Die sibirische Heimat eines Russland-Deutschen

Geboren wurde Friedrich Friedruchowitsch Dewald 1935 in der Ortschaft Anton (mit Betonung auf dem ersten Buchstaben), Bezirk Balzer, Gebiet Saratow. Heute ist das die Ortschaft Sadowoje im Krasnoarmejsker Bezirk.

Friedrichs Vater arbeitete als Oberbuchhalter in der örtlichen Wirtschaft. Mutter Emilia war Hausfrau. Nach Russland kamen die Vorfahren der Familie Dewald, weil sie dem Aufruf von Kaiserin Katherina II, die deutscher Herkunft war, folgten. Die Umsiedler ließen sich in den trockenen Bezirken des Wolga-Deltas nieder; die russischen Bauern hatten sich selbst unter Androhung einer grausamen Hinrichtung geweigert, dort zu leben.

Die fleißigen Deutschen unternahmen alles, dass sie mit ihrem Leben dort zurechtkamen, aber alle ein bis zwei Jahre machten Dürreperioden die Früchte ihrer schweren Arbeit zunichte. Erst Ende der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte man die Missernten und Hungersnöte vergessen.

Doch 1941 begann der Große Vaterländische Krieg, und schon bald klopfte Soldaten bei den Dewalds an die Tür. Ohne viele Worte wurden sie aufgefordert so viele Sachen von Zuhause mitzunehmen, wie sie tragen konnten. Und dann brachten sie die Menge der deutschen Kolchosbauern zum Bahnhof in Saratow, wo bereits Züge mit sogenannten Stolypin-Waggons warteten, in die jeweils 8 Pferde oder 40 Personen hineinpassten.

Auf die zweifelnden Fragen: „Weswegen?“ erhielten sie immer die gleiche Antwort: „Die faschistischen Truppen marschieren auf Moskau zu; deswegen hat Stalin den Befehl erteilt, die Russland-Deutschen als unzuverlässiges Kontingent nach Kasachstan und Sibirien auszusiedeln“.

Bis zum Bestimmungsort – in Sibirien – war der Zug mit den einstigen Bewohnern der Ortschaft Anton lange unterwegs, denn er musste immer wieder an den kleinen Bahnstationen Züge mit evakuiertem technischen Gerät und Menschen passieren lassen. Außerdem kamen ihnen ständig, in einem nie endenden Strom Züge mit neuester Kriegstechnik entgegen.

In Kosylka, Region Krasnojarsk, setzte man die armen Teufel schließlich ab. Doch auch damit waren die Qualen der Umsiedler nicht beendet. Man brachte sie noch weiter fort – in eine große Ortschaft mit Namen Balachton. Zehn Familien, unter ihnen auch die Dewalds, wurden in einer großen Baracke untergebracht.

In der ersten Zeit verhielten sich die Ortsansässigen gegenüber den Verfolgten mit Misstrauen, mitunter auch mit unverhohlenem Hass. Aber die Entfremdung währte nicht lange. Bald brachten sie den unschuldigen Umsiedlern Lebensmittel, hier und da ein Kleidungsstück. Besonders kamen Wintermäntel- und Jacken ihnen zugute, den es gab in jenen Jahren langanhaltende Fröste um die -40°.

Familie Dewald hatte großes Glück, denn Friedrich Friedrichowitsch hatte die Nähmaschine mitgebracht, mit deren Hilfe seine Ehefrau Emilia die Dorfbewohner sogleich mit selbstgemachter Kleidung versorgte. Trotzdem reichte das Geld hinten und vorne nicht, da Friedrich sowie die Söhne Johann und Wilhelm bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft in die Arbeitsarmee mobilisiert wurden.

Die Ehefrau blieb mit den kleinenn Söhne Friedrich und Aleksej an den Rockzipfeln zurück. Aus diesem Grund nahm Emilia eine Arbeit als Pferdeführerin bei der lokalen Butterfabrik auf. Das Pferd hatte die Aufgabe, den Mechanismus des riesigen Butterfasses im Kreis zu drehen. In der zweiten Schicht wurde das Tier vom kleinen Friedrich gelenkt, der im Dorf nach russischer Manier Fedja genannt wurde. Der kleine Kerl war derart Feuer und Flamme für Pferde, dass er alle Überredungskünste der Mutter in den Wind schlug und sich weigerte, in die Schule zu gehen.

Erst 1947, als der durch die Zwangsarbeit in der Holzbeschaffung völlig entkräftete Vater aus dem Ural nach Hause zurückkehrte, kam der inzwischen elfjährige Fedja in die erste Klasse. Das Lernen fiel dem gescheiten, aufgeweckten Jungen trotz seiner deutschen Herkunft leicht. Er beendete die Schule mit 21 Jahren in Kosulka.

1956, nach dem 20. Parteitag der KPdSU, auf dem der Stalinsche Personenkulte angeprangert und die Entscheidung über die Aussiedlung ganzer Völker aus ihren angestammten Wohnorten als falsch anerkannt wurde, fing man an, sich den repressierten Deutschen gegenüber nachsichtiger zu verhalten. Aber aus irgendeinem Grund wollte niemand von ihnen ins Gebiet Saratow zurückkehren.

Den arbeitssamen Menschen hatte Sibirien auf den ersten Blick gefallen, wo zu jener Zeit wilde Tiere und Fische in Hülle und Fülle vorhanden, wo Missernten eine große Seltenheit waren. Und so blieb auch die zahlreiche Verwandtschaft der Dewalds in Balachton. Fjodor begab sich nach dem Schulabschluss nach Tomsk, um am polytechnischen Institut zu studieren. Er wurde nicht aufgenommen. Das empfand er als äußerst kränkend, denn seine ganze Leidenschaft war eigentlich für die Physik entbrannt, ein Fach, das er über alles liebte und in dem er sich besonders gut auskannte.

Er musste nach Krasnojarsk zurückkehren, wo er erneut versuchte, am gerade erst eröffneten polytechnischen Institut unterzukommen. Bei den Aufnahmeprüfungen bekam er zwei Einsen und zwei Zweien, doch das schien nicht gut genug zu sein. Der Wettbewerb war derart groß, dass es nur denjenigen gelang, ans Polytechnikum zu kommen, die höchstens eine einzige Zwei unter den Einser-Noten hatten.

Also war er gezwungen arbeiten zu gehen. Er entschied sich für das Chemie-Kombinat „Jenissei“, wo er drei Jahre lang in der gefährlichsten Werkshalle tätig war – bei der Glyzerin-Produktion. Gleichzeitig studierte er an der Abend-Lehreinrichtung des polytechnischen Instituts. Danach fand er eine Arbeit in der Buntmetall-Hütte, wo er bis zur Pension in der Schmelzerei arbeitete.

Lange Zeit lebte er im Fabrik-Wohnheim. Vom Charakter her war er ein fröhlicher und geselliger Aktivist, wie man das damals nannte. Bei der Arbeit achtete man ihn und stellte ihn immer als gutes Beispiel hin. Oft erhielt er Prämien, unter anderem für seine aktiven Rationalisierungsbemühungen. Mitunter allerdings machte man sich auch über ihn lustig: na Fjodor, was ist denn? Du bist ziemlich lange als Bräutigam unterwegs. Aber der war auch nicht auf den Mund gefallen und gab schlagfertig zurück: „Diejenige, die es nur einmal auf der Welt gibt, habe ich eben noch nicht gefunden“.

Und die Zeit verging. Schon fingen Vater und Mutter an, den Sohn in ihren Briefen wegen seines einsamen Lebens zu tadeln; sie wünschten sich endlich Enkelkinder. Es musste erst so weit kommen, dass am Mai-Feiertag des Jahres 1961 die Jungen und Mädchen in ihrem Zimmer auf eine Idee kamen. Unter den Gästen bemerkte Fjodor ein schönes Mädchen, das ihn mitten ins Herz traf, so dass er ganz außer sich war.

Während sie tanzten, schlug er ihr vor sie nach Hause zu geleiten. Tonja, so hieß die Unbekannte, antwortete darauf mit einer Frage:

- Wozu denn das?
Fjodor wurde ein wenig verwirrt.

- Du gefällst mir, ich möchte mich gern mit dir anfreunden.
Aber Tonja bestand darauf:

- Schau doch mal, wie viele Mädchen hier sind, und du bist ein kampfeslustiger Bursche; du solltest du dich lieber mit ihnen anfreunden. Ich war schon einmal verheiratet und habe zwei Kinder. Außerdem bin ich ganze sechs Jahre älter als du. Lass uns also dieses leere Gerede beenden.

Schließlich verließ Tonja allein das Wohnheim. Am Ärgerlichsten war, dass Fjodor nicht wusste, wo sie wohnte. Ein Mädchen, welches die Freundin mit zu diesem Abend gebracht hatte, war ihm behilflich.

Nachdem er die Adresse erfahren hatte, stürmte Fjodor los, um sie einzuholen. Er lief so schnell, dass er noch vor ihr dort war. Die Wohnungstür wurde von einem etwa sieben Jahre alten Mädchen geöffnet, das – wie sich herausstellte – ihre Tochter Walja war.

- Kommen Sie herein, Onkelchen, Mama kommt gleich, - bat die Kleine den jungen Mann furchtlos ins Haus.

Bald darauf erschien Tonja höchstpersönlich in der Tür. Lange unterhielten sie sich, und Fjodor kam zum ersten Mal zu spät zur Nachtschicht. Aber er hatte erfahren, dass Antonina einen Ehemann gehabt hatte, der dem Alkohol verfallen gewesen war, der in betrunkenem Zustand seine Frau und die Kinder fortgejagt hatte und unlängst wegen seiner Trunksucht unter einen Lastwagen geraten war. All das hörte Fjodor, und sein Herz entbrannte für die junge Frau immer stärker.

Immer häufiger erschien er in dem Haus, in dem Antonina mit ihren Töchterchen wohnte. Und einmal fügten die Sterne es dann so, dass Fjodor und Tonja, um es ganz feinfühlig zu sagen, Mann und Frau wurden. Antonina gestand damals sofort ein, dass es ihr um den jungen und gesunden Burschen Leid tat, der ihr so lange Zeit immer wieder den Hof gemacht hatte. Aber Fjodor nahm diese Sache als Zeichen dafür auf, dass seine Braut ihn liebhatte.

Bald darauf brachte er ein Auto mit, in das er das spärliche Hab und Gut der Geliebten lud und dann mit Frau und Kindern in eine Wohnung umzog, welche die Fabrik den Jungvermählten zugewiesen hatte. 1964 wurde ihr gemeinsamer Sohn Walerij geboren.

Die Dewalds lebten glücklich miteinander, ohne Streit und Skandale. Die Frau war zunächst als Köchin am Chemie-Kombinat „Jenissei“ tätig, später fand sie eine Arbeit als Verkäuferin im Geschäft, wo sie schnell zur Ladenleiterin aufstieg. Und Fjodor arbeitet weiterhin in der Produktionshalle der Buntmetall-Hütte.

1987, im Alter von 52 Jahren, erreichte der erfahrene Meister das Rentenalter über die Vorruhestandsregelung. Da er ein erfahrener Arbeiter war, versuchte man ihn beharrlich zu überreden, noch etwas länger in der Firma zu bleiben, aber Friedrich Friedrichowitsch hatte für sich selber bereits entschieden, in eine ländliche Gegend umzuziehen. Er beratschlagte sich mit seiner Frau, die ihren Ehemann sofort in diesem Plan unterstützte. So tauchten 1991 in der Ortschaft Atschinskoje im Sajan-Gebiet ein paar neue Einwohner auf.

Sie kauften ein altes Häuschen, und deswegen hatte Friedrich Friedrichowitsch noch eine Menge zu tun, um es in einen normalen Zustand zu versetzen. Doch für den bastelfreudigen Alleskönner stellte das keine Schwierigkeit dar.

Sie liebten es ganz besonders, mit der ganzen Familie, durch Feld und Flur, in den umliegenden Gegenden herumzureisen. Sie sammelten Pilze, Beeren und andere wildwachsende Pflanzen. Im Großen und Ganzen herrschte im Hause Dewald Überfluss.

Auch die Kinder machten ihren Eltern Freude. Die Töchter fanden gute Ehemänner. Die jüngere Tanja geriet mit ihrer Familie nach Krasnojarsk, während Walentina mit ihrem Ehemann, einem Offizier, lange Zeit durch die Militärstädtchen der Union reiste, bis sie sich schließlich an ihrem ständigen Wohnort im Gebiet Kaliningrad niederließen, wo sie bis heute leben.

Walerij, der Jüngste, diente bei den Landetruppen in Rjasan, wurde Meister des Sports im Freistilringen. Innerhalb von zwei Jahren nahm er in der Hauptstadt dreimal an der Parade auf dem Roten Platz teil. Nach seiner Demobilisierung fand er einen Arbeitsplatz als Sportlehrer an der Aginsker Mittelschule, wo auch seine Frau Walentina als Lehrerin tätig ist; außerdem trainiert er die Kinder im Dorf Ora. Die Jungs dort lieben ihn über alles.

Mit anderen Worten: man hätte sich wirklich des Lebens freuen können, doch vor 15 Jahren ereilte die Familie ein großes Unglück – Antonina Pawlowa starb. Ihr folgte viel zu früh auch noch Tochter Tatjana in die andere Welt.

Friedrich Friedrichowitsch fand lange Zeit nicht wieder zu sich, doch schließlich machte sicher der Charakter des Russland-Deutschen bemerkbar. Er ergab sich nicht dem Alkohol, wurde nicht obdachlos, sondern führte im Gedenken an seine Frau die kleine Nebenwirtschaft weiter. Jetzt allerdings sind davon nur noch fünf Hühnchen übriggeblieben, aber dafür ist der Gemüsegarten nach wie vor gepflegt und bringt eine reiche Ernte an Gemüse und Kartoffeln der Sorte Viktoria.

Im Winter steigt der alte Dewald auf seine Skier, im Sommer jagt er mit dem Fahrrad durch die Gegend. Genau – er jagt; bei den Bezirkswettbewerben der Radfahrer hat er sogar einen Preis für den Sieg erhalten.

Viel Zeit verwendet er mit Öffentlichkeitsarbeit. Besonders gefürchtet wird er von illegalen Schnapshehlern, den er sagt ihnen mitten ins Gesicht, was er von ihnen hält. Und er sagt es nicht nur, sondern er zieht auch die Rechtsorgane und die Administration der Ortschaft und des Bezirks zur Wiederherstellung der Ordnung hinzu. Häufig sieht man ihn in der Bezirkszeitung „Sajan-Gebiet“. Die Überschriften seiner Artikel wie z. B. „Man kann Russland versaufen“ treffen, wie es heißt, nicht nur die Augenbraue, sondern mitten ins Auge.

Und vor einem Jahr, im Alter von 82 Jahren, trat Friedrich Dewald der Partei der Wiedergeburt des Dorfes bei. Und sogleich trat er als äußerst aktives Mitglied in Erscheinung. Während der Vorwahlen-Kampagne überzeugte er die Dorfbewohner, dass gerade diese politische Kraft das russische Dorf endgültig vor dem Verfall retten könne. Und als Beispiel führte er den heimatlichen Sajan-Bezirk an, wo zu Zeiten des ersten Sekretärs des Bezirkskomitees der KPdSU und später unter dem Bezirksoberhaupt Nikolai Terskow Wohnungen und Tierzucht-Stationen sogar in den entlegensten Dörfern gebaut wurden, während unter der jetzigen Macht nichts als Ruinen übriggeblieben seien.

Und, so meint Friedrich Friedrichowitsch, alles nur deswegen, weil Nikolai Terskow als Direktor der Sowchose fungierte und aus diesem Grund nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten die ländlichen Probleme kannte und anpackte. Heute sind Politiker an der Macht, deren Worte sich häufig von ihren Taten unterscheiden.

Aber Friedrich Friedrichowitsch hegt auch noch eine große Sehnsucht. Nein, nicht nach dem alten sowjetischen Aufbau, sondern nach den guten alten Zeiten, als der Mensch dem anderen noch ein wahrer Freund und Bruder war. Und er tut alles, was in seiner Macht steht, dass diese Zeit nicht ganz spurlos im Nichts verschwindet.

Viktor Rescheten, eigener Korrespondent beim „Krasnojarsker Arbeiter“, Sajan-Gebiet.

Foto des Autors

„Krasnojarsker Arbeiter“, 25.01.2017


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