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Eins Haus für den Künstler

Er verwechselt das Pronomen „unsere“. Mal meint er damit – die Russen, mal – die Finnen. Ja, er hat auch zwei Zuhause – eines in Russland, das andere in Finnland, obwohl er sich hier wie da in der Verbannung fühlt. Wahrscheinlich gehört es auch zur Weisheit des Künstlers, die Zufälligkeiten des Lebens im allgemeinen und des seinen im Besonderen zu bergreifen. Unser Gesprächspartner heute ist der weise Künstler Toiwo Rjannel, Kavalier und Laureat aller sowjetischen Ehrentitel und Auszeichnungen.
Mit Ausnahme der Stalin-Prämie.

- Wo befindet sich denn nun Ihr Zuhause – in Russland oder in Finnland?

- Ich bin auf der Erde ein ungebetener Gast, und in Sibirien ganz besonders. Insgesamt gesehen habe ich hier 60 Jahre in der Verbannung verbracht. Jetzt ist es so gekommen, dass man mich buchstäblich nach Finnland in die Verbannung geschickt hat. Dort sagen sie – lebe, arbeite und mach‘ bitte Ausstellungen. Aber helfen werden wir die nicht. Zahle und stell‘ deine Bilder aus. Was soll das, sage ich – seid ihr verrückt geworden? Soll ich mir die Betrachter vielleicht kaufen? Damit gingen wir dann auch auseinander, wobei beide Seiten miteinander nicht zufrieden waren.

- Sind Sie in Finnland ein Russe?

- Nicht genug damit – ich bin auch noch Kommunist. Urteilen Sie selbst – 62 Jahre sibirische Verbannung, da kann man schon aus einem Tiger einen Kommunisten machen, und erst recht aus einem Menschen. Ja, die Staatsbürgerschaft habe ich noch nicht angenommen. Aber eigentlich müsste ich es, sonst muss ich jedes Mal, wenn ich nach England oder Amerika reisen will, alle möglichen Unannehmlichkeiten ertragen, einen Haufen Papierkram erledigen. Also innerhalb Europas bewege ich mich mit meinem russischen Pass – in Holland, Frankreich, Spanien. In Frankreich hätten sie mich allerdings einmal beinahe festgehalten, als ich mit einer Gruppe finnischer Touristen reiste. Warum hatten sie das nicht früher bekannt gegeben? Ja, was wollt ihr denn, wir befinden uns hier auf einer Exkursion, wir gehören alle zusammen! Ja., aber das ist eine finnische Ausflügler-Gruppe – und Sie sind Russe! Alle haben vor uns immer noch Angst.

- In Finnland verhalten sich die Leute ganz allgemein misstrauisch gegenüber Ausländern; ist es schwierig sich dort einzuleben?

- Das würde ich nicht sagen. Obwohl es für mich leichter ist. In Finnland befindet sich jetzt eine riesige Anzahl Moslems aus Somalia. 11.000 hat man hergebracht… Das war noch zu Breschnjews Zeiten – er wandte sich an den finnischen Präsidenten mit der Bitte, obdachlose Flüchtlinge aus Somalia unterzubringen, weil es in Finnland jede Menge freier Wohnungen gab. In de Sowjetunion hätte man sie nicht unterbringen können. Der finnische Präsident erklärte sich einverstanden. Und seitdem siedeln sie sich dort an. Auch aus Bosnien trafen noch 1005 Leute ein. Aber mit denen ist es einfacher. Und die nordalgerischen Bewohner – die gehören einer höheren Klasse an. Interessant jedoch ist, dass sie alle die finnische Sprache gelernt haben. Die kleinen Jungen spielen Fußball und fluchen auf Finnisch.

- Aber was habt ihr euch denn dabei gedacht, Farbige nach Finnland zu holen? Das ist auch nicht besser, als Finnen in Mittelasien.

- Es existieren einfach Quoten – sowohl in puncto Staatsbürgerschaft, als auch im Hinblick auf die Aufenthaltserlaubnis. Sehen Sie, Kurdistan. Die Türken kämpfen gegen die Kurden, und die werden in verschiedenen Ländern neu angesiedelt, und so tauchen sie auch bei uns auf. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist es, sich auf dem Bahnhof zu treffen und dort gemeinsam ihre Zeit zu verbringen. Da kannst du nichts machen, schließlich kannst du ein öffentliches Gebäude nicht einfach zusperren. Ich selber bin nachts nicht unterwegs, aber ich lese die Zeitungen. Fast jede Woche schreiben sie: in Helsinki, der finnischen Hauptstadt, gab es eine Massenschlägerei zwischen neu eingetroffenen Arabern und finnischen Zigeunern.

- Wann haben Sie angefangen sich als Künstler zu fühlen?

- Gezeichnet habe ich immer schon, wenn ich mich recht erinnere. Und was für Ze8chnungen waren das? Ja, ich versuchte in erster Linie Essbares zu zeichnen. Es herrschte Hunger, irgendwann einmal kam der Vater und brachte Konfekt mit; und ich griff zuerst zu der Kartoffel – weil ich gar nicht wusste, wie Konfekt schmeckt. Zwei oder drei Jahre war ich damals alt. Ich zeichnete also, und wir hatten bei uns einen Landvermesser aus Leningrad, einen Russen. Seine Talente hätte ich gerne gehabt – und Zeichentrickfilme produziert. Er war der absolute Zeichner. Ich zeichnete Hasen. Ein Hase nagte unseren Apfelbaum an, und der Großvater sagt – da ist das Gewehr, es ist geladen; setz dich aufs Dach und gib acht auf den Hasen. Ich spürte dem Hasen nach, traf ihn aber natürlich nicht, und viel – wie durch ein Wunder – auch nicht vom Dach; aber sei der Zeit habe ich immer Hasen gezeichnet. Mit äußerster Beharrlichkeit, aber ziemlich tölpelhaft. Und da sagt mir dann dieser Landvermesse: Junge – du verstehst es nicht zu zeichnen. Ich fühlte mich gekränkt, beleidigt. Zeige ihm meine Werke. Und er macht sich im Stehen, ohne sich erst an den Tisch zu setzen, darin, mir eine ganze Gruppe Hasen auf s Papier zu zeichnen, und dazu noch ganz unterschiedliche: tanzende, sich totlachende, traurige. Ich denke – du lieber Gott, der Landvermesser kann das aber gut, sollte ich das nicht auch zuwege bringen? Er wohnte bei uns ein oder zwei Monate, und ich versuchte die ganze Zeit ihn zu übertreffen. Ich schaffte es nicht, aber meine Hände wollten nicht zur Ruhe kommen. Ich zeichnete beharrlich weiter.

Und dann geriet ich in die Verbannung. In der Arbeitskolonie arbeitete ich beim Bau des Motyginsker Trakts, weiter am Kirower Elektro-Kraftwerk, später auf einem Schwimmbagger. Wir waren zwei finnische Jungs, und ich muss dazu sagen, dass wir wie zwei Söhne des Regiments waren. Wir lebten in einer langgezogenen Baracke, alle zusammen – Russen, Deutsche, Finnen. Zwei Öfen, dort wurden immer die Filzstiefel getrocknet. In den Jahren 191 und 1932 herrschte schrecklicher Frost. Die Spatzen gefroren im Flug. Du sammelst das kleine Häufchen ein, bringst es ins Warme – es kommt wieder Leben hinein, fängt an herumzulaufen, verlangt nach Futter. Sogar die Raben fielen aus der Luft herab. Ich glaube, die Temperaturen erreichten minus 60 Grad. Es herrschte so eine Ordnung, dass bei mehr als -45 Grad Frost der Tag abgeschrieben wurde, das heißt niemand ging zur Arbeit, aber die Schicht wurde in die Akte eingetragen. An solchen Tagen schrieben wir immer Briefe nach Hause. Unser Brigadier war Pawel Timonen, ein finnischer Ingenieur; an einem dieser abgeschriebenen Tage schlug er vor, eine Zeichenausstellung abzuhalten. Zwischen den Fenstern wurden Zeichnungen aufgehängt, mit Hilfe von Streichhölzern an der Wand befestigt. Na, was wurde da gezeichnet? Lärchen im Schnee, Arbeiter hacken den gefrorenen Schnee auf, der Koch presst etwas aus. Bei mir bestellten sie auch noch Porträts. Einen Fotoapparat hatten wir nicht; ich zeichnete das Gesicht im Profil und von vorn, genau wie es in Miliz-Dokumenten gemacht wird, und dann schickten sie diese Porträt nach Hause. So galt ich also als talentiertes Jungchen. Als sie meine Bilder aufhängten, hätte ich eigentlich im Erdboden versinken müssen, aber das tat ich nicht – im Gegenteil: es war, als wenn ich durch die Lüfte flog. Weil nämlich die Leute die Bilder wohlwollend, auf eine ganz neue Art, betrachteten. Früher hätten sie einem dafür eine Kopfnuss gegeben. Beim Mittagessen saß ich zur Rechten des Brigadeführers, und man gab mir sogar ein Stück Pferdefleisch. Ich begriff, dass meine Arbeit Achtung verdient hatte, ich kann neben den anderen arbeiten. Und ich vertraute darauf, dass ich in der Lage sein würde zu malen.

Ich war ein hervorragender Schüler, und „Sojussolto“ verfügte damals über sein eigenes Bildungssystem. Es gab da so einen stellvertretenden Minister – Seberowskij, der schickte uns aus Moskau Fachlehrer. Vorwiegend ehemalige Gymnasiallehrer. Im Grunde genommen hatten die auch keine andere Wahl und fuhren nicht aus freiem Willen nach Sibirien. In der fünften Klasse erhielt ich also eine Eins in allen Fächern, und man belohnte mich mit einer Reise nach Moskau. Insgesamt waren wir, sofern Gott mein Gedächtnis nicht im Stich lässt – 17 solcher Schüler. Wir sahen uns dort alles an, fuhren überall hin. Sogar zur Allunionsradio-Gesellschaft, wobei es, das verstehen Sie selbst, damals keine Aufzeichnungen gab, alles fand direkt auf Sendung statt, und wir traten neben den berühmtesten Sprechern jener Zeit auf. Ja, und alle Ankömmlinge wurden unbedingt auch in die Tretjakow-Galerie gebracht, besonders wenn sie aus der Provinz kamen. In der Tretjakow-Galerie wurde mein Schicksal endgültig besiegelt. Ich kam bis zu den Bildern von Aleksander Iwanow und begriff, dass ich an seine Werke – sowie auch die der anderen Sterne der Malkunst – keineswegs heranreichen konnte. Trotzdem beschloss ich damals – wenn ich kein Künstler werde, dann will ich auch kein Goldsucher werden.

- Haben Sie Ihre Meinung in Bezug auf Iwanow nicht geändert? Hat sich die Distanz verringert?

- Was denken Sie? Ganz im Gegenteil – sie wurde noch größer. Heute habe ich nur ein viel besseres Verständnis. Und alles dreht sich darum, dass unsere sowjetische Schule jener Schule in unvergleichlicher Weise nachsteht, die wir an unserer Akademie der Künste, der zaristischen, hatten. Einfache Wahrheiten – worin unterschied sie sich denn von der damaligen Zaren-Akademie? Dort lebten die Ideen der Volkstümler, dort herrschte ein freier Geist. Und später dann tauchten dort all dies Chalturins und andere auf. Der Terrorismus ist übrigens eine rein russische Erscheinung, ebenso wie die kommunistischen Repressionen und die Aggressionen in der ganzen Welt.

- Halten Sie sich bis auf den heutigen Tag für ein Opfer der Repressionen?

- Ich lasse nicht einmal solche Worte gelten. Wenn es schon darauf ankommt: ich bin im Besitz aller sowjetischen Auszeichnungen – mit Ausnahme der Stalin-Prämie. Aber das, was sich in meiner Erinnerung befindet, das steht auf einem anderen Blatt Papier. Ein anständiges Stückchen Erinnerung an mein Leben, das Leben meiner Angehörigen, kann ich nicht verdrängen. Ich wurde 1921 in einem Wald, zwischen Kuhfladen und den Lagerfeuern von Partisanen, geboren. Der Vater saß bei den Roten in Gefangenschaft, obwohl er Vorsitzender des Exekutivkomitees im Amtsbezirk war; trotzdem wurden sie alle festgenommen. Finnische Nationalisten trieben einen Teil der Leute dorthin, auf ihr Territorium, und es heißt, sie hätten die Dörfer in Brand gesteckt, damit niemand auf dem Territorium der Sowjets blieb. Nur denke ich , dass es sich da um eine Lüge handelt, weil die Rote Armee jener Zeit eine Armee von Plünderern war. Sie formierte sich folgendermaßen: sie geben dir eine Brotration für zwei Tage, ein Gewehr – und das ist alles; sie nun selber zu, wo du deine Verpflegung herbekommst. Mein Brüderchen, so erzählten sie, saß mit einem kleinen Kätzchen da, und irgend so ein Krieger nahm sein Gewehr und schoss. Er zielte nicht auf ihn, aber auf das Kätzchen. Das Bürschchen stürzte, die Mutter ging mit dem Schulterjoch auf ihn los, und er lacht sich halb tot. Sie kommen ins Dorf, um zu konfiszieren, was die Armee gerade braucht, und ein Hausherr gibt sein Pferd nicht her. Hausherr erschießen, Pferd wegnehmen! Dieser Eindruck prägte dann auch alles weitere.

- Und aus welchem Grund hat man sie hierher verbannt?

- Als man sich auf den Krieg gegen Finnland vorbereitete, war das wichtigste Argument – die finnischen Kanonen können auf Leningrad gerichtet werden – 30 km entfernt. Aber ob die nun schießen würden oder nicht – das interessierte schon niemanden mehr. Aber als versucht wurde, die Regierung in Finnland abzulösen, da geschah nichts. 800.000 russische Burschen hielten ihre Köpfe hin. Obwohl die russische Propaganda in Russland bis heute davon spricht, dass es maximal 460.000 waren.

Auch vor dem Krieg wurden Finnen als mögliche fünfte Kolonne abtransportiert. Vielleicht hätten wir es genauso gemacht, denn dort hatten sie keinerlei Mitgefühl, als man uns in die Waggons trieb und mit unbekanntem Ziel fortbrachte. Aber hier, in Sibirien, war es plötzlich wie Zuhause. An der Angara sagte man über uns, das sind ganz normale Männer, wohlerzogene Leute, und sie sind auch ganz normale Freunde. Deswegen überlebten wir auch. Nach Mittelasien wurden sie in ganzen Zügen gebracht – und waren zum Sterben verdammt.

Sie vernichteten damals unsere Bibliotheken, Institute, einfach alles. Und sie wollen keine Wiedergutmachung dafür leisten. Nichts darf man loskaufen, obwohl die Neurussen in Finnland äußerst aktiv Grundstücke kaufen. Grund und Boden, Immobilien. Die Familien leben bei uns, die Kinder gehen in eine englische oder finnische Schule. Alles ist geregelt.

- Dann ist Finnland so etwas wie eine Vorstadt Leningrads geworden?

- Einstweilen noch nicht. Das kommt daher, dass die Entfernung von Wyborg bis zur Grenze 170 Kilometer beträgt. Und es befindet sich in einem derartigen Zustand, dass man es noch nicht einmal geschenkt haben möchte. Einzelne historische Gebäude bauen sie wieder auf, Klöster – hauptsächlich am Ladoga-See. Besonders künstlerisch wertvolle Gebäude besitzen sie nicht, Kaufleute haben sie errichtet. Und nicht so weit von Petrosawodsk entfernt liegt Kischi (Insel im Onega-See; Anm. D. Übers.), dort hat an alle wichtigsten Kirchen hingebracht, na ja, Kirchen von Weltbedeutung, und dort gibt es viele solcher Fleckchen.

- Sind sich Russen und Finnen tatsächlich so nahe?

- Wer hat unter Suworow die Stadt Ismail erobert? Finnische Freiwillige. Es hat also von jeher internationale Beziehungen mit den Russen gegeben. Peter I. befahl seinen Würdenträgern – rührt mir meine Finnen nicht an, si werden für uns Gurken und alles andere züchten. Unsere allerersten russischen Fürsten sprachen Finnisch, genauer gesagt, sie benutzten die ingermanländische Sprache, wie ich es auch tue. Die Historiker wissen das sehr wohl. Aber in diesem Punkt sind sie Tiefstapler.

Vom Charakter her ähneln die Finnen den Kerschenzen (Alt-Orthodoxe; Anm. d. Übers.) – sie bauten ihre Häuser auf eine Art und Weise, dass die Nachbarn sie nicht sehen konnten. Die Russen legen es darauf an, die Häuser bei so viel Land so zu verkitten, dass man aus dem Fenster schauen kann. In Finnland lacht man darüber. Aber das wesentliche ist, dass in Finnland 30% des  Bodens unbrauchbar ist, und weitere 30% bestehen aus Seen und Sumpfgebieten. Ist der Boden eben, wachsen dort Kartoffeln, Mais – und plötzlich steinerne Bergketten, wilde Felsen, die man nicht so einfach fortschaffen kann. Deswegen fiel in alten finnischen Familien, wenn es dort zum Beispiel vier Söhne gab, immer dem Ältesten das väterliche Grundstück zu. Die anderen mussten sich eine Arbeit suchen – bei der englischen oder russischen Flotte. Die heutigen Jungs besuchen schlicht und ergreifend die Sommerschule, und dann kämpfen sie sich unter Vertrag in verschiedenen Ländern durch. Dort verdienen sie Geld für ein Haus und ihren Lebensunterhalt, und später führen sie ein friedliches Leben. Wie alle Finnen.

- Sind Sie nach Krasnojarsk schon aus freiem Willen gekommen, nicht in die Verbannung?

- Nach Krasnojarsk gelangte ich 1947, ich besaß einen Mitgliedsausweis der Künstlervereinigung mit der Nummer 1300. In der gesamten Sowjetunion gab es so viele Künstler. Kürzlich habe ich mal nachgeschaut – allein in Moskau sind es 40 000. Woher kommen so viele Künstler? Haben Sie übrigens gesehen, wie sie im Fernsehen einen Krasnojarsker Schlaukopf zeigten, der mit seinem Geschlechtsteil Bilder malte? Ich habe das gesehen und gedacht – jetzt hat das auch schon uns erreicht, und in Sibirien werden Leute auch schon verrückt.

- Welches Krasnojarsk gefällt Ihnen besser – das jetzige oder das, was Sie aus Ihrer Jugend kennen?

- Jetzt, so kann man wohl sagen, bin ich irgendwie wie ein Dinosaurier; ich komme hierher – und habe eine ganz andere Stadt vor mir. Ich habe immer am Katscha (sibir. Fluss; Anm. d. Übers.) gesessen und geweint – ein herrliches Flüsschen war das, voller Äschen, aber in der Steppe haben sie ihn verschmutzt und mit Abfallstoffen vergiftet. Heute schaue ich ins Wasser – das Flüsschen ist wieder normal geworden, aber werft nur nicht wieder jeden Dreck hinein. Es kann sich allein regenerieren. Und diese, die heutige, Stadt gefällt mir besser.

- Und was war das für eine Geschichte mit der Ehrenbürgerschaft?

Zusammen mit mir war ein Weltmeister – ein Kämpfer – Kandidat dafür. Einer musste zum Ehrenbürger gemacht werden. Gerade zu der Zeit hatte ich eine Jubiläumsausstellung. Damals stand ich zu sehr in der Öffentlichkeit, deswegen hat man mich nicht bestätigt. Und als man das für nicht ganz gelungen befand, da verliehen sie mir ein luxuriöses Kreuz: 340 Gramm Silber, 9 Gramm Gold und noch ein Zirkonia-Stein von 2 Gramm. Gut, sage ich, danke. In Finnland kam ich irgendwie während einer Parade in unsere Botschaft – dort versammeln sie gelegentlich an Feiertagen Veteranen. Der Botschafter schaut auf meinen Orden: hör mal, Wasilitsch, ich habe nicht so einen. Ich sage – tue ehrlich und aufrichtig deinen Dienst – dann werden dir die Finnen einen geben.

- Wann fühlt ein Mensch sich als Künstler?

- Über die Schriftseller sagen sie – nicht der, der zu schreiben versteht, sondern der, der nicht umhin kann zu schreiben, fühlt sich so. Mit den Künstlern wird das wohl ein wenig schwieriger sein. Der Künstler muss zugleich Denker, Philosoph und ein guter Mensch und Staatsbürger sein. Und zweifellos über meisterliches Können verfügen. Es gibt gewöhnliche Meister – die sehen wie ein Adler und haben auch eine erstaunliche Technik, und doch gestalteten sich ihre Bilder nicht richtig, weil er nicht in der Lage ist sie zu durchdenken. Sie haben keinen Weitblick, Form und Gestalten fügen sich im Kopf einfach nicht zusammen. Sehr vieles von all dem muss man sowohl im Kopf, als auch im Herzen und in der Erinnerung haben, damit die Bildkraft bei dir an Gestalt gewinnt. Und in dieser Hinsicht habe ich eine Menge verloren, weil man mich nicht nach Leningrad gelassen hat. Mein Leben lang konnte ich nicht dorthin zurückkehren, 62 Jahre befand ich mich in ewiger Verbannung. Ich studiere in Moskau, nachts bei den Mädchen, wo es sich gerade ergibt, und dann habe ich meine Brotkarte verloren, musste selber zur Miliz gehen – dort packen sie mich am Kragen: zwei Jahre wegen Verletzung der Passordnung. Nach, zum Teufel mit ihnen, ich gehe zu8 mir nach Hause. Und so geriet ich dann schon nach Leningrad. Da hast du drei Tage und drei Nächte – damit das aus der Welt ist.

Zuvor hatte ich einen Meldeschein für Moskau suchen müssen. Ich erreichte ein Treffen mit General-Gouverneur Sinilow. Er sagt sofort zu mir: „Was kann ich denn tun, so lange Berija an der Macht ist? Nichts. Wenn Sie einen Rat wollen – falls Sie eine Braut haben, heiraten Sie und ändern Sie Ihren Familiennamen“. Das passte nicht zu meinen Plänen. General, sage ich, falls das Schicksal Ihnen mal genau so mitspielen sollte wie mir, hier haben Sie meine Adresse in Krasnojarsk – herzlich Willkommen. Und ich schrieb ihm meine Anschrift auf ein Stückchen Papier. Jedenfalls legte er sie in sein Notizbuch und warf sie nicht fort. Nun ja, als es während der Beerdigung Stalins zum Gedränge kam, beschuldigte man Sinilow – die Lastwagen stünden nicht richtig, er wäre nicht in der Lage korrekte Anweisungen zu erteilen. Jedenfalls geriet er in die Verbannung und unterrichtete vier Jahre lang am Lehrstuhl des Forsttechnischen Instituts in Krasnojarsk. Irgendwie stieß ich auf seinen Namen, sprach mit dem Direktor des Instituts – eben jenem General. Wir begrüßten uns also bei der Begegnung – und er, als ob er mich schon einmal irgendwo gesehen hätte, sieht mich ganz aufmerksam an, sagt aber nichts weiter. Erinnern Sie sich, fange ich an, ich habe damals versucht einen Meldeschein bei Ihnen zu bekommen? Da erinnerte er sich. Kommen Sie mal zu mir an den Lehrstuhl, erwidert er, dann setzen wir uns zusammen 8nd trinken ein Gläschen auf unser Wiedersehen… Bald darauf wurde sein Fall überprüft, und sie schickten ihn zurück nach Moskau. Also ich will damit sagen: derartige Schicksalswendungen, Begegnungen, Menschen – all das formt den Menschen, bereichert ihn und macht dich letztendlich zum Künstler, sofern du auch die entsprechenden Fähigkeiten dafür mitbringst.

- Welches ist, Ihrer Meinung nach, das beste Buch über Künstler?

- Die besten Bücher über Künstler sind meiner Ansicht nach „Das ferne Nahe“ von Repin und „Tschukkokala“ von Tschukowskij. Zeitgenössische Autoren sind bei uns nicht ins Finnische übersetzt worden, und es gibt auch keine Monographien. Wenn das Ministerium für Kultur mir eine solche Aufgabe stellen würde, dann würde ich mich wohl daran setzen. Aber bis jetzt versteht die finnische Künstler-Vereinigung alles, egal, was ich auch vorschlage, als Einmischung. Und ich habe ihnen schon im ersten Jahr des Umzugs gesagt – gebt mir einen Lehrstuhl, ich bin 75 Jahre alt, ich werde es schaffen, Studenten zu Könnern zu machen. Aber sie jagen ihrer Akademiker im Alter von 64 Jahren fort. Die sind schon zu alt, meinen sie. Dann bin ich also schon weise – entgegne ich. Nein, sagen sie, Ordnung kommt vor Weisheit. Und vielleicht ist das auch so.

- Kann man ein Bild mit Worten so beschreiben, dass die Sinneswahrnehmung des Betrachters mit weitergegeben wird?

- Ich kann mich noch daran erinnern, dass man mich wegen der Organisierung einer Lesung Jesenins aus dem Wohnheim fortjagte; allerdings ließen sich mich weiter zur Schule gehen. Wohin sollte ich nun – ich musste nach Hause gehen, 100 Kilometer weit. Ich packte meine Sachen zusammen und schlenderte erst einmal gemächlich zu Roltonen; so ein gebildeter alter Mann wohnte bei uns, er war ebenfalls Finne. Und durch seine Erdhütte gingen alle – die einen, um zu übernachten, die anderen, um sich einen Rat zu holen. Ich ging also zu ihm.

- Was hast du in deinem Rucksack? – Bücher, antworte ich, was könnte ein Schüler der siebten Klasse denn sonst noch besitzen. Ich zeige sie ihm; darunter befindet auch ein Bändchen von Bunin mit Prosa und Gedichten. Ich gab es ihm: na so was, meint er, ich habe fast die gesamte russische Prosa gelesen, aber Bunins Gedichte kenne ich nicht. – Na, Sie sind mir ja einer, erwidere ich,
und dann las ich ihm ein paar Verse vor. – Ja, das ist nicht schlechter als Puschkin, meint er. – Puschkin hat sich mit beschreibender Lyrik befasst, aber das hier – enthält veränderliche Stimmungen, und auch die Bilder sind viel klarer.

Wir zeichnen gewisse Formen, wenn wir gute Literatur lesen, und das heißt – auch der umgekehrte Prozess ist möglich, nämlich Formen in Worte übertragen.

Jetzt könnte ich es wohl. Allerdings bleibt d8ie Frage, in wie weit es adäquat wäre. Ein Bild kann man beschreiben und durch irgendwelche dramatischen Erlebnisse wahrnehmen. Es soll den Menschen mit seinen Assoziationen berühren, und das ist möglich, wenn er etwas ähnliches, wie das, was auf dem Bild dargestellt ist, in seinem eigenen Leben erlebt hat. Im Großen und Ganzen sind Malerei und Ikonenmalerei – schweigende Wissenschaften. Und selbst ein ausgezeichneter Lektor kann das nicht immer leicht verständlich machen. Aber wenn es gedankliche Verbindungen zwischen Bildinhalt und dem, was der Betrachter erlebt hat, gibt – dann ist alles gut zu verstehen. In einem Buch schrieb ich über ein Bild von Jaroschenko, bei dem Tauben auf einem Bahnsteig dargestellt sind, und ein paar Kinder streuen ihnen Brotkrümel hin. Für mich verband sich damit folgendes: als wir in die Verbannung fuhren, waren wir es, die diese Krümelchen selber aßen. Natürlich zeigten sich hier Erfahrung und meisterliches Können, aber man muss es auch verstehen, die Ereignis auszuwählen.

Jurij Tschigischew

“Stadt-Neuigkeiten“, 11.07.2008


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