Begraben im Sowjetsker Bezirk

Eine Geschichte über Liebe, Ergebenheit und die Machtlosigkeit  der Gemeinheit vor ihnen


Wer auf diesem Foto zu sehen ist — wissen nur die engsten Verwandten

In diesem Artikel wird kein Familienname genannt werden. Denn es geht darin um das Geheimnis eines persönlichen Lebens. Aber es wird ein Foto geben. Wer auf diesem Foto zu sehen ist — wissen nur die engsten Verwandten.

Zu Beginn der 2000er Jahre traf folgender Brief ein (wortgetreu): «Mein Vater wurde im Gebiet Tjumen festgenommen. Inhaftiert war er in der Region Krasnojarsk. 1952 erhielt Mama die Nachricht von seinem Tod. Sie trug keinen Stempel, als Todesort war der Sowjetsker Bezirk, Gebiet Tjumen, vermerkt, danach hatte man es durchgestrichen und in „Region Krasnojarsk“ korrigiert. Obgleich es weder hier noch dort zu jener Zeit einen Sowjetsker Bezirk gab. Und die Todesbescheinigung war vom Berjosowsker Standesamt ausgestellt worden. Einen Berjosowkser Bezirk gibt es im Gebiet Tjumen, aber wir haben dort nie gelebt. Ich will den genauen Todesort und den Grund seines Ablebens erfahren“.

Tatsächlich gab es zu jener Zeit in der Region Krasnojarsk einen Sowjetsker Bezirk. Heute heißt er Berjosowsker Bezirk, Bezirkshauptstadt ist die Ortschaft Berjosowka.

Ich frage die Autorin: «Haben Sie bei der Krasnojarsker Staatlichen Behörde für innere Sicherheit nachgefragt?» Sie antwortet: «Das habe ich, aber mit hat mir lediglich mitgeteilt, dass er einem Herzanfall erlag».

Ich setze mich mit der Staatlichen Behörde für Inneres in Verbindung, dort heißt es: «Ja, es existiert nur noch eine Meldekarte; dort steht «Sowjetsker Bezirk, Region Krasnojarsk». Wir selber, so sagen sie, verlieren uns hier in Rätseln. Normalerweise ist alles ganz normal geschrieben: Friedhod der und der Lagerabteilung, Grab Nummer soundso.

«Und ist auf der Karte ein Lager vermerkt? — frage ich. — Granitlager, sagen sie».

Aber das Granitlag wurde von der Eisenbahn errichtet und führte zu geheimen Atom-Objekten, in denen später Waffen-Plutonium produziert wurde. Heute ist das die Stadt Schelesnogorsk. Und Schelesnogorsk selbst hat das PoljanLag gebaut. All diese Lager waren geheim, denn sie bauten Atom-Fabriken. Wenn du also den Namen des Friedhofs nennst — gibst du gleichzeitig die Lage einer geheimen Stadt heraus. Sogar der Sowjetsker Bezirk — da gibt es schon zu viele Informationen.

Ich rufe bei der Staatlichen Innenbehörde an: «Vielleicht sollte man nicht im GranitLag, sondern besser im PoljanLag suchen?»

Bei uns liegen, so sagt man mir, im Bestand des PoljanLag einige unverständliche Umschläge – keine persönlichen Akten, keine Meldekarten, sondern irgendetwas anderes, was in den 50er Jahren an uns übergeben wurde. Und die liegen heute noch so da. Wir werden sehen.

In diesem Bestand fand sich auch ein Foto des Mannes, den wir suchten. Auf diesem Foto, das er sorgsam hütete, sah man ihn mit irgendeiner Frau. Und eine Bescheinigung, die bestätigte, dass er tatsächlich in der 4. Lagerabteilung des PoljanLag gestorben war. Nach seinem Tod legten sie alles, was sich in seinem Nachtschrank befunden hatte, in einen Umschlag.
Ich bat die Archiv-Mitarbeiter, eine Kopie des Bildes an die Tochter zu schicken und fing selber an zu suchen, wo die 4. Lagerabteilung des PoljanLag sich befunden hatte. Denn bei der Staatlichen Innenbehörde lagen darüber keine Angaben vor.

Der Heimatkundler S.P. Kutschin brachte in den neunziger Jahren das Buch „PoljanLag – Lager der Kriminellen» anhand von Materialien der Eisenbahn-Archive heraus. In seinem Buch gab es eine Karte der Lagerstellen sowie eine vollständige Liste aller im PoljanLag verstorbenen Personen. Unter ihnen — der von uns gesuchte Mann. Angegeben waren der Friedhof, auf dem er begraben liegt, sowie die Grabnummer. Es existiert sogar eine Karte mit der genauen Lage des Friedhofs. Das heißt: alles, was wir benötigt hatten, war schon lange öffentlich zugänglich gewesen. Wir hatten nur ausgerechnet dort nicht gesucht.

Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte.

Die Tochter erhielt ein Foto, sie schreibt: «Das ist MAMA! Mein Gott! Ich sitze hier und weine. Ich danke Ihnen! Wir haben all die Jahre gelebt, und Mama ist mit dem Gedanken gestorben, dass der Vater uns im Stich ließ. Es war nämlich so, dass in den 1960er Jahren in unserer Ortschaft ein Mann auftauchte und meinte, er habe gemeinsam mit unserem Vater eingesessen hätte und dass ihn und die Frau die Mutter dieser Frau ausgelöst hätte. Dass er das Lager verlassen hätte. Und als Sie schrieben, dass ein Foto des Vaters und der Frau existiert, da war ich beunruhigt, aber…»

Und das ist das Ende der Geschichte. Derartige Dinge wickeln das Leben auf, kein Schriftsteller kann sich so etwas ausdenken.

Und nebenbei bemerkt: hätte die Tochter den Brief jetzt geschrieben, und nicht schon zu Beginn des Jahrtausends, dann hätte sie diese Fotografie nie zu sehen bekommen. Die behördlichen Instruktionen sind strenger geworden, die Archiv-Mitarbeiter hätten heute nicht mehr das Recht, mir irgendetwas mitzuteilen, und ich dürfte ihnen keine Ratschläge erteilen. Ja und S.P. Kutschin hätte zu unserer Zeit sein Buch überhaupt nicht vorbereiten, geschweige denn herausbringen können. So wäre der Mann auch weiterhin im „Sowjetsker Bezirk begraben“ geblieben.

Aleksej Babij
Vorsitzender des Krasnojarsker „Memorial“
Neue Zeitung, 17.05.17


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