„Absolvent“ des Sonderlagers N° 7

Die Kunst in einem unfreien Land frei zu sein


Oserlag: Wladimir Worobjew – ganz links

Für Warlam Schalamow bedeutete das GUlag eine absolut negative Erfahrung. Und er hatte recht. Umso erstaunlicher sind die Fälle, in denen ausgerechnet ein in Unfreiheit lebender Mensch ein neues Leben begann, sich selber und seine Berufung fand. Genau darum geht es in dem Roman von Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“, der Furore machte. Suleika wechselte von einer Unfreiheit, der Unfreiheit einer streng patriarchalischen Familie, in eine andere – der Unfreiheit der Sondersiedlung. Und diese neue Unfreiheit war auch nicht besser, als die vorherige, sondern eben – anders, und während dieser Zeit fand Suleika sich unerwartet selber. Dies rechtfertigt keineswegs die Repressionen, gibt ihnen jedoch gewisse neue Facetten.

Da ist die Geschichte eines Dorfburschen, der im Jahre 1949 verhaftet wurde. Wladimir Worobjew lebte im Dorf Kortus, Krasnoturansker Bezirk, Region Krasnojarsk, und arbeitet als Erzieher in einem Kinderheim. Er und der Direktor standen in keiner guten Beziehung zueinander, so dass der Worobjew beim MGB in schriftlicher Form denunzierte. Wladimir war damals gerade 20 Jahre alt. Er bekam 25 Jahre Haft plus 5 Jahre Verbannung aufgebrummt. Ihm stand bevor, in Unfreiheit bis ins Alter weiter zu leben.

Natürlich war die Sache aus den Fingern gesogen. Selbst der Staatsanwalt sagte ganz offen, dass es eigentlich kein seriöser Fall war, doch unsere sowjetischen Ermittlungsverfahren irren sich nicht und einen Weg zurück gibt es nicht. Worobjew saß mehrere Monate in einer Einzelzelle, las Bücher aus der Gefängnis-Bibliothek, beschäftigte sich mit Sport und dachte über Dinge nach, die weit von der ihn umgebenden Wirklichkeit entfernt lagen. „Außerdem verblüffte mich eine Analogie in den Bereichen Musik, Geometrie und Chemie. Ein Moll-Akkord setzt sich aus Noten zusammen, die der Länge nach angeordnet sind, wie 3-4-5, während der Dur-Akkord aussieht wie 5-4-3; verbindet man sie geometrisch, so ergeben sich zwei symmetrische ägyptische Dreiecke (winkelige Dreiecke mit einem Seitenverhältnis von 3:4:5. Aus der Biochemie wusste ich, dass es in den Lebewesen isomere Moleküle gibt. Und so stellte ich mir vor, dass die Musik bei Dur-Akkorden irgendwie erfrischend wirkt, denn es entsteht eine chemische Reaktion mit zusätzlicher Energie, während es sich bei den Moll-Akkorden so verhält, als ob dem Organismus Energie entzogen würde“.

Anschließend kam das Norillag, wo Wladimir sich eine neue 25-jährige Haftstrafe wegen Fluchtversuchs einhandelte. Über eine Flucht war von den Häftlingen auch tatsächlich diskutiert worden, aber es fanden keine Vorbereitungen statt. Es klingt merkwürdig, aber die neue Haftstrafe erwies sich als Wohltat: fast ein Jahr lang saß er im Gefängnis, während das Untersuchungsverfahren lief, aber Gefängnis bedeutet nicht todbringende Zwangsarbeit. Die Zellengenossen lösten einander ständig ab, aber von jedem gab es etwas zu lernen. Da war ein Physiker, und Wladimir verbesserte seine Kenntnisse in Physik und Mathematik. „Später setzten sie Grigorjew zu mir in die Zelle – einen Arzt. Aus lauter Langeweile lehrte er mich die Krankheitsdiagnostik, erzählte aus seiner Berufspraxis. Er war ein großer Musik-Liebhaber, und ich lernte von ihm mehrere Arien aus verschiedenen Opern“.

Die neue Haftstrafe verbüßte Worobjew dann schon im Oserlag (Sonderlager N° 7 für politische Häftlinge im Gebiet Irkutsk – Red.) und anschließend in Omsk, wo ein Theosoph ihn mit dem Studium Blawatskis (1831-1891, russischer Adeliger, Staatsbürger der USA, religiöser Philosoph theosophischer Richtung – Red.) und der Astrologie bekannt machte; der orthodoxe Geistliche erklärte ihm die Feinheiten des Evangeliums; und der freie Philosoph versuchte mit Hilfe von Davids Schlüssel (Offenbarung Davids; Anm. d. Übers.) alle Arten geistiger Kultur zu beschreiben. Und das hinterließ bei Wladimir Vorstellungen von den geistigen Kulturen: „Ich las zahlreiche philosophische Werke: von Aristoteles, Platon, Platin, Condorcet, Taine, Hegel, Lao Tse, sogar der Koran geriet in meine Finger. Damals gingen wir die drei-vier Kilometer bis zur Arbeitszone zu Fuß. Zu der Zeit ging immer der litauische Professor Buga neben mir. Jeden Morgen und Abend, auf dem Weg zur Arbeit und von dort wieder zurück, hielt er mir Vorlesungen über die westeuropäische Philosophie: Kant, Hegel, Schopenhauer, Nitzsche, Bacon, Freud, die französischen Enzyklopädisten und viele, viele andere. Wie er sagte, hatte er einen Kursus der Schwedischen Universität abgehalten. Von ihm übernahm ich sehr viel aus der Geschichte der Philosophie des Westens“.

Unter Worobjews Zellengenossen befand sich auch Lew Gumiljew. Zu einer näheren Bekanntschaft kam es nicht, doch auch von ihm lernte Wladimir eine Menge Neues.


Wladimir Worobjews reichhaltige Bibliothek

1956 wurde das Omsker Lager geschlossen, und man schickte Worobjew zurück ins Oserlag. Wegen der zweiten Haftstrafe hatte er keine Chance auf Freilassung – er galt als Rückfälliger. Im Oserlag „schrieb ich viel Literatur aus dem Laden „Akademische Bücher“ ab, Buch-Prospekte gab es in den Lager-Bibliotheken. Zuerst kopierte ich Roy Monorondzhons „Indische Philosophie“, anschließend auch das kapitalere Werk von Hadchakrischnan „Die Geschichte der indischen Philosophie“ in zwei Bänden. In meine Hände gerieten auch Kautalyas „Arthashastra“, Lao Tses «Daodejing“, das „Dhammapada und das Gesetzbuch des Manu“ und viele andere Bücher über den Osten“.

„Hier lernte ich einen achtzigjährigen Alten kennen, einen Siebten-Tags-Adventisten. Irgendwie war mir zuvor das Buch eines ukrainischen Autors mit dem Titel „Arznei-Pflanzen“ in die Finger geraten, und der Gläubige und ich gingen nun durch die Lagerzone und sammelten Heilkräuter, wobei wir sie anhand eines Heilpflanzen-Bestimmungsbuches bestimmten, was ich ebenfalls besaß. Ich stellte ein Herbarium von 150 Exemplaren zusammen. So reich war die baltische Flora. Ich lernte, wie man schöne Blätter und Blüten trocknet, und anschließend zeichnete ich sie“.

1959 wird Wladimir Worobjew nach Mordowien verlegt. „Zu der Zeit beschaffte mein langjähriger Freund, der Ukrainer Jewgenij Grizjak irgendwo Yoganadas „Autobiographie“ in englischer Sprache. Im Zusammenhang mit meiner einstigen Begeisterung für Yoga wollte ich dieses Buch unbedingt ins Russische übersetzen. Und genau das zwang mich nun Englisch zu lernen, und da kam mir Jokubinas als Lehrer sehr gelegen. Wenn ich mit ihm Umgang hätte, lernte ich Sprachen fast wie von selbst; ich studierte Spanisch, was mir leichter fiel, nachdem ich bereits Französisch konnte. Ich versuchte auch, ein wenig Arabisch zu lernen. Außerdem schrieb ich eine Grammatik und einen Hindu-Russischen Sprachführer ab und befasste mich mit der Hindu-Sprache. Später, nachdem ich schon Sanskrit verstehen konnte, fiel mir diese Sprache leichter“.

„Der alte Freund“ Jewgenij Grizjak ist kein geringerer, als der legendäre Jewgen Grizjak, einer der Anführer des Norilsker Aufstands der politischen Gefangenen (Mai-August 1953. – Red.).

Noch in Omsk hatte Wladimir Elektriker-Lehrgänge absolviert, eine Bescheinigung für die Ausbildung zu einem Zimmermann der vierten Kategorie und einem Beton-Arbeiter erhalten, und in Mordowien schloss er Bienenzüchter-Kurse ab. In Mordowien gelang es ihm einen Plattenspieler zu besorgen und Schallplatten zu bestellen. „Wir hörten Tschaikwosky, Wagner, Chopin, Mendelssohn, Mozart, Bach, Berlioz und viele andere“.

Unterdessen arbeitet er die ganze Zeit als Zimmermann und Betonarbeiter, erkrankt an Tuberkulose, man versetzt ihn aus einer Lagerabteilung in eine andere, aus der Straf-Brigade mit verschärften Haftbedingungen wieder zurück, denn er gilt als „Rückfälliger“, der zwei Haftstrafen erhalten hat. Mehrmals musste er sich mit Kriminellen prügeln, um sein Leben zu verteidigen, aber einmal hätten sie ihn in der acht beinahe abgeschlachtet. Alle, was gewöhnlich im Lager vorkommen kann, hat sich in seinem Leben abgespielt. Aber das erwähnt er in seinen Memoiren nur als weniger bedeutungsvoll. Wichtiger war für ihn die Selbstverwirklichung, mit der er sich nicht Dank der Unfreiheit beschäftigte, sondern im Gegenteil. Wo hätte er denn sonst so viele bemerkenswerte Menschen kennen gelernt, wenn nicht im Lager: sie gerieten in erster Linie dorthin, denn sie passten nicht in die verkrusteten sowjetischen Rahmen.

Ich las seine Memoiren „Letzte Rehabilitierung“ und musste immer wieder an einen Witz denken. Eine Todeszelle. Darin zwei Häftlinge. Einer liest ein Buch. Der andere, nachdem er schon eine Zeit lang nervös in der Zelle herumgelaufen ist, kann sich nicht länger zurückhalten und sagt: „Warum liest du ein Buch, morgen erschießen sie uns!“ Sagt der erste verwundert: „Na ja, wann denn sonst?“

Worobjew saß 17 Jahre ab und wurde am 30. März 1966 frei gelassen. „Ich und noch ein anderer an dem Tag frei gelassener Zellengenosse verließen die Lagerzone. Zu dem Zeitpunkt kam eine Frau auf mich zu und fragte, an wen sie einen Antrag auf Besuche schreiben könnte. Ich fing an ihr das zu erklären; in der Zeit hatte der Leiter der Sonderabteilung sich mit meinem Kameraden bereits auf den Weg gemacht, und beide befanden sich bereits in einiger Entfernung. In den Jahren der Haft hatte ich mich so an die Wachbegleitung gewöhnt, dass mich plötzlich eine Höllenangst befiel – ich stehe hier ganz allein, der Leiter ist schon fortgegangen. Im Laufschritt holte ich die beiden ein, ging aber dann in ein normales Schritttempo über. Schließlich bin ich doch ein freier Mensch“.

Worobjew kehrte ins heimatliche Kortus zurück, heiratete, baute ein Haus und legte einen bemerkenswerten Garten an. Im Haus gab es eine umfangreiche Bibliothek. Wladimir korrespondierte mit seinen Zellengenossen, von denen viele bekannte Leute wurden. Nur er nicht. Er lebte in seinem Kortus, kümmerte sich um seinen Garten, übersetzte aus den Sprachen Hindu und Sanskrit, las viel und dachte viel nach. Er lebte, wie es ihm gefiel. Er hatte den Mut in einem unfreien Land frei zu sein. Die Freiheit – sie befindet sich schließlich im Innern des Menschen.

Aleksej Babij
Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation

Neue Zeitung, 21. Juni 2017


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