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Das vernachlässigte Stalinland, der unbekannte Sohn des Führers und das Museum des ewigen Frostes in der Taiga

Wer die Geschichte von Josef Dschugaschwilis Aufenthalt in der Region Krasnojarsk bewahrt und – auf welche Art und Weise


Archiv-Foto

Igarka ist die erste sowjetische Stadt im Polargebiet. In dieser Gegend hat Josef Dschugaschwili seine Verbannungszeit verbracht, und nur wenig später verbüßten tausende Gefangene ihre Haftstrafen in Stalins Lagern. Hier, inmitten der Taiga, wurde erst kürzlich die Schaffung eines Stalinlands geplant, doch das Denkmal zu Ehren des Führers stand nicht länger als 24 Stunden. Aber das Permafrost-Museum ist in Betrieb und zieht Touristen von überallher an. Wir sprachen mit Aleksander Toschtschew, dem Leiter der Abteilung des Heimatkunde-Museums Igarka, darüber, wer heute die Geschichte dieser Gegend erhält und auf welche Weise das geschieht.

Zur ewigen Aufbewahrung

- Das Permafrost-Museum in Igarka wird als einzigartig bezeichnet, wenn nicht sogar als einziges unterirdisches weltweit, das vom Menschen in derartigen gesteinsschichteng erschaffen wurde. Haben Sie keine Angst, dass aufgrund der klimatischen Veränderungen auf dem Planeten der Frostboden auftaut?

- Auf dem Territorium unseres Landes nimmt der Frostboden 65% der Fläche ein. Allerdings führt dieser Terminus die Leute ins Irrlich5t – der Frost ist nicht ewig. Es handelt sich lediglich um eine Zwischenschicht, Verkapselungen im Innern der Erdrinde, die 50 bis 60 Meter tief reichen, wie man es im Bezirk Igarka beobachten kann, manchmal aber auch mehrere hundert Meter. Weshalb in ganz bestimmten Abschnitten eine solche Schicht entstanden ist – darüber verfügt die heutige Wissenschaft bis zum heutigen Zeitpunkt über keine genaue Antwort. Doch bei der Arbeit unter derartigen Bedingungen muss man sich an strenge Regeln halten; und bei der geringsten Abweichung von diesen Richtlinien drohen Folgen.


Aleksander Toschtschew. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Stellen Sie sich nur einmal folgendes vor: wenn einmal ein Raupenschlepper durch die Tundra fährt, wird jeder Graben, jede kleine Furche, die er im Boden hinterlässt, über einen Zeitraum von sogar hundert Jahren nicht wieder von Pflanzenwuchs bedeckt. Der Permafrost verfällt dort, und nur dort, wo der Mensch die Prinzipien im Umgang mit ihm verletzt. Unter natürlichen Gegebenheiten wirkt sich die globale Erwärmung des Klimas nicht auf ihn aus. Ich lebe seit 35 Jahren im Hohen Norden und weiß sehr wohl, woher die Pfütze auf dem ewigen Eis kommt. Was diese handgeschaffenen Sümpfe bedeuteten, von denen es in Igarka eine Unmenge gibt – gerade wegen des dummen und schlampigen Umgangs des Menschen mit der Natur.

- Es heißt, dass am Anfang der Gründung des Museums geplant war, in seinem Inneren die Leichen von Menschen einzufrieren. Was meinen Sie, ist das Experiment überhaupt grundsätzlich möglich? Und notwendig?

- Eine derartige Idee wurde in der Tat vom Begründer der sowjetischen Frostkunde, Michail Sumgin, verfolgt. Er schlug vor, nach Ablauf von tausend Jahren biologische Forschungen an diesen Organismen durchzuführen, um zu verstehen, wie Menschen, Tiere, die Pflanzenwelt sich verändert hätten. Doch das war lediglich Theorie. Ich kann Ihnen versichern, dass wir keine menschlichen Leichen aufbewahren. Ob wohl das eine allgemeine Tendenz der Wissenschaft jener Zeit war: alle stellten sich die Frage, wie man den nachfolgenden Generationen Informationen über die zeitgenössische Zivilisation bewahren und diese an sie weitervermitteln könnte.

Zu dieser Zeit wurde in New York eine Metallkapsel vergraben, in die man Informationen über unsere Zivilisation gelegt hatte. Es wurde angedacht, diese nach fünftausend Jahren zu öffnen – im Jahre 6939. Im Bundesstaat Georgia wollten Wissenschaftler eine Gruft vorbereiten, diese mit für die damalige Zeit charakteristischen Utensilien und Gerätschaften füllen und sie dann mit Stickstoff konservieren. Im Jahre 8113 sollte diese Gruft geöffnet werden. Drei Kapseln mit Informationen für die zukünftigen Generationen lagern auch in unserem unterirdischen Gewölbe. Allerdings hat die Praxis gezeigt, dass trotzdem sowohl Luft als auch Mikroorganismen in die Eisplatten hineingelangen und weder Fische, noch Pflanzen oder Überreste von Tieren dem standhalten. Es beginnt ein Fäulnisprozess.

Stalins Spur

- Eine tiefe Spur in der Geschichte hinterlassen auch einzelne Persönlichkeiten. Beispielsweise Stalin, der anfangs selber seine Verbannungsstrafe im Norden der Region Krasnojarsk verbüßte; später wurden hier Lager geschaffen, durch die tausende Menschen gingen… Stimmt es, dass hier dem zukünftigen Vater der Völker ein Sohn geboren wurde?

- Josef Dschugaschwili verbrachte ab 1913 seine Verbannungszeit im Turuchansker Bezirk. Konkret hielt er sich von 1914 bis 1916 in Kureika auf. Dort kam er in einem Häuschen unter, in dem Waisenkinder lebten: 5 Jungen und 2 Mädchen. Zu der Zeit war Lydia Pereprygina 14 Jahre alt, und zwischen ihr und ihm entspannte sich eine enge Beziehung. Ungefähr ein Jahr später erlitt sie eine Fehlgeburt. Aber 1917, bereits nach Stalins Abreise, bekam sie von ihm Sohn Aleksander.


Foto Stalins und seines mutmaßlichen Sohnes (mit „angeklebtem“ Stalin-Schnurrbart).
Foto aus dem Archiv des Historischen Museums

In Kureika war allen diese Geschichte bekannt. Aber es gab weder irgendeine Euphorie noch großes Gerede um dieses Thema. Bereits an der Macht, versuchte Stalin zweimal, den Sohn zu sich zu holen. Das erste Mal versteckten Nachbarn ihn, das zweite Mal floh er selber in den Wald. Aber nach Aleksanders Karriere zu urteilen – er brachte es bis zum Offizier – verhalf de Vater ihm unsichtbar nach oben. Er war kinderlos, und Stalin wurden durch ihn keine Enkel beschert. Wie dem auch sei, Stalin wurde geachtet. Und sogar hier, inmitten der Lager, weinten am Tage seines Todes viele vor aufrichtiger Trauer.


Stalins Pantheon 1953. Foto aus dem Archiv des Historischen Museums
Foto: „AiF am Jenissei“

- Viele rechtfertigen eine solche Position damit, dass das Land zu der Zeit im Aufbau begriffen war und sich entwickelte. Allerdings wurde es hauptsächlich von Gefangenen aufgebaut, und häufig mussten sie das mit ihrem Leben bezahlen. Ein Beispiel – das Objekt 503, die Bahnlinie von Salechard nach Igarka. Was meinen Sie, lassen sich die ganzen Opfer rechtfertigen?

- Zu Sowjetzeiten wurden die Bedürfnisse des Lande durch ein gut entwickeltes Bahnnetz diktiert. Kaum jemand weiß, dass 1944, als die sowjetischen Truppen die Faschisten auf dem Territorium der europäischen Länder vernichtend schlugen, im Polargebiet deutsche Landetruppen mit U-Booten eintrafen. Das heißt: die arktische Zone des Landes war faktisch ungeschützt. Strategische Pläne waren nicht vorrangig – die Verteidigung des Landes, die Zustellung von Truppen an die Ufer des Nördlichen Eismeers, der Schutz von Industrie-Objekten, usw. Diese Bahnstrecke wurde benötigt wie die Luft zum Atmen.

Unsere Angaben weichen von denen einiger Menschenrechtler ab, die von Millionen Umgekommener sprechen. Wir haben die Fakten genau untersucht: wer die Bahnstrecke baute, wie und wozu sie verlegt wurde. Unsere Analyse, die Arbeit mit Augenzeugen und ehemaligen Häftlingen – all das ermöglichte uns die Feststellung, dass von 1947 bis 1953 auf dem Territorium zwischen Salechard und Igarka nicht mehr als 100.000 Menschen arbeiteten. Ein Arm der Bahnstrecke bis nach Urengoi wurde noch unter Stalin in Betrieb genommen, und sie wird heute noch genutzt. Auf dem Abschnitt ab Jermakowa rollten kleine Lokomotiven – „Schäfchen“. Nach Stalins Tod wurde der Bau eingestellt.

Ganze Lagerzonen sind jetzt nicht mehr erhalten. Beginnend mit dem Jahr 2005, als Igarka zum Turuchansker Bezirk gehörte, wurde das riesige Territorium zu einer Art Niemandsland. Die Überreste des Lagers werden vernichtet. 2005 brachte man aus Jermakowa einzigartige Lokomotiven fort, die noch in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaut wurden. Wir schlugen rechtzeitig Alarm – es gelang ihnen lediglich, die Technik bis nach Swetlogorsk abzuschleppen, wo sie bis heute vor sich hin rostet. Mehrfach schlugen wir den Behörden vor, diesem Areal einen historisch-architektonischen Sonderstatus zu verleihen. Aber bislang wurden keinerlei Entscheidungen getroffen. Das Territorium wird weiter ausgeplündert.

Schuldig sind alle

- Zur Zeit der Blüte des Stalinismus baute man in Kureika ein großes Pantheon und Denkmal zu Ehren Stalins. Man erzählt sich, dass alle Vorbeireisenden verpflichtet waren, dieses in der Taiga verlorene Museum zu besuchen. Wie finden Sie es, dass heute versucht wird, den Stalinkult wieder aufleben zu lassen? Es heißt, dass jemand aus den Reihen der Unternehmer versucht hat, sogar in Kureika ein Denkmal für den Führer aufzustellen…

- Die Meinung darüber, dass im Lande Ordnung herrschen muss, ist rechtens. Aber die Rolle Stalins in der Geschichte muss erst noch erforscht werden. Denn der Grundstein für die Verteidigungsfähigkeit des Landes, sein ökonomisches und kulturelles Potential, das bis heute existiert, wurde schließlich nicht allein unter seiner Regierung gelegt, sondern häufig auch mit seiner unmittelbaren Teilnahme.


Die Gips-Statue Stalins, die 2009 errichtet und zerstört wurde.
Foto aus dem Archiv des Historischen Museums.

Wieviel Material zu jener Epoche haben wir bereits durchforstet: Erinnerungen, Zeitungsartikel usw. – wir gelangen zu einer einzigen Schlussfolgerung: die Menschen schmorten nicht nur aufgrund politischer Motive im Lager. Oft waren es ganz eigennützige Motive; bei bestimmten Leuten gab es eine Menge Niederträchtigkeiten: der Eine wollte eine neue Wohnung, der andere – eine fremde Frau. Der einfachste Ausweg – ein denunzierendes Schreiben verfassen. Hunderttausende Publikationen in den Zeitungen mit der Forderung diesen oder jenen zu erschießen! Demzufolge sind also, wenn man sich in puncto Geschichte und Gerechtigkeit klar wird, alle schuldig – wie paradox das auch scheinen mag.

Aber es ist völlig unnötig, den Stalinkult wieder aufleben zu lassen und ihn wieder auf ein Postament zu stellen, und es ist auch gar nicht möglich. Ein Unternehmer machte sich kürzlich auf den Weg nach Kureika, um das Stalin-Museum wieder aufzubauen. Es wurde sogar geplant, dort ein Stalinland zu schaffen, damit Touristen dort vor Ort diesen Teil unserer Geschichte studieren könnten. Die Gipsstatue wurde in Krasnojarsk angefertigt und direkt neben dem Pantheon aufgestellt. Aber am folgenden Tag jagten ein paar Leute in Tarnkleidung mit einem Bulldozer los und stürzten, wie schon im Jahr 1961, die Statue von ihrem Sockel und versenkten sie im Jenissei.

Nadeschda Filatowa

Artikel aus der Zeitung „Argumente und Fakten am Jenissei“, N° 7 (1788), 11.02.2015


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