Über die Verbannten-Filialen der Akademie der Wissenschaften und des Bolschoi-Theaters


Der Jenisseisker Chor, in dem 500 Menschen sangen

. Am 21. Februar 1948 erging der Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR Über die Verschickung besonders gefährlicher Staatsverbrecher zwecks Verbüßung ihrer Strafe in die Verbannung mit Ansiedlung in entlegenen Gegenden der UdSSR. Unter besonders gefährlich verstand man selbstverständlich keine Mörder und Gewalttäter, sondern antisowjetische Elemente. Das Dekret sah für sie vor sie nach Ablauf ihrer Haftstrafe auf Bestimmung des Ministeriums der Staatssicherheit der UdSSR in die Verbannung zu schicken, wo sie unter Aufsicht der Organe des Ministeriums der Staatssicherheit angesiedelt werden sollen:

In Bezirke Kolymas im Fernen Osten, in Bezirke der Krasnojarsker Region und des Nowosibirsker Gebiets, welche 50 km nördlich der Transsibirischen Eisenbahn-Magistrale liegen, sowie in die Kasachische SSR <>.

2. Das Ministerium für Staatssicherheit zu verpflichten, die in Paragraph 1 genannten Staatsverbrecher, die seit dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges nach Verbüßung ihrer Strafe aus Erziehungs-/Arbeitslagern und Gefängnissen entlassen wurden, zwecks Ansiedlung in die Verbannung zu schicken.

In der Übersetzung aus der Dokumentensprache in die menschliche Version bedeutet dies folgendes: ein Mensch hat eine nicht geringe Haftstrafe verbüßt, hat es geschafft im Lager zu überleben und sogar freigelassen zu werden. Und da geben sie ihm durch außergerichtlichen Beschluss (Sonder-Sitzung) für dasselbe Verbrechen noch eine unbefristete Verbannung hinzu. War ihm im Lager doch noch eine gewisse Hoffnung geblieben, weil er die Tage bis zu seiner Freilassung zählen konnte, so gab es jetzt keinerlei Hoffnung mehr, denn die Verbannung galt als lebenslänglich. Hätte irgendeiner gehofft, den Schnurrbärtigen zu überleben? Selbst jene, die merklich jünger waren als er?

An den Verbannungsorten besaß der Ukas einen unerwarteten Nebeneffekt. In den entlegensten Ecken tauchten plötzlich eine Menge Professioneller auf, bei denen der Durst nach schöpferischer Tätigkeit trotz der langjährigen Lageraufenthalte nicht gebrochen war. Da gab es Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Schauspieler hochkarätige, auf Weltebene. Um sie herum begann ein zuvor nie gesehenes Leben zu brodeln. In der Ortschaft Aban organisierte der Regisseur Jakob Charon ein dramaturgisches Theater, in dem außer ihm auch andere Verbannte sowie Ortsansässige spielten. Im Minussinsker Theater spielte der berühmte Leonid Obolenskij. In Turuchansk wurden Aufführungen von Ariadne Efron inszeniert. Im Jenisseisker Kulturhaus arbeitete Anna Kniper-Timirjowa als Bühnenbildner.

Der Kommandant von Jenisseisk meinte, man könnte vielleicht in Jenisseisk aus Verbannten eine Filiale der Akademie der Wissenschaften organisieren. Ich füge hinzu: und eine Filiale des Bolschoi-Theaters an der Jenisseisker Schule 45 arbeitete die Solisten des Bolschoi-Theaters Olga Michailowa, und in der Nacht, wenn niemand sie hörte, sang sie dort. Sie war die Ehefrau von Budjonnij. Aber die wohl größte und bedeutendste Spur im Leben der Stadt Jenisseisk hinterließ der Wiederholungstäter Ananij Schwarzburg. Er stellte einen städtischen Chor zusammen, in dem bis zu 500Menschen sangen! Und das, obwohl Jenisseisk zu der Zeit nur etwa 10.000 Einwohner besaß.

Vor fünf Jahren schlug der damalige Regionsminister für Kultur, Gennadij Rukscha, vor, ein Buch über die Akteure aus dem Bereich der Kultur zu verfassen, die in der Region Krasnojarsk ihre Verbannungszeit verbracht hatten. Weil es, so sagte er, Ihnen zu verdanken ist, dass die Kultur in der Region auf ein völlig anderes Niveau erhoben wurde. Seine Idee war es, dass dieses Buch von jungen Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren geschrieben würde, welche die Schicksale jener rekonstruieren sollten, die gerade in ihre Ortschaft, in ihre Stadt geraten waren. Und ein solches Buch wurde tatsächlich herausgebracht.

Um der Gerechtigkeit willen möchten wir jedoch anmerken, dass den Hauptanteil der Repressionsopfer nicht die Berühmtheiten ausmachten. Sie sind nur eben erkennbarer. Ihren größten Kampf führte die Sowjetmacht gegen die Bauern. Ja, sie fällten Bäume und es fielen Späne. Eine andere Sache ist die, wer in Wirklichkeit der Wald war und wer die Späne. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Aleksej Babij
Vorsitzender der Krasnojarsker Memorial-Organisation

"Neue Zeitung" 143 vom 21 Dezember 2016


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