waisen wurden auch andere Kinder, die auf dieser Aufnahme zu sehen sind. Der Stempel „Tochter eines Volksfeindes“ entstellte Marinas gesamtes weiteres Leben – so kann sie beispielsweise bis heute nicht ohne Tränen an jenen Tag zurückdenken, als man sie, trotz hervorragender Zensuren, nicht zum Studium am Pädagogischen Institut aufnahm. Das Gefühle der Angst, der Erniedrigung, allumfassender Verbote und Einschränkungen verfolgten sie (wie auch andere Waisenkinder) für den gesamten Rest des Lebens.

Wenn wir schon ehrlich sind: Opfer der stalinistischen Repressionen waren alle Bürger unseres Landes, selbst jene, die sich aufrichtig für glüchlich und frei hielten und heute mit Nostalgie an die vergangenen Zeiten zurückdenken, in denen noch „Ordnung“ herrschte und staatliche Obhut garantiert war. Vielen von uns fällt es auch heute noch schwer, dieser Sklavenangst und dem Lakaienglauben an den guten „Herrn“ zu entrinnen. Hoffnung – für die Jüngeren.

Eduard Rusakow.
„Krasnojarsker Arbeiter“, 30.10.2007


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