Scheidung aus politischen Motiven

Sie lebten nur kurz und unglücklich miteinander und starben in ein und demselben Jahr

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es im Nationalpark Stolby die Gesellschaft „Berkuty“ („Steinadler“; Anm. d. Übers.) – eine legendäre Organisation, die nicht wenige schwierige und gefährliche Routen eröffnete, für die schon ihr Name spricht. Beispielsweise der sogenannte „Verrückte“. Während des Bürgerkriegs versteckten die „Steinadler“ sich als Partisanen im Naturschutzgebiet Stolby und nahmen am „Flaggen-Krieg“ teil, als die Fahne an der schwer zugänglichen Mansker Wand jeden Tag von der roten zur schwarzen wechselte – Bolschewiken und Anarchisten leisteten sich einen regen Schlagabtausch.

Die „Steinadler“ waren die „Roten“. Und überhaupt - wer da nicht alles auf Stolbys Territorium gewesen war: von Kadetten und Anarchisten bis hin zu Sozialisten unterschiedlicher Schattierungen. Für alle ging es schlecht aus – sowohl für die Roten, als auch für die Weißen und die gänzlich Unpolitischen. Der Eine kam im Bürgerkrieg ums Leben, den anderen erschossen sie oder schickten ihn unter der Sowjetmacht ins Lager. Von den „Steinadlern“ blieb ebenfalls kaum jemand am Leben. Auch Semjon Gobunow und Madjeschda Schapir überlebten nicht.

Da sieht man sie auf dem Foto – noch jung, aber sehr ernst dreinblickend. Ein wunderbares Paar. Sie heirateten, eine Tochter und ein Sohn wurden geboren. Und sie hätten auch weiter zusammengelebt, wenn es nicht ideologische Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Semjon war ein „Zweifler“ – bis 1917 war er Menschewik gewesen, danach trat er in die Allrussische Kommunistische Partei der Bolschewiken ein, geriet dort aber ebenfalls in die Opposition – er wurde Trotzkist. Und Nadjeschda, wen gleich sie ebenfalls von Zweifeln erfasst war, blieb doch der Partei treu. Beide waren unversöhnlich und kompromisslos. Und schließlich trennten sie sich Ende der 1920er Jahre. Ihr Schicksal verlief unterschiedlich, endete aber in der gleichen Weise.


Nadjeschda Schapir und Semjon Gorbunow

Semjon wurde Direktor des Sport-Technikums. 1935 verhaftete man ihn, weil er in seinen Unterrichtsstunden von den Verdiensten Trotzkis, Sinowjews und Kamenews erzählt hatte. Gorbunow verkündete während seiner Verhöre: „Ich bin nicht schuldig. Wenn ich auf den Studenten-Versammlungen über die Verdienste Sinowjews und Kamenews vor der Arbeiterklasse und der Partei gesprochen habe, dann handelte es sich dabei um nichts Ausgedachtes, sondern zweifellos um die Geschichte der Partei“. In der Anklageschrift heißt es: „Er besuchte absichtlich nicht die geschlossene Partei-Versammlung beim Durcharbeiten des geschlossenen Briefes der Allrussischen Kommunistischen Partei der Bolschewiken im Zusammenhang mit dem Mord am Genossen Kirow“.

1935 konnte man ihm für derartiges Freidenkertum noch insgesamt drei Jahre aufbrummen. Nun aber verfolgte man ihn und gab ihm noch mehr – man schickte ihn an die Kolyma, zum Goldbergwerk At-Urjach. 1938 wurde Semjon von einer Troika der NKWD-Behörde des „Dalstroj“ (Lager „Bauverwaltung Fernost“; Anm. d. Übers.) gemäß Paragraph „konterrevolutionäre trotzkistische Tätigkeit“ zum Tod durch Erschießen verurteilt. Hier geriet er einfach „in die Verteilung“. In den Lagern hatten sie Plansolls zu erfüllen, und zum Glück hatte man dort alle „Kandidaten“ unmittelbar „an der Hand“.

Nadjeschda begab sich nach der Scheidung nach Irkutsk und brachte es dort bis zur Zweiten Sekretärin des Stadtkomitees der Partei. Im Dezember 1937 wurde sie verhaftet, aber man konnte sie mehrere Monate nicht dazu zwingen ihr Schuldanerkenntnis abzugeben. Sie hielt allen Foltern stand, doch schließlich zerbrach sie der Kinder wegen. Man drohte ihr auch diese zu verhaften – sie waren damals bereits Studenten. Sie unterschrieb alles und wurde erschossen.

In den 1950er Jahren erreichte Maria Semjonowna die Rehabilitierung der Eltern. Sie hatte mit den damaligen ideologischen Meinungsverschiedenheiten ihrer Eltern nichts zu tun gehabt. Und das gemeinsame Schicksale versöhnte die beiden wieder – auch wenn dies erst nach ihrem Tod geschah.

Aus irgendeinem Grund muss ich immer wieder an dieses Paar denken, das eigentlich ein langes und glückliches Leben miteinander hätte führen können, mit ihren geliebten Berufen und den geliebten Kindern. Stattdessen die Scheidung aus politischen Gründen, Lebenskampf und schließlich der qualvolle Tod. Sie hatten nur kurze Zeit und recht unglücklich miteinander gelebt und starben in ein- und demselben Jahr.

Aleksej Babi
Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation

Neue Zeitung, 9. Juni 2017


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