Bedrohungen von Lehrern und Eltern, Verweigerung der Anmietung einer Räumlichkeit, Öffnen von Briefen, Bewachung durch das MWD

Wie die Vorbereitungen für den Schulwettbewerb der „Memorial“-Organisation ablaufen

Am Mittwoch, dem 26. April, werden den Siegern des Schul-Geschichtswettbewerbs „Der Mensch in der Geschichte. Russland – 20. Jahrhundert“, der nun schon seit 18 Jahren von „Memorial International“ durchgeführt wird, in Moskau die Siegerurkunden ausgehändigt. In diesem Jahr konnten nicht alle Sieger ihre Urkunden entgegennehmen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs stießen sie auf Widerstand. Bei den Bildungsministerien und -Komitees aller Regionen, aus denen die Kinder anreisen sollten, gingen Anrufe ein, die angeblich aus dem Föderalen Bildungsministerium kamen und in den gefordert wurde, die Kinder nicht nach Moskau fahren zu lassen. Dabei berief man sich in einigen Regionen auf terroristische Bedrohung, in anderen verkündete man, dass es sich um einen extremistischen Wettbewerb handele, der von einer verbotenen Organisation durchgeführt werde.

Das stellvertretende Oberhaupt des Bildungsministeriums Valentina Perewersewa erklärte unverzüglich, dass die Behörde in keinerlei Verbindung mit dem Wettbewerb steh und „keinerlei Briefe hinsichtlich eines Verbots an seiner Teilnahme“ versendet hätte. „Memorial“ vermutet, dass die regionalen Ministerien von Betrügern angerufen wurden, die an die Siegerlisten dadurch herankamen, dass sie die Post der Organisatoren des Wettbewerbs öffneten.

Mitteilung der „Neuen Zeitung“
Der allrussische Wettbewerb historischer Forschungsarbeiten von Schülern der höheren Klassenstufen wird von „Memorial“ bereits seit 18 Jahren durchgeführt; 40000 Personen nahmen bisher daran teil. Die Teilnehmer, Schüler und Schülerinnen im Alter von 14-18 Jahren, leisten ernsthafte Geschichtsforschungen darüber, wie die Ereignisse des 20. Jahrhunderts sich anhand konkreter Menschen-Schicksale widerspiegeln: ihrer Vorfahren, Nachbarn, Einwohner jener Städte oder Dörfer. Jedes Jahr werden 2000 schriftliche Arbeiten für den Wettbewerb eingesendet, aus denen eine Jury, die seit vielen Jahren von dem Historiker Sigurd Schmidt geleitet wird, die 40 besten auswählt.

Am 20./21. April fingen sie an, bei den regionalen Ministerien anzurufen, als Kinder und Lehrkräfte sich bereits auf die Abfahrt nach Moskau vorbereiteten. Die meisten Regional-Beamten glaubten, dass sie mit der Führung in Moskau gesprochen hätten und informierten deshalb unverzüglich die Schulen.

Und dann ging ein richtiger Blödsinn los: 50 Familien und Schulen in ganz Russland versuchten in aller Eile, das Verbot zu umgehen, indem sie ihre Kinder ohne das Wissen der Beamten nach Moskau schicken wollten.

- Den Direktor meiner Schule haben sie aus dem Gebietsministerium für Bildung angerufen und gesagt, dass sie selber vom stellvertretenden Bildungsminister der Russischen Föderation angerufen worden wären; und der Anrufer fragte, ob ich am Wettbewerb teilnehmen würde, wie ich nach Moskau gelangen und weshalb ich denn ganz allein fahren wolle. Und er sagte mir, dass man mich nicht fahren lassen würde, - berichtet die 16-jährige Galja (Name auf Bitten des Mädchens geändert). – In der Schule versuchten sie zu erklären, dass ich das Recht hätte, mit einer entsprechenden Vollmacht meiner Eltern, allein zu reisen; das habe ich auch schon viele Male gemacht. Aber im Ministerium beschloss man, dass mich jemand aus der Schule begleiten müsse, und sie gaben mir eine Stunde Zeit, um jemanden zu finden. Für den Fall, dass Galja allein fahren würde, versprach man ihr, sie aus Moskau sofort wieder zurück zu schicken. Natürlich konnte die Schule für das Mädchen nicht innerhalb einer Stunde eine Begleitperson beschaffen, doch Galjas Eltern fanden einen unerwarteten Ausweg. Sie schrieben einen Antrag, damit Galga dem Unterricht in der Schule „aus familiären Gründen fernbleiben“ durfte (und nicht wegen der Reise anlässlich des Wettbewerbs). Der Schuldirektor tat so, als ob er das für glaubwürdig hielt, und Galja trat die Fahrt an. Das Märchen, dass die Schülerin dem stellvertretenden Bildungsminister auf dem Bahnhof persönlich begegnet war, nahm niemand ernst. Trotzdem bat Galja darum, ihren Namen und den Namen der Stadt nicht zu nennen.

Nach der Hetzjagd auf nichtkommerzielle Organisationen, der Verfolgung tschetschenischer Schwuler und dem Verbot der „zeugen Jehovas“, worüber die Menschenrechtler dem Oberhaupt der europäischen Diplomaten, Frederica Mogherini, Bericht erstatteten, handelten die Beamten in jeder Region auf eine andere Art und Weise. Nach den Worten der Leiterin der „Memorial“-Bildungsprogramme – Irina Schtscherbakowa -, begannen zahlreiche Gebiets-Bildungsorgane auf die Schulen Druck auszuüben (wobei sie gelegentlich den Lehrkräften mit Entlassung drohten) und zwangen sie, die Schüler dazu zu überreden, nicht nach Moskau zu fahren. Sie erklärten das vor allen Dingen mit der Sorge um die Sicherheit der Kinder. „IN den meisten Fällen traten die Schulen für die Kinder ein, - sagt Scherbakowa. -Eltern und Lehrkräfte verhielten sich adäquat, sie haben verstanden, was für ein Trauma die Kinder erleiden, wenn man sie nicht nach Moskau reisen lässt. Aber die Lehrerinnen waren ziemlich erschrocken. Die Kinder fahren zu lassen war aus ihrer Sicht ein mutiger Akt. Aber wie hoch muss der Angstlevel sein, wenn sie sich sogar davor fürchteten?“

- Wir verfügen über ein sehr adäquates Bildungskomitee, - erzählt Swetlana Jelisejwa, Geschichtslehrerin an der Schule N° 579 in Sankt-Petersburg. – Es ist wohl so, dass, als der Anruf aus Moskau kam, die Angerufenen in den entlegenen Regionen nicht einmal nach dem Namen fragten. Aber hier bei uns haben sie gleich darum gebeten zu sagen, wer sie sind.

Insgesamt gesehen nahm das Komitee die Anrufe mit großer Skepsis auf, präzisierte jedoch, wer zusammen mit der Siegerin des Wettbewerbs, der Zehntklässlerin Ksenja Tschinokalowa, nach Moskau fahren sollte. Swetlana machte sich auch tatsächlich bereit, um ihre Schülerin zu begleiten, und die Beamten beruhigten sich wieder.

In der Region Krasnojarsk riefen Unbekannte „aus Moskau“ die Bildungsministerin persönlich an, die von den Schuldirektoren verlangte, die Sieger-Kinder nicht nach Moskau reisen zu lassen.

- Wir haben gute Beziehungen zum Ministerium, ich rief bei der Abteilung für begabte Kinder an, - sagt Aleksej Babij, Leiter des Krasnojarsker „Memorial“ und regionale Koordinator des Wettbewerbs. – Sie wussten von dem Wettbewerb, wir sprachen mit ihnen und kamen zu dem Schluss, dass dieser Anruf als Provokation gedacht war – und damit brachten wir dann die Sache in Ordnung. Die Ministerin ist ein – vorsichtiger Mensch. Mit ihr läuft es gut; man überzeugte sie, gab ihr die Information, dass „Memorial“ eine verbotene Organisation sei. Und das glaubte sie auch. Aber kann man uns etwa mit dem IS (einer in Russland verbotenen terroristischen Vereinigung – Red.) auf eine Stufe stellen?

Leider verhielten sich nicht alle unter den Beamten adäquat. Von den 51 Siegern kamen 7 (vier Halbwüchsige aus dem Gebiet Wolgograd, drei aus der Region Twer) nicht zur Siegerehrung.
Die Mädchen aus dem Gebiet Twer durften nicht ohne Eltern oder notariell beglaubigte Vollmacht nach Moskau fahren.

- Ich versuchte, der Mitarbeiterin der Bezirks-Bildungsbehörde zu erklären, dass sie laut Gesetz nicht vonnöten waren, wir hatten alles mit den Eltern abgesprochen, aber ganz egal, was ich auch sagte – die Beamtin wiederholte immer nur den einen Satz: „Ich habe gehört, was Sie gesagt haben“, - und wollte schon den Hörer auflegen, - berichtet die Koordinatorin des Wettbewerbs Ljubow Grischina.

Den Familien war es bereits nicht mehr möglich, die Beglaubigungen ausfertigen zu lassen, die Lehrerin hatte Angst und bat „Memorial“ darum, sich nicht einzumischen, die Mädchen weinten. Alle drei blieben zu Hause (die „Neue Zeitung“ schickte eine Anfrage über die Situation an den Gerierungsapparat der Region Twer, hat bislang aber noch keine Antwort erhalten).

Am schlimmsten zeigte sich die Lage im Gebiet Wolgograd; von dort sollten sechs Halbwüchsige in Moskau eintreffen. Nach den Worten von Irina Schtscherbakowa, verboten die Beamten grundsätzlich allen Schülern das Verlassen der Stadt. „Weshalb hat man da nicht gleich den Kriegszustand bei uns ausgerufen?“ – empört sich Schtscherbakowa. – Unser Wettbewerb ist für die Dörfer, die kleineren Städte wichtig. Zwei Drittel der Kinder, die von dort stammen, sind noch nie in Moskau gewesen, und man weiß nicht, ob und wann dies jemals der Fall sein wird. Sie möchten so gern fahren. Aber hier sagt man ihnen, dass die Stadt gefährlich ist, dass es überhaupt gefährlich ist, sich im Land zu bewegen. Wie sollen sie das denn begreifen?

Jedenfalls wurden vier Schüler nicht zum Wettbewerb gelassen.

In der Presse-Dienststelle des Gouverneurs-Apparats der Region Wolgograd empörte man sich außerordentlich um die Anfrage der „Neuen Zeitung“ und bekundete, dass man im Komitee für Bildung und Wissenschaft nichts über einen Wettbewerb von „Memorial“ gehört habe, dass man es den Kindern nicht verbieten würde, nach Moskau zu reisen und sich auch nicht dafür berichtigt hielt, ein solches Verbot zu erteilen.

Am Erstaunlichsten ist, dass die Sieger des Wettbewerbs nicht im Voraus darüber informiert wurden, die Kinder selber wissen bis heute nicht, welche Plätze sie eingenommen haben. Die Liste lag lediglich der Jury und den Organisatoren des Wettstreits vor. Bei „Memorial“ ist man überzeugt: die Unbekannten haben die Post von irgendjemandem geöffnet – wahrscheinlich die von Irina Schtscherbakowa.

- Auf der Liste, die ich in meinem Postfach aufbewahrt habe, waren die Sieger aus einigen Dörfern nicht aufgeführt. Nur sie waren es, bei denen man nicht versuchte, sie an der Fahrt nach Moskau zu hindern, - sagt Irina Schtscherbakow.

Auch vor einem Jahr wurde Schtscherbakowas Briefkasten aufgebrochen. Damals versuchten Aktivisten der Nationalen Befreiungsbewegung (NOD) die Preisverleihung zu sabotieren. Behängt mit Georgs-Bändern, spielten die Aktivisten auf dem Bajan, hielten rote Fahnen in den Händen, und man trat den Wettbewerbs-Teilnehmern mit dem Geschrei „National-Verräter!“ entgegen. Die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja wurde mit grüner Farbe übergossen, die Gäste der Zeremonie bewarf man mit Eier, bespritzte sie mit Salmiakgeist. Nach Schtscherbakowas Worten befand sich das Szenario der Preisverleihung voll in den Händen der Nationalbefreier. Nur durch das Aufbrechen der Post hätten sie an die Einzelheiten kommen können.

Übrigens wurden die Probleme in Bezug auf den Wettbewerb durch Scherzanrufer in diesem Jahr auch nicht weniger. Zwei Wochen vor der Preisverleihung machte der „Telegraph“, mit dem „Memorial“ bereits im Dezember einen Mietvertrag für einen Saal im Zentralen Telegraphen abgeschlossen hatte, diese Vereinbarung wieder rückgängig. In dem Dokument erscheint der merkwürdige Satz: „Aufgrund der Unmöglichkeit der vorliegenden Veranstaltung die Zustimmung zu erteilen“. Die Kommentierung dieses Satzes durch die „Neue Zeitung“ wurde seitens des „Telegraphen“ verweigert. „Memorial“ erklärte man nicht, dass die Besitzer des Saals an diesem Tag eine eigene Veranstaltung durchführen wollten (welche genau, wollte man nicht mitteilen). „Sie bekräftigten, dass daran nichts mehr zu ändern sei, dass sie versuchen wollten, für uns einen anderen Raum zu finden“, - berichtet Schtscherbakowa, -

- Wir befanden uns in einer sehr schwierigen Situation. Zum Glück stellte uns das Mark-Rosowskij-Theater „Bei den Nikitaer Toren“ seine Räumlichkeit zur Verfügung.

Wennman die Absperrposten der vergangenen Jahre mit ihren grünen und roten Bannern in Betracht zieht, dann wählte «Memorial“ in diesem Jahr den Saal nach einem Kriterium aus, das für eine Kinder-Veranstaltung ziemlich merkwürdig anmuten mag: das Vorhandensein von Wachen. Der „Telegraph“ hatte seine eigene, das Theater „Bei den Nikitaer Toren“ wurde während der Urkunden-Verleihung unter die Bewachung des Zentralapparats des MWD gestellt. Wir merken das noch einmal extra an, für den Fall, dass die Leute, die die Post der Mitarbeiter von „Memorial“ geöffnet haben, nicht nur fähig sind, Provinzbeamte in Angst und Schrecken zu versetzen, Eier zu werfen und Bajan zu spielen, sondern dass sie auch lesen können.

Jelena Ratschewa
Sonderkorrespondentin

„Neue Zeitung“, 26. April 2017


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