„Schafft 50 Polen her, dann bekommt ihr eine Wohnung“

Am 11. August 1937 erging der Operative Befehl des NKWD der UdSSR N° 00485
„Über die Liquidierung polnischer Sabotage- und Spionage-Gruppen sowie Vereinigungen der Polnischen Militär-Organisation“

Dieser Befehl, wie auch die anderen, beruhte nicht auf Jeschows eigenmächtigem handeln – der Entwurf für diesen Befehl wurde am 9. August 1937 vom Politbüro verabschiedet. Die Operation begann am 20., drei Monate standen dafür zur Verfügung. In Wirklichkeit dauerte sie bis zum August 1938.

Es lohnt sich, die Liste derer, die von einer Verhaftung betroffen waren, vollständig aufzuführen:

„a) während des Ermittlungsverfahrens in Erscheinung tretende und bis zu dem Zeitpunkt nicht ermittelte besonders aktive Mitglieder der Polnischen Militär-Organisation gemäß beiliegender Liste;

b) alle in der UdSSR verbliebenen Kriegsgefangenen der polnischen Armee;
c) Überläufer aus Polen, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Grenzübertritts in die UdSSR;
d) politische Emigranten und politische Austauschhäftlinge aus Polen;
e) ehemalige Mitglieder der PPS und anderer polnischer antisowjetischer politischer Parteien;
f) der aktivste Teil der örtlichen antisowjetischen nationalistischen Elemente der polnischen Bezirke“.

In erster Linie „unterliegen einer Verhaftung die oben aufgeführten Kontingente, die in den NKWD-Organen, der Roten Armee, in Rüstungsfabriken, in der Verteidigung dienenden Werken und anderen Fabriken, im Eisenbahn-, Wasser- und Luft-Transportwesen, in der Elektrowirtschaft aller Industrieunternehmen, in Gas- und Erdölfabriken arbeiten“. An zweiter Stelle kommen – „alle übrigen, die in Industrieunternehmen, ohne Bedeutung für Verteidigungszwecke, in Sowchosen, Kolchosen und Behörden tätig sind“.

Das Schlüsselwort in dem Befehl lautet – „alle“: alle Überläufer, Politemigranten, ehemaligen Kriegsgefangenen und überhaupt „alle übrigen“, unabhängig vom Vorhandensein irgendeines kompromittierenden Materials. Im Grunde genommen wurde hiermit die Jagd auf die Polen eröffnet – und genau so wurde das auch im NKWD verstanden. Nach Angaben der Volkszählung des Jahres 1937 lebten in der UdSSR insgesamt 636 220 Polen, einschließlich alter Menschen, Frauen und Kinder. Während der „polnischen Operation“, im Verlauf der Jahre 1937-1938 wurden 139 815 Personen verurteilt, 111 071 von ihnen zum Tod durch Erschießen. Die polnische Operation ist im Hin blick auf die Zahl der Opfer vergleichbar mit der Kulaken-Operation, übertrifft sie jedoch aufgrund der Grausamkeit der Urteile.

Es war kein Gericht, das die Urteil verhängte, sondern Jeschow und Wyschinskij (mit der großartigen Bezeichnung „Kommission des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der UdSSR und der Staatsanwaltschaft der UdSSR“). Die regionalen NKWD-Behörden schickten die zu „Alben“ zusammengehefteten Anklageschriften nach Moskau, und Jeschow und Wyschinskij winkten sie durch, ohne sie überhaupt angeschaut zu haben.

Am 17. August wurde der Befehl N° 00485 auch auf „rumänische Spione“ ausgeweitet (8292 Personen wurden verhaftet, davon 5439 zur Höchststrafe verurteilt), und anschließend auf die Letten, Finnen, Griechen, Esten, Iraner, Afghanen…

Die polnische Operation wird häufig mit Stalins Hass auf die Polen erklärt. In Wirklichkeit schlug der Polenfeldzug 1920 hauptsächlich durch Stalins Schuld fehl. Allerdings möchte ich nicht alle Fakten mit den Besonderheiten von Stalins Psyche begründen. Stalin als solcher ist lediglich – ein Symbol für das System das sich in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts formiert hat und bis heute erfolgreich funktioniert. Ja, die Repressionen in den Jahren 1937-1938 trugen einen paranoiden Charakter in sich, aber dabei handelte es sich nicht um die persönliche Paranoia Stalins, sondern die Paranoia des Systems.

Die ominöse Polnische Militär-Organisation existierte lediglich in der Vorstellungswelt der NKWD-Mitarbeiter. Tatsächlich stellte sie ihre Tätigkeit bereits 1922 ein. Und die polnische Aufklärung war auch gar nicht in der Lage, knapp 100 000 Spione hervorzubringen. Die Zahl tatsächlicher polnischer Spione machte den geringsten Anteil unter den Verhafteten aus. Die Konstruktion des Befehls gestattete es, jeden beliebigen Polen zu inhaftieren. Polnische Überläufer wurden wie Spione und Saboteure behandelt, ihre Freunde und Bekannten – wie Mitglieder der Polnischen Militär-Organisation. Unter Arrest geriet, unabhängig von seiner nationalen Zugehörigkeit, jeder, der in Polen lebte oder irgendwie mit dem Land in Beziehung stand.

Wie funktionierte das? Ungefähr so: Den Mitarbeitern der NKWD-Behörde im Gebiet Leningrad, Chodasewitsch und Tarasow, die sich um Intervention beim Erhalt einer Wohnung an den Leiter der Abteilung Dubrowin gewandt hatten, gab letzterer zur Antwort: „Verschafft 50 Polen her; wenn die alle erschossen worden sind, dann bekommt ihr komfortable Wohnungen“.

Der sowjetische Staat war so organisiert, dass es auf jedem Gebiet wichtig war, nicht nur seine Sache zu machen, sondern auch Bericht darüber zu erstatten. Das NKW unterscheidet sich in diesem Sinne nicht von den anderen Organisationen. Der Eine produziert Getreide, der Nächste Gusseisen – und das NKWD Verhaftungen und Erschießungen. Während der polnischen Operationen bestand die Aufgabe der NKWD-Mitarbeiter nicht darin, polnische Spione zu fangen, sondern über ihre Ergreifung Mitteilung zu machen. Umso mehr, als ihnen vollkommen freie Hand gelassen wurde – nicht einmal ein kleinster Anflug von Gesetzlichkeit war gefordert.

Aleksej Babij
Vorsitzender des Krasnojarsker „Memorial“

“Neue Zeitung“, 25. August 2017


Zum Seitenanfang