Ihr 20. Jahrhundert


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In Moskau fand die Zeremonie zur Siegerehrung der Teilnehmer am Wettbewerb „Der Mensch in der Geschichte“ statt. Wir veröffentlichen Fragmente der Arbeiten der Preisträger.


Die Sieger. Foto: Viktoria Odissonowa / „Neue Zeitung“

Am 26. April verlieh die „Memorial“-Gesellschaft den Siegern des geschichtlichen Schulwettbewerbs „Der Mensch in der Geschichte – 20. Jahrhundert“, der zum 18. Male stattfand, Urkunden. Die Siegerehrung verlief ruhiger, als die Organisatoren erwartet hatten: zum Eingang des Theaters „An Nikitas Toren“, wo die Siegerehrung abgehalten wurde, hatten sich lediglich einige wenige Aktivisten der Nationalen Befreiungsbewegung (NOD) mit Plakaten eingefunden, auf denen zu lesen stand „Memorial – ausländischer Agent“ und „Memorial schreibt die Geschichte des Zweiten Weltkriegs mit Hilfe von Geldern aus der BRD“. Ein Jahr zuvor übergossen Anhänger der NOD die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja vor Beginn der Zeremonie mit grüner Farbe, bewarfen die übrigen Besucher mit Eiern; daher wurde die diesjährige Veranstaltung vom zentralen Apparat des MWD unter Bewachung gestellt.


Demonstration von NOD-Aktivisten am Eingang des Rosowskij-Theaters, wo die Zeremonie von „Memorial“ durchgeführt wurde.
Foto: Viktoria Odissonowa / „Neue Zeitung“

Im Übrigen ergaben sich die Hauptprobleme für den Wettbewerb am Vorabend. Die „Neue Zeitung“ schrieb, dass man „Memorial“ sich im allerletzten Augenblick die Vermietung des Saals verweigert hätte, in dem die Siegerehrung hätte stattfinden sollen, und die Bildungskomitees in den Regionen, aus denen die Kindern anreisen sollten, seien von Leuten mit Telefon-Anrufen bedacht worden, die sich als Beamte des Föderalen Ministeriums ausgegeben und verlangt hätten, die Kinder nicht nach Moskau fahren zu lassen, wobei sie auf terroristische Bedrohungen oder den extremistischen Charakter des Wettbewerbs hinwiesen (das Ministerium für Bildung erklärte unmittelbar darauf, dass es mit diesen Anrufen nichts zu tun habe). Nichtsdestoweniger kamen fast alle Kinder zur Zeremonie – einige nach Partisanenart, ohne Erlaubnis der Schule, indem sie Krankmeldungen vorlegten oder niemandem etwas sagten, außer ihren Eltern.

Der Theatersaal war voll besetzt, die Zuschauer standen auf den Treppen und saßen auf dem Fußboden; die Sieger wurden von Ljudmila Ulitzkaja, Irina Prochorowa, Wladimir Ryschkow und vielen anderen beglückwünscht.


Die Zuschauer. Foto: Viktoria Odissonowa / „Neue Zeitung“

Organisatoren und Polizei trafen äußerste Sicherheitsvorkehrungen. Der Eingang des Theaters wurde von innen und außen von Polizisten und „Memorial“-Mitarbeitern bewacht, alle Gäste wurden anhand von Listen überprüft, deò Saal selbst schritt ein Ausbilder mit Wachhund ab; nach Beginn der Feierlichkeiten wurde der Eingang abgesperrt. Übrigens: die NOD-Aktivisten versuchten gar nicht erst einzudringen. Zwei standen dort als einzige Posten. Sobald sie sich einander näherten, wurden sie von den Polizeibeamten wegen einer nicht genehmigten Aktion festgenommen, und ein Journalist der Fernseh-Gesellschaft REN TV machte Aufnahmen vom Polizei-Fahrzeug, in dem die Vertreter der „patriotischen Vereinigung“ abtransportiert wurden (am Vorabend der Siegerehrung hatte REN TV in einer Sendung gesagt, dass der Wettbewerb die Schüler in Extremismus unterweist),

https://youtu.be/amPctg2dcNw

Bedrohungen von Lehrkräften und Eltern, Ablehnung der Saal-Vermietung, Öffnen von Briefen, Bewachung durch das MWD. Wie läuft die Vorbereitung des Schulwettbewerbs der „Memorial“-Organisation!?
Leider sickert, nach den Worten der Organisatoren des Wettbewerbs, die historische Propaganda langsam auf andere Weise durch. Nach Ansicht des Leiters des Krasnojarsker „Memorial“ und regionalen Koordinators des Wettstreits, Aleksej Babij, ist das Durchschnittsniveau der Schülerarbeiten in letzter Zeit merklich gesunken: „Ich nehme seit 2003 an der Wettbewerbsausrichtung teil. Damals gab es sensationelle Arbeiten, und die Auswahl war viel größer. Heute tauchen eher formelle Arbeiten auf, die dem Hurra-Patriotismus zuzuordnen sind. Man sieht, dass die Menschen diese Arbeiten nicht aus eigenem Wunsch verfasst, sondern irgendwo abgeschrieben haben“.

Die Leiterin der „Memorial“-Bildungsprogramme, Irina Scherbakowa, stimmt der Tatsache zu, dass die Arbeiten sich verändern, aber sie ist der Meinung, dass Propaganda die Arbeiten der Kinder viel weniger beeinflusst, als man denken könnte. „Wenn ein Schüler die Geschichte seiner Familie niederschreibt, kann es darin keine Pathetik oder Halbamtliches geben – sagt sie. – An dem Wettbewerb nehmen zahlreiche Kinder aus Dörfern teil, deswegen beginnt beinahe jede Geschichte mit der Kollektivierung, mit den Repressionen. Aufrichtige Familiengeschichten, besonders aus dem bäuerlichen Umfeld, gibt es ohnedem nicht“.

Das verwundbarste Thema der Arbeiten ist – der Krieg. „Geschichten über das Kampfgeschehen sind sehr häufig inhaltslos, trocken und formalisiert, - betont Scherbakowa. – Wir wollen, dass die Kinder ein lebendiges Gefühl in Bezug auf Heroismus und Untergang der Vorfahren bewahren und bergreifen, dass all das nicht umsonst war. Mit derartigen Texten wird genau der gegenteilige Effekt erreicht. Aufgrund von Propaganda in den Kinder-Arbeiten kommt der lebhafte Bezug zur Tragödie abhanden, was bleibt, ist eine leere Heldengeschichte, ein Mythos“.

Wie Irina Scherbakowa berichtet, tauchen in den Schülerarbeiten oft Kriegsgeschichten in den schrecklichsten, blutigsten Ereignissen auf. Die Kinder schreiben von Angehörigen, die in Wjasma, Stalingrad umkamen, in Panzern am Kursker Bogen verbrannten. „Die Bemühungen zu erinnern und darüber zu schreiben sollte der Stadt mit allen Kräften unterstützen, - sagt Scherbakowa. – Aber es kommt nicht von ungefähr, dass genau das Gegenteil geschieht. In der Beschreibung eines tragischen, nicht vorzeigewürdigen Schicksals sieht er den Versuch, nach einem Mythos zu trachten. Als die Großeltern noch am Leben waren, stieß der Mythos auf die Worte eines lebendigen Zeugen. In einer der Arbeiten beschreibt ein Mädchen aufrichtig, wie sie den Großvater, einen ehemaligen Soldaten, fragt: „Opa, erzähl mir etwas Heldenhaftes, Schönes. Das, was du mir die ganze Zeit erzählst, wie im Krieg deine Stiefel ganz löchrig waren, oder von der Ziege, die dir zu essen gab, so lange die Feldküche noch nicht eingetroffen war. Na, wie soll ich denn über dich schreiben?“ Vor 18 Jahren haben wir noch darüber gelacht, dass der wichtigs5te Mensch in der Geschichte die Großmutter war: eine lebendige Zeugin, ein lebendiges Gedächtnis aus Kriegszeiten. Jetzt werden es ihrer immer weniger, und die Arbeiten verändern sich“.

Die Zeitrahmen der Schülerarbeiten verschoben sich auf die Nachkriegszeit, die 1970er Jahre, - jene Zeit, über welche die Kinder ihre Angehörigen noch befragen können. Mit ihnen taucht im Wettbewerb das Thema des alltäglichen Lebens auf. Beispielsweise gibt es unter den Siegern einen Autor, der über die Geschichte der Versorgungsengpässe der Nachkriegszeit den Essay „Alle Macht den Bezugsscheinen“ schrieb – Über Bezugsscheine für Lebensmittel in den 1980er Jahren.

Nach Scherbakowas Worten hat sich die Propaganda am meisten in den Video-Arbeiten widergespiegelt. Inhaltslose TV-Themen dringen den Kindern in die Ohren und zeigen ihnen, wie man von Menschen berichten muss, - sagt sie. – Eine ehrliche und ruhige Berichterstattung über den Menschen – so etwas gab es sogar in der UdSSR – ist verschwunden. Und früher gab es davon viele“.

https://youtu.be/LAqDf2qVk_E

Es ist auffallend, dass die Mehrheit der Sieger aus entlegenen Städten und Ortschaften stammt: Elban im Gebiet Nowosibirsk, Ussol in der Region Perm, der mordwinischen Ortschaft Ljambir, der tschuwaschischen Stadt Alatyr, dem Wolgograder Urjupinsk, dem Krasnojarsker Igarka… Während in Moskau heroische Historienfilme gedreht wurden und man eine Stelle für ein Denkmal zu Ehren Wladimirs suchte, saßen die Heranwachsenden in diesen Städten und Dörfern in den Archiven, hielten Interviews mit Verwandten der älteren Generation ab, rekonstruierten die Geschichte der anonymen Gräber auf dem Dorffriedhof oder die Lebensgeschichte eines verschollenen Verwandten. Sie stellten den Erwachsenen unbequeme Fragen und blickten mutig, ohne Verblendung und Voreingenommenheit auf die Vergangenheit – ihre eigene und die ihrer Angehörigen.

Leider können wir die besten Arbeiten der Schüler nicht vollständig abdrucken. Wie auch in den vorangegangenen Jahren plant „Memorial“, sie in einem Extra-Buch herauszugeben. Einstweilen hat die „Neue Zeitung“ einige Fragmente von Arbeiten ausgewählt – darüber, wie heutige 15- bis 16jährige Menschen das vergangene 20. Jahrhundert sehen.

Jelena Ratschewa, „Neue Zeitung“


Die Sieger des Wettbewerbs. Foto: Viktoria Odissonowa / „Neue Zeitung“

„Der Starost besaß keinerlei Patriotismus und kein Mitleid mit den Menschen…“

Wir veröffentlichen Fragmente der Siegerarbeitendes „Memorial“-Wettbewerbs – über Kriege, Hunger, Verhaftungen und das Schlange stehen in den 1990er Jahren

Jaroslawa Sidorowa (Gebiet Nowosibirsk, Ortschaft Elban)
„Die Kriegs- und Nachkriegsjahre in den Schicksalen der Dorfpädagogen und Kinder in Sibirien“

Aus der Erzählung der Dorfbewohnerin und Lehrerin Lidia über ihre Kindheit: „Am späten Abend, als es bereits ganz dunkel war, holte Mutter Lida, packte ein wenig Ölkuchen, Marmelade und ein paar Pellkartoffeln ein und ging zu den Nachbarn (deren Familienoberhaupt befand sich an der Front, seine Frau wurde an dem Tag, dessen Ereignisse hier beschrieben werden, wegen Diebstahl von Getreide auf dem Kolchosfeld verhaftet. – E.P.). Das Bild, das sich Lida bot, hat sich fürs ganze Leben in ihr Gedächtnis eingeprägt: „Ein unbeheizter Ofen, Schluchzen und Heulen, welches unter den auf den Pritschen liegenden Fetzen zu hören war, und der leere, irgendwie leblose Blick einer alten Frau mit zerzausten grauen Haaren. Sie saß an einem leeren Bretter-Tisch, unbeweglich, mit gesenkten Schultern; sie saß einfach nur da und starrte auf einen Punkt. <…>

Lidas Mutter weinte nach der Verhaftung der Nachbarin abends lange Zeit und flehte die Kinder buchstäblich an, keine Körnchen vom kolchoseigenen Getreide zu entwenden. Lida redete sie eine einfache Wahrheit ein – von dir wird genau so viel verlangt, wie von einem Erwachsenen, schließlich bist du schon fünfzehn. Versuche nicht zu stehlen und bestrafe die Schwesterchen – sie sollen es ja nicht wagen!

Und Lida hatte schon selber verstanden, welche Folgen es haben könnte, wenngleich sie zugab, selber heimlich die eine oder andere Handvoll entwendetes Korn gegessen zu haben, und auch die Mädchen hatten der Versuchung nicht widerstehen können, dieses bittere, von Feuchtigkeit aufgequollene und schon zu schimmeln beginnende Korn zu verschlingen. Das löste letztendlich auch eine schwere Angina und den unvermeidlichen Tod der Jüngsten aus; vier Kinder starben im Abstand weniger Wochen. <…>

Die Augen der Großmutter wollten nicht mehr trocknen; sie bedeckte ununterbrochen ihr Gesicht mit dem Saum eines alten Hemdes, bekreuzigte sich und flüsterte etwas. Sie betete wohl, um das Leben der anderen zu erhalten. Der Schmerz in der Familie war so groß, dass sie keinen auch nur für einen kurzen Augenblick fortließ, und die Leere konnte weder durch die zermürbende Arbeit, noch durch die seltenen Briefe des Vaters von der Front ausgefüllt werden. Die Frau schrieb ihm nicht die Wahrheit über die Kinder, und so erfuhr er nicht, dass nicht nur sein Sohn, sondern auch die Mädchen, gestorben waren…“


Stand mit den Arbeiten der Wettbewerbsteilnehmer.
Foto: Viktoria Odissonowa / „Neue Zeitung“

Michail Aleksejew, Pjotr Anantschonok, Ksenia Demidowa und Maria Nemilowa (Sankt-Petersburg)
“Der Zug fuhr aus Leningrad ab…” – Erforschung von geschichtlichen Ereignissen und nationalen Liedern aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges im Raum Brjansk

Wegen der Polizei-Angehörigen mussten die Bewohner des Dorfes Owtschinjez eine Menge durchmachen. Ihr Starost besaß keinerlei Patriotismus und kein Mitleid gegenüber den Menschen. Aus lauter Bosheit wollte er 180 Personen aus der Ortschaft Owtschinjez wegen angeblicher Verbindungen zu den Partisanen an die Deutschen ausliefern, obwohl einige von ihnen diesen Vaterlandsverteidigern tatsächlich halfen. Doch ein Mann, der in Verbindung zu den Partisanen stand und scheinbar für die Deutschen in der Gestapo tätig war, entdeckte diese Liste, vernichtete sie – und genau diesen Mann denunzierte der Starost.

Nina Aleksandrowna (Einwohnerin des Dorfes Owtschinjez. – J.R.) berichtete vom weiteren Schicksal dieses Starosten:

„Diesen unseren Ältesten nahmen die Deutschen innerhalb von 24 Stunden fest, und dort, wo sich jetzt die Schule N°. 2 befindet, gab es ein Gefängnis; alle Frauen gingen zu Fuß dorthin und sahen zu, wie Hunde ihn zerrissen… meine Mama ging auch hin, und sie hat es selbst erzählt... Sie haben ihn sogar begraben, aber niemand wusste, wo…

<…> Eine Frau hatte zwei Söhne. Einer von ihnen ging in den Wald zu den Partisanen, der andere lief auf die Seite der Deutschen über und wurde Polizist im Dorf. Nachdem dieses Territorium von den Deutschen befreit worden war, bekannt der Polizei-Angehörige sich vor seinem Partisanen-Bruder schuldig. „Ich werde mal zu ihm gehen; vielleicht verzeiht er mir und holt mich zu sich“. Aber der Partisan tötete seinen Verräter-Bruder vor den Augen der Mutter. Die Mutter versuchte noch, ihren Sohn zu retten, aber vergeblich. Dann fasste sie den blutüberströmten Sohn unter den Armen und schleppte ihn mit tränenüberströmtem Gesicht fort.

„Und das Mütterchen zieht den Sohn, schleppt und zerrt ihn fort. Dem Partisanen ist das egal. Das ganze Blut lief an ihr herunter, aber der Bruder vergaß den anderen – und das war’s!“

Oksana Jelissowa (Mordwinien, Stadt Saransk)
„Wir wurden alle aus der Kindheit herausgerissen“ – Bericht aus dem Leben eines Tataren-Dorfes zur Kriegs- und Nachkriegszeit

„Irgendwie im Winter 1941-42 schickte Urgroßmutter Chadima die sechsjährige Tochter Raschida (Großmutter der Autorin dieser Arbeit. – J.R.) zum ersten Mal los, um Brot zu holen. Es stellt sich heraus, dass man an die Kolchosarbeiter im Dorf Lobanowka im Geschäft staatliches Brot ausgab. Im Herbst 1941 gab es den Laden in der Ortschaft schon nicht mehr: um kein Kolchos-Brennholz zu vergeuden, verlegten sie den Laden ins Haus der Verkäuferin Rabij. Das sechsjährige Mädchen sagte, als sie den Laden betrat, mit lauter Stimme: „Gib unser Brot heraus“. Es hatte weder Fausthandschuhe noch eine Tasche dabei. Den Viertellaib Brot musste es, fest an den Leib gepresst, forttragen. Lobanowka stellt sich als eine einzige lange Straße dar, deswegen dauerte es lange, bis von einem Ende zum anderen gelangt war.

Überall im Dorf befanden sich riesige Schneewehen; als Raschida durch eine von ihnen hindurch stapfte, schlug sie hin und ließ dabei das Brot fallen. Der Nachbarhund kam sofort herbeigelaufen und schnappte sich das fortgerollte Viertel Brot. Den übriggebliebenen Rest konnte das kleine Vorschulmädchen gerade noch nach Hause bringen. Es hatte keine Handschuhe getragen, und seine Handflächen waren völlig vereist, so dass es kein Gefühl mehr in den Händen hatte. Zu Hause versuchte die Mutter, Raschidas Hände wieder aufzuwärmen, aber nichts half. Da steckte das Mädchen die Händchen auf Anraten der Mutter in einen Zuber, aus dem die Kühe tranken. Die Gebete der Mutter und das Wasser für die Kühe, das Zimmertemperatur besaß – das waren damals die ländlichen Heilmethoden bei Erfrierungen. „Möge Allah geben, dass sie weiterlebt“.

Anastasia Chmara (Region Krasnojarsk, Siedlung Aban)
„Bewohner Chinas in der UdSSR – Opfer der politischen Repressionen“ – die Geschichte von Lju Sjan Schin, Anastasias Urgroßvater, einem chinesischen Jungen, der 1933 in die UdSSR geriet

Lju Sjan Schin (in Aban nannten sie ihn den Chinesen Wasja) überschritt die Grenze zur UdSSR im Bezirk der Stadt Blagoweschtschensk 1933 im Alter von 13 Jahren, nachdem er den Gräueltaten der Japaner entkommen war, welche die Mandschurei besetzt hatten, wo er lebte. Das Gericht (in Form einer „Troika des NKWD“) gab ihm eine Bescheinigung mit seinem Urteil: „10 Jahre Arbeit im Konzentrationslager, ohne Recht auf Briefwechsel wegen illegalen Grenzübertritts und Spionage zum Nutzen Japans“. Die heute gleichaltrige Enkelin Olja gestand in ihrer Arbeit, dass sie nicht verstanden hätte, wovon der Großvater ihr in seinem letzten Lebensjahr erzählt hatte: „…Der gehst eine weite Strecke mit erhobenen Händen, wenn du näherkommst, richten sie die Waffe auf dich, ein unsicherer Schritt oder eine plötzliche Bewegung – da haben sie gleich geschossen“. Auch mir ist heute nicht verständlich, weshalb die Erwachsenen solche Strafen für gerade einmal dreizehnjährige Jungen vorsahen.

Seinem Sohn erklärte Urgroßvater Wasja später, dass er und sein Freund keine Ahnung davon gehabt hätten, eine Grenze zu überschreiten. Sie und andere Jungs waren einfach vor den Japanern bei einer der Hetzjagden auf Chinesen geflohen, hatten sich im Gestrüpp und Schilf am Ufer des Amur versteckt, und waren dann über das Eis in die entgegengesetzte Richtung gerannt. Die unwissenden dreizehnjährigen Flüchtlinge hatten sich gefreut, als ihnen Grenzschützer entgegenkamen, die jedem von ihnen einen Laib Brot, einen Hering gaben und sie dann zu einem Waggon brachten. Sie wussten nicht, dass der Zug speziell für solche emigrierten Flüchtlinge zusammengestellt worden war, damit sie auf den Baustellen des Sozialismus der UdSSR zu kostenlosen Arbeitern werden sollten. Die jungen Chinesen begriffen noch nicht einmal, dass man sie bereits verurteilt hatte und nun in die Stadt Uchta bringen würde, wo sie am Ufer des Komi-Flusses in Erdöl-Schächten arbeiten würden. Sie verstanden kein Russisch. Sie verstanden später, dass der Laib Brot und der Hering – die Ration für die gesamte Reise darstellte.

Jelena Kroitor (Tschuwaschische Republik, Stadt Alatyr)
„Erinnerungen an die Revolution, oder Seiten aus der Provinzgeschichte der Stadt Alatyr“

Der Erste Weltkrieg veränderte auch in unserem Provinz-Städtchen Alatyr jäh das Leben. Die Stadt wurde zum Zentrum der Formierung von Truppenteilen, Quartierpunkt des 160. Reserve-Infanterie-Bataillons sowie der Kavallerie-Reserve. Zur Unterbringung der Truppen wurden das Gebäude des Frauen-Gymnasiums, der Real- und Kirchspiel-Lehreinrichtung zur Verfügung gestellt, das gerade erst neu errichtet wurden war. Der Kommandeur des 160. Infanterie-Bataillons W. Saweljew brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck: „… für die Annehmlichkeiten, die den unteren Rängen sowie den hochrangigen Militärangehörigen des mir anvertrauten Bataillons im Gebäude der Alatyrer Kirchenschule zur Verfügung gestellt werden. Sie geben mir die Möglichkeit, den großen Dienst zu bestätigen, den die Geistlichkeit des Alatyrer Gebiets geleistet hat, indem sie dem Russischen Soldaten die Unterkunft nutzen lässt, die eigentlich für ihre lernenden Töchter bestimmt ist“.

Es ist unmöglich, in diesem Zusammenhang nicht auch ein anderes Zitat anzuführen – aus den Tagebüchern des damals noch neu berufenen Rekruten Iwan Krasnow: „… man hätte mal sehen sollen, wie die Soldaten zum ersten Mal in so eine göttliche Räumlichkeit hereinkamen, bekleidet mit schweren Militärstiefeln, Soldatenmänteln und Gewehren in den Händen, wobei sie brüllten und pfiffen, weil sie wütend auf die Geistlichkeit waren, die von der Einberufung zur Armee freigestellt war; die hatten, so sagten sie, für ihre Kinder ein wunderbares Gebäude errichtet; und nun – soll es nicht sein, dachten die Soldaten, und ließen ihre Wut in der Zerstörung der Marmorstufen mit ihren Gewehrkolben aus… Nach einer Woche waren die Räume völlig verdreckt und machten den Eindruck von stinkenden Kasernen mit dem stickigen Geruch von ledernen Soldatenstiefeln, Machorka-Tabak- Soldatensuppe- und Grütze.

Ljudmila Schkurowa (Wolgograd)
„Alle Macht den Bezugsscheinen?! (Das Bezugsschein-System für die Verteilung von Waren gegen Ende der 1980er Jahre)“


Bezugsscheine der 80er Jahre, gesammelt von der Autorin

Die Unmöglichkeit Zugang zu den grundlegendsten Warengruppen zu bekommen, löste allgemeine Unzufriedenheit aus. Die menschliche Energie war gerichtet auf die Suche nach unabdingbaren Gütern; jedes Jahr wurden zu diesem Zweck 65 Mrd. Menschen-Stunden vergeudet. Forscher bestätigen, dass bis zu 35 Mio. Menschen ständig mit dem Stehen in einer Warteschlange „beschäftigt“ waren, ohne die Garantie zu bekommen, das gewünschte Produkt auch tatsächlich kaufen zu können. <…> Wenn man einmal darüber nachdenkt, dann kämpften die Behörden nicht gegen die Schlangen an, weil sie nicht wollten, dass es allen gut ging. Es war wohl eher so, dass sie eine Massen-Unzufriedenheit befürchteten.

Als im Dezember 1985 meinem Großvater Michail Stepanowitsch Schkurow eine Enkelin geboren wurde, begannen die Probleme mit dem Erwerb von Kinderwaren.

Die Angehörigen seiner Familie lebten in Charkow. Nach den Worten des Großvaters gab es bei ihnen mit Lebensmitteln keine Probleme, und mit anderen Waren ebenfalls nicht, und so9 bat er sie darum, ihnen zu helfen, womit sie konnten, - Nahrung, Spielsachen, andere Kindersachen. Die Verwandten erklärten sich mit der Hilfe einverstanden und schickten einen Koffer mit allen notwendigen Dingen. Aber sie schickten ihn nicht mit der Post, sondern mit Hilfe eines Zugschaffners. Zur angegebenen Zeit begab sich der Großvater zum Bahnhof, wartete, bis alle Passagiere den Waggon verlassen hatten; danach stand nur noch ein kleines Köfferchen da. Und das war ganz offenkundig nicht der, den sie benötigt hätten. Der Schaffner sagte, er solle den Koffer nehmen und verschwinden. Zuhause, als sie den Koffer öffneten, entdeckten sie, dass er von oben bis unten mit roh geräucherten Würsten vollgestopft war. Dieses Köfferchen erwies sich als Retter für die Familie – sie aßen davon noch mehrere Monate.

Jelena Ratschewa
Sonderkorrespondentin

„Neue Zeitung“, 27. April 2017


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