Wenn morgen Krieg ist

So rechtfertigten sie, in Vorbereitung auf die Umgestaltung der Welt, die Massen-Repressionen. Beschlüsse einer einzigen Woche im Jahre 1937.


Foto: Deutsches Bundesarchiv

Der Große Terror wird für gewöhnlich mit den Kriegsvorbereitungen in Zusammenhang gebracht. Mit diesem zukünftigen Krieg wird der Terror auch gerechtfertigt: da wurde, so heißt es, im Vorfeld die „fünfte Kolonne“ gesäubert.

Dieses Ziel wurde tatsächlich gesetzt, wenn man nach dem Kontingent der zu verfolgenden Personen urteilt: die nationalen Operationen waren auf die „Charbiner“ als potentielle japanische Spione gerichtet, ebenso wie Deutsche und Polen, denn Deutschland und Polen waren die Hauptgegner im Westen. Die „Kulaken-Operation“ ist ebenfalls von diesem Standpunkt aus zu erklären: die Sowjetmacht fürchtete die enteigneten Großbauern. Wenn sie dir den Besitz wegnahmen, deinen Vater und deinó Brüder einsperrten oder erschossen und dich selber in die Wassjugansker Sümpfe verschleppten, kann man schwerlich damit rechnen, dass du auch noch für dieses Land in den Krieg ziehen wirst.

Solche Entscheidungen also wurden innerhalb nur einer Woche getroffen, zwischen dem 24. - 30. Juli 1937.

24. Juli. Das NKWD verschickt eine Direktive über Maßnahmen zur Verhütung bakteriologischer Sabotageakte: „… die Aufklärungsorgane der Generalstäbe legen ihr Hauptaugenmerk auf die Organisierung bakteriologischer Sabotageakte und Massenterror durch zum Teil entsendete Agenten und insbesondere über eine Agentur, die vor Ort in der UdSSR angeworben wurdet“. Es beginnen Verhaftungen „ausländischer Staatsbürger, ehemaliger Ausländer, die die sowjetische Staatsbürgerschaft angenommen haben, Verhaftungen von Personen, die mit dem Ausland in Verbindung stehen“, und ganz allgemein aller Verdächtigen, die an Wasseraufbereitungs- und bakteriologischen Stationen sowie in wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Mikrobiologie befassen, tätig sind.

25. Juli. Operativer Befehl des NKWD der UdSSR N° 00439 „Über die Operation zur Verfolgung deutscher Staatsangehöriger, die der Spionage gegen die UdSSR verdächtigt werden“. Die Verhaftungen setzen sofort ein, denn das Kontingent lässt sich leicht überblicken – deutsche Staatsangehörige, die in Rüstungsbetrieben und im Transportwesen arbeiten. Natürlich waren sie alle beim NKWD registriert. Allerdings gingen die deutschen Staatsangehörigen schnell zur Neige, und die regionalen NKWD-Behörden mussten irgendwie Rechenschaft über die Durchführung der „deutschen Operation“ ablegen. Ab Herbst 1937 begann man mit der Festnahme gewöhnlicher Sowjet-Deutscher, und nicht nur Deutscher im Allgemeinen, sondern all derer, die man verdächtigte, mit Deutschland in Verbindung zu stehen.

Es waren keine „Troikas“, die im Rahmen der nationalen Operationen die Urteile fällten. Dafür hatte man sich das „Album-Verfahren“ ausgedacht: die Anklageschriften, unterzeichnet von den Leitern der NKWD-Behörden, wurden nach Moskau weitergeleitet und an der schmalsten Stelle zu Alben zusammengeheftet. Diese Anklageschriften wurden von zwei Männern unterschrieben: Jeschow und Wyschinski. Man nannte das „Kommission des NKWD der UdSSR und der Staatsanwaltschaft der UdSSR“. Um den Maßstab der geleisteten Unterschriften zu verstehen, führe ich Zahlen an: allein innerhalb der „deutschen Operation“ wurden im Laufe eines Jahres 55 005 Menschen verurteilt, von denen man 41 898 erschoss. Natürlich lasen weder Jeschow noch Wyschinski die Dokumente durch, die sie mit ihrer Unterschrift versahen: „arbeitet“ man ohne freie Tage, so musste man allein im Rahmen der „deutschen Operation“ durchschnittlich 150 Unterschriften pro Tag leisten. Aber da waren ja auch noch die „polnische“, die „charbinische“, die „griechische“ und andere Operationen. Es kam vor, dass an nur einem Tag zwischen 1000 und 2000 Urteile unterschrieben wurden.

27. Juli. Die Hauptverwaltung für Staatssicherheit des NKWD versandte die Direktive über die Enthüllung und Verhaftung von Teilnehmern der Kriegsverschwörung in den Spionage-Organen der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee.

Am 29. Juli erging der Befehl der Hauptverwaltung der Arbeiter- und Bauern-Miliz des NKWD über die Säuberung der Eisenbahnen von „sozial schädlichen Elementen“. Die Aufmerksamkeit im Hinblick auf die Eisenbahn ist verständlich: sie war das grundlegende Element der Infrastruktur. Natürlich wurden die Verhaftungen hauptsächlich anhand von Fragebogen-Merkmalen durchgeführt. Demnach wurden beispielsweise jene aussortiert, gesäubert, die enteignet worden oder vor der Enteignung geflohen waren, das heißt ehemalige, wirtschaftlich starke Bauern, die es gewohnt waren, alles gründlich zu machen, unter anderem auch ihre Arbeit bei der Bahn.

Es fällt nicht schwer zu bemerken, dass sich die Staatsmacht panisch vor allem „Fremden“ fürchtet: es werden nicht nur Staatsangehöriger anderer Länder (vor allem solche, die einst in die UdSSR flüchteten) verhaftet, sondern auch Bürger „ausländischer“ Nationalitäten. Menschen, die seit langem innerhalb der Grenzen der UdSSR leben („Charbiner“ zum Beispiel) werden zu Spionen erklärt.

Das Land bereitete sich mittels des Terrors auf den Krieg vor. Und nun schauen wir uns das Ergebnis an. Ein ganzes Jahr lang wird die „fünfte Kolonne“ vernichtet, beinahe eineinhalb Millionen Menschen werden verhaftet, fast 700.000 erschossen, Millionen von Schicksalen zerstört… Und? Half das, als der Krieg ausbrach?

Nach dem Sommer 1941 zu urteilen, stellte das Ergebnis genau das Gegenteil dessen dar, was man erwartet hatte. Die rote Armee begab sich mit Millionen Soldaten in Kriegsgefangenschaft, die Bevölkerung empfing die deutschen Truppen nicht selten mit Brot und Salz. Und unklug: nach der Großbauern-Enteignung und dem Elend des Kolchosen-Lebens begann 1930 die Hungerzeit, dann kam noch das „Jahr 1937“, nach jenem Krieg, den die Sowjetmacht zwanzig Jahre in Folge gegen ihr eigenes Volk geführt hatte. Zudem hatte die Sowjet-Propaganda Deutschland und Hitler 1939 ausschließlich in süßen Tönen dargestellt, und viele sahen in ihm den Erlöser.

Demzufolge war die Säuberung der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee praktisch ohne Führung, aber es gab noch eine viel bedeutendere Folgeerscheinung: die Kommandeure waren vor Angst wie gelähmt. Initiative zeigen war gefährlich. Das wirkte sich ebenfalls fatal auf den Sommer des Jahres 1941 aus.

Aleksej Babij
Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft

„Neue Zeitung“, 28. Juli 2017


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