Die Verschwundenen

Während des Großen Terrors wurden nicht nur Menschen getötet,
sondern auch die Erinnerung an sie. Allein die Bekanntschaft mit einem
Verhafteten, der mit ihm auf demselben Foto zu sehen war, wurde gefährlich

Der Leiter der Rubrik „Porträt und Rundherum“, Aleksej Babij, Chef des Krasnojarsker „Memorial“, sammelt seit beinahe drei Jahrzehnten Zeugnisse über die Opfer jener Jahre und digitalisiert die Archive und Erinnerungen von Augenzeugen. Seit Juli verändert sich die Rubrik. Anfangs ging es um Dokumente darüber, wie der Große Terror technologisch aufgebaut wurde, aber ab Mitte August wird Babij anfangen, die Geschichten und Fotos konkreter Personen darzulegen, die vor genau 80 Jahren, Tag für Tag, erschossen wurden. Zahlen und Einzelschicksale; für die Listen der Hingerichteten bieten unsere 24 Spalten zu wenig Platz.

Der Große Terror ließ im Gedächtnis der Menschen Mythen und Mystiken entstehen. Tatsächlich gibt es, wie es scheint, für die meisten irrationalen Erscheinungen eine vollkommen rationale Erklärung, sofern man den Mechanismus und die Logik des Großen Terrors versteht.

Da haben es sich beispielsweise während der Zeit des Großen Terrors die Sowjetmenschen zur Gewohnheit gemacht, panisch Fotografien zu vernichten, auf denen sie gemeinsam mit „Volksfeinden“ zu sehen waren. Und sie haben überhaupt jede Art von Spuren ihrer Bekanntschaft und erst recht Freundschaft mit ihnen zerstört.

Scheinbar folgten sie damit einer Tendenz – man schnitt auch Fotos und Erwähnungen von verfolgten Parteifunktionären aus, vernichtete ihre Bücher in den Bibliotheken. Die Kinder radierten aus ihren Schulbüchern alle „Volksfeinde“ aus und entfernten sie auch von den Umschlägen ihrer Schulhefte. Es ist offensichtlich, dass sich die Sowjetmacht in ihrem zwanzigsten Lebensjahr äußerst unsicher fühlte. In diesen Streichungen gibt es weder Sinn noch Logik, höchstens Emotionen. So schneidet eine verlassene Ehefrau hysterisch und unter Tränen aus dem Foto ihren „Ehemaligen“ aus.

Man kann in diesen Ausschneide-Aktionen auch ein gewisses mystisches Ritual sehen, wenn du nämlich eine beliebige Erinnerung an einen Menschen auslöschst, machst du ihn damit nicht existent. Ob das eine Kampagne ist oder Hysterie – in jedem Fall ist es keine vernünftige Lenkung durch den Staat.

Mit den häuslichen Fotoalben war die Situation jedoch eine andere: die Menschen merkten, dass allein die Bekanntschaft mit einem Verhafteten, ein gemeinsames Foto mit ihm, gefährlich waren. Nachdem jemand verhaftet worden war, verschwanden nach und nach auch seine Freunde und Bekannten. Also war es besser, gar nicht erst als sein Freund oder Bekannter des Festgenommenen in Erscheinung zu treten, oder noch besser – gar nicht erst mit jemandem befreundet oder bekannt zu sein. Die Menschen fürchteten nicht nur das NKWD – sie fürchteten sich voreinander. Heute bist du bei jemandem zu Besuch, morgen verhaften sie ihn, und das heißt – sie können dich als nächsten holen.

Diese Befürchtungen waren gar nicht so verkehrt. In der Tat folgte jedem Verhafteten eine Spur von Festnahmen seiner Freunde und Bekannten. Der Grund war ein rein technischer – die Aufstockung der Limits. Für jede Region waren Kontrollzahlen für die Repressalien festgesetzt, und diese Zahlen überstiegen ganz gravierend die Anzahl der „Verdächtigen“, die beim NKWD registriert waren.

Doch selbst wenn alle verhaftet wurden, die auf der Liste standen, waren die Limits noch nicht vollständig erreicht. Aber wo sollte man die fehlenden hernehmen? Mit Denunziationen allein kommst du aus der Sache nicht heraus: trotz der Massen-Psychose gab es nicht so viele Denunzierungen; der Mythos von vier Millionen Anzeigen ist eben nicht mehr, als ein – Mythos.

Im NKWD ging man einen einfachen Weg: im ersten Verhör fragten sie die Person, mit wem sie bekannt, mit wem befreundet wäre – ohne ihm irgendeine Anklage vorzuwerfen. Die Leute, die nicht merkten, dass sie in eine Falle tappten, nannten die Nachnamen. Und aus diesen Genannten bastelten die Ermittlungsrichter dann eine „antisowjetische Organisation“ zusammen, verhafteten die Menschen und fragten beim ersten Verhör wiederum nach den Namen von deren Freunden und Bekannten. Auf eben diese Weise gelang es, die ursprünglich festgesetzten Limits um einiges über zu erfüllen. Diese Tendenz wurde von den Menschen ganz richtig bemerkt, so dass sie „toxische“ Bekanntschaften mieden.

Da diese Methode überall im ganzen Land zur gleichen Zeit angewandt wurde, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie von den Führern der zentralen und regionalen Organe des NKWD ausgearbeitet (oder bis an die unteren Ränge herangetragen) wurde, und zwar auf Versammlungen, auf denen die zukünftige „Kulaken-Operation“ erörtert wurde. Diese Sitzung führte Jeschow vom 16. - 20. Juli 1937 durch.

Über diese Zusammenkunft ist nur wenig bekannt und das, was man weiß, stammt aus Jeschows Ermittlungsakte. Mit jedem Behördenleiter wurde ein „operatives Limit“ durchgesprochen, und es wurde nicht nur erlaubt, sondern sogar empfohlen, als Druckmittel physische Gewalt anzuwenden. Jeschow verkündete unmittelbar: „Falls während dieser Operation überflüssige tausend Leute erschossen werden, dann macht das überhaupt nichts. Da her soll man besonders bei den Verhaftungen keine Scheu zeigen. Im Zusammenhang mit der Zerschlagung der Feinde wird auch ein Teil unschuldiger Menschen mit vernichtet werden, doch das ist unvermeidlich“.

Auf den Sitzungen ergaben sich zumindest technische Fragen, über die dann möglicherweise auch eine Entscheidung fiel. Es handelte sich nicht einmal für das NKWD, das an Blut gewöhnt war, um eine gewöhnliche Operation.

Wo sollte man beispielsweise mit den Leichen hin? Bis zu dem Zeitpunkt hatte man die Toten in der Regel auf den Friedhöfen vergraben. Aber jetzt steht ihnen eine derartige Anzahl bevor, dass es einfach zu wenig Friedhöfe gibt – und man wird die zahlreichen Bestattungen auch bemerken. Also hob man Gruben außerhalb er Stadt aus.

Oder: welche Antworten soll man den Angehörigen der Erschossenen geben? Bis zu dem Zeitpunkt hatte man geradeheraus mitgeteilt, dass derjenige erschossen worden war und ansonsten die Erschießungslisten in den Zeitungen abgedruckt würden. Aber 1937 – 1938 wurde die arglistige Formulierung geboren: „Zehn Jahre ohne Recht auf Briefwechsel“.

Auf dieser Versammlung verkündete Jeschow, dass man sich auf die Kulaken- und Kriminellen-Sache allein nicht beschränken wolle. Verfolgt werden sollten auch „Cahrbiner, Polen, Deutsche, Mitglieder der sogenannten „Kulakisch-weißgardistischen Gruppierungen in der Allrussischen Kommunistischen Partei der Bolschewisten und des Sowjet-Apparats“.

Und tatsächlich ergeht bereits am 20. Juli eine Anordnung des Politbüros mit der Forderung, unverzüglich den Befehl des NKWD „über die Verhaftung aller in der Rüstungsindustrie arbeitenden Deutschen und die Ausweisung eines Teils der Verhafteten ins Ausland“ herauszugeben, und das NKWD erteilt die Anweisung „die Organisierung einer detaillierten Registrierung aller beim Eisenbahn-Transport beschäftigter Polen, Überläufer, Politemigranten und politisch aus Polen Ausgetauschten, Kriegsgefangenen der polnischen Armee, ehemaliger polnischer Legionäre, ehemaliger Mitglieder der polnischen antisowjetischen Parteien (wie der Patriotischen Partei) und anderer vorzunehmen, unabhängig davon, ob gegen sie kompromittierendes Material vorliegt oder nicht“.

Wir merken an – ohne das Vorliegen kompromittierenden Materials. Alle Deutschen und alle Polen. Es beginnen die sogenannten „nationalen Operationen des NKWD“. Aber darüber lohnt es sich noch genauer zu berichten.

Aleksej Babij
Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft

„Neue Zeitung“, 21.07.2017


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