Die Bibel in deutscher Sprache

Ereignisse, Fakten

Das Mitglied der internationalen Organisation Memorial, der Vorsitzende der Krasnojarsker Gesellschaft Memorial, A.A. Babij, traf mit Bewohnern des Bezirks, deren Verwandte politischen Verfolgungen unterworfen waren, und Schülern der höheren Klassenstufen der Suchobusimsker Schule zusammen. Die Veranstaltung fand im Suchobusimsker Heimatkunde-Museum statt.

Aleksej Andrejewitsch stellte den unlängst erschienenen 11. Band des Buches der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen vor. Darin sind Listen enteigneter Bürger veröffentlicht, die unter anderem auch auf dem Territorium unseres Bezirks gelebt haben.

Die Mitglieder von Memorial arbeiten seit vielen Jahren an Datenbasen von Bürgern, die politisch motivierten Repressalien ausgesetzt waren. Dank ihrer Bemühungen gelang es tausenden Russen die ehrbaren Namen ihrer Verwandten wiederherzustellen, die in den Jahren des Roten Terrors unverschuldet zu leiden hatten. Die Organisationsmitglieder halten nicht nur Sprechstunden ab, sondern helfen auch bei der Beschaffung von Bescheinigungen über das Schicksal der Verurteilten. Des Weiteren führen sie ständig Forschungsreisen zu den Orten durch, an denen Menschen ihre Verbannungszeit verbrachten.

Die Schüler hörten die Geschichten der Suchobusimsker über Angehörige, welche die politischen Verfolgungen miterlebt haben. Lydia Gerassimowna Sukobataja erzählte von ihren Eltern, die ihre Verbannungsstrafe auf dem Gebiet des Bezirks verbüßten. Als tragisch erwies sich auch das Schicksal der Verwandten von Olga Ignatewna Anfimowa und Albina Iwanowna Sucharewa. Sie wurden in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts enteignet. Jeder beliebige Bauer konnte auf die Listen der Großbauern geraten. Die Rehabilitierung der Enteigneten sowie der Mitglieder ihrer Familien setzte erst sechzig Jahre später ein 1991.

Großes Interesse weckte der Bericht von Lilia Arthurowna Paramonowa aus Malinowka. Sie verstand es den seelischen Schmerz ihrer Großmutter zu vermitteln, die zusammen mit ihren kleinen Kindern aus dem Wolgagebiet nach Sibirien verschleppt wurde. Dass das Familienoberhaupt Alexander Geinze (Heinze) 1941 erschossen wurde, erfuhren die Angehörigen erst 1998. Lilia Arthurowna brachte einzigartige Gegenstände mit, die innerhalb der Familie wie ein Augapfel gehütet werden. Es fällt schwer zu glauben: die Bibel und das Gesangbuch sind mehr als hundert Jahre alt! Es scheint, als ob die Zeit keine Macht über diese Bücher besitzt. Auf den Seiten des dünnen, schneeweißen Papiers sind deutlich lesbar Gebetstexte abgedruckt. Lilia Arthurowna sagt, dass die Großmutter in schwierigen Augenblicken stets die Bibel hervorholte. Das Gesangbuch war unersetzlich, wenn sich an Feiertagen am Tisch die große, einträchtige Familie am Tisch versammelte. Von der Großmutter sind auch noch eine lederne Reisetasche, eine kleine Vase und eine Zuckerdose erhalten geblieben. Diese Sachen nahm sie mit in die Verbannung und hütete sich sorgsam bis zu ihrem Tod. Die Vase zerbrach während der Fahrt, wurde jedoch später wieder zusammengeklebt. Und bis heute ist sie sehr gut erhalten.

- Für mich sind diese Dinge von unschätzbarem Wert, sagt Lilia Arthurowna. Sie erinnern mich an die Großmutter, den Vater, an all das Leid, das auf ihr Los entfiel.

Interessant war die Rede der Chefredakteurin der Zeitung Landleben, O.M. Wawilenko. Die Zeitung versucht die ehrbaren Namen der Bezirksbewohner wiederherzustellen, die einst unverschuldet den politischen Repressalien ausgesetzt waren. Auf den Seiten Bezirke werden ständig Listen von Opfern der politischen Repressionen veröffentlicht, von den tragischen Schicksalen der Verfolgten berichtet. Auf diese Veröffentlichungen gehen Reaktionen der Leser ein.

A.A. Babij lenkte die Aufmerksamkeit der Schüler darauf, dass die internationale Memorial-Organisation einen allrussischen Wettbewerb historischer Arbeiten von Schülern der höheren Klassenstufen durchführt [1] Der Mensch in der Geschichte. Russland 20. Jahrhundert [1]. Die besten Arbeiten werden in Sammelbänden veröffentlicht. Aleksej Andrejewitsch zeigte ein unlängst herausgebrachtes Buch, in das die Arbeiten von Schülern aus Chakassien Eingang gefunden haben.

Die Veranstaltung ging zu Ende, aber ihre Teilnehmer gingen noch lange nicht auseinander. Die Berichte von Augenzeugen jener schrecklichen Geschehnisse ließen die Schüler nicht gleichgültig und riefen ein nie dagewesenes Interesse hervor. Sie blätterten noch lange die Bücher der Erinnerung durch, versuchten darin die Namen ihrer Angehörigen zu finden.

Swetlana TARANENKO, Fotos: Olga Wawilenko

Land-Leben 8.11.2013


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