Unsere Frieda – 80 Jahre

In der Ortschaft Meschowo lebt eine gute, von allen geachtete aufgeschlossene und entgegenkommende Frau, Veteranin der Arbeit der Russischen Föderation, Heldenmutter – sie hat sechs Kinder großgezogen. Es handelt sich um F.J. Lapschina. Am 6. August wird Frieda Johannesowna 80 Jahre alt. Zu Ehren dieses denkwürdigen Datums möchten wir den Lesern von der schwierigen Biographie unserer Jubilarin erzählen.

Geboren wurde Frieda Johannesowna 1932 in der Siedlung Seljanka, Pallassowkser Bezirk, Gebiet Wolgograd. In der Familie gab es vier Kinder, von denen Frieda das jüngste war. Wie alle Einwohner ländlicher Gegenden waren auch ihre Eltern in der Landwirtschaft tätig. Das Leben nahm seinen Gang. Aber das Unheil kommt immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Im Leben ist es stets so, dass nach einem weißen Streifen unfehlbar ein schwarzer kommt.

1933, als Frieda 9 Monate alt war, starb der Vater. Die ganze Schwere des Alltags und des Familienlebens lag nun auf den zerbrechlichen Schultern der Mutter. Sie besaß nicht die Kraft, allein vier Kinder großzuziehen. Sie ließ das Haus zurück und beschloss, mit den Kindern in den Bezirk Gmelin zu ihren Brüdern zu ziehen. Nur langsam lebten sie sich am neuen Wohnort ein, als plötzlich ein neues Unglück hereinbrach, - der schreckliche, erbarmungslose Krieg. Die neunjährige Frieda erfuhr alle Schrecken der Deportation des Volkes deutscher Nationalität aus den angestammten Wohnorten ins kalte Sibirien. Mit Frieda Johannesownas Worten: «Ich kann mich an alles gut erinnern. Es war wie in einem grauenhaften Traum. Mama, tränenüberströmt, verärgert und fassungslos, packte unser Sachen in Bündeln zusammen. Später – die Eisenbahn-Station und die lange, wie es schien endlose, Fahrt in stickigen, überfüllten Waggons. Fast einen Monat waren wir unterwegs. Als Endstation gaben sie uns Krasnojarsk bekannt. Nachdem wir die Waggons verlassen hatten, brachten sie uns sofort zum Binnenhafen. Dort verluden sie uns auf einen Lastkahn und transportierten uns auf dem Jenissei nach Juksejewo. Danach ging es im Treck mit Pferden weiter in die Ortschaft Meschowo.

Dort kamen wir als Habenichtse an, ohne jeglichen Besitz: alles, was angeschafft worden war, hatten wir dort, in unserer historischen Heimat, zurücklassen müssen. Am neuen Wohnort verwandelte sich unser Leben in einen Hexenkessel. Die Schwierigkeiten im Alltag brachten unsere Mama zu Fall, - sie wurde schwerkrank, das kalte sibirische Klima richtete ihre Gesundheit zugrunde. Sie wurde nicht wieder gesund: aufgrund einer Lähmung lag sie insgesamt 14 Jahre im Bett. Keiner von uns besuchte die Schule; die gebürtigen Deutschen konnten kein Russisch, zudem beschimpften uns die ortsansässigen Kinder als «Faschisten» und versuchten, uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu verprügeln.

Es fiel ihnen schwer, sich an ihrem neuen Aufenthaltsort einzuleben: Armut, Hunger, Krankheit. Bald darauf verstarb am Wegesrand der älteste Bruder Oskar. Als sie nichts mehr zu essen hatten, gab die Mutter dem Bruder ein Handtuch und einen neuen Rock, mit denen er ins Nachbardorf Lakino gehen sollte, um die Sachen gegen Lebensmittel einzutauschen. Auf dem Rückweg wurde ihm schlecht, und er setzte sich am Wegesrand nieder. Am nächsten Tag fand man ihn tot dort liegen, und neben ihm im Quersack befanden sich gefrorene Kartoffeln.

Als die ältere Schwester gerade 16 Jahre alt geworden war, schickten sie sie an die Arbeitsfront in die Burjatische ASSR. Weit entfernt von Angehörigen und Verwandten musste sie dort 12 lange Jahre arbeiten. Bruder Viktor, der einzige Mann, der nun in der Familie noch übrig war, war der einzige Ernährer; er arbeitete ab dem 13. Lebensjahr in der Kolchose».

Auch der jüngsten in der Familie fiel einiges zu. Während des Krieges half die neunjährige Frieda der Mutter beim Schneiden und Trocknen von Kartoffeln für die Front. Den Erwachsenen half sie beim Jäten der Aussaat. Mit 14 Jahren arbeitete sie bereits selber wie eine Erwachsene: sie bediente selbständig den Anhänger, mähte mit einer großen Sense Heu, war bei der Silage tätig. Mit 16 Jahren arbeitete sie im Schweinezuchtbetrieb als Schweinehüterin, zwei Jahre später ging sie zum Kühe melken. Sie molk, brachte den Tieren Futter und trug Wassereimer zum Tränken des Viehs herbei – all das war schwere Handarbeit. Bis zu ihrer Rente arbeitete sie gewissenhaft als Melkerin. Im November 1982 ging sie in den wohlverdienten Ruhestand.

In ihrem langen Arbeitsleben wurde Frieda Johannesowna mehrfach Siegerin der sozialistischen Wettbewerbe, man verlieh ihr die Bezeichnung «Bestarbeiterin der kommunistischen Arbeit». Sie besitzt den Ehrentitel «Arbeitsveteranin». Neben den Produktionserfolgen ist Frieda Johannesowna auch im Besitz zweier «Mutter-schafts-Medaillen», verfügt über den Titel «Meisterin in der Viehzucht» sowie eine Bescheinigung «Über die Rehabilitation der Opfer politischer Repressionen». Viele Male erhielt sie Ehrenurkunden, Geldpreise und wertvolle Geschenke. Frieda Johannesowna hat in ihrem glücklichen gemeinsamen Leben mit ihrem Ehemann Nokolai Iwanowitsch sechs Kinder geboren: 4 Söhne und 2 Töchter. Ihr Mann starb 1998 nach langer Krankheit.

Derzeit ist Frieda Johannesowna wohlauf und gesund. Ihre Kinder schenkten ihr 17 Enkel und 7 Urenkel – so eine große, einträchtige Familie hat sie.

Unsere Veteranin bedauert aber, dass mit dem Alter auch die Krankheiten kommen. Ihre Hände schmerzen sehr – denn sie sind gebrochen, außerdem leidet sie an Bluthochdruck. Momentan lebt sie allein, aber sie hat nicht das Gefühl, einsam zu sein: zu ihrer Freude kommen häufig ihre Kinder und Enkel, um sie zu besuchen. Mit allem helfen sie ihr. Mit ihren 80 Jahren unterhält sie ihr eigenes Haus und den Vorgarten gut in Schuss. Bei ihr zuhause herrschen Sauberkeit, Gemütlichkeit und Ordnung, und der ganze Hof ist mit leuchtend roten Blumen bepflanzt.

Frieda Johannesowna! Der Veteranenrat der Ortschaft Meschowo gratuliert Ihnen ganz herzlich zu Ihrem Jubiläumstage. Wir wünschen Ihnen eine gute Gesundheit, Seelenwärme, mögen Ihre Kinder und Enkelkinder Sie mit Fürsorge und Aufmerksamkeit umgeben. Das haben Sie verdient. Wir wünschen Ihnen ganz viel Glück!

Text und Foto von N.M. Ganina, Ortschaft Meschowo

«NEUE ZEIT», ¹ 31, 04.08.12.


Zum Seitenanfang