Das Buch der Erinnerung ohne Namen

Die Krasnojarsker „Memorial“-Organisation sammelt seit fast dreißig Jahren Informationen über repressierte Menschen, deren Schicksale mit dieser Region im Zusammenhang stehen. Und von solchen Menschen gibt es laut Angaben des Krasnojarsker „Memorial“ mehr als eine Million. Ein riesiges elektronisches und auch ein Archiv in „Papierform“ sowie 14 bis zum gegenwärtigen Zeitpinkt herausgebrachte Bücher der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen in der Region Krasnojarsk sind das Ergebnis dieser dreißigjährigen Arbeit. Und sie ist noch nicht beendet: derzeit arbeitet der Vorsitzende des Krasnojarsker „Memorial“, Aleksej Babij, am nächsten Band des Buches der Erinnerung, welches der Entkulakisierung gewidmet sein wird.

In diese Tätigkeit der Krasnojarsker „Memorialisten“ waren stets Bewohner der Region eingebunden: der Eine schickte Dokumente ein, teilte seine Erinnerungen, ein anderer erfuhr lediglich durch die Datenbase von „Memorial“ über die Schicksale seiner Angehörigen und wendete sich mit großer Dankbarkeit an diejenigen, denen es gelang, diese Informationen ausfindig zu machen. Doch in letzter Zeit, berichtet Aleksej Babij, hat sich auch eine andere Tendenz angedeutet: die Menschen bitte immer häufiger darum, die Informationen über verfolgten Verwandten von „Memorials“ Webseite zu entfernen.


Der Vorsitzende der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation – Aleksej Babij

Womit erklären sie eine derartige Bitte?

- Die Erklärung ist einfach. Manchmal – schämen sie sich. Sie haben Angst, dass plötzlich mit ihnen oder ihren Angehörigen etwas Schlimmes passieren könnte. Und wenn wir Menschen während unserer Forschungsreisen befragen, dann wollen sie derartige Informationen über sich und ihnen nahestehende Personen nicht geben. Da hat unlängst eine Omi in einer der Ortschaften sich schlichtweg geweigert, darüber zu erzählen, wie sie als Großbauern enteignet wurden: nachher spricht sie darüber, und plötzlich geschieht ihren Enkeln deswegen etwas. Es gab auch folgende Situation: aus dem Ausland schickten Leute Erinnerungen über Verwandte aus der Region Krasnojarsk. Dabei leben sie schon so lange im Ausland und so weit entfernt – deswegen ist es unbegreiflich, wovor sie sich dermaßen fürchten. Aber nein, einige Zeit nachdem sie die Informationen geschickt hatten, baten sie darum, sie von der Internetseite wider zu entfernen: „Wer weiß…“. Als ich mit dem Buch der Erinnerung für den Bezirk Jermakowo beschäftigt war, in der die betreffende Familie lebte, musste ich die allgemeinsten Daten über sie weglassen: Ehemann – 50 Jahre alt, Ehefrau – 35, Sohn – 10. Und genauso wurden sie auch ins Buch der Erinnerung aufgenommen – ohne Namen. Im Ausland lebende Nachfahren bedauerten das später und baten darum, die Namen wieder hinzuzufügen…

Es kommt auch vor, dass ein Verwandter für eine Veröffentlichung ist, der andere – dagegen. Dann müssen sie natürlich erstmal das weitere Vorgehen unter sich klären. Und manch einer quält sich wegen ideologischer Erwägungen. Ich hatte da mal einen Bekannten – der war durch und durch überzeugter Kommunist (was übrigens nicht sehr oft vorkommt). In den stalinistischen Jahren erschossen sie seinen Großvater. Anfangs bat er mich selber, Informationen über ihn ins Internet zu stellen. Aber ein Jahr später kam er wieder und verlangte, dass wir die Angaben entfernen sollten. Die Sache hatte ihm einen solchen seelischen Verdruss bereitet, dass er sich sozusagen zugunsten der Kommunisten entschied.

Aber ich wiederhole – am häufigsten begründen Leute ihre Bitte, die Informationen über ihre einst verfolgten Verwandten geheim zu halten, mit Angst und irgendwelchen Befürchtungen. Es ist noch gar nicht lange her, dass man in unserem Lande, stellen Sie sich vor, gegenüber Repressionsopfern eine Einstellung einnahm, als wären es Kriegshelden. Zumal sie alle offiziell rehabilitiert wurden. Ich spreche darüber, aber meine Argumentation überzeugt die Menschen nicht.

- Entfernen Sie die Angaben, wenn man Sie darum bittet?

- Wenn wir die Informationen selber aus den Archiven entnommen haben, beispielsweise vom FSB oder MWD, dann nehmen wir sie nicht heraus. Wurden uns die Angaben von den Repressionsopfern selber oder von ihren Verwandten zur Verfügung gestellt, dann nehmen wir sie von unserer Seite, entfernen sie also aus dem öffentlichen Zugang. Aber in den Datenbasen von „Memorial“ bleiben sie erhalten.


Buch der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen in der Region Krasnojarsk

- Gibt es solche Bitten schon seit längerer Zeit?

- Die ersten „Klingelzeichen“ gab es Mitte der 2000er Jahre. Ungefähr 2004, 2005. Da kam dieses ganze „Dass-bloß-nichts-schiefgeht“ in Bewegung, und bis heute hat sich diese Tendenz noch verstärkt. Als ob sich in unserer Gesellschaft alles ein wenig verschoben hätte, Früher, beispielsweise, wurden Schüler jener Siedlungen zur Mitwirkung an dem Buch der Erinnerung herangezogen, in denen sie leben. Und jetzt schlagen die Aktivisten und Historiker vor, in die Schule zu kommen und dort über die Repressionen zu sprechen, aber der Direktor verweigert das. Und nicht deswegen, weil er ideologisch dagegen ist, sondern damit „bloß nichts schiefgeht“. Über unseren Beamten hängt dieses Prinzip ständig, und über den anderen Menschen springt es jetzt auch hervor. Doch was soll’s – sie wurden ihr Leben lang von Sowjetmenschen gelenkt, und das ist auch heute noch so. Es liegt etwas in der Luft, und die Menschen spüren das. Ein schlechtes Zeichen.

„Wer überlebt – wird weiser“

- Noch ein sehr unschönes Zeichen (und bereits eine weit verbreitete Erscheinung) – ist das Leugnen der Repressionen, ihres Ausmaßes oder ihrer Ungesetzlichkeit. Das einzige Argument jener, die sagen, dass es sie nicht gab: „So etwas kann gar nicht sein, und deswegen ist es ein – Lügenmärchen“. Oder: „Wozu revidieren sie die Auslegungen unserer Geschichte“. Und sie sind mit keinerlei Dokumenten und Zeugnissen zu überzeugen…

- Mich wundert das schon lange nicht mehr. Jede Polemik ist im vorliegenden Fall nutzlos. Egal, welches Dokument du ihnen auch vorlegst, sie erklären es sofort für gefälscht. Zeigt man ihnen die Rehabilitierungsbescheinigung, dann sagen sie: wir wissen, wie diese Rehabilitation durchgeführt wurde. Das Sitzungsprotokoll der „Troika“ und das Erschießungsurteil – „das bedeutet, es hatte wohl seinen Grund und war nur gut so“. Wenn man (theoretisch) bis zu den geschlossenen Archiven vorstößt, um dort Material aus den Strafakten zu kopieren, erklären sie, das wäre aus einem Photoshop. Wenn bei den Menschen Kakerlaken im Kopf herumspuken, dann kannst du nichts machen.

- Aber woher kommen diese Kakerlaken denn? Es handelt sich doch um vergleichsweise junge Menschen, deren Jugendzeit während der Zeit von Perestroika und Glasnost stattfand, oder solche, denen man bereits in der Schulzeit von den stalinistischen Repressionen erzählte. Und es liegt doch auch nicht an den Ansichten – kein einziger von ihnen bezeichnet sich öffentlich als Stalinist. Woher kommt dann dieser Unwille, jene Ära objektiv zu bewerten?

- Wenn sich ganz junge Menschen in einer derartigen Art und Weise aufführen, dann ist das gerade verständlich: sie lehnen sich einfach aus einer Stimmung des Widerstands heraus auf. Eine ewige Geschichte: sie sagen ihnen in der Schule, dass es Gott nicht gibt, - dann gehen sie in die Kirche, drängt man ihnen die Religion auf – werden sie zu Atheisten. Dasselbe betrifft ältere Menschen, es fällt auch in gewissem Sinne unter die Bezeichnung Infantilismus: sie sind davon überzeugt, dass der Staat immer Recht hat, egal, was er tut. Aber es bedeutet – unser Staat hat immer Recht, und nicht – er hat immer Unrecht. So ein vereinfachtes Bild von der Welt. Deswegen versuchen sie auch, eine Grundlage für die Repressionen zu finden. Und wenn man die Repressionen rationalisiert, sie vom Standpunkt des Nutzens für den Staat betrachtet, dann kann man ruhig ein paar Leute hinauswerfen, dann lässt sich alles ganz leicht rechtfertigen: ja, sie haben so viele Leute umgebracht, aber dafür haben wir dies und das, und das bedeutet – alles ist richtig. Wenn der Staat ein paar von diesen Leuten hinausjagt, dann stellt sich heraus, dass sie überhaupt nichts vorstellen, dass sie nichts sind. Und das ist schrecklich. Denn sie verteidigen auch immer den Staat – in der Hoffnung, dass auch er sie schützt.

- Aber kann es nicht sein, dass diejenigen, die aus Angst um Löschung der Informationen ihrer Verwandten bitten, und auch diejenigen, welche die Repressionen leugnen, einfach unterschwellig, ohne sich darüber im Klaren zu sein, das Gefühl haben, dass zwischen jener Epoche und unserer heutigen Zeit alles ziemlich gleich erscheint?

- Bei diesen Leuten gibt es die geläufige Idee davon, dass der große Terror – eine Sache war, die die „niederen“ Tschekisten mit ihren Händen vollbrachten und die auch an diesen Verbrechen schuldig sind, und Stalin, nachdem er schließlich von den Vorfällen erfahren hatte, sie kaum mehr bremsen konnte. Das ist im Allgemeinen genau das gleiche: der Staat und seine großartige Führung haben Recht, und die kleinen Leutchen verderben bloß alles. Genau dieselben Leute sind heute der Ansicht, dass unsere Führung weise und sündenfrei ist, während die „Schädlinge“ vor Ort tätig sind. Und das ist auch eine der Grundlagen des alltäglichen Stalinismus – zu meinen, dass, wenn eine „harte Hand“ ins Spiel kommt (rau, aber gerecht), alles gut wird: es bringt Ordnung, und wem es gebührt – der wird fortgejagt. Ich streite schon seit langem nicht mehr mit solchen Leuten. Und als die sozialen Netzwerke aufkamen, fing ich an sie zu verbannen. Ich habe nicht mehr viel Zeit: ich bin 63 und, ehrlich gesagt, - kann ich vielleicht noch zehn Jahre arbeiten. Ich kann und will meine Zeit nicht mit solchen Leuten vergeuden. Umso mehr, als es dort auch nicht nach einer ideologischen Diskussion riecht: die Leute sind blöd, ihr Handeln ist vorhersehbar, man kann stets mit großer Genauigkeit erraten, was sie im nächsten Augenblick sagen werden. Sollen sie ruhig mit ihren Kakerlaken im Kopf weiterleben.

Mit Worten kommst du hier nicht weiter. Ich habe das schon mehrfach aus diesem Anlass gesagt und verstehe, dass viele mich nicht so verstehen…Aber ich habe folgendes gesagt. Sollen die Stalins doch kommen. Sollen sie die Schnauze in das Blut derer eintauchen, die sie heraufbeschworen haben. Sie werden dich herausziehen und fragen – willst du Stalin immer noch? – da hast du ihn nochmal! Und so ist es bis heute, so lange die Leute es nicht kapiert haben. Falls dann irgendwann noch jemand am Leben sein wird. Offenbar ist die Lehre von damals nicht angekommen. Und das Jahr 1991 ist uns ziemlich leichtgefallen: mit Ausnahme der drei Burschen, die beim Putsch ums Leben kamen, hat es keine Opfer gegeben. Vielleicht kennen die Menschen deswegen den Preis für Freiheit und Leben nicht… Aber wer seine Lehre nicht gezogen hat und im zweiten Jahr geblieben ist, der wird alles auch noch ein zweites Mal durchlaufen. Und wer am Leben bleibt, wird dann vielleicht weiser geworden sein.

- In den Ländern, die die Existenz der schrecklichen und widerwärtigen Perioden in ihrer Geschichte erkannten und anerkannten, wurde beispielsweise die Verantwortlichkeit für Propaganda des Faschismus, für das Leugnen des Holocausts eingeführt. Würde in unserem Fall die Einführung einer Verantwortlichkeit für das Leugnen der Repressionen und der Rehabilitation des Stalinismus helfen?

- Ich glaube nicht, dass das ein guter Ausweg wäre. Die Erkenntnis solcher Dinge muss sich im Inneren eines jeden Menschen vollziehen. Und für Wort und Gedanken darf man niemanden bestrafen. So lange diese Kameraden nicht zur Gewaltanwendung übergehen – sollen sie leben, wie sie wollen.

Wir sind bis zum Buchstaben „I“ gekommen

- Wie viele Repressionsopfer durchliefen die Region Krasnojarsk laut Ihrem Archiv?

- Mehr als eine Million. Ein Spezifikum der Region ist, dass sie eine der drei bedeutendsten Regionen war, in die man Menschen verbannte. Zu unterschiedlichen Zeiten: enteignete Großbauern, Menschewiken, Trotzkisten, der „Kirow“-Strom, die Opfer des großen Terrors; es gab verbannte Deutsche, Kalmücken, Balten; es gab „Wiederholer“ – Menschen, die zum zweiten Mal in die Verbannung geschickt wurden. Nach dem Krieg – die Banderow-Anhänger, die „Waldbrüder“. Es gab die befristete und die unbefristete Verbannung… Mit einem Wort – sie haben alle in die Region Krasnojarsk verbannt – mit Ausnahme der Tschetschenen und der Koreaner; die schickte man nach Kasachstan und Usbekistan.

Ich führe häufige folgende Zahl an. 1992 nahm beim regionalen GUWD eine Abteilung ihre Arbeit auf, die sich konkret mit den Rehabilitationen der administrativ Verbannten befasste. In zwanzig Jahren stellte die Abteilung 545 000 Rehabilitationsbescheinigungen aus. Und das betrifft nur diejenigen, die bis zu dem Zeitpunkt noch lebten, sich an die Behörde wandten und über die sich die notwendigen Dokumente fanden. Denn in den 1950er Jahren wurden die meisten Dokumente, zum Beispiel über die Großbauern-Enteignung, vollständig vernichtet. Übrigens stellte die Abteilung den Enteigneten oft Bescheinigungen für die gesamte Familie aus, nicht für einzelne ihrer Mitglieder, so dass viele Menschen außen vor blieben. Dies geschah aber nicht aus Bürokratie, sondern weil es nicht möglich war ein derartiges Ausmaß an Arbeit zu bewältigen. Zudem wurden die Bescheinigungen hauptsächlich mit der Hand geschrieben – es fehlte in der Abteilung an Schreibmaschinen. Insgesamt also – 545 000 Verbannte – das ist die unterste anhand von Dokumenten bewiesene Schwelle, aber in Wirklichkeit kann man diese Zahl verdoppeln oder gar verdreifachen. Ich wiederhole: das umfasst lediglich diejenigen, die auf administrativem Wege in die Verbannung geschickt wurden. Dabei gab es in der Region Krasnojarsk auch noch das Norillag, das von 300 000 Menschen durchlaufen wurde, und das Kraslag sowie kleinere Lager. Es kommen noch die hinzu, die das Lager oder den Verbannungsort überhaupt nicht erreichten – die irgendwo am Ortsrand von Kansk erschossen wurden… Verhaftete gab es bei uns weniger, als in Moskau, Petersburg oder sogar im benachbarten Nowosibirsk – ungefähr 50 000 Menschen.


Anordnung zur Ausweisung

- Sie reisen viel durch die Region – sammeln Informationen über Repressionsopfer, arbeiten in Dorfarchiven, zeichnen Erinnerungen von Menschen über jene Epoche auf, über Verwandte, die unter der Großbauern-Enteignung zu leiden hatten. Wie reagieren die Menschen in den jeweiligen Bezirken der Region, wenn Sie auftauchen?

- Inzwischen läuft das schon sehr routiniert ab. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den nächsten Band des Buches der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen in der Region Krasnojarsk, in dem Informationen über enteignete Großbauern zusammengetragen werden. Ich komme ins Bezirksarchiv, finde eine Liste von Menschen, denen man die Wahlrechte entzog (in einem Bezirk sind es mehr, im anderen weniger) und verarbeite sie, indem ich die Krakelschriften aus den Dorfräten entziffere, herausfinde, was mit den Menschen geschah, warum man ihnen die Rechte entzog. Für gewöhnlich dauert die Arbeit in einem Bezirk zwischen zwei und vier Wochen. Jetzt, nachdem bereits 20 Bezirke abgearbeitet sind, gibt es für mich keine besonderen Erschütterungen mehr. In der ersten Zeit waren das Enthüllungen, und das Bild von der Bauern-Enteignung sah ganz anders aus, wie das, was wir zuvor gesehen hatten. Den Historikern kann man manches erzählen – sie glauben es nicht. Dabei werten die Leute bis heute den Entzug der Wahlrechte nicht als Repressalie. Man kann hören: na und, wenigstens haben sie ihn nicht erschossen. Und Lager, Verbannung, Entzug der Rechte oder die Tatsache, dass einem Bauern der Besitz weggenommen wurde und man ihn als Mittellosen entließ – was ist das schon für eine Repressalie… Wenn man diesen Leuten etwas wegnähme, würde sich in ganz Krasnojarsk großes Geheul und Wehklagen erheben.

- Müssen Sie noch lange Materialien über die enteigneten Bauern sammeln?

- Ich schätze, etwa fünf Jahre. Dann werden wir das Ende der Liste erreicht haben – bis in den Autonomen Kreis der Ewenken, und meine letzte Reise wird mich nach Tura führen. Denn dort hat man auch Rentierzüchter enteignet – einige Dutzend sind da zusammen gekommen… Damit wird dann auch der letzte Band enden.


Liste der Enteigneten in einem der Bezirke der Region Krasnojarsk

- Wie viele Bände des Buches der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen in der Region Krasnojarsk gibt es bislang und wie viele werden es zum Schluss sein?

- In diesem Jahr kamen Band 13 und 14 heraus. Den Enteigneten wurden die Bände, beginnend mit dem 11., gewidmet. Wie viele es noch werden – das wissen wir selber noch nicht. Anfangs dachten wir, dass Band 14 der letzte würde. Denn als wir mit unserer Arbeit begannen, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, wie viele Enteignete es bei uns gibt – weder die Historiker, noch die Archivmitarbeiter. Zudem kommt die Schwierigkeit, dass es die Region Krasnojarsk damals gar nicht gab (sie wurde erst 1934 gegründet – Anm. d. Red.), ein Teil von ihr gehörte zur Westsibirischen, der andere zur Ostsibirischen Region, so dass sich Dokumente hauptsächlich in Nowosibirsk und Irkutsk befinden. Ich kann sagen, dass wir jetzt, im 14. Band (die Bände über die Großbauern-Enteignung sind nach den Bezeichnungen der Bezirke in alphabetischer Reihenfolge angeordnet) bis zum Buchstaben „I“ gekommen sind. In jedem Band gibt es 5-6000 Namen. Wie viele es noch werden, vermag ich nicht zu sagen. Übrigens ist die Situation mit den Verhafteten genau die gleiche. Wir fingen 2003 an, daran zu arbeiten, fragten bei den Organen nach – wie viele sind es in der Region? Und sie antworten uns: ja, das wissen wir nicht, wir haben sie nicht gezählt. Und in Bezug auf die enteigneten Großbauern ist es noch viel schlimmer. Überhaupt wird die Beschaffung von Informationen jetzt noch dadurch erschwert, dass die Archive geschlossen sind, dass wir nicht in den 1990er Jahren leben, als unsere Jungs tausende von Dokumenten ausfindig machten…

- Warum sind die Archive denn eigentlich geschlossen? Gibt es da eine offizielle Formulierung?

- Offiziell verweisen sie auf das Gesetz über Personendaten. Aber in Wirklichkeit ist das nicht so. Wir sprechen hier von den 1930er und 1940er Jahren, und es ist klar, dass seitdem alle Gesetzesfristen längst abgelaufen sind, in deren Verlauf der Datenschutz der Personen gewährleistet sein musste. Als ist der Grund hier ein ganz anderer… Jetzt, nach der Schließung der Archive, sind wir im Besitz von Dokumenten (ihre Fotos habe ich wegen der Anschaulichkeit extra mit ins Buch der Erinnerung hineingenommen), in denen nicht nur die Namen von Ermittlungsrichtern und Denunzianten der Geheimhaltung unterliegen, sondern gleichzeitig auch zahlreiche Fakten. Im Allgemeinen sehen die Dokumente so aus: oben – die „Kopfzeile“, unten – das Datum. Und das ist alles! Über die eigentliche Akte, den Fall, ist es unmöglich, irgendetwas zu erfahren. Aber ich hoffe, dass dieses Übel bald wegfällt (es kann ja nicht ewig dauern), so dass wir zu den Dokumenten über unsere Geschichte Zugang finden können.

Es darf kein Stalin-Denkmal geben

- Man hat das Empfinden, dass der Staat sich zumindest von allem zurückgezogen hat, was mit der Erinnerung an die politischen Repressionen zusammenhängt. Im besten Fall ist er den Aktivisten jedenfalls nicht behilflich…

- Das ist ganz und gar nicht der Fall. Und in der Region Krasnojarsk ist die Situation diesbezüglich besser, als irgendwo anders. So fingen wir beispielsweise in den 1990er Jahren gemeinsam mit der Innenbehörde an, eine Kartothek der Repressionsopfer zu erstellen; die Schließung der Archive und die Tatsache, dass die Arbeit damit steckenblieb, steht auf einem anderen Blatt Papier. Zudem wurde das Buch der Erinnerung mit Unterstützung der Regionalverwaltung herausgebracht. Ich glaube, dass man in der Region Krasnojarsk zu unserer Zeit kein Stalin-Denkmal aufstellen wird. Zumindest wäre es äußerst merkwürdig, dies in einer Region zu tun, durch die eine Million Repressionsopfer liefen, zudem noch ihre gesamte Bevölkerung – etwas weniger als drei Millionen Menschen. Ja, vor einigen Jahren traten ein paar Burschen mit einer Initiative zur Errichtung eines Denkmals in die Öffentlichkeit. Gott sei Dank verfügten die regionalen und städtischen Behörden über eine ausreichende Vernunft und Kraft, sie zu stoppen. Schließlich gibt es auch innerhalb der Behördenstrukturen bei uns Nachfahren von Repressionsopfern. Also steht die Stalinbüste irgendwo in der Regionalabteilung der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, und ich hoffe, dass sie in den städtischen Straßen niemals auftauchen wird.

- Aber es gibt immer mehr Vorschläge zur Verewigung des Gedenkens an den Führer; in anderen Regionen sind die örtlichen Behörden keineswegs dagegen…

- Ich habe schon davon gesprochen – die Beamten halten die Nase in den Wind und warten auf Anweisungen von oben. Aber wie soll man sich da zurechtfinden, wenn bei uns in diesem Jahr einerseits ein Memorial für die Opfer der Repressionen auf dem Sacharow-Prospekt eingeweiht wird, andererseits das Staatsoberhaupt verkündet, dass man Stalin nicht unnötig dämonisieren soll und „Memorial“ zum „ausländischen Agenten“ erklärt wird. Es ist schwer, einer derartigen „Partei-Politik“ zu folgen. Es entsteht der Wunsch, es nach Möglichkeit allen Recht zu machen und sich selbst nicht zu schaden…

- Es gibt da noch eine Sache, die Verwunderung auslöst. Da war jemand selber oder seine Angehörigen Opfer der Repressionen, aber sie hegen keinerlei Hass gegenüber der Sowjetmacht, sie klagen sie nicht an, sondern unterstützen sie sogar noch…

- Aleksandra Iwanowna Frolowa – eine unserer wichtigsten Whistleblowerinnen des Bezirks Kuragino, stammt aus einer Familie enteigneter Großbauern. Ihr Vater wurde ins Lager geschickt, die Mutter blieb allein mit vier Kindern und ohne jeglichen Besitz zurück: man hatte ihr alles weggenommen. Aleksandra Iwanowna war dabei behilflich, Informationen über einige tausend Repressionsopfer in den Bezirken Kuragino und Minussinsk zu sammeln, war dort Vorsitzende der Kommission zum Auffinden von ehemaligen Repressierten. Und trotzdem – eine überzeugte Kommunistin. Solche Fälle stellen bei weitem keine Seltenheit dar. Man muss verstehen, dass wir über nicht mehr ganz junge Menschen sprechen, die in jener Welt groß geworden sind. Und es ist so, als ob sie die Entstellungen, mit denen sie in ihrem Leben konfrontiert waren, von jenem, ihrer Meinung nach, Ideal-Modell der Gesellschaft trennen, nach dem man sich stets orientiert. Mich, in meinem Alter, kann man auch schon nicht mehr von neuen Lebenstheorien überzeugen. Gefährlich sind jene, die jünger sind, dabei aber nicht kritisch denken können. Gerade ihretwegen kehrt diese zähe Angst in unserer Gesellschaft zurück.

Julia Starinowa

„Swoboda“, 27.07.17


Zum Seitenanfang