Wohlwollendes Urteil. Wie Bauern „Kulaken“ retteten

Während der Sowjetzeit lehrte man uns, dass die verarmten Bauern die Kollektivierung mit großem Enthusiasmus aufnahmen und aktiv an der Entkulakisierung teilnahmen. Zur Zeit der Perestroika blieb dieser „Fakt“ die gleiche „Tatsache“, nur das Vorzeichen änderte sich: die armen Bauern, so hieß es, beteiligten sich begeistert an der Plünderung ihrer wohlhabenden Nachbarn. „Wegnehmen und teilen“ und ähnliche Maßnahmen…

Wenn man die tatsächlichen Akten in den Archivbeständen der Entrechteten liest, ergibt sich ein ganz anderes Bild: in jedem Dorf gab es verarmte Bauern, und es gab ein „Armen-Aktiv“. „Aktivisten“ gab es nur wenige. Nach den Sitzungsprotokollen der Aktive zu urteilen, gab es in der Ortschaft für gewöhnlich weniger als zehn. Dagegen lag die Zahl der armen Bauern um ein Vielfaches höher. Das „Armen-Aktiv“ nahm in der Tat aktiv an der Entkulakisierung teil. Die verarmten Bauern – nicht.

In den persönlichen Akten der Entrechteten finden sich Dokumente, die als „wohlwollende Beurteilung“, „Befürwortungsbriefe“, „Gutheißung“, einfach „Bescheinigung“ oder sogar als „Urteil“ betitelt sind. Die Bauern des Dorfes schreiben an das Bezirks-Exekutivkomitee einen Brief, in dem sie beweisen, dass einem gewissen Soundso ungerechtfertigter Weise die Wahlrechte entzogen wurden oder dass er ausgewiesen wurde, da er in Wirklichkeit überhaupt keine Arbeitskräfte bei sich eingestellte hatte, den Armen stets half usw. Sie bitten darum, die Familie aus der Verbannung zurückzuholen und bürgen sogar für sie. Unter derartigen Briefen stehen dutzende, manchmal sogar hunderte von Unterschriften (teils von Mittelbauern, teils von verarmten Bauern).

Die Bauern traten auf eigene Initiative für ihren Dorf-Mitbewohner ein, obwohl dies gelegentlich auch auf Bitten des Entrechteten geschah: „Hier wende ich mich an euch, Genossen, habt Mitleid mit mir und meiner Familie! Mein Leben ist euch von 1907 (Stolypin- Umsiedlung – A.B.) bis zum heutigen Tage bekannt. Ich war mit euch zusammen in den Schützengräben gegen die Banden der Weißen und auf den Schlachtfeldern neben euch. Ihr wisst doch, wie ich gelebt habe, wovon ich gelebt habe und welches Schuhwerke ich trug – was ich gegessen und getrunken habe. Ich halte es für überflüssig, alles aufzuzählen. Ich bitte um eure wohlwollende Reaktion; sonst werden ich und meine Familie umkommen, Hunger, Kälte und Entbehrungen ausgesetzt sein“.

Nebenbei bemerkt: gerade für diesen Bauern plädierten sie auch: „Sie ordneten an: da seine Erträge die Summe von 300 Rubel nicht überstiegen, dass man ihm den konfiszierten Besitz zurückgab, ihn aus der Verbannung entließ und ihm eine individuell auferlegte Steuer von 71 Rubel und 3 Kopeken – auferlegte“. Aber das ist eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Die Regel aber war, dass die Staatsmacht die Aufrufe der „Öffentlichkeit“ vollständig ignorierte.

Heutzutage werden zahlreiche Online-Petitionen unterschrieben. Das ist sehr vorteilhaft – man kann die Position der Bürger zeigen, ohne sich von seinem Sofa zu erheben. Die bäuerlichen „Briefe des Wohlwollens“ – sind etwas ganz Anderes. Das ist ungefähr das Gleiche, als wenn sich heute die ganze Stadt zum Schutz eines einzigen Verfolgten erheben würde. Man kann natürlich die Bauernbriefe für eine Folge des „Gemeinwesens“ halten, aber es ist wichtig, dass dies wohl die letzten Erscheinungen von Solidarität waren, als nämlich die Leute Briefe zur Verteidigung von Menschen verfassten, welche Repressionen ausgesetzt werden sollten.
Es wird nur noch wenig Zeit vergehen, bis die Solidarität ganz verschwunden ist. Genauer gesagt, es wird noch Versuche geben, sich für jemanden einzusetzen, sogar im Jahre „siebenunddreißig“, aber sie werden nur ganz vereinzelt auftauchen und dafür wird es kollektive „Hass-Briefe“ geben: „Das Scheusal zu zerdrücken!“, „Volksfeinde erbarmungslos zu vernichten!“, „Als raue Antwort auf die Agenten der faschistischen Spionage!“, „Die Kerle erschießen!“
Die Bauern selber kämpften ebenfalls so gut sie konnten – die persönlichen Akten der Entrechteten sind voll mit Schriftwechsel mit dem Bezirks-Exekutivkomitee, der Staatsanwaltschaft. Sie beschwerten sich über den ungerechtfertigten Entzug der Wahlrechte beim Genossen Kalinin und sogar bei Stalin. Aber wer hatte das alles geschrieben, wenn doch die Bauern mehrheitlich Analphabeten waren? Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Aleksej Babij

Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation

Neue Zeitung, 22. Februar 2017


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