Fest verbunden

Erster, Erster, Erster… Dieses Wort begleitet die Namen vieler deutscher Staatsbürger, deren Kräfte, Talente, Bildung, Wissbegierde und Forschergeist im 18. Und 19. Jahrhundert durch Forschung, Studium, Entdeckungen, Beschreibungen für unsere sibirische Erde mitbestimmend waren. Sich an sie zu erinnern, aber auch sich mit den Traditionen und Bräuchen des Volkes näher bekannt zu machen, welches gleich nebenan von uns gelebt hat – das konnte man durch einen Besuch der Ausstellung „Die Deutschen in der russischen Geschichte“ im Jenisseisker Heimatkunde tun.

Einladung angenommen

Der erste Naturforscher Sibiriens, der Erste, der sie beschrieb, der erste Verfasser geeigneter geographischer Karten – es waren alles deutsche Gelehrte. Und, nebenbei bemerkt, waren viele von ihnen seinerzeit in Jenisseisk, wo sie durch ihre wissenschaftlichen Aktivitäten die Geschichte unserer Stadt bereicherten. Da war beispielsweise der Gelehrte Georg Steller, der eine herausragende wissenschaftliche Heldentat für Russland vollbrachte, der auch Berings allerletzte Expedition rettete; Gerhard Miller, der zum Begründer der russischen Geschichtswissenschaften wurde und vor aller Welt die Rechte Russlands an Sibirien dokumentierte. Hier verbracht er mehr als 10 Jahre mit dem Studium der Ethnographie, Archäologie, und eine riesige Sammlung von Archiv-Dokumenten, die er von seinen Forschungsreisen mitbrachte, dient Wissenschaftlern bis heute als wichtiges Hilfsmittel. Übrigens blieben nur in seinen Listen Dokumente aus dem einst niedergebrannten Jenisseisker Archiv erhalten: der Naturforscher Johann Gmelin, Arzt, Ethnograph, Forschungsreisender, nach dessen botanischen Kollektionen das mehrbändige Werk «Die Flora Sibiriens» herausgegeben wurde; Daniel Gottlieb Messerschmidt, Leiter der ersten wissenschaftlichen Expedition in Sibirien, Urvater der russischen Archäologie, der eine Karte Sibiriens vom Ural bis nach Jenisseisek anfertigte… Diese Liste lässt sich noch viel weiter fortsetzen. Sie alle gehörten zu der Zahl der eingeladenen, wie man damals zu sagen pflegte, ausländischen Spezialisten. Im Übrigen kann man den Terminus «eingeladene» wohl auf alle Bewohner des deutschen Staates beziehen, denen vor zweieinhalb Jahrhunderten die massenweise Ansiedlung auf russischem Boden angeboten wurde. Dieser Vorschlag, genauer gesagt, dieses Manifest wurde von Imperatorin Katharina II herausgebracht. Das Dokument, das Privilegien garantierte, zu deren wichtigsten Glaubensfreiheit, Landzuteilung und Freistellung vom Militärdienst gehörten, trat in Kraft: in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden auf den freien Ländereien des Wolgagebiets sowie in den Gouvernements Sankt-Petersburg, Tschernigorsk und Woronesch deutsche Kolonien. In diesem Jahr wird der historische Ukas 255 Jahre alt. Ist das kein Anlass dafür, sich mit den schon lange existierenden Russland-Deutschen, unseren Nachbarn, bekannt zu machen?

Die Deutschen aus Jenisseisk

Diese Ausstellung, die von der Internationalen Vereinigung der deutschen Kultur geschaffen wurde und dem 255.Jahrestag des historischen Manifests gewidmet ist, wurde aus Moskau gebracht. In Jenisseisk wurde sie angereichert mit Exponaten aus dem Heimatkunde-Museum sowie persönlichen Dingen von Vertretern der städtischen deutschen Gemeinde, die, nebenbei bemerkt, seit über 20 Jahren existiert. Und die ganz Zeit über leisten die Deutschen aktiv gesellschaftliche Arbeit, indem sie den Bürger mit ihrer deutschen Kultur, ihrem Alltag, ihren Traditionen und ihrer Muttersprache vertraut machen. «Schon seit mehreren Jahren gibt es am Pädagogischen College in Jenisseisk kostenlose Deutschkurse, - berichtet Irina Gasnikowa, aktives Mitglied des Jenisseiser Zentrums für deutsche Kultur. – Und das ist nur ein Teil der Arbeit unseres Zentrums, das schon seit vielen Jahren von Alexander Genrichowitsch Wingert geleitet wird. In Jenisseisk wird viel mit alten Menschen gearbeitet. Allein die Zahl der Rehabilitierten nach der Deportation der Deutschen beläuft sich bei uns auf über 150 Personen. Im Laufe des Jahres nehmen wir aktiv an verschiedenen städtischen und regionalen Kultur-Veranstaltungen teil, treffen uns im städtischen Haus der Kultur. Es gibt jede Menge Anlässe für derartige Zusammenkünfte: von Teetrinken bis Namenstagen bis hin zu den großen Feiertagen Weihnachten und Ostern. Aber außer den Festtagen gibt es noch einen weiteren Tag, um sich zu versammeln, – den 28. August, dem Tag, an dem 1941 das Dekret über die Umsiedlung der im Wolgagebiet lebenden Deutschen verabschiedet wurde. Der Tag, der auch meine Familie nach Sibirien brachte».

Zur Schule gehen? Nicht erlaubt!

Der Familie von Alexander Genrichowitsch und Lidia Gottliebowna Ibe, die vier Kinder hatten, gab man zum Packen ihrer Sachen etwas mehr als 24 Stunden Zeit. Die lange Fahrt nach Sibirien, der Aufenthalt des Familienoberhauptes in der Trudarmee – alles war so, wie bei all den anderen auch… Auch die Frauen wurden in Arbeitskolonnen abberufen, sofern sich auf ihren Armen keine kleinen Kinder unter drei Jahren befanden, aber die kleine Emma war damals kaum ein Jahr alt und zudem ständig krank. Also, Lidia geriet mit ihren vier Kindern in das Dorf Fomka. Und Alexander wurde Gehilfe des Heizers auf einer Dampflok. Einmal gelang es ihm zusammen mit dem Maschinisten, ein Entgleisen des Zuges zu verhindern, der strategisch wichtige Fracht beförderte: lediglich die Lokomotive sprang aus den Schienen, die Waggons hielten Stand. Dem Mann wurde der Fuß abgetrennt, man demobilisierte ihn, und er schaffte es, zur Familie zurückzukehren. Schwere körperliche Arbeiten konnte er nun natürlich nicht mehr verrichten, aber, da er lesen und schreiben konnte, bekam er beim Dorfrat eine Arbeit als Hausmeister. In diesem Beruf arbeitete er anschließend auch an einer der jenisseisker Schulen, als die Familie 1950, nachdem man ihr eine bestimmt Bewegungsfreiheit zugestanden hatte, in die Stadt umzog. In dieser Schule (jetzt befindet sich in diesem Gebäude das Haus der Pilger) wohnten sie dann auch im Sockelgeschoss; hier lernte die kleine Emma. Später erzählte Emma Alexandrowna ihrer Tochter Irina lachend, dass dieser Umstand zum Großteil zu ihrer Disziplin in der Ausbildung beitrug: wie hätte man denn auch an Unterrichtsschwänzen oder Verspätungen denken können, wenn sich die Schule direkt über deiner Wohnung befindet? Außerdem erfuhren die Eltern von allen Kinderstreichen immer als allererste. Die anderen Kinder hatten damit mehr Glück, scherzt Emma Alexandrowna.

Auch mit anderen Dingen hatten sie mehr Glück: sie, die in ihrer Herkunft nicht über deutsche Wurzeln verfügten, besaßen die Möglichkeit, ihren Beruf frei zu wählen und sich frei zu bewegen. Emma hingegen, die nach den Gesetzen der Kommandantur-Regeln lebte, musste den Traum vom Studium an der Kunstfachschule im Regionszentrum aufgeben. Doch genau das hatte die Mal- und Zeichenlehrerin vorgeschlagen, nachdem sie das Talent des Mädchens zur darstellenden Kunst bemerkt hatte. ÒSo geriet Emma zur Bahnschwellen-Fertigung in der Holzfabrik. «Später arbeitete Mama im Kinderkrankenhaus als Krankenschwester, danach in der Poliklinik. Insgesamt war sie mehr als 38 Jahre in medizinischen Einrichtungen tätig», - fuhr Irina Gasnikowa in ihren Erzählungen über die Familie fort. Übrigens gelang es ihr zumindest teilweise, den mütterlichen Kindheitstraum zu verwirklichen: da Irina das Talent zum Zeichnen geerbt hatte, absolvierte sie die Abteilung Kunst und Graphik an der Pädagogischen Fachschule Jenisseisek.

Ohne Groll zu hegen

Von diesen Geschichten voller Dramatik gibt es in unserem Lande unglaublich viele, denn allein die offizielle Zahl der deportierten Deutschen beläuft sich auf 950000. Auch die Deutschen aus Jenisseisk erinnern sich an solche Erlebnisse innerhalb der Familie und bewahren sie. Ein Teil dieser Erinnerungen fand in das Sammelwerk «Sibirier nicht aus freiem Willen» Eingang, dessen Autorin die wissenschaftliche Museumsmitarbeiterin Olga Kruschinskaja ist, die sich mit Zeugen jener Ereignisse unterhalten hat.

Und da gibt es noch eine Erinnerung, die nicht in der Sammlung zu finden ist. «Mein Großvater, Alexander Krämer, der schon bald sein 90. Lebensjahr vollendet, hat irgendwie erzählt, wie sie in die kleine Altai-Ortschaft Nowoosernoje ausgewiesen wurden; in der Schule, die er besuchte, musste er mit einem anderen deutschen Jungen in der Pause Rücken an Rücken zusammenstehen und die Angriffe der Klassenkameraden abwehren. Seine Schulzeit entfiel auf die mittleren Kriegsjahre, und obwohl der Junge lesen und schreiben konnte und ihm das Lernen leicht fiel, gab ihm die Russisch-Lehrerin als Note stets beharrlich nur einen «Strich». Das dauerte so lange, bis Alexander im Auftrag der Schule an einem Wettbewerb der russischen Sprache teilnahm und gewann. Die Lehrerin kam nicht umhin, dieser Tatsache Aufmerksamkeit zu schenken: im Schultagebuch des deutschen Schülers tauchte seitdem die wohlverdiente „Eins“ auf, - berichtet Natalia Posdejewa, stellvertretende Direktorin des Heimatkunde-Museums. Die Zeugnisse über ihre Familie nahmen auf jener Ausstellung ein ganzes Regal in der Vitrine ein. – Die Familie des Großvaters haben sie 1941 verschleppt. Der Vater kam sofort in die Arbeitsarmee; sie holten Alexander, obwohl er gerade erst 14 Jahre alt war. On so geriet er in die Schachtanlagen nach Anschero-Sudschensk und blieb dann sein Leben lang Schachtarbeiter. Und er war darüber nicht böse…»

Das Jahr 1956 brachte den Ukas «Über die Abschaffung der Einschränkungen in der Rechtslage der im Status der Sondersiedlung befindlichen Deutschen und ihrer Familienmitglieder», doch die Einstellung gegenüber den Deutschen änderte sich eigentlich nicht: wie zuvor ließ man sich auch jetzt nicht immer für ein Studium an der Universität zu, man misstraute ihnen auch weiterhin, sie wurden nach wie vor gehänselt und geärgert. Gerade deshalb wurde in den Sonderumsiedler-Familien so oft die Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität geheim gehalten, deutsche Nachnamen wurden in russische abgeändert, in der entsprechenden Spalte im Ausweis tauchte der Eintrag «russisch» auf. Anderweitig konnten sie sich nicht schützen.

Es ist Zeit, sich selber kennenzulernen

Wegen ihres deutschen Nachnamens wurde seinerzeit auch die Mutter von Olga Kulschmanowa, Vorsitzende der öffentlichen Organisation der Krasnojarsker regionalen national-kulturellen Autonomie der Deutschen, nicht an der Kunstfachschule aufgenommen. «Es gab dafür kein offizielles Dekret, aber es war eben die allgemeine Einstellung - ja, - berichtet Olga Wassiljewna. – Natürlich war es für alle schwer, denn die Geschichte hatte sich ja so entwickelt, dass sowohl der Feind, als auch die Menschen, die schon lange im Lande lebten, dieselbe Sprache sprachen. Sogar im Ukas über die Deportation der Wolgadeutschen wird die Formulierung «potentielle Verräter» verwendet. Dabei hat doch die Kriegsgeschichte uns 29 Helden der Sowjetunion aus den Reihen der Sowjetdeutschen beschert. Darauf sind wir stolz. Für die Deutschen war es natürlich sehr schwierig, denn das Wort «Faschist» war hinter jedem Rücken zu vernehmen. Auch heute ist es in dieser Hinsicht nicht einfach. Häufig ertönen am Feiertag des Sieges von den Bildschirmen Worte über den Einmarsch „der Deutschen“. Nicht der in Deutschland lebenden, nicht der Faschisten, nicht der Hitler-Leute… Da ist es nicht verwunderlich, dass viele der Russland-Deutschen erst von ihren Wurzeln erfuhren, als sie bereits erwachsen waren. Dabei leben laut der letzten Volkszählung in der Region Krasnojarsk ungefähr 23000 Deutsche».

Die Organisation, an deren Spitze Olga Wassiljewna steht, wurde 2011 gegründet. Die Bewegung der Russland-Deutschen, unter anderem auch derer aus Krasnojarsk, existiert seit nunmehr über 20 Jahren. «So heißt auch das Projekt, das wir in Jenisseisk vorgestellt haben «Die Deutschen in der russischen Geschichte». Geschaffen wurde es von Historiker, Spezialisten der Internationalen Vereinigung für deutsche Kultur, die ihren Sitz in Moskau hat und vom deutschen Außenministerium finanziert wird».

Auf der Ausstellung wurde die beinahe dreihundertjährige Geschichte des deutschen Volkes gezeigt. Die Geschichte ist sehr vielseitig und als solche mit der Geschichte des russischen Volkes verflochten. Sonst, so scheint es, könnte man unsere beiden Völker auch nicht als eng miteinander verbunden bezeichnen. Möge diese Verbindung sich noch weiter festigen, schließlich dient Freundschaft, wie bekannt, der Bereicherung. Und das gilt immer für beide Seiten.

Oksana WLASSOWA
Foto der Autorin

Der jungen Generation (hier: Galina Gasnikowa) gilt für die Weitergabe der Kenntnisse über die deutsche Volksgruppe der Dank der Leiterin der national-kulturellen Autonomie der Deutschen – Olga Kulschmanowaåâ

„Jenisseisker Wahrheit“, 26.10.2017


Zum Seitenanfang