Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Ðóññêèé

Unerwünschte – nach Sibirien. Der Schmerz der Verfolgungen ist bis heute in der Erinnerung des Volkes lebendig

Millionen Menschen wurden allein in der Region Krasnojarsk zu Opfern des stalinistischen Regimes.


Häftlinge beim Bau.

In letzter Zeit hört man nicht selten Äußerungen über eine starke Hand, über eine Einteilung in die Unseren und die Fremden, und es ertönen sogar Appelle, diejenigen als Volksfeinde anzusehen, die anders denken. Was ist das – eine Rückkehr zu Stalins Rhetorik? Denn allein in der Region Krasnojarsk litten fast eine Million Menschen unter den Repressalien. Hat die Geschichte einen denn nichts gelehrt?

Wir haben mit der Historikerin Jelena Sberowskaja darüber gesprochen, auf welche Art und Weise in der Region Krasnojarsk in den stalinistischen Jahren die Idee von der Zwangsumsiedlung unerwünschter Völker und Bevölkerungsgruppen in die Tat umgesetzt wurden und wie die Schicksale der Menschen und ganzer Geschlechter zerbrachen.

Ein einheitlicher Staat

- Jelena Leonidowna, wer geriet in die Kategorie der Sondersiedler? Inwieweit stieg die Bevölkerungszahl der Region Krasnojarsk ihretwegen an?

- Die erste Massenwelle, mit der in unsere Region (zu der damals auch Chakassien gehörte. – T.A.) fast 100.000 Menschen kamen, bestand aus sogenannten „enteigneten Bauern“, und sie dauerte von 1931 bis Mitte der 1930-er Jahre. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs kamen polnische Ossadniks (polnisches Wort für „Siedler“, „Kolonisten“; Veteranen der polnischen Armee oder Zivilpersonen, die im Westen Weiß-Russlands oder der westlichen Ukraine Land erhalten oder gekauft hatten; Anm. d. Übers.), Ukrainer, Juden, Griechen, Finnen, Esten, Litauer, Letten und Sowjet-Deutsche, die aus der Autonomen Republik der Wolga-Deutschen stammten und der Formierung einer „fünften Kolonne“ verdächtigt worden waren.

Allerdings wurden, als man 1989 durch eine Erklärung des Obersten Rats der Sowjetunion die Zwangsumsiedlung und die Verfolgungen der Stalin-Zeit allgemein verurteilte und die Geheimhaltung in den Archiven aufhob, keinerlei Fakten gefunden, die bestätigt hätten, dass die Sowjet-Deutschen die Faschisten unterstützt hatten.

Besonders dramatisch verlief die Umsiedlung der Kalmücken-Familien. In die sibirischen Regionen und die Kasachische SSR wurden mehr als 92.000 von ihnen ausgesiedelt, darunter etwa 25.000 in die Region Krasnojarsk. Nach Angaben der NKWD-Behörden der Region Krasnojarsk kamen unterwegs 434 Menschen ums Leben. In den ersten fünf Jahren starben aus den Reihen aller deportierten Kalmücken 15.364 Personen. Insgesamt trafen in den 1930er bis 1950er Jahren 355.015 Menschen des sogenannten „Sonderkontingents“ ein. Und heute sind ein Drittel der Bevölkerung – ihre Nachfahren.

- Weshalb war es denn überhaupt nötig, die Menschen im ganzen Land durcheinander zu mischen?

- Einerseits galt es, das Gebiet östlich des Ural zu entwickeln – West- und Ost-Sibirien, Mittel-Asien. Und diejenigen, die sie hierher auswiesen, schickten sie vor allen Dingen in die Holzgewinnungswirtschaft, in die Goldgewinnungstrusts, zur Kohleförderung. Später war es der Versuch, einen einheitlichen Staat zu schaffen, in ethnischem Sinn – die ethnischen Gemeinschaften untereinander zu vermischen. Man hatte die Vorstellung, dass man so eine effektivere Durchführung der nationalen Politik (ein geschlossenes sowjetisches Volk) gewährleisten und damit die soziale Spannung nehmen könne. Aus heutiger Sicht wird jedoch klar, dass die Politik der Massen-Zwangsumsiedlungen, im Gegenteil, die Probleme im Lande nur noch weiter verschärften - und die lange Schleppe der nationalen Deformierungen zieht sich hin bis auf den heutigen Tag.


Eine Gruppe Gefangener. Foto: Krasnojarsker „Memorial“

- So ist in unserer Familie bis heute die Erschießung des Urgroßvaters, den das NKWD für einen Kulaken (Großbauern; Anm. d. Übers.) hielt, ein schmerzliches Thema.

- Genauso schmerzlich werden auch die Ereignisse, die im Zusammenhang mit den Verfolgungen stehen, in den Familien anderer Sonderumsiedler wahrgenommen. Das traumatische Bewusstsein kann auch in den Kindern, Enkel und Urenkeln weiterleben. Die Erinnerung daran ist in der Mentalität des Volkes nicht ausradiert.

Äxte als Hilfsmittel

- Es ist erschütternd, wie wenig das Leben eines Menschen wert war! Meine Urgroßmutter wurde beispielsweise mit ihren fünf Kindern in einer zweistöckigen Holzbaracke untergebracht, mit einem einzigen Ofen auf der Etage. Zwei Kinderchen starben. Man hat das Empfinden, dass die Leute durch die Umsiedlung einfach nur vernichtet werden sollten. Man machte mit allen keine großen Umstände, richtig?


Denkmal für die Opfer der Repressionen im Norden der Region Krasnojarsk.
Foto: Taimyrer Heimatkunde-Museum

- In den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gab es wenig Möglichkeiten menschliche Bedingungen zu schaffen. Die meisten Geldmittel gingen an die Produktion von Munition und Uniformen. Und dafür kamen sofort tausende Menschen! Oft mussten sie sich selber ihre Baracken bauen. Natürlich lebten sie unter Bedingungen größter Beengtheit und in miserablen sanitären Verhältnissen. Es kam sogar zum Ausbruch von Seuchen. Offen gestanden – es gab auch Vorgesetzte, die es gar nicht eilig damit hatten, lebenswerte Bedingungen zu schaffen. Obwohl man dafür sehr wohl hätte Geld zuteilen können.

Sie konnten die Arbeiter irgendwo in der Taiga aussetzen, in der Holzgewinnung, und ein Teil der Umsiedler wurde 1942 zum gewerblichen Fischfang in den Hohen Norden geschickt – ans nackte Ufer, und ausgerüstet mit Äxten; das war noch der günstigste Fall. Zweifellos litten diejenigen, die umgesiedelt wurden. Sie verloren ihren vorherigen sozialen und wirtschaftlichen Status. Jemand konnte Musiker in der Autonomen Republik der Wolgadeutschen gewesen sein – und hier musste er eine Arbeit als Heizer im Kesselraum verrichten. Allerdings unterschiedet sich auch die ortsansässige Bevölkerung vor dem Hintergrund der eingetroffenen Umsiedler nicht allzu sehr.


Foto: Taimyrer Heimatkunde-Museum

- Wie veränderte sich das Leben der Sondersiedler? Viele befanden sich bis an ihr Lebensende in dem Status, der Sohn eines Volksfeindes zu sein, und mit so einem aufgedrückten Stempel Karriere zu machen, war schon gar nicht möglich.

- Eine derartige Formulierung existierte nur unter Stalin. Nach seinem Tod handelte es sich eher um eine psychologische Wahrnehmung. Unter den Bedingungen der Sondersiedlung verlor der Mensch, der zum Sonderkontingent gehörte, sein Recht auf freie Bewegung. Einmal im Monat musste sich jeder über 18 Jahre in der Sonder-Kommandantur melden. Ohne Erlaubnis durfte man nicht einmal zum Lernen, zur Ausbildung in die Bezirkshauptstadt fahren.


Foto: Taimyrer Heimatkunde-Museum

Offiziell wurde die Abteilung Sondersiedlungen in der Sowjetunion 1959 liquidiert. Kalmücken, Polen, Finnen konnten nach ihrer Rehabilitierung in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die Orte verlassen. Den Deutschen nahm man die Einschränkungen, mit denen sie als Sondersiedler behaftet waren, aber man erlaubte ihnen nicht, an die Wolga zurückzukehren. Unter ihnen und ihren Nachfahren befinden sich viele von denen, die trotz der schwierigen Bedingungen Karriere machten. Hermann Gref beispielsweise: er wurde in Kasachstan in einer Umsiedler-Familie geboren, die aus dem Donezk-Gebiet nach Kasachstan ausgewiesen worden war.

In Erwartung eines Starken?

- Welche Auswege sollten wir, die Nachfahren, Ihrer Meinung nach aus diesen Tragödien ziehen?

- Eine der Lehren, die uns von unseren Vorgängern erteilt wurde ist: ein menschliches Leben, Respekt gegenüber der Person – das ist das Allerwichtigste. Aber es ist wohl nicht allein dieser Zeitraum, sondern die Geschichte des Landes des 20. Jahrhunderts insgesamt aufgerufen, uns das zu lehren.

- Und warum rüttelt Ihrer Ansicht nach die Rückkehr zur stalinistischen Rhetorik, wenn im gesellschaftlichen Massen-Bereich Leute mal als nationale Verräter, mal als Volksfeinde bezeichnet werden, uns heute so auf? Wobei es Menschen gibt, die mit Stalin gleichermaßen sympathisieren, ihn aber auch hassen.

- Nach den Angaben soziologischer Umfrage gibt es bei der Mehrheit der Bevölkerung Bedarf an einem starken Staat, einer starken Persönlichkeit, dem Vorhandensein nationaler Ideen.

- Aber ist das nicht einfach nur die Umlegung ihrer eigenen Verantwortlichkeit für ein Leben nach dem Gewissen, für Ordnung in der Familie und am Arbeitsplatz auf einen großen und kräftigen Onkel von außerhalb, der all unsere angesammelten Probleme lösen soll?

- Das ist russische Tradition. Denn das Weltverständnis des Menschen kam nicht erst im Jahre 2015 zustande. In der Regel erbt jeder von seinen Vorfahren eine bestimmte Mentalität. Sie haben von ihrer Familie eine bestimmte Einstellung zu den Handlungen Josef Wissarionowitschs mitbekommen. Ebenso erben viele andere von ihren Vorvätern wertvolle Richtlinien.

Dossier:
Jelena Sberowskaja. Geboren 1970 in der Ortschaft Poilowo, Bezirk Kuragino.
1992 beendete sie die historische Fakultät am Pädagogischen Institut in Krasnojarsk. Kandidatin der Geschichtswissenschaften, Leiterin des Lehrstuhls für allgemeine Geschichte an der Staatlichen Pädagogischen Universität Krasnojarsk.

Tatjana Antipewa

Artikel aus der Zeitung: „Argumente und Fakten am Jenissei“, N° 4 (1837), 27/01/2016


Zum Seitenanfang