Von 1930 zum Jahr 1937

Wie die Massen-Repressionen begannen


Bauernfamilie — Opfer der „Kulaken-Operation“ von 1930

Bis 1930 gab es zahlreiche Verfolgungen, doch sie besaßen keinen Massen-Charakter. Die Bolschewiken brachen den Überresten der Partei, die bis zum Umbruch existiert hatten, das Genick, vernichteten die innerparteiliche Opposition. Aber die „Kulaken-Operation“ des Jahres 1930 — das war etwas bedeutend Anderes. Eine ganz neue Etappe, ein ganz anderer Maßstab – sowohl qualitativ, als auch quantitativ.

Zum Ersten wurden Millionen von Menschen innerhalb kürzester Zeit zwangsverlagert. Das ist keine so leichte Aufgabe. Es werden Transportmittel, Wachen, Viehfutter usw. benötigt. Eine Vielfalt an Problemen muss gelöst werden — zum Beispiel, wohin mit den Toten, den Menschen, die unterwegs sterben? (Und das waren nicht wenige.) Allein schon die Registrierung der „Sonder-Umsiedler“ in einem derart großen Maßstab — stellte eine ganz neue Aufgabe dar, ebenso wie ihre anschließende Verteilung an den „Ablade-Punkten“. Es wurden spezielle Karten gedruckt, Reglements festgelegt, Instruktionen erarbeitet.

Man musste spezielle Durchgangslager errichten, weil die üblichen Durchgangsgefängnisse mit einem solchen Menschenstrom nicht fertig wurden. Noch einmal: zum ersten Mal nahmen die Repressionen einen Umfang an, dass die Verbannten nicht alle in die noch aus Zarenzeiten vorhandenen Durchgangs-gefängnisse hineinpassten — Sonderlager wurden nötig. Das nächste Mal tauchen diese Probleme im Jahr 1937 auf, als die Untersuchungsgefängnisse völlig überfüllt sind und die Lager den Strom der Verurteilten kaum noch aufnehmen können.

Und die „Aussonderung der Kulaken“ aus den Dörfern ist keine leichte, keine gewöhnliche Operation, besonders wenn dies gleichzeitig in vielen Ortschaften von statten geht. Widerstand brechen, Fluchtversuche verhindern, genau die angegebenen Familien mitnehmen, die Ablieferung der Menschen an den Sammelpunkten zu organisieren. Männer, die im Verdacht standen, möglicherweise Widerstand zu leisten, sollten „gemäß der ersten Kategorie“ noch vor Beginn der Massen-Ausweisungen verhaftet werden. Doch auch in Familien der „zweiten Kategorie“ wurden nicht selten die Männer festgenommen und später mit ihren ausgewiesenen Familien an den Sammelpunkten oder erst an den Abladestationen wieder zusammengeführt. Niemand konnte sich widersetzen. Im Jahr 1930 war diese Technologie ausschließlich für „Kulaken“ ausgearbeitet worden, aber zehn Jahre später fand sie bei der Aussiedlung ganzer Völker Verwendung.

Die Deutschen entschieden später analoge Probleme — sowohl bei der „Entscheidung der europäischen Frage“, als auch bei der gewaltsamen Entführung der Ostarbeiter. Mag sein, dass sie dabei die sowjetische Erfahrung in Betracht zogen.

Zweitens wurden innerhalb kürzester Zeit, in nur zwei Jahren, mehr Menschen erschossen und in Lager geschickt, als im Verlauf von zehn Jahren nach Beendigung des Bürgerkriegs. Zudem erfolgte das durch außergerichtliche Organe — Troikas der OGPU, die gemäß OGPU-Befehl ¹ 44/21 vom 2. Februar 1930 geschaffen wurden. Und schon tauchten Probleme bei der Bestattung der Erschossenen auf — es waren ihrer einfach zu viele. Im Jahr 1930 kam man damit zurecht, indem man Sammelgräber auf den städtischen Friedhöfen einrichtete. 1937 mussten für diesen Zweck bereits riesige Ausgrabungen außerhalb der Stadt vorgenommen werden.

Übrigens, wenn man diesen Befehl liest, entsteht ein Déjà-vu-Gefühl, weil er sich absolut auf den berühmten Befehl des NKWD ¹ 00447 vom 30. Juli 1937 reimt, dem gemäß genau das begann, was die Historiker als den Großen Terror bezeichnen und das Volk — das Jahr 37.
Hier wie dort — Kategorien derer, die verfolgt werden sollen. Hier wie dort — ausschweifende, offenkundig überhöhte Plansolls (Limits) für jede der Kategorien. Hier wie dort ist das Hauptziel — die Bauern (beide Operation in der OGPU/dem NKWD wurden „Anti-Kulaken-Operation“ („Anti-Großbauern-Operation“; Anm. d. Übers.) genannt“). Eine andere Sache ist die, dass die Operation 1937 eine solche Wendung nahm, dass außer den Bauern auch alle anderen Gesellschaftsschichten erfasst wurden, sogar die Nomenklatur.

Hier wie dort — außergerichtliche Organe, Troikas. Es ist vollkommen irreal, dass innerhalb kürzester Zeit Hunderttausende die gewöhnliche Gerichtsmaschinerie, nicht einmal die loyale sowjetische, durchlaufen. Aber die Troikas wurden gewöhnlich dann geschaffen, wenn über eine Sache ohne große Formalitäten entschieden werden musste. 1930 wurden die Troikas zum ersten Mal nicht für punktförmige Operationen angewendet, sondern für Massen-Repressionen. 1937 wiederholte man diesen erfolgreichen Versuch — in noch viel größerem Maßstab.

1930 wurde diese ganze Technologie erprobt, 1937 — maßstabsgemäß umgesetzt.

Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Aleksej Babij
Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation
„Neue Zeitung“, 5. April 2017


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