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Die Erinnerung muss leben


Sajan-Zeitung – Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Repressionen.
Siedlung Tugatsch

In der Siedlung Tugatsch, Sajan-Bezirk, wurde am 27. Oktober der Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Repressionen begangen.

Auf diesen Tag hatte man sich in Tugatsch durch das Studium der Geschichte von Schicksalen, der Geschichte der Ortschaft an sich, lange und sorgfältig vorbereitet. Er sollte für alle Tugatscher sowie ihre Gäste etwas ganz Besonderes sein. Zum ersten Mal sollte in der Taiga-Siedlung, die damals Zentrum einer der größten Stalin-Lager war, eine Veranstaltung stattfinden. Die dem Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Repressionen gewidmet war.

Die Vorbereitungen waren also abgeschlossen, und so begannen die Gäste sich am Morgen des 27. Oktober im dörflichen Kulturhaus zu versammeln, um sich von hier aus auf den Weg zum Friedhof zu machen. Nein, nicht zum jetzigen, der an der Einfahrt zur Siedlung liegt, sondern zu dem, auf dem vor mehreren Jahrzehnten die Häftlinge begraben wurden – den alten Friedhof des KrasLag.

Zum Gedenken an die in den Jahren der Repressionen Umgekommenen kamen Vertreter der Administration, des Bezirksrats der Deputierten, die Siedlungsoberhäupter, Leiter der Abteilungen der Bezirksverwaltung, Schüler der Bezirksschulen. Das Oberhaupt der Siedlung, Tamara Petrowa, hatte die Töchter derer zu einer Begegnung eingeladen, die ihre Haftstrafe im KrasLag verbüßt hatten. Eine von ihnen, die Tochter eines Wolga-Deutschen, war sogar ganz aus der Stadt Sosnowoborsk angereist. Zu Fuß kamen auch die Ortsbewohner, unter denen es einige Augenzeugen jener schrecklichen Ereignisse gab.

Am Vorabend wurde auf dem Friedhof ein orthodoxes Kreuz errichtet. Zuerst hatte man geplant, es unmittelbar auf dem Friedhofsgelände aufzustellen; man machte eine Stelle ausfindig, begann zu graben, musste dann aber mit Schrecken feststellen, dass man dabei auf menschliche Knochen an die Oberfläche beförderte. Man legte sie an ihren Platz zurück und schüttete das Loch wieder zu. Das Kreuz brachte man auf ein hinter dem Friedhof gelegenes Areal, einer offenen Fläche, und vollendeten dann die Aufstellung, als es bereits dunkel geworden war. Am 27. Oktober weihte der Vorsteher der Kirche des Heiligen Wundertäters Nikolaj aus Aginsk, Vater Johann Dolgow, das Kreuz und hielt auf dem Friedhof die Totenmesse für die Verstorbenen. Die Messe fand an dem einzigen noch erhaltenen kleinen Grab mit verschütteter Einzäunung und einem ganz mit Moos und Flechten bewachsenen Kreuz statt. Auf das Vorhandensein der anderen Begräbnisstätten weisen lediglich noch Gruben hin, die nach und nach mit Wald überwachsen…

„Obwohl sich der Lager-Friedhof praktisch innerhalb der Grenzen der Siedlung befand, wussten viele Bewohner nichts davon. In den sechziger Jahren erlebte die Tugatschinsker Forstwirtschaft einen Aufschwung, es kamen zahlreiche neue Leute, und der Friedhof fing an, mit jungem Wald zuzuwachsen, - teilt der Vorsitzende der gesellschaftlichen Organisation der, der Krasnojarsker Gesellschaft für geschichtliche Aufklärung und Menschenrechte „Memorial“, Aleksej Babij seine Eindrücke. – Aber das Wichtigste heute ist, dass es hier nicht nur ein Wäldchen mit merkwürdigen kleinen Gruben gibt, in dem man sich benehmen kann, wie in jedem beliebigen anderen Wald. Hier befindet sich – ein Friedhof…“

Anschließend begaben sich alle zur Gedenkstelle für die Opfer der politischen Repressionen, unterwegs diskutierten die Menschen über das Geschehene. Auch das Wetter fand Beachtung. Einer meinte, dass es an dem diesem Datum gewidmeten Tag, draußen immer ziemlich kalt wäre und der Wind bis auf die Knochen durchdringen würde. „Offenbar zur Erinnerung daran, unter welchen Bedingungen die Gefangenen arbeiten mussten“, beschlossen sie.

Die Zusammenkunft an der Gedenkstelle begann mit einer Rede des Oberhauptes des Tugatschinsker Dorfrats, Tamara Petrowa. Sie dankte allen, die auf ihre Bitte reagiert hatten und an diesem Tag in die Siedlung Tugatsch gekommen waren – hierher, wo sich einst eines der grausamsten Lager des KrasLag befunden hatte. Tamara Niklajewna stellte die Gäste vor.

Das Siedlungsoberhaupt hob hervor: „Die Erinnerung muss leben, und wir müssen wissen und verstehen, dass man niemals einfach aufgrund einer Denunzierung Schicksale zerbrechen kann…“

„Die Menschen, deren Lebensweg sie mitten durch die Repressionen lenkte, hatten ein schweres Los. Die seelischen und körperlichen Qualen betrafen nicht nur die Repressionsopfer selbst, sondern auch ihre Verwandten und diejenigen, die ihnen nahestanden“, - ertönten aus dem Lautsprecher die Worte der Sprecher. Und wieder hörte das alte Tugatsch die nur allzu gut bekannten Bezeichnungen. Marin Klein und Samsonowka, wo Frauen inhaftiert gewesen waren, die Gemüse für sämtliche Lager-Nebenstellen angebaut, Schweine und Kühe gezüchtet hatten. Schidorba, Schajbino, Schamki, wo unter besonderer Aufsicht Männer gefangen gewesen waren, die in der Holzbeschaffung gearbeitet hatten. Mamsa, Bolschaja Retschka, Matwejew Kljutsch, wo einst Baracken gestanden hatten, in denen freie Gefangene gehaust hatten, die nicht unter strenger Bewachung standen. Das ist die von der Jugend vergessene Geographie des Tugatschinsker KrasLag.

An die Anwesenden wandte sich der erste stellvertretende Vorsitzende des Bezirks Igor Danilin. Er dankte allen dafür, dass sie dem Aufruf gefolgt und zu der Zusammenkunft gekommen waren. Er merkte an, dass die Repressionen fast alle in unserem Land berührt hätten. Und häufig wäre die Anklage ungerechtfertigt gewesen. Dies sollte den nachfolgenden Generationen im Gedächtnis bleiben.

„Die Menschen, die im KrasLag umkamen, wurden oft völlig unbegründet beschuldigt, - fügte der Vorsitzende des Sajaner Bezirksdeputiertenrats; Wladimir Ogly, hinzu. – Und dabei waren es doch talentierte, gebildete Leute. Wir müssen die Schlussfolgerungen aus den historischen Ereignissen ziehen und so etwas nie wieder zulassen“.

Wenn man über die Geographie des KrasLag redet, darf man auch nicht die Geographie unseres großen Landes vergessen. Ins KrasLag kamen die Gefangenen unter verschärfter Bewachung von überallher: aus dem Primorje-Gebiet, aus Chabarowsk, Tschita, dem Donezker Becken, Charkow, Kiew, von der Krim, aus Alma-Ata, Semipalatinsk, Odessa, dem Wolga-Gebiet und anderen. Auf diesen Etappen befanden sich vorwiegend Menschen, die nach § 58 verurteilt worden waren. Auf einer Anhöhe am Fluss Tugatsch fällten sie Bäume, errichteten Baracken, den sie eigenhändig mit Stacheldraht umgaben. An den Ecken standen Wachtürme, auf denen Soldaten Wache schoben. Inmitten der Baracken wurde eine spezielle BUR (Baracke mit verschärftem Regime) gebaut. Und genau an ihrer Stelle wurde auch in der Siedlung Tugatsch das Denkmal für die Opfer der politischen Repressionen aufgestellt.

Der Vorsitzende der „Memorial“-Organisation, Aleksej Babij, merkte an, dass sich Verfolgte oft als „aus dem Antlitz der Erde Gelöschte“ wiedergefunden hätten. Heute hatten wir auf dem Friedhof die Möglichkeit, das mit eigenen Augen zu sehen, - sagte er. – Schon findest du den Ort nicht mehr, an dem sie begraben liegen. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist – sie wurden aus der Erinnerung gelöscht. Ihre Familien wurden vernichtet und vergessen. Insgesamt gibt es in der Region Krasnojarsk etwa eine Million Repressionsopfer. Uns gelang es bisher, die Namen von168.000 wiederherzustellen…“. Aleksej Andrejewitsch dankte all denen, die es im Sajan-Bezirk nicht zulassen, dass man die Geschichte der Repressionen in Vergessenheit geraten lässt.

Viele harte Schicksalserprobungen, Opfer, Entbehrungen entfielen im 20. Jahrhundert auf das Los unseres Landes: zwei Weltkriege, ein Bürgerkrieg, Hunger, Verfall. Vor dem Hintergrund dieser schrecklichen Seiten der Geschichte dann noch die politischen Verfolgungen – Erniedrigung und Vernichtung der Allerbesten, denen es nicht einmal in den Kopf gekommen wäre, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen. Tausende Ingenieure, hunderttausende gefolterte, erschossene, zugrunde gerichtete Parteileute, Millionen Bauer, die Opfer der Entkulakisierung wurden, Marschälle und Generäle, Wissenschaftler und Poeten, Schriftsteller und Schauspieler, die in Wirklichkeit der Heimat treu ergeben waren.

Die Tochter eines politischen Gefangenen, Emilia Gortschatowa; erzählte ein wenig von ihrem Vater. Sie traute sich nicht, mit Worten jene Gefühle wiederzugeben, die sie auf dem Friedhof empfand. Während der Totenmesse stand sie da und dachte, dass hier auch ihr Vater begraben liegen könnte, doch er hatte Glück gehabt – er kehrte krank, aber lebend nach Hause zurück. Aber der Onkel – der liegt in so einem Massengrab irgendwo in Reschoty.

Zeugin der Verfolgungen war auch die Einwohnerin von Tugatsch Tatjana Perzewa. Sie hatte in der Bäckerei des KrasLag gearbeitet und viele Häftlinge persönlich gekannt. Auch in ihrer Familie ereignete sich eine Tragödie. Ihr Onkel wurde verfolgt, der als Stellvertreter des Staatsanwalts der Stadt Odessa tätig gewesen war.

Der Vorsitzende des Bezirksrats der Veteranen, Gennadij Belokon, erzählte von seinem Urgroßvater, der als Großbauer enteignet worden war, und dass es ihm nur aufgrund der Aufhebung der Geheimhaltung in den Archiven gelungen sei, die Wahrheit zu erfahren. Die Leiterin der Abteilung Sozialfürsorge bei der Verwaltung des Sajan-Bezirks, Tatjana Schindjakina, erinnerte kurz an die Geschichte der Rehabilitation von Repressionsopfern, wobei sie anmerkte, dass viele von ihnen erst posthum rehabilitiert wurden.

Zum Abschluss der Versammlung wurden an der Gedenkstelle Blumenniedergelegt.

Später fand im Tugatschinsker Dorf-Kulturhaus eine Ausstellung mit Erzeugnissen statt, die politische Häftlinge mit eigenen Händen hergestellt hatten. Die Geschichte eines der Spinnräder, die hier vorgestellt wurden, ist auf ihre Weise einzigartig. Alle im Dorf Kapitonowo besaßen Spinnräder, doch dort wohnte auch eine Frau namens Galina, die nicht die materiellen Möglichkeiten besaß, ein solches Spinnrad zu erwerben. Das Gerücht von ihrem Traum drang bis zu dem Gefangenen Nikolaj Probst vor. Ohne ein Wort zu sagen, machte er sich an die Arbeit. Und als Galina in Rente ging, brachte er ihr persönlich ein Spinnrad, um es ihr zum Geschenk zu machen. Galina hütet es bis heute wie ihren eigenen Augapfel zur Erinnerung an das große Herz und die goldenen Hände des Meisters.

Eine weitere nützliche Sache – die Wurstmaschine aus Metall, hergestellt mit den Händen desselben Nikolaj Probst, und sie funktioniert noch heute. Auch das Butterfass wurde von ihm gefertigt. Dieser Mann nahm ein Stück Metall aus einem Haufen Schrott, den Schüler gesammelt hatten, und machte daraus Unglaubliches.

Auf der Ausstellungkonnte man auch Bilder, gemalt von Wladimir Tschikanik, sehen, der im Dorf Kapitonowo lebte. Meistens wurde er Opa Tschikanik genannt. Die Werke haben nur ein einziges Thema – „Mädchen mit Katzenkindern“. Warum? Weil es in Kapitonowo nichts gab, womit man sein Haus hätte schmücken können. Nachdem Tschikanik ein Bild gemalt hatte, erhielt er schon bald den Auftrag für ein weiteres mit derselben Abbildung. Er malte und verschenkte die Bilder. Nach seinem Tod fand sich ein Nachfolger für ihn. Noch ein „Mädchen mit Katzenkindern“ von einem anderen Maler – Boris Hurjanow.

Hier konnte man sich mit einer genauen Karte des Tugatschinsker KrasLag in den 1950er Jahren vertraut machen – so, wie es ausgesehen hatte. Hier wurden alle Gebäude, Flüsse, Quellen, Dämme, Staubecken, Straßen, Privatbesitze mit den Nachnamen der dort lebenden Menschen vermerkt. Die Maßstäbe sind beeindruckend.

Die Präsentation mit einem Bericht über die Menschen, die verurteilt worden waren, wurde von Tatjana Altuchowa abgehalten. Der Titel der Präsentation ist symbolisch zu verstehen „Die schuldlos Schuldigen…“.

Die Veranstaltung endete mit einer Vorführung des Films „Schlag den Feind“.

Aber das ist noch nicht alles; in der nächsten Ausgabe berichten wir von Menschen, die ihre Strafe im KrasLag verbüßten – anhand von Erinnerungen der Dorfbewohner sowie auf Grundlage von Informationen, die von Schülern gesammelt wurden.

Autorin: Irina Majazkich

Sajaner Zeitung, 03.11.2016


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