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Buch der Liebe und der Trauer

Wie wir bereits mitteilten, fand im Museumszentrum an der Strelka die Wanderausstellung „Papas Briefe“ statt, die auf Initiative der Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft organisiert wurde. Heute berichten wir über das Buch, das dieser Ausstellung ihren Namen gab.

Das Dokumentarbuch „Papas Briefe (Briefe von Vätern aus dem GULAG an ihre Kinder)“ wurde im Rahmen des Projekts „Das Schicksal von Opfern politischer Repressionen – Recht auf Rehabilitierung und Erinnerung“ vorbereitet und wurde dieses Jahr vom Moskauer Verlag „Bücher WAM“ herausgebracht. Weshalb lagen diesem Buch ausgerechnet väterliche Briefe zugrunde? Vor allen Dingen deswegen, weil es sich dabei häufig um den letzten Kontakt der Väter zu ihren Kindern handelte – sie kamen fast alle ums Leben und konnten somit ein Wiedersehen nicht erleben.

Wie die Autorin des Vorwortes, die bekannte Schriftstellerin Liudmila Ulitzkaja schreibt, die die Briefe ihres verfolgten Großvaters aufbewahrte, „im planetarischen, allgegenwärtigen Kampf der Mächte des Lichts und der Dunkelheit siegt die Liebe. „Papas Briefe“ – sind Zeugnisse dieser siegreichen Liebe…“

Unter den Helden des Buches befinden sich Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Berufe, Abkömmlinge aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. So war Michail Strojkow Komsomolzen-Führer an der Arbeiter-Fakultät des Architektur-Zweigs der höchsten künstlerisch-technischen Werkstätten (Moskau), Mitglied des Untergrund-Parteizirkels, der Flugblätter mit Kritik an der Parteipolitik druckte und verbreitete („Ihr habt den Bauern Land versprochen – dann gebt es ihnen auch!“ - und ähnliches mehr). Das erste Mal wurde er 1927 verhaftet, 1932 erfolgte erneut eine Verhaftung; es war ihm gelungen, im Butyrka-Gefängnis seine Diplomarbeit abzuschließen, danach verbrachte er fünf Jahre im Raum Archangelsk in der Verbannung, von wo aus er seiner Frau und seiner Tochter Briefe schrieb. In dem Bemühen, seine Tochter für die Kunst zu erwärmen, schickte er ihr Postkarten mit Reproduktionen von Bildern der Tretjakow-Galerie; außerdem schickte er Pakete mit Büchern. Später erinnerte sich die Tochter: „Ich kann Papas Briefe nicht ohne Schluchzen lesen…“. 1938 wurde Michail Strojkow erschossen.

Aleksej Wangengeim – Wissenschaftler auf dem Gebiet der Meteorologie, Abkömmling aus einer Adelsfamilie, studierte an der Staatlichen Moskauer Universität, befasste sich mit Aufklärungsarbeit unter den Bauern, brachte die sozialistischen Ideen in ihre Seelen. Und dann – im Jahre 1934 – wurde er denunziert; es folgte die Verhaftung und die Anklage wegen Spionage… Dabei war er der Sache des Sozialismus doch so treu ergeben! Aus dem Solowezker Lager schrieb er an Stalin, Kalinin und andere Führer – doch er erhielt keine Antwort. Er versuchte die Hoffnung nicht aufzugeben („Auch in den Solowkern kann man den Sozialismus aufbauen!...“), schuf ein Museum im Solowezker Kreml und hielt Vorlesungen. Erhalten geblieben sind seine Briefe an seine Tochter Jeletschka („Swesdotschka“ – „Sternchen“; Anm. d. Übers.), mit Bildern, Rätseln, Versen, Wappen… Ein richtiges Lehrbuch für ein Kind im Vorschulalter!

„Wohin ich auch schaue, an was ich auch immer denke, - schrieb er seiner Frau, - alles erscheint mir düster, besorgniserregend, in mancherlei Hinsicht hoffnungslos, und nur mein Haus mit meinen Lieben und Teuren erscheint mir hell und freudebringend, jener Stern, der den Weg erhellt. Und das verleiht mir neue Kräfte, Mut; und ich werde den Mut nicht verlieren gegenüber dem niederschmetternden Tatbestand der düsteren Realität…“ Seine Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen – 1937 wurde er erschossen.

Es herrscht die Meinung, dass sie einen wohl häufig „wegen nichts“ festnahmen. Aber Michail Bodrow, Moskauer Arbeiter aus einer Bauernfamilie, war überzeugter Trotzkist, der heimlich Trotzkis geheime Post beförderte, und bald nach seiner ersten Verhaftung 1929 schrieb er nach Hause: „Mit dem verhassten Regime habe ich nichts gemeinsam, außer einen wahnsinnigen Hass gegenüber ihm und dem erbarmungslos Kampf gegen ihn“. Eine Zeit lang befand er sich auch im Krasnojarsker Gefängnis, als er mit einer Häftlingsetappe auf dem Weg nach Kolyma ins Lager war. Kurz vor seiner Erschießung schrieb er an seinen Sohn Tolja mit der Anweisung, fleißig zu lernen, und den Schlussworten: „Ich küsse dich ganz doll. Dein unverbesserlicher Trotzkisten-Papa“.

Äußerst interessante Briefe schrieb Jewegenij Jablokow seinen Kindern aus dem Lager. Er unterrichtete Botanik an der Rjasaner Universitär, wurde aufgrund einer Denunzierung 1938 verhaftet und starb 1944 durch Hunger und Krankheiten. Er war bemüht seinen Sohn und seine Tochter in jeglicher Weise zum Lernen anzuspornen und schlug ihnen einmal vor, zu dritt (!) eine Erzählung über den Hasen und die Eule zu schreiben – und den Text dann zum Wettbewerb an die Zeitschrift „Junger Naturforscher“ zu schicken. Ständig gab er Ratschläge für alle Lebenssituationen („Nur der Glaube an das Gute bewahrt einen vor Trübsinn!“), beschrieb den Lageralltag, das Holzflößen und andere Arten der Lagerarbeit, legte dem Umschlag Zeichnungen und schematische Skizzen, Baracken-Pläne bei.

Der Ingenieur Viktor Lunjow stammte aus einer Familie von Revolutionären. Er arbeitete in der Fabrik und begeisterte sich aufrichtig für den Trotzkismus; 1936 wurde er verhaftet und geriet ins Norillag. Von dort schrieb er der geliebten Tochter Briefe mit Bildern und Kinderreimen, zum Beispiel diesen:

„Von Vater – ein Brief an Aljona
Über den tapferen Postboten –
Von der Halbinsel Taimyr.
(Sei nicht faul, lies, bis du ein Loch hinein gelesen hast!)“

Er bastelte für die Tochter sogar selber ein Büchlein – Märchen mit Bildern. Vor dem Krieg ließen sie ihn frei, aber 1950 erfolgte erneut eine Verhaftung und eine weitere Haftstrafe. Kurz vor seinem Tod, nachdem er bereits rehabilitiert war und wegen einer Krebserkrankung im Krankenhaus im Sterben lag, sagte Ljunow zu seiner Tochter: „Da lieg ich nun, in im Nachbarbett liegt ein Beamter der Staatssicherheit. Man kann sagen – mein Bewacher. Und unser Schicksal ist das gleiche“. Sie werden mit mir darin übereinstimmen, dass solche irdischen Lektionen besser sind , als jedes Seminar in Philosophie.

Besonders kränkend war es, mit den unverdienten Strafen von Menschen wie Michail Lebedew fertig zu werden – ein Abkömmling aus den Proletariat, Arzt, ein Mann, der der Sowjetmacht absolut loyal gegenüber stand; er wurde 1937 verhaftet und der konterrevolutionären Tätigkeit angeklagt. Die Briefe an seine Frau und Tochter sind voller Sorge um ihr Schicksal: „Die Tochter ist für den Vater nicht verantwortlich; indessen seid ihr objektiv viel schlimmer gestraft als ich: ihr werdet bald nicht mehr das Dach über dem Kopf und eure Ration haben, wie ich sie vom Gefängnis bekomme. Nein, das darf nicht sein! Man darf im Lande der Sowjets nicht aufgrund von Hunger und Arbeitslosigkeit sterben. Das ist ganz großer Mist! Ich gebe euch einen Rat. Geht zur örtlichen NKWD-Abteilung und zum Bezirksstaatsanwalt und erzählt ihnen von eurer Lage… „Natürlich ist das ein ziemlich naiver Ratschlag. Doch brachten seine Anweisungen der Tochter sicherlich Nutzen: „Janusja! Deine Aufgabe ist es, die Zeit zu nutzen, um dich auf das Leben vorzubereiten. Nicht den Bissen und Hieben des Lebens so viel Bedeutung beizumessen, sondern mehr an sich selber zu arbeiten“.

Im Buch lesen wir von vielen anderen dramatischen Schicksalen, die sich, voller Liebe, Kummer und Trauer, in den väterlichen Briefen widerspiegeln. „Mein erster Gedanke, wenn ich aufwachte, der letzte, wenn ich einschlafe – das bist du, mein geliebtes Töchterchen…“ (Boris Schutow – an die Tochter). „Ich will nur eins – euch vor dem Sterben noch einmal sehen. ..“ (Wladimir Lewitskij – an Frau und Sohn). Und hier er an seine Tochter: „Oljuscha, am Abend, wenn die Sterne funkeln, gehe nach draußen, schau auf den Großen Bären und denke, dass ich ihn in genau dieser Minute auch sehe und sich unsere Blicke auf den Sternen begegnen und mit dann leichter ums Herz wird…“

Wie viele Sterne am Nachthimmel stehen! Und jeder einzelne erinnert an die tragischen Schicksale unschuldiger Menschen, und denen sich auch nicht wenige uns Nahestehender befinden…

Eduard Russakow

„Krasnojarsker Arbeiter“, 01.11.2014


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