„Und das Herz wurde des Weinens müde…“

In den letzten Tagen der Gefangenschaft war es, als ob die Zeit stehenblieb. Unerträglich langsam zogen sich die Stunden und Minuten dahin. Von den Gedanken, dass er nun bald die ohne ihn aufgewachsenen Söhne und seine Gram und Leid geprüfte Frau wiedersehen würde, stockte ihm das Herz. Die ganzen zehn Jahre hatte er wegen dieses einen Augenblicks um sein Leben gekämpft. Morgen ist die Haftstrafe zu Ende…

Alles war bereits zur Abfahrt bereit. Er hatte seine Habseligkeiten zusammengepackt. Die Abschiedsworte zu seinen Kameraden waren gesagt, die Adressen ihrer Verwandten aufgeschrieben. Oh, wenn der Gefangene gewusst hätte, dass zwei Jahre zuvor, am 21. Februar 1948, das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Ukas „Über die Verschickung besonderes gefährlicher Staatsverbrecher nach ihrer Strafverbüßung in die Verbannung zur Ansiedlung in entlegenen Gegenden der UdSSR“ verabschiedet worden war. „Gefährlicher Verbrecher“ waren (von wenigen Ausnahmen abgesehen) alle, die nach §58 verurteilt worden waren. Begründet wurde das damit, dass diese Personen angeblich eine Gefahr „aufgrund ihrer antisowjetischen Verbindungen und feindlichen Aktivitäten“ darstellten.

Diejenigen, die bereits in Freiheit waren, wurden erneut verhaftet. Häufig gab es keine neuen Untersuchungsverfahren, sondern eine Sondersitzung des MGB verhängte aufgrund der alten (erdachten) Akte eine neue Strafe. Aus dem Lager wurden die §-58-er bei Strafende ebenfalls in die Verbannung „entlassen“.

Zehn Jahre quälendes Warten und … alles zerbrach in einem einzigen Augenblick.

Wieder Etappe, Durchgangsgefängnis, das Geschimpfe der Begleitwachen, das Bellen der Schäferhunde.
Der Güterwagen war viele Tage unterwegs. Aber keiner der Unfreien kannte die Endstation.

Die verbotene Zone

Aus dem Schnee hatte man sie abtransportiert – im Schnee trafen sie auch ein. Weiße Felder wechselten sich ab mit Kiefernwäldchen und Birkenhainen. Wenngleich es laut Kalender bereits Frühling war und die Sonne strahlte, gab es keine einzige aufgetaute Stelle zu sehen. Es herrschte immer noch Frost von nicht weniger als 25 Grad.

Vom Krasnojarsker Gefängnis fuhr der Lastwagen auf den Jenisseisker Trakt hinaus.

Im offenen Wagenkasten erstarrten selbst die Begleitwachen in ihren Schafsmützen und hohen grauen Filzstiefeln vor Kälte. Was soll man da schon von den Passagieren sagen, die nur das trugen, was sie besaßen, aber eins wie das andere – für das Wetter völlig ungeeignet.

Einheitlich graue Gesichter, glanzlose Augen. Niemand wusste, wohin die Begleitsoldaten sie bringen würden. Nach etwa zwei Stunden bog das Fahrzeug nach rechts ab. Sie durchfuhren zwei Dörfer und gelangten bald darauf in eine große Ortschaft.

- Abmarsch!

Die gefangenen Männer begaben sich im Gänsemarsch zu einem hölzernen Gebäude. Der Offizier der Sonderkommandantur warf kaum einen Blick auf die Eintretenden, so sehr war er in seine Papiere vertieft. Wieder § 58…

Zwei Stunden später, nachdem er seine Akte gefüllt hatte, betrachte er schließlich die unbeweglich dastehenden Menschen. Er sprach abgehackt und in scharfem Ton: verschleppt nach Sibirien, für immer, ohne das Recht auf Rückkehr an den vorherigen Wohnort. Die Verbannung werdet ihr im Suchobusimsker Bezirk verbringen. Ihr habt unter keinen Umständen das Recht, den angeordneten Ort eurer Ansiedlung zu verlassen. Bei Verletzung des Regimes – 20 Jahre Zwangsarbeit. Zweimal im Monat ist jeder verpflichtet in der Kommandantur zu erscheinen, um sich zu melden. Nichterscheinen gilt als Fluchtversuch…

Für immer?! Wie betäubt standen die Menschen schweigend da. Der Verstand weigerte sich, den ungeheuerlichen Sinn des Gesagten zu begreifen. Für – immer! Im Lager hatten sie die Tage und Stunden bis zur Freilassung gezählt. Wie schwer die Zeit auch gewesen war, aber die Strafe war letztendlich ihrem Ende entgegen gegangen. Wer das Glück gehabt hatte zu überleben, war in die Freiheit gelangt.

Und jetzt – ewige Unfreiheit… Bis zum Tod. So viel Zeit jedem beschieden ist. Und es gibt schon keine Hoffnung mehr auf Rückkehr zu den Familien, zu einem menschenwürdigen Leben.

Inzwischen hatte die Verteilung auf die Kolchosen begonnen. Sie trugen im ganzen Land die gleichen Namen: Lenin-, Stalin-, Budjonny-, Woroschilow-Kolchose – oder auch „Freier Arbeiter“, „Neuer Weg“.

Der Kommandant sah den dunkeläugigen Mann an und blätterte noch einmal seine Akte durch. Na, so was, ein ehemaliger Mitarbeiter des Zentral-Komitees der WKP (B), Ober-Revisor der Gosbank der UdSSR…

Er verkündete:

- Erholungsheim „Tajoschny“.

In der Republik Komi bezeichneten sie ein Lager als Kurort, aber hier – Erholungsheim? Doch die Augen des MGB-Mannes drückten nichts anderes als Feindseligkeit aus, und der Mann stellte nach der bestehenden Lagergewohnheit keine persönlichen Fragen.

Jedem der Ankömmlinge wurde eine Bescheinigung ausgehändigt. Ausweise waren bei Verbannten nicht üblich. Und was sollte man mit ihnen auch? Vom MGB waren sie gerade erst an einem Arbeitsplatz untergebracht worden, und für den Weg zur Kasse und andere Stellen, an denen man einen Ausweis benötigte, hatte man ihnen bereits eine Reise auf ewig bestellt.

Gehen sollte er nach Atamanowo, das sich 30 km vom Bezirkszentrum entfernt befand. Dorthin machte sich der Unfreie zu Fuß auf den Weg. Die Begleitsoldaten geleiteten die Sondersiedler lediglich bis zur Sonder-Kommandantur.

Auf der ganzen Strecke begegnete ihm nicht ein einziges Fahrzeug. Völlige Stille, nur der Schnee knirscht unter den Schuhen. Zum Glück überholte ihn schon bald ein Schlitten-Fuhrwerk; ein mit einem Pelz bekleideter Mann saß darin. Der nahm ihn, ohne ihn mit vielen Fragen zu belästigen, bis nach Atamanowo mit.


Erholungsheim „Tajoschny“
Foto aus dem Archiv der Marin-Konjachins

Ein Turm gleich neben der Zone

De Ankömmling folgte der Straße, vorbei an niedrigen Hütten, die bis zu den Fenstern vom Schnee zugeweht waren. Rechts erblickte er das ebenmäßige Band des mit Eis bedeckten Jenissei und einen hohen, über ihm aufragenden, Felsen. Von drei Seiten reichte der Nadelwald bis an die Siedlung heran. Die Kiefern wuchsen direkt auf den Straßen. Plötzlich verfing sich der Blick an einem hohen, dichten, mit Stacheldraht umgebenen Zaun. Durch die frostigen Dunstwölkchen sah man einen Wachturm mit einem bewaffneten Wärter. Hundegebell war zu hören. Sein Herz zog sich zusammen… Die Lagerzone!

Da hast du dein Erholungsheim! Also – wieder ins Lager!

Als ich mich dem Kontor näherte sah ich das Schild und konnte meinen eigenen Augen nicht trauen. Es stellte sich heraus, dass dies tatsächlich ein – Erholungsheim war. Es gehörte dem Norilsker Kombinat oder, anders ausgedrückt, dem Norilsker Umerziehungs- und Arbeitslager. Denn das ist ein- und dasselbe. Und der Leiter des Erholungsheims, Major D.S. Astrachankin, war gleichzeitig auch Chef der Außenlagerstelle, welche sich innerhalb weniger Monate zur Lagerabteilung N° 25 vergrößerte.

Ein merkwürdiger Ort war das. Als die Häftlingskolonnen am Stalin-Denkmal vorbei zur Anlegestelle, zu den Reparatur-Werkstätten oder aufs Feld, geführt werden, hören sie deutlich Kinderlachen. Wenn die Unfreien aus Reih und Glied hätten heraustreten können, dann hätten sie im Kiefernwäldchen traufenständige hölzerne Dächer gesehen. Am Ufer des Jenissei waren das Erholungsheim und ein Pionierlager gelegen. In der Nähe der Blumenbeete gab es noch ein weiteres Denkmal zur Erinnerung an den Vater aller Völker.

Die Ortsansässigen berichteten, dass die Menschen gegen Ende des Krieges im Polar-Kombinat mit allerletzter Kraft standhielten: die lange Polarnacht, Zwangsarbeit, quälende Kälte hatten ihre Körper und Seelen vollständig aufgezehrt. Ganz besonders litten sie unter Skorbut, Das Land forderte immer mehr Metall, aber unter den Spezialisten siechten die Menschen vor aller Augen nur so dahin.

Natürlich sind die Ressourcen des GULAG unerschöpflich; in jeder schiffbaren Saison werden neue Kolonnen in den Norden angeliefert. Aber es braucht Zeit, um sie auszubilden und vollständigen Ersatz zu bieten – doch die Produktion darf inzwischen nicht stillstehen. Und es sind auch nicht alle in der Lage, unter diesen höllischen Bedingungen zu arbeiten. Die alten Kader waren von der Zeit bereits korrigiert worden. Unter ihnen befinden sich wahre Naturtalente. Ihre Arbeitsfähigkeit muss unbedingt erhalten werden.

Und da kam irgendjemandem ein hervorragender Gedanke in den Kopf – ein Erholungsheim muss in einer der Unterabteilungen des Lagers errichtet werden. Beispielsweise in der Sowchose „Tajoschny“, das 1942 zum Bestand des Norillag gehörte. Insgesamt 2000 Kilometer Weg auf dem Jenissei. Außerdem war es leicht zu erreichen: von Dudinka mit dem Schiff in 4-5 Tagen.

Hier herrscht, im Gegensatz zu Norilsk, fast drei Monate Sommer. Und wenngleich im Mai nicht selten Schnee fällt und es im August immer leichten Nachtfrost gibt, gelingt es den Menschen trotzdem Zwiebeln, Knoblauch, Möhren und Kohl zu ziehen. Im Wald ist alles voller Bärlauch und Sauerampfer, dort wachsen Johannisbeeren, Faulbeeren, Hagebutten und an den Berghängen – wunderbare Erdbeeren. Hervorragende Mittel zur Prophylaxe gegen Skorbut und Avitaminose. Bauarbeiter, Ingenieure, Konstrukteure können innerhalb eines Monats Kräfte sammeln – sich in der Sonne wärmen, reichliche Grünfutter essen, ganz zu schweigen von den Kartoffeln, die im Polargebiet als Delikatesse gelten.

Das Kombinat beschloss, neben dem Erholungsheim ein Pionierlager zu errichten. Die erste Schicht traf mit dem Schiff 1944 ein. Sie lebten in Zelten. Und später erteilte man den Architekten die Aufgabe, Gebäude aus Holz zu projektieren. Unter den Gefangenen befanden sich nicht wenige begnadete Menschen. Einer von ihnen war der bekannte armenische Architekt Geworg Kotschar. Er und seine Kameraden verstanden es, trotz des spärlichen Budgets, wahre Paläste zu bauen.

Und nun kommen schon seit einigen Jahren Erwachsene und Kinder vom Taimyr-Gebiet nach Atamanowo. Die Hilfswirtschaft stellt die Lebensmittel für das Erholungsheim und das Pionierlager sicher und schickt auch Ernteerträge nach Norilsk. 1950 erhielt das Erholungsheim den Namen „Tajoschnij“.

In der landwirtschaftlichen Produktion waren sowohl Gefangene wie auch freie Mitarbeiter tätig. Allerdings waren die in Wirklichkeit auch nicht – frei. Die meisten von ihnen waren Ausgesiedelte- deportierte Deutsche, Kalmücken, Ukrainer, Balten sowie politische Verbrecher – verbannte Ansiedler.


In „Tajoschnij“ arbeiteten Vertreter von ungefähr 45 Nationalitäten.
Das Foto wurde von Iwan Monastyrskij zur Verfügung gestellt.

In der Kader-Abteilung wurden die Ankömmlinge schnell registriert. Doch nachdem er die Dokumente der Neuankömmlinge gesehen hatte, erstellte der Leutnant einen etwas detaillierteren Fragebogen.

- Also: Nachname, Vorname, Vatersname?

- Wartanjan, Jenok Wartanowitsch.

- Nationalität?

- Armenier.

- Geburtsjahr und –Ort?

- 1905. West-Armenien.

Vor dem Genozid bewahrt

An seinen Vater kann Jenok sich nicht erinnern; er war erst ein Jahr alt, als jener während des türkisch-armenischen Gemetzels ums Leben kam. 1907 zog die Mutter mit zwei Kindern von West- nach Russisch-Armenien um ( so nannten sie es damals). Nicht weit von Jeriwan ließen sich in der Ortschaft Kanaker nieder. Jenok war 2 Jahre alt, seine Schwester Almast 7. Die Mutter arbeitete als Magd bei einem wohlhabenden Herrn. Im Alter von 8 Jahren begann Jenok ihr zu helfen; er arbeitete überall dort, wo seine flinken Beinchen von Nutzen sein konnten. Dennoch konnte sie das vor großem Elend nicht bewahren. Die Mutter gab die letzten Krümelchen an ihre Kinder, doch sie selber ging an Hunger zugrunde.

Im Alter von 15 Jahren war der junge Vollwaise. Er schlug sich weiter bei seinem Herrn mit Arbeiten durch und lernte heimlich und selbständig Lesen und Schreiben.

Am 28. Mai 1918 wurde die unabhängige Republik Armenien ausgerufen, am 29. November 1920 – die Sowjetmacht eingerichtet.

In die Ortschaft hielt neues Leben Einzug. Die Jugend begeisterte sich für die Romantik revolutionärer Ideen. Jenok trat als einer der ersten der Komsomolzen-Organisation bei. Sogleich bemerkte man in der Organisation den außergewöhnlichen Verstand, die ungewöhnliche Arbeitsfähigkeit und die Zielstrebigkeit des jungen Mannes. Schon bald schickte man ihn als verantwortlichen Instruktor zur Kotaisker Bezirks-Berufsgenossenschaft der Land- und Forstarbeiter. Etwas später ernannten sie ihn zum verantwortlichen Instruktor des Zentral-Komitees der Land-und Forstarbeiter-Genossenschaft Armeniens.

1922 gehörte Armenien zur Kaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik. 1924 wurde der 19-jährige junge Mann in die Reihen der kommunistischen Partei aufgenommen.

Er arbeitete viel, war ständig in seinen Selbstunterricht vertieft. 1927 entsandte das Kaukasische Komitee der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken) Wartanjan zum Studium auf die Landwirtschaftliche K.A. Timirjasew-Akademie.

Guten Tag, Moskau!

Moskau versetzte ihn in Erstaunen. Jenok schlenderte durch die alten Straßen, ergötzte sich an den Palästen und Kirchen und konnte kaum glauben, dass er, ein ehemaliger Knecht, sich mitten im Herzen des riesigen Landes befand.

Die Wirtschafsfakultät, an der er studierte, wurde bald darauf an das Plechanow-Institut für Volkswirtschaft übereignet. Es war eine der besten Lehreinrichtungen der Sowjetunion.

Der junge Mann gab sich ganz dem Lernen hin und nahm aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Nach Beendigung des Studiums erhielt er eine Zuweisung für den Posten des Ober-Agronomes in der nahe Moskau gelegenen Zucht-Sowchose Schulgino.

Hinter der Kreml-Mauer

Ein seltener Zufall: den Studenten von gestern holten sie in den Apparat des Moskauer Gebietskomitees der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken) ins Amt des verantwortlichen Instruktors. Gleichzeitig leitet Wartanjan auch weiterhin die Konsultanten-Gruppe der Zucht-Sowchosen. Er arbeitet mit bedeutenden Partei-Funktionären. Der erst Sekretär des Moskauer Komitees der Partei war zu jener Zeit der Sekretär des Zentralkomitees der WKP (B) – L.M. Kaganowitsch, der das besondere Vertrauen Stalins genoss. Im Amt des zweiten Sekretärs saß – N.S. Chruschtschow.

Innerhalb kürzester Zeit wurde Wartanjan ins Zentralkomitee der Partei versetzt – als Assistent des Leiters der Landwirtschaftlichen Abteilung. Hätte der junge Mann, der, wie man sagt, praktisch ohne Herkunft und Familienbande war, jemals davon träumen können, eine so schwindelerregende Karriere zu machen?! Aber zu der damaligen Zeit wurden die Leute nach ihrem Verstand und ihrer fachlichen Qualifikation auf verantwortungsvolle Positionen gesetzt, nicht aufgrund ihrer familiären Herkunft oder Bekanntschaften und Beziehungen. Deswegen besaßen begnadete Zugereiste aus der Provinz alle Chancen, auch auf dem Olymp der Partei zu landen.

1934 gehörten zum Politbüro Leute, die im ganzen Land bekannt waren: J.W. Stalin, A.A. Andrejew, L.M. Kaganowitsch, K.J. Woroschilow, M.I. Kalinin, S.M. Kirow, S.W. Kossior, W.W. Kujbyschew, W.M. Molotow, G.K. Ordschonikidse.

Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung und unmittelbarer Vorgesetzter Wartanjans war L.M. Kaganowitsch. Er kannte die fachlichen Fähigkeiten des ihm unterstellten jungen Mannes von dessen vorheriger Arbeit, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass er der Initiator für seine Versetzung ins Zentral-Komitee war. Aber Jenok Wartanowitsch war nicht lange Kaganowitschs Assistent. Lasar Moissejewitsch wurde zum Vorsitzenden der Partei-Kontroll-Kommission beim Zentral-Komitee der WKP (B) ernannt.

An der Spitze der landwirtschaftlichen Abteilung stand nun der Sekretät des Zentral-Komitees, das Mitglied des Organisationsbüros des ZK der WKP (B) – A.A. Schdanow; allerdings wurde auch er bald darauf nach Leningrad auf den Posten des ersten Sekretärs des Gebiets- und Stadtkomitees der WKP (B) versetzt.

Im April 1934 gibt es in der Landwirtschaftsabteilung einen neuen Chef – J.A. Jakowlew (Epstein), den früheren Volkskommissar für Ackerbau der UdSSR.

Unter ihm diente Wartanjan zunächst zwei Jahre. Ab Oktober 1936 Jakowlew – der erste stellvertretende Vorsitzende des Partei-Kontroll-Komitees, später – der Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei (B) Weißrusslands.

Der neue Chef der landwirtschaftlichen Abteilung wurde der ehemalige Volkskommissar für Verkehrswege der UdSSR und Sekretär des Zentralkomitees der Partei sowie das Mitglied des Organisationsbüros – A.A. Andrejew.

1937 wurde J.A. Jakowlew wieder in dieses Amt eingesetzt – aber sogleich als „Teilnehmer an einer konterrevolutionären terroristischen Organisation“ verhaftet. 1038 erschoss man ihn.


Noch ließ nichts das bevorstehende Unheil erahnen.
Jenok Wartanjan mit seiner Ehefrau Jelena

… und an den Ufern der Newa

Im Zentral-Komitee der Partei war Wartanjan fünf Jahre tätig – von 1932 bis 1937.

Es war eine alptraumhafte Zeit. Über das Land brach ein nie gesehener Sturm des Terrors herein. Der schwere Moloch der Repressionen zermahlt die Schicksale völlig unschuldiger Menschen. Es gibt keinen Bereich, kein Eckchen im Land, in denen es keine „Volksfeinde“ gab, in denen nicht menschliches Stöhnen und Weinen ertönte. Und auf dieselbe grauenhafte Weise werden die „Säuberungen“ in der Partei durchgeführt.

Von 1966 Delegierten des 17. Parteitags der WKP (B), der Anfang 1934 stattfand, wurden 1108 verhaftet und die meisten von ihnen erschossen.

1936-1938 fanden in Moskau drei große, öffentliche Prozesse gegen höchste Funktionäre der WKP (B) statt. Sie wurden beschuldigt, „mit westlichen Spionage-Organisationen zusammenzuarbeiten – mit dem Ziel, Stalin und andere sowjetische Führer zu ermorden, die UdSSR aufzulösen und den Kapitalismus wieder her zu stellen; außerdem bezichtigte man sie des Mitwirkens in Schädlingsorganisationen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft“. Erschossen wurden G.J. Sinowjew, L.B. Kemenjew, J.L. Pjatakow, N.I. Bucharin, A.I. Rykow und viele andere bekannte Partei-Funktionäre.

Das Arbeiten im Apparat des Zentral-Komitees wird lebensgefährlich. Wie übrigens auch an anderen Orten.

1937 wird Wartanjan nach Smolnyj versetzt; man ernennt ihn zum Leiter der Organisationsabteilung des Gebietsexekutivkomitees des Leningrader Rats. Das kann man als Beförderung ansehen. Der Posten des Chefs einer der Schlüsselabteilungen bedeutet eine große Verantwortung in einer schwierigen Zeit und einer schwierigen Stadt.

Die nördliche Hauptstadt gerät aufgrund der Massen-Verfolgungen und „Säuberungen“, die über das Volk nach dem Mord an S.M. Kirow hereinbrechen, in Personalnot.

Die „Wiege der Revolution“ wurde nicht nur von Anhängern Sinowjews und Trotzkis gesäubert, sondern auch vom Adel, Offizieren der Zaren- und der Weißen Armee, Geistlichen und anderen „ehemaligen Menschen“.

An der Spitze der WKP (B) stand nach Sergej Mironowitschs Tod Schdanow, unter dem Wartanjan mehrere Monate in der Landwirtschaftsabteilung tätig war.

Aber in Leningrad lebte unser Held insgesamt ein Jahr.

Im Vorstand der Staatsbank der UdSSR war auf dem Posten des Verwaltungschefs und Oberrevisors eine guter Wirtschaftswissenschaftler erforderlich. 1938 kehrt die Familie nach Moskau zurück.


Eine glückliche Familie. Der älteste Sohn Marat - 4 Jahre,
Feliks – einige Monate alt. 1936.

„Deutsche Spione“ in der Staatsbank

Es schien, als ob es in der Institution, die voll und ganz von Geldfluss, Kredit-Gewährung und Erfüllung des Staatsbudgets in Anspruch genommen war, keinen Platz für politische Schlachten gab und man wenigstens hier tief durchatmen konnte.

Aber von den ersten Tagen an fühlte Jenok Wartanowitsch auch hier eine bedrückende Atmosphäre. In den vier vergangenen Jahren hatten sich im Vorstand der Staatsbank fünf (!) Vorsitzende abgewechselt. Vier waren ihres Amtes enthoben worden, drei davon – N.G. Tumanow, L.J. Marjassin, A.P. Pritschmanow – fanden den Tod durch Erschießen.

1938 wurde das Mitglied des Zentralkomitees der Partei N.A. Bulganin zum Chef der Staatsbank ernannt. Da er von 1931 bis 1937 als Vorsitzender des Exekutivkomitees des Moskauer Rats tätig war, ist es möglich, dass er Wartanjan auch persönlich kannte.

Im Frühjahr 1940 gibt es im Vorstand der Staatsbank erneut einen Machtwechsel. Nach der Ernennung Bulganins zum stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der UdSSR tritt an seine Stelle der stellvertretende Volkskommissar für Finanzen der UdSSR N.K. Sokolow.

Doch auch ihn ereilt das Los seiner Vorgänger. Im Oktober 1940 wird Nikolaj Konstantinowitsch wegen „eigenmächtiger Verletzung des Kassenplans für das IV. Quartal“.

Wartanjan wird unerwartet degradiert - man macht ihn zum Leiter der Kader-Abteilung beim Moskauer Gebietskontor der Staatsbank der UdSSR. Er begreift, dass sich dunkle Wolken über ihm zusammenziehen. Doch er kann schon nichts mehr tun, um das zu verhindern.

Am 20. Oktober 1940 wird der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Staatsbank der UdSSR, A. G. Samulenko, verhaftet. Einige Zeit später wird auch Sokolow inhaftiert. Gegen sie wird Anklage erhoben, weil sie angeblich als Mitwirkende in einer konterrevolutionären, rechtstrotzkistischen Organisation in Erscheinung traten, in deren Interesse sie „innerhalb der Staatsbank der UdSSR Schädlingstätigkeiten ausführten und sich außerdem mit Spionage zu Gunsten der deutschen Aufklärung beschäftigten, indem sie ihr geheime Informationen über Währungsoperationen der Staatsbank der UdSSR zuspielten“.

Am 15. November 1940 trafen Mitarbeiter des NKWD unverhofft bei Wartanjan ein.

Dieses schwarze Datum zerteilte sein Leben in ein Davor und ein Danach.

Letzterer wurde wegen Zugehörigkeit zu einer konterrevolutionären Organisation und mehr noch – wegen der Vorbereitung eines Attentats auf Stalin angeklagt. Die Ermittlungsrichter folterten ihnen über einen Zeitraum von sieben Monaten. Die Strafakte wuchs auf zwei dicke Ordner an. Doch Wartanjan hielt tapfer stand. Egal, welchen Druck sie auch auf ihn ausübten, er machte keinerlei Aussagen, die einem Geständnis gleich gekommen wären. Im Gegensatz zu Sokolow und Samulenko, die den Misshandlungen nicht standhielten und sich schließlich selber zu Unrecht bezichtigten.

Man weiß nicht, wie lange die Konfrontation noch angedauert hätte, doch da brach der Krieg aus. Am 9. Juli 1941 fand die Gerichtsverhandlung des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR statt. Dieses Organ prüfte die Fälle von ganz besonderer Wichtigkeit – in Bezug auf Vertreter der Nomenklatur, des gehobenen Führungspersonals von Armee und Flotte sowie der Wissenschaftler und der Funktionäre aus den Bereichen der Kultur und Kunst. Wartanjans Urteil wurde aufgrund zweier Punkte des § 58 des Strafgesetzes (7 und 11) verhängt – 10 Jahre Erziehungs- und Arbeitslager und 5 Jahre Entzug der politischen Rechte.

Möglicherweise sahen sie ihn als Komplicen N.K. Sokolows und A.G. Samulenkos an. Die beiden wurden beinahe gleichzeitig verhaftet und an ein- und demselben Tag, dem 9. Juli, verurteilt. Sokolow und Samulenko wurden sofort nach der Gerichtssitzung erschossen. Den ehemaligen Ober-Revisor schickte man auf Gefangenen-Etappe.

Ust-Wymlag. Holzeinschlag

Der Zug mit den politischen Häftlingen nahm Kurs auf den Hohen Norden.
ASSR Komi.

Ust-Wymsker Erziehungs- und Arbeitslager.

Siedlung Woschajel

Holzeinschlag

Das Ust-Wymlag lieferte Holzmaterialien für das Petschora-Kohlebecken, es produzierte auch Bahnschwellen und Ziegel, befasste sich mit Holzverarbeitung, übte Bautätigkeiten aus, stellte Skier und Möbel her. Das Kontingent überstieg zur Mitte des Sommers 1941 die Zahl von 24.000 Mann.

Unter grauenhaften Bedingungen, in sumpfigem Gelände, wo die Fröste im Winter -40 Grad erreichten, standen den aus südlichen Gefilden stammenden Waisen 10 lange Strafjahre bevor.

Aber schlimmer als die physischen Qualen war der Seelenschmerz im Hinblick auf das Schicksal der Familie. Da man ihm Brief-Verbot erteilt hatte, besaß er keinerlei Nachrichten von seiner Ehefrau und den Söhnen. Der kleine Feliks war zum Zeitpunkt der Verhaftung 4 Jahre alt, Marat 8. Was ist mit ihnen? Sind sie am Leben? Der Untersuchungsrichter hatte mehrmals damit gedroht, dass sie seine Frau verhaften, die Kinder in ein Kinderheim einweisen und ihren Nachnamen ändern würden.

Jenok Wartanowitsch schrieb ein Gesuch mit der Bitte um Überprüfung seines Falls, aber er erhielt keine Antwort.

Er wusste nicht, dass die Familie aus der Wohnung ausquartiert worden war. In Moskau besaß Wartanjan keine einzige verwandte Seele. Die Bekannten wendeten sich von ihm ab. Und da fasste Jelena Sergejewna den verzweifelten Beschluss – sich zusammen mit den Kindern auf den Weg nach Armenien zu machen. Und das war genau der richtige Schritt, denn er bewahrte sie vor dem Gefängnis.


Gefangene beim Holzeinschlag. Foto von der Website http://topwar.ru

… Zehn Jahre lang wartete sie auf ihren Mann. Als die Haftzeit beendet war, wurde das Warten zur Qual. Bei jedem Klopfen an der Tür, beim Hören einer lauten Stimme erstarrte sie. Sie stellte sich vor, wie sie ihm entgegen gehen, welche Worte sie sagen würde… Die Bekannten machten ihr Angst: das Lager zerbricht die Menschen. Nein, ihr Mann konnte doch kein anderer Mensch geworden sein!

Die Tage gingen dahin, Jenok kam nicht. Einige Zeit später, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, traf ein Brief ein. Auf der Rückseite die Anschrift: Region Krasnojarsk, Suchobusimsker Bezirk, Ortschaft Atamanowo.

Jetzt trennten sie 5000 Kilometer voneinander.

Das Brandmal § 58

Am 27. März 1950 ernannten sie Wartanjan zum kommissarischen Ober-Ingenieur für technische Normierung am Erholungsheim „Tajoschnij“. Faktisch war er Chef der Arbeits- und Lohn-Abteilung.

Verbannten-Siedler wurden im Allgemeinen überhaupt nicht für verantwortliche Ämter zugelassen. Aber wo sollte man in der sibirischen Einöde qualifiziertes Personal hernehmen? Die Leiter der Sowchosen und Kolchosen waren ungebildet, im günstigsten Fall hatten sie an der Schule 7 Klassen absolviert. Deswegen waren auf allen führenden Posten in „Tajoschnij“ „Trotzkisten“, Spione“, „Terroristen“ und „Saboteure“ tätig. Auf den Sowchosen-Feldern und in den Schweineställen begegnete man wie durch ein Wunder auch unversehrt gebliebenen Menschewisten, Sozialrevolutionären, Anarchisten, Nationalisten und Weiß-Emigranten.

Die neben der Abteilung für Arbeit und Löhne befindlichen Amtszimmer wurden von ebensolchen Unfreien eingenommen, die von dem schrecklichen Brandmal des § 58 gezeichnet waren.

Der Chef der Planungsabteilung war Aleksander Pantelejmonowitsch Wichlajew, Sohn eines Professors der Staatlichen Moskauer Universität, Absolvent der Timirjasewsker Akademie, ehemaliger Mitarbeiter des Traktoren-Zentrums. Beim Leiter der Versorgungsabteilung handelte es sich um einen glänzenden sowjetischen Alpinisten, den ehemaligen Studenten der N.J. Schukowskij-Militärakademie für Luftstreitkräfte – Arij Jossifowitsch Poljakow. Ober-Zootechniker war der Absolvent des Leningrader Milchzuchtvieh-Instituts Iwan Iwanowitsch Lunew. Der Ingenieur im Bereich Bodenbewirtschaftung Kambaj Schachssuwarow hatte am Moskauer Institut für Geodäsie studiert.

Auch unter Wartanjans Untergebenen befanden sich ungewöhnliche Persönlichkeiten.

Da war der Normsachbearbeiter der Bau-Abteilung Aleksandr Fjodorowitsch Suchatschew-Maslowskij – in der Vergangenheit Delan der Fakultät für Bauwesen der Stalin-Industrie-Akademie und Mitarbeiter des Volkskommissariats zur Verteidigung der Industrie. Als Techniker und Kostenplaner der zentralen Reparatur_Werkstätten war der Aspirant des Moskauer J.W. Stalin-Instituts für Stahl – Benzion Borissowitsch Zisin tätig.

Einmal hörte Jenok Wartanowitsch jemanden ganz unerwartet Armenisch sprechen. Er begrüßte ihn. Es stellte sich heraus, dass nach Atamanowo gar nicht wenige aus Armenien stammende Leute deportiert worden waren. Ab 1948 arbeitete Sumbat Oganessjan in der 3. Abteilung, der früher Vorsitzender des Dorfrats gewesen war und, genau wie Wartanjan, seine Strafe in einem Lager der ASSR Komi verbüßt hatte. Seit 1949 befand sich in Sibirien auch der Akademie-Absolvent Migran Ter-Grigorjan. Pawlusch Petrosjan arbeitete als tierärztlicher Assistent, Aran Oganesjan als Tischler des Holzverarbeitungsbetriebs. Auf den Farmen und Feldern arbeiteten Magros Ignatosjan, Karapeg Monewljan,Teodor Minosjan, die Brüder Petrosjan, Makartytsch Sogomonjan, Arytjun Stepanjan und dutzende andere.

Dia Armenier waren mit ihren Familien ausgesiedelt worden. Sobald ihre Kinder das 14. Lebensjahr vollendet hatten, mussten auch sie in der Hilfswirtschaft arbeiten und wurden mit 16 Jahren unter Meldepflicht bei der Sonder-Kommandantur gestellt.

Zweimal im Monat musste sich dort auch der Verbannte Wartanjan melden. Diese Verpflichtung war äußerst deprimierend. Der operative Bevollmächtigte führte mit ihnen ein Gespräch – angeblich, um Fluchtversuchen der Sondersiedler vorzubeugen, er sammelte denunzierendes Material, erkundigte sich eingehend nach der allgemeinen Stimmung in der Umgebung und versuchte jedes Mal, diejenigen, die unter seiner Aufsicht standen, für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Anwerbung, und Spionage-Tätigkeit waren ununterbrochen im Gange. Und als Beweis für die operative Tschekisten-Aktivität dienten Verhaftungen, die sich jeden Monat ereigneten.

Verhaftet wurden die Agronomen Artemenko, Schemonajew, Aleksej Tkatschenko, Jewegenij Markin, der Leiter der 4. Abteilung Sintschenko, der Arbeiter der 3. Abteilung Wladimir Sidorow, der Spediteur des Bauwesens Jefim Schestakow, die Arbeiter Alma Osolos (Osols), Viktor Nidens, der Wärter Iwan Sarytschew, der Elektromonteur Nikolaj Nasarenko, der Leiter des Holzbeschaffungsreviers Iwan Burzew, der Lagerist Aleksej Bystrow, der Traktorist Bordadym. Die Farmarbeiter Saman Nikolaj Aleksandrow und Sbignew Woitorowitsch wurden in die Bezirksabteilung des MGB bestellt – über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Eine „Zusatz-Akte“ zu erhalten lohnte sich nicht. In jedem beliebigen Augenblick konnte man aus der Verbannung erneut ins Lager geschickt werden.

Ein Verbannter besaß kein Recht auf Bewegungsfreiheit, nicht einmal dienstlich innerhalb der Bezirksgrenzen. Und wenn er krank wurde, entzog man ihm die Möglichkeit zur Untersuchung und Behandlung nach Krasnojarsk zu fahren. Allerdings gab es in Atamanowo ein Ambulatorium; Ärzte und medizinisches Personal mit mittlerer Ausbildung stammten dort zu 100% aus dem Kontingent.

In dieser Siedlung soll er also den Rest seines Lebens verbringen. Seine Welt wird begrenzt vom Ufer des Jenissei. Alles, was danach kommt ist verbotenes Gebiet.

„Leere. Verzweiflung. Das Leben ist überhaupt nicht mit dem Leben vergleichbar”.

Das entlegene, abgeschiedene Sibirien hatte sich nach dem Krieg noch nicht wieder erholt. Aber nicht nur die Verbannten, auch die Ortsansässigen führten ein ärmliches Leben. Elektrizität gab es zu der Zeit nur in der Lagerzone und an den Produktionsobjekten. Die Wohnhäuser wurden mit Kerosin-Lampen beleuchtet. Der Sondersiedler musste selber für sein Essen sorgen, seine Wäsche waschen, Kleidung und Schuhe ausbessern. All das hatte er im Lager gelernt.

Vom frühen Morgen – bis zum späten Abend

Nachdem er seinen Alltag einigermaßen eingerichtet hatte, vertiefte sich Jenok Wartanowitsch ganz in seine Arbeit. Bei der Abteilung für Arbeit und Lohn war das Tätigkeitsfeld sehr umfangreich. Es war nicht nur so, dass in „Tajoschnij“ ungefähr 2000 freie Mitarbeiter tätig waren, es gab dort auch noch eine in Betrieb befindliche Lagerabteilung.

Das Erholungsheim verfügte über eine weit verzweigte Wirtschaft. Dort wurde Getreide angebaut, unter anderem Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Hirse sowie Futter-Kulturen. Man unterhielt großes Hornvieh, Schafe, Schweine und Geflügel.
Für das Norilsker Kombinat züchtete man Kartoffeln, Kohl, Möhren und Rüben. Auf den Parzellen fand sich sogar Platz für Machorka-Tabak. Auf dem Versuchsfeld der 1. Abteilung führten verbannte Wissenschaftler-Agronomen Tests mit unterschiedlichen Kulturen durch. Im Obstgarten wuchsen Apfelbäume und Ranetki (Apfelbaum-Art; Anm. d. Übers.), Pflaumen- und Kirschbäume, Himbeeren, Erdbeeren sowie schwarze Johannisbeeren.

Die geernteten Früchte verarbeitete „Tajoschnij“ selber, weil diese Waren im Sommer jeden Morgen im Erholungsheim und im Pionierlager abgeliefert werden mussten. In den Abteilungen wurden Milch, Quark, Sahne, Butter, Eier, Fleisch und Schafwelle erzeugt. In den Frühbeeten und Treibhäusern wurden Gurken und Tomaten ausgesät. Im Wald unterhielten sie Bienenstände. In Betrieb waren ferner eine Butterfabrik, Brotbäckereien, Mühlen, Gemüse-Vorratslager und Getreidespeicher. Und dann gab es noch eine Anlagestelle, ein Kraftwerk, eine Erdölstation, eine Holzverarbeitungsfabrik, eine Passagier- und Fracht-Flotte. Die Wirtschaft besaß ihr eigenes Ambulatorium, ein stationäres Krankenhaus, ein Säuglingsheim, eine Nachrichten-Abteilung, einen Schneiderei und sogar eine meteorologische Station.

Die Hilfswirtschaft des NKWD erhielt Beute-Fahrzeuge: amerikanische Lastwagen, darunter einen Willis, japanische Fahrzeuge, Traktoren der US-Firma „Allis-Chalmers“. Ersatzteile für die Import-Fahrzeuge konnte man nirgends bekommen, deswegen stellten kluge Köpfe (wieder aus den Reihen der Verbannten) selber die notwendigen Aggregate und Bauteile her. Zu den Planstellen der Zentralen Reparatur-Werkstatt gehörten auch einige für Konstrukteure. In den Werkstätten waren eine Gießerei, eine Drechsler- und Schlosser-Werkstatt, eine Schmiede und eine Elektro-Schweißerei in Betrieb.

Das Erholungsheim übte auch rege Bautätigkeiten aus. Zu diesem Zweck beschaffte man Holz in dem sumpfigen Waldgebiet von Podsotschka und in der Nähe des Dorfes Nowo-Nokolajewka am rechten Ufer des Jenissei. Ziegelsteine wurden in der eigenen Fabrik hergestellt. In vielen Produktionsstätten wurde alles mit der Hand gefertigt.

Die Normfestsetzung und Bezahlung der Arbeiter in dieser derart vielfältigen Produktion wurde von einigen Spezialisten vorgenommen. Geleitet wurde diese Tätigkeit vom Chef der Abteilung für Arbeit und Löhne. Er bürgte mit seinem Kopf für die Richtigkeit und Genauigkeit der Kalkulationen. Bei erhöhtem Lohnaufkommen oder irgendeinem anderen Fehltritt drohte ihm eine neue Haftstrafe. Man musste nicht nur über gründliche Kenntnisse in landwirtschaftlichen Dingen, sondern auch über ein phänomenales Gedächtnis und einen starken Charakter verfügen. Jenok Wartanowitsch fuhr häufig zu den Produktionsstätten, um bei der rationalen Verteilung der Arbeiter behilflich zu sein und eine Möglichkeit zu finden, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen – und letztendlich auch, um zu überprüfen, ob die Arbeitsnormative begründet waren. Er studierte die Technologie und nahm Kontroll-Messungen vor. Auf dem Bau maß er selbst mit einem Bandmaß die Tiefe der Baugrube oder die Höhe der Wände nach, auf dem Feld – die Fläche des gepflügten Ackerbodens, auf der Farm – die Menge der beschafften Futtermittel.


Teilnehmer der Konferenz der WKP (B) in Leningrad. Das Datum und der Urheber des Fotos sind nicht bekannt. Möglicherweise schrieb man das Jahr 1934. Unter den Delegierten befinden sich J.W: Stalin, M. I. Kalinin, K.J. Woroschilow, W.M. Molotow

„Geheim“. „Streng geheim“

Als die Leitung des Erholungsheims „Tajoschnij“ von der hohen Qualifikation Wartanjans überzeugt war, fasste sie den Beschluss, ihn zum Leiter der Abteilung Arbeit und Lohn zu ernennen. Eine persönliche Akte wird über ihn angelegt. Und wieder schreibt der ehemalige Mitarbeiter des Zentralkomitees der WKP (B) seine Autobiographie nieder, füllt einen detaillierten Fragebogen über seine soziale Herkunft, seine Angehörigen und die Verwandtschaft seiner Ehefrau aus.

Und obwohl der Kandidat für diesen Posten die „richtige“ Herkunft aufwies, er keinen Oppositions- und Anti-Partei-Gruppen angehörte, keine Schwankungen bei der Durchsetzung der Parteilinie der WKP (B) erfahren hatte, keine Angehörigen im Ausland besaß – kam der Antrag nicht durch.

Am 21. Januar 1951 schickt „Tajoschnij“ Wartanjans Personalakte in die Erste Abteilung des Norilsker Erziehungs- und Arbeitslagers und bittet darum, ihm Zutritt zu geheimem und streng geheimem Schriftwechsel zu gewähren.

Da „Tajoschnij“ zum Imperium des GULAG gehörte, wurde auf alle ein- und ausgehenden Dokumente, unter anderem auch die über reine Produktionstätigkeiten, der Stempel „geheim“ oder „streng geheim“ gesetzt.

Der Chef der Abteilung Arbeit und Lohn soll Korrespondenz aus dem Norilsker Kombinat erhalten, sich mit Anweisungen und Verfügungen bekannt machen, auf Anfrage Antworten und verschiedene Rechenschaftsberichte dorthin schicken. Doch Wartanjan wurde der Zugang zu den geheimen Dokumentationen verweigert – genauso, wie übrigens dem Chef der Planungsabteilung, dem Leiter der Bau-Abteilung, dem Ober-Buchhalter und seinem Stellvertreter, dem Ober-Agronom und dem Ober-Zootechniker.

Das waren zum gegenwärtigen Moment die besten Kader der Wirtschaft. Aber alle waren mit dem § 58 behaftet. Wenn kein Vertrauen vorhanden ist, dann haben sie kein Recht, leitende Posten einzunehmen. Major Astrachankin wendet sich mit einem besorgten Schreiben an die Personalabteilung des Kombinats: es gibt niemanden, um die Fachleute zu ersetzen. Sie warten auf weitere Anweisungen für den Einsatz „politischer Verbrecher“.


Zugang zu geheimem Schriftverkehr verboten

Sonder-Regime? In Atamanowo?

Und schon kommt ein neuer Schlag. Am 12. April 1951 bringt der Leiter des Norilsker Erziehungs- und Arbeitslagers und des Kombinats des MWD, der Ingenieur und Oberst W.S. Swerjew, einen ungewöhnlichen Befehl unter dem Siegel „streng geheim“ heraus.

Auf Grundlage einer Anweisung des MWD der UdSSR wird auf dem Zentral-Gehöft des Erholungsheims „Tajoschnij“ ein Sonder-Regime eingerichtet. Personen mit Ausweis-Beschränkungen, - verbannte Siedler, Ausgesiedelte und das Sonder-Kontingent (ehemalige sowjetische Kriegsgefangene) – sollen aus Atamanowo ausgesiedelt werden.

Diese Verfügung löste einen gewaltigen Schock aus: der Verwaltungsapparat des Erholungsheims sowie auch das Zentral-Gehöft waren zu 75-80% mit konterrevolutionären Elementen „verunreinigt“. Was tun?

Man begann fieberhaft nach einem Ausweg zu suchen. Der erste Schritt – all diejenigen zu entlassen, ohne die die Wirtschaft auskommen konnte. Aber man fand nicht mehr als 20 solcher Leute. Weitere 14 versetzt man vorübergehend in den Sowjetsker Bezirk.

22 Verbannte, die bei der Suchobusimsker Bezirksabteilung des MGB gemeldet waren, werden in Übereinkunft mit dem Chef der Miliz, Hauptmann Sawjaginzew, zum Holzfällen ans rechte Ufer des Jenissei, nach Nowonikolajewka, geschickt.

Und trotzdem verläuft die Säuberung des Territoriums nicht zufriedenstellend. Das wertvollste Personal geriet in die Rubrik der Unzuverlässigen. Doch auf keinen Fall durfte die gesamte Produktion zum Stillstand gebracht werden! Aber es war auch unsinnig, den Befehl des MWD zu ignorieren. Eine ausweglose Situation.

In „Tajoschnij“ unterliegen die Mitarbeiter der Krasnojarsker Filiale der operativen Abteilung des Norillag dem Kommando des Leiters. Sie handeln entschiedener. Damals fand man einen Kompromiss: Verbannte werden nicht entlassen, sondern von Atamanowo in andere Abteilungen verlegt.

Die Umsiedlung begann am 18. Juni 1951. Bis zum 22. Juni hatte man 187 Mann dorthin gebracht.

In die schwarze Liste geriet auch Wartanjan. Am 25. Juni 1951 bringen sie ihn in der 3. Abteilung unter, die sich 25 km von Atamanowo entfernt befindet. Wie bereits zuvor steht er an der Spitze der Abteilung für Arbeit und Löhne und fährt jeden Tag zum Zentral-Gehöft.

45 Leute aus den Reihen der Verbannten (unter ihnen Deutsche, Ukrainer, Polen, Kalmücken und sogar Chinesen) werden 200 km weit in den Norden geschickt. Das Norillag erteilte den Befehl, im Pirowsker Bezirk eine 5. Lagerabteilung als Hilfswirtschaft zu schaffen. Vor dem Ende der schiffbaren Zeit sollte sie für die Polar-Sowchose 3000 Tonnen gepresstes Heu bereitgestellt haben.

Die Neue Lager-Nebenstelle musste unbedingt mit Ingenieurs- und Techniker-Personal komplettiert werden. Es formiert sich eine weitere Gruppe. Für die Umsiedlung der Personen, die unter Aufsicht der Sonderkommandantur stehen, ist eine Erlaubnis der MGB-Behörde der Region Krasnojarsk erforderlich. Ein solches Einverständnis wird von Oberstleutnant Gamenjuk erwirkt. Unter den Spezialisten befanden sich die Verbannten Jenok Wartanjan, Arkadij Arljuk, Wachtang Dschaparidse, Aleksej Tkatschenko, die Sonderaussiedlerin Albina Dori und der ehemalige Kriegsgefangene Sanur Salchudinow.

Als Normsachbearbeiter verbrachte Wartanjan genau drei Monate in der 5. Lagernebenstelle. Die Wirtschaft fand keinen Ersatz für den hochqualifizierten Wirtschaftswissenschaftler. Sie holten ihn auf seinen vorherigen Arbeitsplatz zurück. Aber aufhalten durfte er sich in Atamanowo nicht. Die Spezialisten werden in der 1. Und 2. Lagernebenstelle sowie der Saman-Farm untergebracht und Tag für Tag zum Zentral-Kontor und wieder zurück gefahren. Das schafft zahlreiche Unannehmlichkeiten, zieht ungerechtfertigte Ausgaben nach sich; außerdem muss der Transport des Kontingents immer mit dem MGB abgesprochen werden.

Die Leitung des Erholungsheims schickt verzweifelte chiffrierte Telegramme an das Kombinat: der Arbeit in einigen Produktionsstätten und Objekten droht der Stillstand.

Doch es trifft ein neuer Befehl ein, der die Lage noch weiter verschärft – die unzuverlässigen Arbeiter sollen entfernt werden – und zwar diesmal aus der 1. Und 2. Lagernebenstelle sowie der Saman-Farm.

Mehr als 200 Leute, vor allem deutsche Familien, werden kurzerhand in den Kasatschinsker Bezirk verlegt. Eine große Gruppe wird in den Süden der Region Krasnojarsk, in die Igryschensker Sowchose im Nowoselowsker Bezirk geschickt.,

Diejenigen Arbeiter, ohne die man unmöglich auskommen kann, werden in die 3. Lagernebenstelle verlegt. Die Lage ist einfach katastrophal. Der Chef der Hilfswirtschaft, Oberstleutnant Astrachankin, schickt eine eilige Depesche an die MGB-Behörde der Region Krasnojarsk, in der er um die Erlaubnis bittet, den täglichen Transport der Arbeiter zum Zentral-Gehöft, zur 1. Und 2. Lagernebenstelle und zur Saman-Farm zu gestatten:

„Wenn wir die Zufuhr des erwähnten Kontingents für weniger als einen Tag unterbrechen, können wir nicht einmal mehr die Kühe melken, die Schweine und Hühner füttern, ganz zu schweigen von anderen, noch dringlicheren Aufgaben“.

Gelegentlich kommt es vor, dass in der Wirtschaft unter Zeitdruck gearbeitet werden muss. Manchmal gelang es aufgrund unzureichend vorhandener Arbeitskräfte nicht, vor den ersten Nachtfrösten den Kohl zu ernten, dann wieder war man mit der Gemüse-Verladung auf die Lastkähne im Verzug. Es wurde zur Samstagsarbeit aufgerufen. An den freien Tagen gehen die leitenden Mitarbeiter jeden Ranges und auch das Ingenieur- und Techniker-Personal widerspruchslos auf die Felder oder zur Anlegestelle. Niemand wagt es, sich den anfallenden Arbeiten zu entziehen; Nichterscheinen gilt als Arbeitsbummelei.

Das unterirdische Kombinat

Niemand (nicht einmal die oberste Leitung des Norillag) wusste, aus welchem Grund die gänzlich unscheinbare Siedlung, die 85 km von Krasnojarsk (dem Binnenhafen) entfernt am Ufer des Jenissei stand, plötzlich zur Regime-Zone wurde. Alle befinden sich in einem Zustand des Befremdens: die Grenze ist weit weg, es gibt hier in der Gegend keine geheimen Produktionsstätten. Am rechten Ufer – die Taiga, am linken – nichts als elende Kolchosen. Man hegte unterschiedliche Vermutungen. Doch keiner kam auch nur annähernd auf die Enträtselung des Geheimnisses.

… Und erst vierzig Jahre später wurde bekannt: am 26. Februar 1950 hatte der Ministerrat der UdSSR die Anordnung über den Bau einer Verteidigungsfabrik zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium in der Region Krasnojarsk verabschiedet. Das Dokument war von Josef Stalin unterzeichnet worden. Im Granit-Massiv der Atamanowsker Gebirgskette, in 230 Meter Tiefe begann man mit dem Bau des Objekts N° 815 zur Produktion von Füllstoffen für Atombomben.

Weshalb fiel die Wahl für den Bauplatz ausgerechnet auf diese entlegene Gegend? Für die Abkühlung der Atomreaktoren war viel Wasser nötig; deswegen sollte das Kombinat in der Nähe eines Staubeckens gelegen sein. Zum Schutz vor möglichen Atomangriffen aus der Luft versteckte man die Produktionsanlagen tief unter der Erde, genauer gesagt – unter einer mächtigen Granitschicht.

Zur Verheimlichung nannte man das Projekt Verwaltung für den Bau von Eisenerz- Bergwerken. Diese Legende – von der Eisenerz-Förderung – existierte viele Jahre und verwirklichte sich sogar Jahre später in der Stadt der Atomwissenschaftler als Schelesnogorsk (Eisenstadt; Anm. d. Übers.). Dabei gab es in der gesamten Gegend überhaupt keine Eisenerz-Bergwerke.


In diesem völlig unspektakulär aussehenden Berg waren die
Atom-Reaktoren verborgen.
Foto: Aleksej Matonin

Zur Mündung des Flusses Istok

Doch damit war das Ganze noch nicht beendet. Mit der Entwicklung des geheimen Projekts verschlimmerten sich die Vorsichtsmaßnahmen. Auf Verfügung des Ministerrats der UdSSR vom 22. März 1952, N° 6175 / streng geheim, und der Anordnung des Ministers für innere Angelegenheiten, Genosse Kruglow, N° 560 vom 31. März 1952 wurde das Norilsker Kombinat ersucht, das Erholungsheim, das Pionierlager und das Zentral-Gehöft der Sowchose „Tajoschnij“ zum 1. Januar 1953 weiter den Jenissei flussabwärts zu verlegen.

Zur Mündung des Flusses Istok wurde zusätzlich noch eine Lagernebenstelle verlegt – die 26.
mit einem Arbeitsumfang wie das Baukontor N° 1.

In eineinhalb Kilometern Entfernung von der Siedlung, am Ufer des Jenissei, richtete man eine Anlegestelle ein. Ein Lastkahn nach dem anderen kam mit Säge- und Schnittholz, Ziegelsteinen, Schiefer, Metall. Im Eiltempo wurde mit dem Bau der Produktionsobjekte begonnen. Von überallher – aus Norilsk, Turuchansk, Kureika, Podkammennaja Tunguska wurden Häftlinge und Verbannte gebracht.

Bis zum Januar schaffte man es nicht, aber im Oktober 1953 verlegen sie die Administration und die wichtigsten Spezialisten des Erholungsheims, das zu dieser Zeit den Namen Sowchose „Taijoschnij“ trägt, zur 4. Lagernebenstelle.

In wieder machen sich die Verbannten auf den Weg, verlieren Freunde, ihren Wohnort, ihre einigermaßen eingerichtete Behausung, ihr armseliges Hab und Gut.

- Das Gebäude des Zentral-Kontors hatten sie noch nicht errichten können. Die Mitarbeiter wurden in großen Zelten untergebracht. Mein Mann Iwan Prokopjewitsch arbeitete als Buchhalter. Er kannte Wartanjan ziemlich gut und sprach immer gut von ihm – wie von einem Menschen, der in schwierigen Zeiten seine Würde bewahrt hat.

Die Familien der Spezialisten wurden in den gerade erst fertig gebauten Baracken einquartiert. Und da lernte ich damals dann auch Jenok Wartanowitsch kennen. Er machte einen sehr guten Eindruck auf mich. Gebildet, beherrscht, im Umgang äußerst unkompliziert. Es war stets interessant sich mit ihm zu unterhalten. In seinem Zimmer, so schien es, gab es kein einziges Möbelstück, aber es war dort sehr sauber, - erinnert sich Maria Jegorowna Samssonowa.

Vor Kurzem ist sie 92 Jahre alt geworden, aber sie hat noch viele Namen von Repressionsopfern im Gedächtnis behalten. Die Samssonows (beide Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges, heirateten an der Front) kamen , eneso wie Wartanjan, 1950 nach „Tajoschnij“. Iwan Prokopjewitsch arbeitete bis zur Rente in der Sowchose, sein letzter Posten war der des stellvertretenden Oberbuchhalters. Maria Jegorowna war in der Wirtschaft mit allen möglichen Arbeiten beschäftigt, später als Krankenpflegerin im Ambulatorium und in der Apotheke.

Zu der Zeit sah sie in den Straßen jeden Tag Verbannte. Die meisten litten Not, besaßen keine warme Kleidung, keine Schuhe. Bei eisigem Frost liefen sie in lumpigen Bastschuhen herum, die sie aus alten Fetzen zusammengenäht hatten, oder in Halbstiefeln aus Gummireifen auf einer hölzernen Sohle.

Übrigens haben auch andere Alteingesessene Atamanowos gute Erinnerungen an Wartanjan, die ehemaligen Mitarbeiter von „Tajoschnij“ Aleksandra Dmitrijewna Bogdantschikowa, Iwan Andrejewitsch Komissarow, Wassilij Semjonowitsch Bjelow.

Bjelow kam 1952 nach Atamanowo; er arbeitete als Leiter der Abteilung für Nachrichtenverbindungen. Er hatte die Gelegenheit, verschlüsselte Telegramme des Norilsker Kombinats unter anderem an den Leiter der Abteilung Arbeit und Lohn zu überbringen und sich dabei mit ihm ein wenig zu unterhalten. Wassilj Semjonowitsch sagt, dass Jenok Wartanjan große Autorität im Kollektiv genoss.

Der Veteran erinnert sich, wo sich die Baracken für die Verbannten (Wirtschaftsspezialisten) befanden – heute sind das die Verbindungsstraße und die Perwomajskaja-Straße.

In den Holzbauten, die man in kleine Käfige unterteilt hatte, hätte nirgends ein Apfel auf den Boden fallen können; die Menschen wohnten eng zusammengepfercht, wobei sie bei starkem Frost bis auf die Knochen durchfroren. Und es gab keinerlei Schutz vor den Wanzen. Andere waren gänzlich in Erdhütten, Pferdeställen oder Badehäusern untergebracht.

Elektrizität gab es übrigens in dem Dorf erst ab 1953.

Wie Wassilij Semjonowitsch erzählt, bezog das Zentral-Kontor lediglich für einen Winter sein Quartier in der 4. Abteilung; anschließend verlegte man es wieder zurück nach Atamanowo. Zu dieser Zeit hatten sie das Erholungsheim, das Pionierlager und die Treibhaus-Wirtschaft an die „Neunte“ übertragen – die Behörde für die Einrichtung von Erzbergwerken, Postfach N° 9.

Niemand hätte sich ausmalen können, dass es sich dabei um eine geheime Produktion handelte, die ebenfalls zu Berijas Behörde gehörte.

Später kam Atamanowo wieder unter die Fittiche von „Tajoschnij“.

Bei Jenok Wartanowitsch änderte sich nicht nur der Wohnort, man versetzte ihn auch ständig von einem Posten auf einen anderen. Im Kollektiv fanden sich Kameraden, die unermüdlich den Verlust der bolschewistischen Wachsamkeit signalisierten: „… trotz er kategorischen Anweisung bezüglich der Säuberung des Apparats von Personen, die kein politisches Vertrauen einflößen, halten sie in „Tajoschnij“ unentwegt diverse feindliche Elemente auf leitenden Posten (Verbannte gemäß §58 sowie das Sonderkontingent) – wie Wichlajew, Poljakow, Wartanjan… insgesamt 34 Mann“. Und sie verlangten, dass man Ersatzleute schickte.

Doch es fand sich kein vollwertiger Ersatz, und so leitete Wartanjan faktisch wie bereits zuvor die Abteilung für Arbeit und Lohn, wenngleich sich das Amt in den Befehlen ganz anders nannte: Ober-Wirtschaftler, Leiter der Normierungsgruppe, Ingenieur-Normsachbearbeiter. Dementsprechend sank auch das Gehalt. 1951 ernannten sie ihn für einige Zeit zum Ober-Agronom des Versuchsfeldes.

Schließlich waren ei Behörden-Organe von „Schädlingen des sowjetischen Aufbaus“ gesäubert. Und die Sowchose erlitt einen nicht wiedergutzumachenden Schaden. Nie wieder sollte sie in ihrem festen Personalbestand so glänzende Spezialisten beschäftigen.

Die Angst verschloss den Mund

Wovon lebten die Verbannten im entfernten sibirischen Dorf?

Sie lasen viel. Sie gingen gern ins Kiefernwäldchen und zum Ufer des Jenissei. Sie erfreuten sich an dem mächtigen Fluss und beobachteten stundenlang die vorüberziehenden Schiffe.

Die Freude des Umgangs mit den Schicksalsgenossen, intelligenten, gebildeten Menschen, „durch die sich mittels gegenseitiger Anteilnahme die Seelen erwärmten“, war ebenfalls verdorben. Nach der Lagerhaft hatten die Menschen Angst miteinander zu sprechen. Die Angst verschloss den Mund. Den § 58-ern konnte man leicht die Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Gruppe anhängen. Jegliche Kontakte galten als verdächtig und gaben Anlass für einen Vermerk; die Verbannung „für immer“ konnte sich dadurch leicht in 25 Jahre Lagerhaft verwandeln. Man musste also mit Leuten anderer geistiger Schattierung verkehren.

Die einzige Freude waren Briefe von den Angehörigen.

Das Schicksal machte sie alle gleich

Jelena Sergejewna Wartanjan ertrug tapfer die Schläge des Schicksals. 15 Jahre lang zog sie nicht nur ganz allein die Söhne groß. 15 Jahre lang trug sie auch den Stempel einer „Volksfeindin“. Ihre Seele sorgte sich um den Ehemann.

„Und das Herz wurde des Weinens müde,
Von all den unerträglichen Qualen“.

In Armenien beherbergte ihre leibliche Schwester die Flüchtlinge. Jelena Sergejewna besaß das Diplom einer Chemie-Ingenieurin – sie hatte die Staatliche Moskauer Universität absolviert, aber niemand stellte sie wegen der Vorstrafen ihres Mannes ein. Mit viel Mühe gelang es ihr, eine Arbeit als einfache Laborantin im Trust für Konditorwaren zu finden.

Die Söhne wuchsen heran. Was hielt das weitere Schicksal für sie bereit? Stalin hatte gesagt: ein Sohn ist für seinen Vater nicht verantwortlich… Oh, wenn das doch nur wirklich so wäre! Wie Aleksander Twardowskij in seinem Gedicht „Das Recht auf Erinnerung“ schrieb:

Die Bezeichnung Volksfeind ist bei ihnen
Schon zum Recht geworden,
Und mit einem einzigen Gesetzesstrich
Sind bereits alle Schicksale gleich:
Der Sohn eines Kulaken oder der eines Volkskommissars,
Der Sohn eines Kommandeurs oder eines Popen…
Der Stempel des feindlichen Blutes war
Dem kleinen Kind von Geburt an aufgedrückt.
Und trotzdem reichten, wie es scheint,
Dem Land die abgestempelten Söhne noch nicht.

Der ältere Marat ging ans Staatliche Medizinische Institut in Jeriwan. Über ihm, dem Sohn eines „politischen Verbrechers“ hing ständig der drohende Ausschluss. Und dann setzten sich Lehrer und Studenten jedes Mal freundschaftlich für Marat ein. Die Fakultät konnte es sich nicht erlauben, einen ihrer talentiertesten Studenten zu verlieren. Marat engagierte sich erfolgreich in der wissenschaftlichen Studentengemeinschaft, war Spieler in der armenischen Auswahlmannschaft im Basketball.

Der jüngere Feliks ging noch zur Schule.

Voller Ungeduld warteten sie auf Nachrichten vom Vater. Was schrieb er der Familie? Er schrieb, dass er sie liebt und fest daran glaubt: das Ende der Trennung wird kommen. Jenok Wartanowitschs Briefe sind nicht erhalten geblieben. Ich gestatte mir, die durchdringenden Zeilen zu zitieren, die der Feder eines Mannes entstammen, der vom gleichen Schicksal wie Wartanjan heimgesucht wurde.

„Wo ich auch hinschaue, worüber ich auch nachdenke, - alles erscheint mir düster, besorgniserregend, in mancherlei Hinsicht hoffnungslos, und nur mein Zuhause mit meinen Lieben stellt sich mir klar und freudvoll dar, als Stern, der den Weg erhellt. Und das verleiht mir neue Kräfte, so dass ich trotz des mörderischen Tatbestands der düsteren Wirklichkeit nicht meinen Mut verliere“.

Das gesegnete Jahr 1954

AM 5.März 1953 starb Josef Stalin. Und schon im April wurde das Norilsker Kombinat aus dem GULAG-System herausgenommen und an das gerade erst geschaffene Ministerium für Metall-Hüttenindustrie übertragen. Aber das Norillag bleib noch eines der größten Lager der Sowjetunion – es zählte 34 Lager-Außenstellen mit einer Gesamtzahl von 68,000 Häftlingen. Die 25. und 26. Lagerabteilung waren weiterhin bei der Sowchose “Tajoschnij” in Betrieb. Die Gefangenen arbeiteten Seite an Seite mit Verbannten.

Als in Moskau Berija verhaftet wurde, keimte bei den Einen wie den Anderen die schwache Hoffnung auf Freilassung auf. Ganz offensichtlich verringerte sich der Verbannten-Strom. Und außerdem lockerte die Sonder-Kommandantur das strenge Regime. Nun musste man sich nicht mehr zweimal im Monat melden und registrieren lassen, sondern nur noch einmal. Auch in anderen Bereichen wurde mehr Nachsicht gezeigt.

Und er kam, dieser glückliche Moment. Das gesegnete Jahr 1954! In der MGB-Behörde begannen sie damit, die Verbannungssiedler von der Liste zu streichen und abzumelden. Es wurden Ausweise ausgegeben. Manche weinten und küssten dieses kleine Büchlein. Für sie war dies nicht einfach nur ein Personalausweis. Es bedeutete die Rückkehr in ein normales menschliches Leben. Sie wurden wieder zu vollwertigen Bürgern des Landes und waren keine Ausgestoßenen der sowjetischen Gesellschaft mehr.

Jeder war bestrebt, das Ufer des Jenissei so schnell wie möglich zu verlassen. Die gequälten, erschöpften Menschen konnten ihr Glück kaum fassen, doch sie fürchteten Provokationen. Die Pädagogin der Suchobusimsker Oberschule, Irina Aleksandrowna Sujewa, erinnert sich: zu ihrem Großvater, dem Leiter der 3. Lager-Außenstelle, Aleksej Filippowitsch Grigorjew, kamen die Verbannten entweder am sehr späten Abend oder am frühen Morgen, um sich zu verabschieden; bis zur allerletzten Minute hielten sie die Nachricht über ihre Freilassung geheim.

1954 begleitete Wartanjan viele seiner Kameraden. Den Ort verließen: der Arzt Grigorij Rosowskij, der Bodenbewirtschafter Kambaj Schachssuwarow, der Baustellen-Meister Michail Stalnoj, die armenischen Landsleute Wladimir Oganesjan, Arutjun Stepanjan, Tatewos Grigorjan, der Leiter des Elektrokraftwerks Schan Krumin, der Ober-Zootechniker der 3. Lager-Außenstelle und Krim-Tatar Bekir Umerow, der stellvertretende Ober-Buchhalter Eduard Gebel (Göbel?; Anm. d. Übers.).

Quälend zieht sich die Zeit dahin. Jenok Wartanowitsch reichte ein Gesuch zur Überprüfung seiner Akte ein; er wartet auf seine Stunde.

Lange Jahre hindurch war die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Familie die einzige Rettung vor der restlosen Verzweiflung gewesen. Es schien, als ob nur noch ein halber Schritt nötig wäre…

Doch das Jahr 1954 ging zu Ende, es kam das neue Jahr 1955, und es gab keine Nachrichten.

Das Frühjahr ging vorüber, danach der Sommer.

Musste man denn tatsächlich noch einen weiteren Winter durchhalten?….

Und erst mit dem Einsetzen der ersten Nachtfröste brachte der Postbote den lang ersehnten Briefumschlag.

„… Die Akte wurde wegen mangelnder Verbrechenstatbestände geschlossen“.

Das heißt, der Mann hatte überhaupt keine rechtswidrigen Handlungen begangen. Absolut nicht. Wofür hatte er also all diese Qualen erleiden müssen? Das Lager, wo jeder Tag der letzte sein konnte, die Verbannung, die furchtbaren Erniedrigungen, die Rechtlosigkeit…

15 Jahre können aus dem Leben nicht so einfach ausradiert werden. 15 Jahre ungeheuerlichen Leids, begangen an vollkommen unschuldigen Menschen, seinen Angehörigen und Verwandten…

Der junge Direktor der Sowchose „Tajoschnij“, Michail Michailowitsch Konjachin trennte sich schweren Herzens von den hervorragenden Spezialisten, die er wirklich schätzte und von denen er eine Menge gelernt hatte. Aber er war froh, dass die Unschuldigen endlich ihre langersehnte Freiheit erhielten.


So sah das Erholungsheim „Tajischnij“ 1955 aus.
Das Foto wurde von Galina Demina zur Verfügung gestellt.

Von diesem Schmerz kannst du dich nicht lösen

Der unvergessliche Moment des Wiedersehens mit den Söhnen, mit der bereits gealterten, aber über alles geliebten Ehefrau… Er schaute in die vertrauten Gesichter und konnte den Blick überhaupt nicht mehr abwenden, um zu glauben, dass dies kein Traum war.

15 Jahre zuvor hatte er sich von seinen kleinen Kindern verabschiedet, und jetzt stehen vor ihm ausgewachsene Männer. Um wie vieles er gebracht worden ist, wie viel er verloren hat! Nicht zu sehen, wie seine Söhne herangewachsen und zu Männern geworden sind, keinerlei Möglichkeit zu besitzen, sie in schwierigen Minuten zu unterstützen und ihnen beizustehen. Er konnte nur von Herzen seiner Ehefrau Jelena Sergejewna dafür danken, dass sie die Kinder auf eigene Füße gestellt und zu würdigen Menschen erzogen hatte.

Marat beendet mit Erfolg das Institut, arbeitete als Arzt im Sewansker Republikanischen Psychiatrischen Krankenhaus. Feliks beendete die Oberschule.

1956 kehrte die Familie nach Moskau zurück. Jenok Wartanowitsch wurde wieder in die Partei aufgenommen. Man bot ihm den Posten des Ober-Spezialisten im Ministeriun für Handel der UdSSR an. Jelena Sergejwna fand Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für Eiweiß-Synthese.

Marat widmete sich der Wissenschaft, arbeitete am Institut der Psychiatrischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften der UdSSR. Feliks nahm ein Studium am Medizinischen Institut auf.

Es kamen Enkelkinder. Der Umgang mit ihnen brachte unvergleichliches Glück. Jenok Wartanowitsch schien alles Versäumte nachzuholen; schließlich waren ihm doch so viele Jahre der Freude väterlicher Gefühle genommen worden.

Als Jenok Wartanowitsch in den wohlverdienten Ruhestand ging, zahlten sie für ihn eine Rente nach Unionsniveau.


Mit den Enkelkindern Anusch und Karen

1976 starb er. Jelena Sergejewna überlebte ihren Mann um 8 Jahre. Beide sind auf dem Wagankowsker Friedhof in Moskau beerdigt.

Es gelang Jenok Wartanowitsch nicht, sein reiches Potential zu verwirklichen. Die erlogene Strafakte durchkreuzte sein Leben, als er 35 Jahre alt war. In der vollen Blüte seiner Kraft.


M.J. Wartanjans Buch
1997

Er konnte sich noch daran erfreuen, wie die Söhne einen Gipfel nach dem anderen erklommen. Beide wurden weltbekannte Wissenschaftler.

Marat Jenokowitsch verteidigte im Alter von 30 Jahren seine Dissertation zum Doktor, wurde mit 38 Professor, einige Jahre später zum korrespondierenden Mitglied gewählt und 1988 zum aktiven Mitglied der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der UdSSR. Er war Akademiker, Direktor des größten wissenschaftlichen Zentrums für psychische Gesundheit in Moskau. Der Autor von mehr als 120 wissenschaftlichen Arbeiten besaß große Autorität innerhalb der wissenschaftlichen Welt-Gemeinschaft.

Auf Grundlage seiner Forschungen wurden wissenschaftliche Programme der Weltgesundheitsorganisation und anderer internationaler Projekte erarbeitet und realisiert.

Wenige Tage vor seinem Tod im Jahre 1993 wurde er zum aktiven Mitglied der New Yorker Akademie der Wissenschaften gewählt.

Feliks Jenokowitsch trat in die Fußstapfen des älteren Bruders. 1961 beendete er das Medizinische Institut in Moskau und wurde ebenfalls Psychiater. Mit 33 Jahren erklomm er die Stufe eines Kandidaten der Wissenschaften, 20 Jahre später verteidigte er seine Doktorarbeit. In den Jahren 1973-1980 arbeitete Feliks in der Schweiz, im Stabsquartier der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Stadt Genf.

Der Professor, Prorektor für wissenschaftliche Arbeit und internationale Zusammenarbeit ist nach wie vor tätig und leitet den Lehrstuhl für internationale Gesundheit und ausländische Sprachen an der Russischen Medizinischen Akademie für die weitere Ausbildung nach dem Diplom. Er ist Berater der WHO, Berater des Europarats in Gesundheitsfragen, Mitglied des Experten-Komitees der medizinischen Mitarbeiter, Mitglied der New Yorker und Mexikanischen Akademie der Wissenschaften.

Zwei Enkelkinder von Jenok Wartanowitsch – Karen und Anusch – sind ebenfalls Ärzte, Doktoren der medizinischen Wissenschaften, Professoren (auf dem Gebiet der Onkologie und Endokrinologie). Beide arbeiten in Moskau in führenden Forschungs- und Bildungszentren. Urenkel Rewas ist bereits Herzchirurg und setzt damit die ruhmreiche Doktoren-Dynastie fort. Die jüngsten Urenkel, Jelena und Stepan kommen gut in der Oberschule voran.

Es gelang mir, den jüngsten Sohn Feliks Jenokowitsch Wartanjans ausfindig zu machen.

Ein Briefwechsel entspann sich. Dabei stellt sich heraus, dass man innerhalb der Familie nur sehr wenig über die schwierigste Zeit im Leben Jenok Wartanowitschs wusste. Aus verständlichen Gründen hatte er vom Lager und von der Verbannung nichts erzählt.

Dankbar nahm die Familie die von mir gesammelten Informationen entgegen. Karen schickte Fotos aus dem Familienalbum


Marat und Feliks in Universitätsmänteln. Sie waren gerade erst als
Mitglieder der Mexikanischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden.
Marat in der Mitte, Feliks links neben ihm. 1975

„Euer Kontakt hat in mir schwer lastende Erinnerungen an die Kinderjahre hervorgerufen, wenngleich die traurigen Gedanken mich viele Jahre lang nicht verlassen haben“, - schrieb mir Feliks Jenokowitsch. Ich musste an die Worte Aleksandr Twardowskijs denken:

Aber auch in zukünftigen Jahrhunderten
Kommst du von diesem Schmerz nicht los.
Wir können und davor nicht schützen!

Olga Wawilenko
Hauptredakteurin der Zeitung „Land-Leben“
Foto aus dem Familien-Archiv von F.J. Wartanjan

„Land-Leben“ (Suchobusimskoje), 11.06. und 03.07.2015


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