Die Nachfahren der Stalin-opfer auf der suche nach der Wahrheit

Fast achtzig Jahre nach dem großen Stalin-Terror verrichten zehntausende russische Staatsbürger eine wahre Ameisenarbeit, um das tragische Los ihrer Vorfahren kennen zu lernen.

Sechzig Jahre danach verfolgte Denis Karagodin methodisch den Weg, der seinen Urgroßvater Stepan in den Tod geführt hatte. Von der Wohnung im Untergeschoss der Bakunin-Straße in Tomsk, wo NKW-Milizionäre ihn in der Nacht zum 1. Dezember 1937 verhafteten bis zum Gebäude der politischen Polizei , in dem er verhört wurde – ein hübsches Bauwerk im Empirestil, dann das Gefängnis, in dem er sich weniger als zwei Monate aufhielt und das seit Zarenzeiten stets in Betrieb war. Und zum Schluss das Massengrab, in dem seine Überreste seit der Exekution am 21. Januar 1938 begraben sind. Das ist die Stelle, an der heute, vor dem Hintergrund einer Schlucht, umgeben von dem berühmten Gefängnis und den mit Blech verkleideten Garagen. Bulldozer die Erde ausheben und aus Versehen die Knochen der Opfer des Stalin-Regimes exhumieren: vier Häuser werden auf den Überresten dieses Massengrabes unterfreiem Himmel, unweit des Stadtzentrums, errichtet. „Ich bin sicher, dass es sich dort befindet“, erklärt Denis Karagodin, 34 Jahre alt, der an einem eisigen Dezember-Morgen am Rand der Grube sitzt.

Sein Großvater, ein einfacher Schuster, war 56 Jahre alt, als er in einen angeblichen Spionage-Komplott verwickelt wurde, die sogenannte „Charbin-Sache“, in der 30000 Personen nach einer Quotenregelung getötet wurden. Als Absolvent der Universität für Philosophie in Tomsk wird sein Enkel nicht eher Frieden finden, bis er die Vollstrecker, Auftraggeber und gewisse Mordkomplicen verfolgt hat. Er beschreibt die vier Jahre der Recherche als hartnäckig, verbissen, erwähnt die Lügen der Funktionäre in den FSB-Archiven, ihr Ziel etwas nicht zu bekommen. Er beschreibt die gefälschten Original-Dokumente, die vertuschten Belege und den Aktenblättern… Erst ganz kürzlich gelang es ihm, ein Exemplar der Exekutionsakte von Stepan Karagodin zu erhalten und die Kette der Verantwortlichkeiten zu analysieren, welche mehr als 20 Personen enthielt und sich bis ins Politbüro zurückverfolgen ließ: ein Chauffeur, Sekretäre, aber vor allem Henker und Folterer. Die Enkelin einer dieser Männer väterlicherseits, hat ihm einen Brief geschrieben, um ihr Bedauern auszudrücken: „Selbst wenn ich begreife, dass ich nicht schuldig bin, kann ich nicht beschreiben, was ich empfinde“, erklärte Julia, wobei sie hinzufügte, dass der Vater ihrer Großmutter – auch er – denunziert wurde und im selben Jahr eliminiert wurde wie Stepan Karagodin.

Die Anordnung zu vergessen

Von Juli 1937 bis November 1938 gab es unter Stalins Großem Terror 700.000 gewöhnliche Opfer, die Überlebenden des GULAG nicht mitgerechnet. „Nichts wird sich in der Gesellschaft ändern, wenn sie nicht die ganze Wahrheit ans Tageslicht bringt“, so die Schlussfolgerung der jungen Frau. Gleich im Anschluss daran haben fünf andere Nachfahren von Opfern der Charbin-Liste ihre Zeugnisse denen von Denis hinzugefügt, die er in seinen Blog aufgenommen hat (http://blog.stepanivanovichkaragodin.org/). Dieses organisierte Auspacken im Internet hat empörte Reaktionen im öffentlichen russischen Fernsehen ausgelöst. In Tomsk ist eines der fünf Monumente zum Gedenken an die Opfer mit einem Stalinbild umhüllt wurden. Die periodisch erscheinende Kultur-Zeitung hat in der kürzlich errichteten Stele das Werk einer „fünften Kolonne“ gesehen, ein Begriff, der die Staatsverräter bezeichnet. „Alles, was sie wollen, ist ein Nürnberger Prozess für die UdSSR, damit er zahlt und Reue zeigt. Mit ihren alptraumhaften Informationen blockieren sie die wertvolle Erfahrung aus der Sowjet-Epoche und hindern die Gesellschaft daran, sich zu entwickeln“, hat der Journalist Andrej Fefelow anlässlich einer Talk-Show auf dem ersten russischen Fernseh-Kanal angeprangert. Denis Karagodin, der mit dieser unpersönlichen Beschuldigung gemeint war, bestreitet jegliche politische Motivation und verlangt schlicht und ergreifend, dass „Gerechtigkeit eintritt“. „Stellen Sie sich vor, es kommen Leute, die Ihre Mutter umbringen und dann zu Ihnen sagen: „Vergessen Sie das alles!“ Das ist inakzeptabel“.

Die Gedenk-Unternehmung des Philosophiestudenten aus Tomsk ist berühmt – in gewisser Weise radikal – eine Ameisentätigkeit, vorgenommen an hunderttausenden russischen Staatsbürgern, mit aller Diskretion, um dreiundsechzig Jahre nach Stalins Tod etwas über das tragische Schicksal ihrer Vorfahren zu erfahren. Das schleichende Rehabilitationsverfahren der Persönlichkeit des Diktators, ebenso wie die Schließung der Archive seit Wladimir Putin an die Macht kam, erschwert ihren Durst nach Information.

„Patriotischer“ Unterricht

In Jekaterinburg, der großen Hauptstadt des Ural, wo beinahe 21000 Menschen während der Stalin-Epoche ums Leben kamen, stellt der Bürgermeister, ein alter Historiker, seine Archive seine Verwaltungsmitarbeitern zur Verfügung: damit ihre „Seele Frieden bekommt“, hat eine Dame in der Abenddämmerung ihres Lebens einen Volksvertreter um Neuigkeiten über ihren Großvater gebeten, einen Mann, „der 1937 einfach verschwand“; eine andere Rentnerin wollte ihre Ansprüche auf ein Stück Land geltend machen, welches einst ihrem Großvater gehörte, dessen Exekutionsdatum sie endlich herausgefunden hatte – den 31. Januar 1938. „Es geht hier nicht um Politik, sondern um rein familiäre Bande“, erklärt der Bürgermeister von Jekaterinburg, Jewgenij Roisman der Zeitung „Figaro“. „Zu Sowjetzeiten waren diese Bande zersplittert; heute fühlen die Menschen, dass sie zu einer familiären Gemeinschaft gehören und erforschen ihre Genealogie. Sie entdecken, dass irgendetwas Unschönes mit ihren Eltern passiert ist, doch sie kennen die Einzelheiten nicht. In ihren persönlichen Archiven fehlt es an Fotos, und so machen sie sich unverzüglich auf die Suche“, freut sich Alekej Babij, der Vorsitzender der „Memorial“-Organisation in Krasnojarsk.

In diesem großen sibirischen Ballungsgebiet wurden fast 550.000 Menschen verfolgt, das entspricht einem von zwei Einwohnern. Diese Nicht-Regierungsorganisation, die sich auf das Studium der Stalin-Verbrechen spezialisiert hat, lehnt es ab, dass ihre Urheber verfolgt werden, wie Denis Karagodin es wünscht. Sie unterstreicht die Sinnlosigkeit eines derartigen Vorgehens, das durch das Verschwinden der Henker entkräftet wird. Memorial zieht es vor ein „Repressionssystem“ anzuprangern, das immer noch seine Verzweigungen innerhalb des heutigen russischen Staates ausbreitet. Anfang Dezember veröffentlichte es beispielsweise eine Liste von 40000 ehemaligen NKWD-Mitarbeitern von 1935–1939. Seine Initiative wurde unverzüglich von einem Verantwortlichen der Duma, Iwan Sucharew, angeprangert, der beim Generalstaatsanwalt die Verfolgung der Organisation beantragte. Selbst in Tugatsch, einem Dorf mit 600 in den Weiten Sibiriens verlorenen Seelen, begreift er, wie diese individuelle Sorge um das Gedenken mit der kollektiven und unterschwelligen Anordnung des Vergessens aufeinander prallt. In dieser einzigen Einheit des großen „roten GULAGs“, das auf Holzausbeute spezialisiert war, wurden zwischen 1938 und 1952 die Leichen von fast 3000 Personen aufgestapelt, von denen 40% politische Gefangene waren. „Schauen Sie, der Schnee und der Erdboden sind unter dem Gewicht der Toten eingesunken. Hier geht man praktisch überall auf Knochen“, erklärt Tamara Petrowa und zeigt auf die unzähligen Vertiefungen unter den Tannen. Dieser Hochwald liegt hundert Meter von den ehemaligen Baracken entfernt, wo er Tag für Tag die auf Karren abtransportierten Toten begleitete. Tamaras Vater, gebürtig aus der Ukraine, wurde 1947 dort zu fünf Jahren verurteilt und heiratete dort, nachdem er seine Strafe verbüßt hatte. „Er hat seine Erfahrung bis zu seinem Tod verschwiegen, denn er wollte nicht, dass wir darunter litten; und so kam es, dass ich nur kleinste Krümelchen an Informationen zusammentragen konnte“, erzählt Tamara,die die Intransparenz der Archive bedauert. Die Bürgermeisterin von Tugatsch ist Mitglied der Partei Geeintes Russland, der Partei, die für Putin ist, die im September eine Gedenkzeremonie für die Opfer organisiert hat.

Seine ehemalige Nachbarin Ludmila Miller hat diesem Unternehmen im Jahre 2010 vorangestanden. Die Initiative dieser 70-jährigen Dame wurde umso mehr begrüßt, als ihr Vater kein Opfer, sondern nach dem Krieg der Chef der Straf-Zellen des Gulag war. Was seinen Urgroßvater betraf, so wurde dieser 1935 in ein anderes Lager innerhalb der Region Krasnojarsk deportiert. Diese beiden Damen unterstützen ein sogenanntes „patriotisches“ Schulprogramm, in dem die Geschichte der stalinistischen Repressionen hinter der nostalgischen Feier eines Goldenen Zeitalters von Tugatsch zurückstehen, in dem Häftlinge und Gefangenenwärter „in Frieden und voller Freundschaft“ lebten und das Gulag für den Lebensunterhalt von tausenden von Menschen sorgte. Die Schüler stellen ein Modell des Lagers her, kritisieren Stalin vor dem Besucher aus dem Ausland, erinnern jedoch daran, dass der Diktator „ein riesiges Land regieren musste und den Krieg gewonnen hat“. „Es gibt Pros und Contras im Hinblick auf diese Periode, aber wir versuchen, sie in objektiver Weise zu lehren“, fasst der Direktor der Schule, Dmitrij Sdrestow zusammen.

Versammelt in der Bibliothek, die als Festsaal dient, lieben es die Babuschkas, mittels der durch ihre Eltern erhaltenen Zeugnisse über ihr Dorf zu reden. Lydia Slepets Vater, der 1937 nach Tugatsch deportiert wurde, sprach nur zeitweise über den Gulag – und auch stets nur zwischen zwei Seufzern. „Was ich von ihm weiß, genügt mir voll und ganz, mehr Informationen brauche ich nicht“, sagt seine Tochter. „Ich kann nicht sagen, dass Stalin schuldig ist, genau wie Putin ist er nicht für unser Unglück verantwortlich, wir erlegen es uns gegenseitig auf“, fügt die Sechzigjährige hinzu. Dieser dargestellte Relativismus hat die Tendenz, die Jüngste der Gruppe, Tatjana Altukowa, zu kränken: diese Russisch-Professorin ist in der delikaten Mission unterwegs, im Dorf das „patriotische“ Lehrprogramm zu unterrichten, obwohl es von den Schriften der großen Dissidenten-Poetin aus der Stalin-Ära, Anna Achmatowa, durchsetzt ist. Die kleine sibirische Gemeinschaft zieht es vor, ihre internen Konflikte zu verschweigen, auch wenn sie damit die Sorge um das Entwirren dieser Widersprüche ihres Landes der vierten oder fünften Generation überlässt. Doch für viele Historiker wird das zu spät sein.

Pierre Avril. Le Figaro. 27.12.2016


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