«Ich habe mich nicht im Gebüsch versteckt...»

SCHICKSALE

Über den Dächern von Piskunowka schien die klare Sonne (einstweilen noch nicht warm – denn es war noch früh) vom leicht bläulich gefärbten Himmel und ein leichter Morgenwind wehte kühle Luft ins das Dorf am Jenissei, als ich mit Eduard Theodorowitsch Moor im Schatten auf einer kleinen Bank hinter der Gartenpforte seines Hauses saß und eine bedächtige Unterhaltung führte.

ÜBER DIE GESUNDHEIT DER NATION

Aber worüber können zwei Alte - der eine sozusagen «mit Lebenspraxis», bereits über achtzig Jahre alt, und der andere, der sich dieser Grenze gerade erst noch annähert - sich denn schon beschaulich unterhalten? – Nun, natürlich über die Vergangenheit, über das, was war und was vielleicht auch nicht war und über das bereits längst Gras gewachsen ist. Die alten Leute ziehen es vor, nicht über die Zukunft zu sprechen – das Thema ist für sie nicht interessant, sondern langweilig. Ihre Zukunft ist in der Vergangenheit geblieben.

Und außerdem noch über die Gegenwart, die überhaupt nicht so gut aussieht, wie man es sich wünscht, sondern ganz im Gegenteil...

Und,- natürlich, das versteht sich von selbst – über die Gesundheit. Wie sollte man über sie nicht reden, sich nicht an sie erinnern, wenn sie einen Morgen für Morgen mit sämtlichen Knochen des alten, von der stürmischen Jugend des Lebens zerschlagenen, Körpers selbst daran erinnert...
Das ist die Regel, und Eduard Theodorowitsch und ich haben davon keine Ausnahme gemacht. Nach dem Recht des Älteren begann der Hausherr.

- Immerhin, Gena, Moor hat sein Leben gelebt, - begann er das Gespräch, wobei er sein Resümee statt eines schweren Seufzers mit einem kurzen Lachen begleitete. – Ich werde bald dreiundachtzig... Obwohl ein Bauer früher in diesem Alter noch seine Alte verhätschelte, während er heute schon mit dreiundfünfzig keinen Blick mehr auf die Frauen wirft... Warum ist das so? – Weil der Bauer früher alles aus seinem eigenen Obst- und Gemüsegarten, aus dem Wald, gegessen hat; er hat sich mit natürlichen Lebensmitteln ernährt. Aber heute brauchst du nicht mehr in den Wald zu gehen (umso mehr, als du dort sowieso nichts mehr findest), und für den Garten sind die Menschen zu faul. Die Sache ist die – man geht ins Geschäft, kauft, was das Herz begehrt, alles ist schon fertig, hübsch verpackt – eine Gnadengabe. Aber dass sich hinter dieser Verpackung nichts Natürliches mehr verbirgt, dass alles reine «Chemie» ist – ist die zweite Sache; man sieht sie nicht. Was für Frauen … nach so einem Essen – man möchte am liebsten vom Tisch aufstehen...

- Ich denke so, Gena, - wechselte mein Gesprächspartner plötzlich das Thema. – Ich denke etwas Sündhaftes, dass es nämlich sogar gut ist, dass der Westen über uns Sanktionen verhängt hat... Ja-ja, genau das. Kann sein, dass sie unsere russischen Beamten wenigstens dazu zwingen, ihre Aufmerksamkeit auf unsere Landwirtschaft zu richten, die es faktisch gar nicht gibt. Wie viel Land ist verödet, alles ist mit Unkraut überwachsen – und dabei wir könnten die ganze Welt mit ökologisch reinen Lebensmitteln versorgen! Denn unsere Felder sind mit keinerlei Chemie vergiftet, weil der Bauer kein Geld für die verschiedenen chemischen Dünger und Wachstumsbeschleuniger hat. Und Gott sei Dank hat er die Mittel dafür nicht. Pflüge das Feld, säe, pflanze, fahr‘ die Ernte ein, verarbeite und verpacke alles schön – alles geschäftlich. Aber für die Unseren ist es billiger, Gift im Ausland einzukaufen und es dann an uns für teures Geld weiter zu veräußern. Und dass die Nation aussterben wird, macht nichts – es gibt genug Esser.
Ich habe also noch Glück gehabt, dass ich zweiundachtzig Jahre leben durfte, auch wenn ich krank bin...

ÜBER DIE SIEDLUNG

... Es herrschte noch keine Mittagshitze, doch man fühlte sie schon in allem herannahen. Die Hunde versteckten sich in den Toreinfahrten im Schatten; gelegentliche Passanten kamen die Straße entlanggeeilt, um möglichst schnell in irgendeinem Laden oder Haus zu verschwinden, wo es ein wenig kühler und dämmriger war. Stille hing über Piskunowka.

Und ich erinnerte mich an die Siedlung, wie sie in den siebziger Jahren ausgesehen hatte, als ich als angehender Korrespondent zum ersten Mal dorthin kam, um ein Interview mit dem Leiter der Holzbeschaffungsstelle – F. Moor – zu führen (damals wie heute nennen sie ihn auf russische Art Fjodorowitsch, das lässt sich leichter aussprechen). Piskunowka war damals eine laute Siedlung, in der es viele Menschen gab. Am Ufer des Jenisseis türmten sich riesige Holzstapel, an den Anlegestellen warteten die Lastkähne darauf, dass sie mit dem Beladen an die Reihe kamen, auf den Straßen knatterten Traktoren mit Backenladern vorüber. Hier kochte das Leben.

Heute ist die Siedlung still geworden, und lediglich die für Bewohner des Bezirkszentrums ungewöhnlich breite Straße und die unveränderten Holzhaufen erinnern noch an das ehemalige Piskunowka (übrigens, am Tag unsere Reise lag das Holz nicht mehr auf den Straßen – sondern fein säuberlich gestapelt in den Höfen).

- Eine hübsche Siedlung war das, - sagte Eduard Theodorowitsch, meinem Blick folgend. – Du hast sie nicht gesehen, als sie erbaut wurde – das war in den sechziger Jahren. Neue Häuser, eine neue Straße... Allein die Zahl der registrierten Arbeiter bei der Holzeinschlagsstelle belief sich damals auf 340 Mann! Und heute leben hier faktisch insgesamt nur noch 238 Menschen (obwohl 314 registriert sind. Aber das liegt an der allgemeinen Situation – in der Stadt wirst du nicht angemeldet, aber leben muss man ja...). Von diesen sind 28 Schüler und 9 oder 11 Kindergarten-Kinder. Und ich – der alte und kranke ehemalige Leiter des Holzpunktes...

Und weißt du, wie wir diese Straße hier gebaut haben? – fragt mein Gesprächspartner und sprang plötzlich auf. – Wir brauchten damals keine Architekten, keine Forstaufseher (und hier wuchs ja eine Menge Wald), keine Projektplanung. Abends, nach der Arbeit kommen wir her – unsere Frauen (wir waren damals alle schon verheiratet) entfachen Lagerfeuer, singen Lieder, und wir sägen Holz. Und so wurde gebaut.

Im Übrigen wurde damals in unserer Siedlung viel Zeit in unentgeltliche Arbeit investiert – das betraf mich und auch die anderen Einwohner. Wald für die Straße wurde abgeforstet, Gräben ausgehoben – und dass jemand den freiwilligen Arbeitseinsatz verweigert… das gab es nicht. Aber versuch mal heute Leute dafür zusammenzutrommeln...

Als der Forstbetrieb geschlossen wurde, wollten Vitalij Okolow und ich den Waldpunkt retten, schlugen vor die Momotowsker und Piskunowsker Forststellen zusammenzuschließen, die gesamte Technik dort zu lassen und etwas zu finden, damit die Leute dort weiter Beschäftigung haben. Aber der Betrieb war bereits bankrott, und nichts konnte uns mehr retten...

Wovon leben die Menschen heute? Jeder von dem, was er kann. Es gibt hier bei uns einen Unternehmer namens Antipkin, seine Firma ist hier in der Holzbeschaffung tätig. Er ist ein guter Mann, es geht ihm um die Sachen nicht um die kommerzielle Seite. Er hat mich, während sie im Bau befindlich war, oft um Rat gefragt, um irgendwelche Werkzeuge. Und ein paar unserer Männer hatten etwas zu tun. Aber diesen Winter haben sie aus irgendeinem Grund zu Hause gesessen und keine Stämme für den Sommer vorbereitet. Es gab nichts zu sägen. Ich habe keine Ahnung, was da geschehen ist; vielleicht hat irgendetwas bei der Holzabfuhr nicht geklappt...

ÜBER DEN CHARAKTER

Nun ist es schon zwei Jahrzehnte her, dass er – nicht mehr Leiter der Holzstelle ist (übrigens, auch die Forststelle gibt es schon lange nicht mehr). Die anderen, die ihren Posten verloren haben, in Rente gegangen sind, verlieren sofort jegliches Interesse an den früheren Problemen und Sorgen: Ich bin nicht ich und was kümmert’s mich... Die anderen, - aber dazu gehört nicht der jetzt auf der kleinen Bank neben der Gartenpforte sitzende Bewohner Piskunowkas. Eduard Theodorowitsch fühlt sich auch heute noch verantwortlich für alles, was in der Siedlung gemacht, und vor allem – was nicht gemacht wird. Und er schweigt nicht, wie man so sagt, «mit einem Lappen vor dem Mund», sondern man hört seine Stimme sogar in den Bezirksamtsstuben.

- Na ja, Gena, du kennst meinen Charakter, - schmunzelt er. – Ich habe mich nie im Gebüsch versteckt. Ich kann nun mal nicht schweigen. Wir hatten hier eine ländliche Versammlung, es gab einen Rechenschaftsbericht der Dorfratsvorsitzenden Larissa Berbuschenko. So habe ich direkt gesagt: für deinen Bericht, Genossin Vorsitzende, kann man dir eine «Eins» geben, aber die Sache an sich verdient nicht mehr als eine «Drei» und teilweise sogar nur eine «Vier». Und dann habe ich ihr alle Mängel aufgezählt. Oh, die waren aber gar nicht zufrieden mit Oserskij... Aber warum beleidigt sein? Unser Bezirk wird zu 92% - subventioniert, das heißt wir leben von elenden Almosen, obwohl unsere Felder mit Unkraut bewachsen sind, der Wald abgeholzt und das Holz von Gott weiß wem verkauft wird – und niemand weiß an wen, - und wir Elenden bitten in der Region um Kopeken... So darf man nicht leben.

... Ich hörte eine emotionale, heftige Strafrede des alten Chefs, und es war, als würde ich in die Vergangenheit zurückgetragen, in jene Jahre, als E.F. Moor Mitglied des Bezirkskomitees der Partei war und mit den Tribunen des Plenums «Tacheles redete». Nicht alles, was er damals sagte, durfte man in der Zeitung drucken, und die Redakteure mussten die besonders scharfen Momente seiner Rede mäßigen. Wenn unsere Parteielite aus derart aufrechten Kommunisten wie Moor bestanden hätte, dann wäre keine «Perestroika» notwendig gewesen, und das Land wäre nicht zusammengebrochen, - dachte ich.

- Ich bleibe auch heute noch Kommunist, - sagte er mir darauf,- und mein Parteibuch bewahre ich ebenfalls auf. Ich renne nicht von einer Partei zur anderen, wie manche es tun...

Übrigens, die vergangenen Dinge regen ihn weniger auf als die heutigen Sorgen. Er nimmt es sich zum Beispiel sehr zu Herzen, dass die Ärzte nicht in der Siedlung bleiben wollen.

- Da kam so ein junger Bursche an, ein guter Mensch, den musste man doch irgendwie festhalten, denn im Dorf gibt es viele alte Leute, sie sind häufig krank, und bis ganz zum Momotowsker Krankenhaus fährt man nicht. Deswegen stellten sie ihm, dem Arzthelfer – Renat heißt er – eine Wohnung zur Verfügung, in der es alles gibt, was man zum Leben braucht, und baten ihn unter Tränen: nun mach schon, Renat, bleib hier und kümmere dich um unsere Gesundheit...

ÜBER DIE WURZELN

... Die Familie Moor tauchte in unserem Bezirk im Sommer 1941 auf – zusammen mit einer großen Gruppe von Wolgadeutschen, die von den ihnen vertrauten Flussufern der Wolga ins ungemütliche Sibirien ausgewiesen worden waren. Eduard war damals gerade neun Jahre alt.

- Zur Schule lief ich zusammen mit den anderen Kindern ins Nachbardorf, nach Tschelnoki, - der ganze «Kinder-» und «Jugend-» Teil der Biografie meines Helden findet sich in seinem Bericht in nur wenigen Zeilen. – Als in Momotowo die Betriebs- und Werksschule ihren Betrieb aufnahm, ging ich dorthin und erlernte den Beruf des Fahrers. Und dorthin schickten sie mich auch, nach Piskunowka. Ich erinnere mich, dass der Personalleiter in der Forstwirtschaft damals so ein hochgewachsener Mann war, sein Nachname war Meschtschuk; er war es auch, der mir vorschlug, diese Schule zu besuchen. Und so lebe ich seit 1953 bis zum heutigen Tage hier.

... Seine Muttersprache hat Eduard Theodorowitsch in den sechzig Jahren seines Lebens in Piskunowka nicht vergessen, obwohl es in dem kleinen Dörfchen niemanden gab, mit dem er sich darin hätte verständigen können. Dafür hat er Russisch, besonders während seiner «Chef-Zeit» mit all seinen Wortschöpfungen und Nuancen gelernt. Selbst in seinem Gespräch mit mir benutzte er, wenn es unumgänglich war, «klassische» Ausdrücke und bemerkte das offensichtlich noch nicht einmal. Aber als meine Kollegin, die Deutsch konnte, versuchte, mit Eduard Theodorowitsch in seiner Muttersprache zu reden, ging er mit Leichtigkeit zum Deutschen über. Und wieder einmal konnte ich mich zu meinem Leidwesen davon überzeugen, dass man Fremdsprachen nicht auf der Universität erlernen muss, sondern innerhalb der Familie und in den Kindergärten – dann muss man später nicht anhand von Wörterbüchern lernen...

Aber in Piskunowka bleiben Eduard Theodorowitsch feste Wurzeln: hier sind seine Söhne geboren. Sie sind natürlich alle schon längst erwachsen, der jüngste arbeitet als Gerichtsvorsitzender in einem der Regionsbezirke, der mittlere wurde Oberst und befindet sich aufgrund seines Dienstalters inzwischen im Ruhestand, der älteste hat noch ein Jahr bis zur Rente. Eduard Theodorowitsch hat Enkel und sogar Urenkel. Im Großen und Ganzen ist alles so, wie es sein soll.

***

...Mittlerweile ist die Sonne immer höher gestiegen, der Schatten auf der Bank ist kürzer und kürzer geworden, und bald wurde es uns zu heiß. So begannen wir uns zu verabschieden.

-Na, Gena, schau bei mir rein, wenn du mal wieder vorbeikommst, - meinte er zu mir und drückte mir die Hand. Ich hätte mich beinahe wieder hingesetzt — sein Händedruck kam mir nicht mehr so fest vor wie früher.

- Schau vorbei – ich bin jetzt immer zu Hause...

Gennadij NASAROW
„NEUES LEBEN“, ¹ 28, 10. Juli 2014


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