«Sie werden mich erneut einsperren!» Geschichten von Repressionsopfern aus krasnojarsker Lagern

Unter den 200 Millionen Menschen, welche die UdSSR bevölkerten, wusste vermutlich nur einer, dass er von den Repressionen nicht berührt werden würde. Viele Jahre warteten sie Nacht für Nacht auf das Klopfen and er Tür: Marschälle ebenso wie einfache Arbeiter.


Die Lager-Wachtürme aus jener Zeit stehem heute noch. © / Archiv der krasnojarsker "Ìåìîðèàë"-Organisation

Im Regional-Archiv sind die Regale vollgestellt mit Aktenbänden. Es gibt sehr viele Heftmappen. Und die Aufschriften lauten - «Enteignete», «Ausgewiesene», «Wolga-Deutsche», «Kalmücken», «Polen», «Familienmitglieder von Vaterlandsverrätern», «Kriegsgefangene», «Wlassow-Anhänger», «Sektiererû»… In jeder Akte – das Schicksal eines Menschen, der unter die Walze der Repressionen geriet. Ein Korrespondent von «Argumente und Fakten-Krasnojarsk» studierte zusammen mit Mitarbeitern der Abteilung Sonderfonds des Informationszentrums der Staatlichen MWD-Behörde Russlands in der Region Krasnojarsk, welche bekannten Leute die örtlichen Lager durchliefen und wie sich ihr weiteres Schicksal gestaltete.

Georgij Schschonow

Heute kann niemand die genauen Zahlen der Repressionsopfer nennen, die die Region Krasnojarsk durchlaufen haben. Es gelang mehr oder weniger den Zeitraum der Massen-Repressionen der Jahre 1929-1960 zu kennzeichnen. Den Zwangsmaßnahmen waren ganze Bevölkerungsgruppen ausgesetzt. Betroffen sein konnte man wegen seiner politischen Ansichten und religiösen Überzeugungen. Es genügte bereits, einem ganz konkreten «feindlichen» Merkmal zu entsprechen – einem sozialen oder nationalen. Und, wie es in den Sonderorganisationen üblich war, hieß es einfach «aus anderen Gründen». «Gibt es einen Körper, dann gibt es auch eine Akte» - so lautete die wenig fröhliche Folklore jener Jahre.

Nieman war vor Repressalien sicher. Und es wurde auch nach keiner Schuld gefragt. Im fernen Jahr 1934 wurde Sergej Kirow getötet. Das gesamte Volk kam, um sich von ihm zu verabschieden. Doch einer der Nachbarn bemerkte, dass Boris Schschonow nicht zur Trauerkundgebung ging. Das genügte zunächst für die Ausweisung von Boris selbst nach Nord-Kasachstan und später die gesamte Familie Schschonow. Unversehrt blieb lediglich der jüngere Bruder Georgij, der zu der Zeit am Moskauer Theater spielte und in einem Film mitwirkte. Trotzdem schmorte auch Georgij «wegen Aufsässigkeit gegenüber den Behörden» im Gefängnis. Später wurde er entlassen, allerdings, wie sich herausstellte, nicht für lange Zeit. Vier Jahre später erwies sich Georgij Schschonow als «amerikanischer Spion», weil er sich während der Filmaufnahmen mit Diplomaten aus den USA unterhalten hatte und später mit ihnen in demselben Abteil nach Wladiwostok gereist war. So begann der Kettenweg des großartigen Schauspielers, der erst in Norilsk eine Wendung nehmen sollte, wo er Innokentij Smoktunowskij kennenlernt und dem einstigen Kriegsgefangenen hilft zu überleben. Gerettet wurden beide durch einen Fotoapparat und Schschonos Kenntnisse Farbfotos zu machen, was zu der damaligen Zeit einen ungeheuren Luxus darstellte. Die Fotokamera trug auch dazu bei, dass sie Geld für eine Reise nach Moskau sparen konnten. Schschonow gab Smoktunowskij ein Empfehlungsschreiben an seinen früheren Studienkollegen, mit der Bitte, in der ersten Zeit behilflich zu sein. Der Studienkamerad hieß Arkadij Raikin.

Anna Timirowa


Tausende Menschen starben, während diese Bahnlinie gebaut wurde. Das ist alles, was von ihrer Arbeit übriggeblieben ist.

«Die Todesstrecke». Tschum-Salechard-Igarka – 80000 Menschen arbeiteten an ihrem Bau. 42 Mrd. Rubel wurden dafür ausgegeben. Foto: Archiv der krasnojarsker"Ìåìîðèàë"-Gesellschaft

Es gab eine Vielzahl ähnlicher phantastischer Geschichten im Krasnojarsker Erziehungs-/Arbeitslager. Was ist die Verflechtung der Schicksale von Olga Michailowa und Anna Timirowa (Kniper) wert! Die eine war die Ehefrau des Marschalls Budjonnow, die zweite, âòîðàÿ – die letzte Liebe von Admiral Koltschak. Die eine wurde aufgrund einer unklaren Beschuldigung verhaftet, nach der sie in den persönlichen Verrat ihres Mannes und gleichzeitig auch des Vaterlandes verwickelt sein sollte, die zweite begab sich freiwillig zu ihrem Geliebten ins Gefängnis. Jahrzentelanges Herumirren in Gefängnissen und in der Verbannung führten beide in Jenisseisk zusammen, wo die Ehefrau des Marschalls als Technikerin und Wärterin an der Schule tätig war. Timirowa arbeitete nach langem, +über 80-jährigem Leben, als Bibliothekarin, Archivarin, Vorschul-Erzieherin, Zeichnerin, Retuschiererin, Kartographin, Stickerin, Instrukteurin für das Bemalen von Puppen, Anstreicherin, Requisiteurin, Künstlerin am Theater und wird sogar bei Sergej Bondartschuk Beraterin für die Aufnahmen zum Film «Krieg und Frieden». Und dann schreibt sie auch noch ein Buch über ihre Liebe, in dem sie lediglich von den fünf glücklichen Lebensjahren erzählt, die sie später mit 40 Jahren Gefängnis und Verbannung bezahlen musste.

Robert Stilmark


Nach vorsichtigsten Schätzungen durchliefen mehr als eine Million Menschen das Kraslag. Foto: Archiv der krasnojarsker "Memorial"-Gesellschaft

Wassilij Pawlowitsch Wassiljewskij hatte seine Haft schon vor langer Zeit im Igarsker Lager verbüßt. Er war ein autoritärer Krimineller, und noch ist nicht bekannt, wer mehr Macht besaß – der Lagerleiter oder «Onkel Wassja». Aber seit langem hatte ihn ein Gedanke nicht in Ruhe schlafen lassen. Einer hatte dem Kriminellen erzählt, dass Genosse Stalin ausschließlich historische Romane mochte, und dass er einmal sogar schon einem Autor die Haftstrafe wegen eines guten Buches verkürzt hätte. «Onkel Wassja» selbst war nicht in der Lage, auch nur zwei Worte in literarischer Sprache zusammenzubringen, und da ließ ihn der Gedanke keine Minute mehr los, einen geeigneten Schreiber zu finden. Jede neu eintreffende Gruppe von Gefangenen begrüßte er höchstpersönlich und sah seine persönliche Akte genauestens durch. Im Frühjahr 1950 fand sich auf der Karteikarte eines gerade eingetroffenen politischen Häftlings die sehnsüchtig erwarteten Worte - «Leiter der literarischen Abteilung». Ein Literat – das war genau das, was er brauchte. Die ergänzende Information: Offizier, Kommandeur, Ordensträger – überflog er. Den unrussischen Nachnamen Stilmark merkte er sich. Lange überreden musste er den Schriftsteller nicht.

Auf «Onkel Wassjas» Befehl verlegte man ihn aus der allgemeinen Baracke auf den Dachboden des Badehauses und brachte ihm auch sein Essen dorthin. Drei Bedingungen wurden gestellt: die Handlung des Romans sollte außerhalb Russlands spielen, und zwar 200 zuvor, und auf jeden Fall sollte darin ein Kind entführt werden. Die letzte Forderung stammte von den kriminellen Autoritätspersonen, die ein wenig zu Sentimentalitäten neigten. Jedem ist die Liebe der Verbrecherwelt zu Wendungen in der Art wie «der Staatsanwalt erkannte in dem Verbrecher den verlorenen Sohn». Robert Stilmark machte sich an die Arbeit. Jedes frisch geschriebene Kapitel las er den Kriminellen vor, und die trieben ihn zum Weiterschreiben an. «Onkel Wassja» blickte finster drein.

Man stichelte den Kumpel immer häufiger wegen seines eigenen Analphabetentums und warnte ihn vor, dass kein Stalin jemals seine Autorenschaft glauben würde. Der Herr des Lagers dachte darüber nach, den «Co-Autor» herauszunehmen und heuerte sogar einen Mörder an. Doch die Diebesmeute fasste einen anderen Beschluss: es wäre Sünde, einen solchen Schriftsteller umzubringen, und Wassiljewski sollte doch einfach zwei Autoren mit Nachnamen benennen. Nach einem Jahr und zwei Monaten war der Roman fertig. Doch «Onkel Wassjas» Plan ging nicht auf. Das im Juni 1951 nach Moskau geschickte Manuskript … ging in der Post verloren. Und dann starb Genosse Stalin. Und Robert Stilmark wurde aus dem Lager entlassen. Und 1958 gelang es ihm, den wiedergefundenen Roman zu veröffentlichen. Wassiljewski brachte ihn vor Gericht und konnte sogar die Zahlung eines Teils des Honorars erwirken. Obwohl Stilmark wohlweislich in eines der Kapitel die verschlüsselten Worte «Lügen-Schriftsteller, Dieb, Plagiator» eingefügt hatte, war das Gericht der Ansicht, dass die Schaffung der Bedingungen für den wahren Autor ebenfalls Arbeit gewesen und daher einer Anerkennung würdig seien.

Viktor Kramarow

In den Lagern am Ufer des Jenissei fanden tausende Menschen nicht ihre letzte Ruhe. In Turuchansk beendete (vielleicht wurde er auch umgebracht) der Vater des beliebten Komikers der ganzen UdSSR Sawelij Kramarow, Viktor Kramarow, sein Leben. Den eigentümlichen Beruf hatte er sich selber ausgewählt, nachdem er in den Jahren Advokat geworden war, als der NKWD-Befehl zum Gesetz wurde. Doch der talentierte Rechtsanwalt konnte seine Sache nicht einmal halbwegs zu Ende bringen. 1937 verteidigte er aufrichtig die diffamierten Helden des Bürgerkriegs. Und das tat er in derart glänzender Art und Weise, dass seine Bemühungen noch eine zusätzliche Bewertung obendrauf bekamen. 1938 sah ein Ermittlungsverfahren seine Arbeit als «antisowjetische Agitation und bourgeoise Propaganda» an.


Diese Gräber werden schon seit Jahren von niemandem mehr besucht. Foto: Archiv der krasnojarsker "Memorial"-Gesellschaft

Eines Nachts wurde Viktor Kramarow von Zuhause abgeholt. Unter Anwendung von Foltermethoden unterschrieb er ein Geständnis. Urteil - 8 Jahre. Kramarow wurde ins Altai-Gebiet abtransportiert. Seine Frau ließ sich offiziell von ihm scheiden, um zu vermeiden, dass man sie auch dorthin schickte. Der kleine Sawel war zu der Zeit 4 Jahre alt. Um nicht vor lauter Hunger zu sterben, gingen er und seine Schwester Tatjana nach einem bestimmten Plan zu den drei Brüdern seiner Mutter zum Mittagessen. 1949 erhält Viktor Kramarow, ohne nach Moskau zurückgekehrt zu sein, eine neue Haftstrafe aufgebrummt – der Kampf gegen die heimatlosen Kosmopoliten war ebenso erbarmungslos. In der neuen Verbannung in Turuchansk trifft Kramarow der Ältere bereits als gebrochener Mann ein. Er glaubt schon nicht mehr daran, dass das Regime ihn eines Tages in die Freiheit entlassen wird. Diejenigen, die ihn gut kannten, erinnerten sich an seine Worte: «Ich habe das Gefühl, dass ich wieder in Freiheit komme und sie mich dann erneut einsperren. Weswegen? Sie werden einen Grund finden. So möchte ich nicht länger leben!» Am 28. April 1951 fand man Viktor Kramarow erhängt in seinem Zimmer. Der Version mit dem Selbstmord schenkten weder seine Freunde, noch seine Angehörigen Glauben. Seine Ehefrau ertrug die Nachricht über Viktor Sawelewitsch Tod nicht, sie legte sich mit Herzschmerzen nieder und starb bald darauf. Alles, was Sawelij Kramarow später finden konnte, waren das Gewerkschaftsbucht des Vaters, ein Sparbuch mit einem Restbetrag von 5 Rubel sowie ein Foto aus seiner Akte und ein Bündel Bescheinigungen.

***

In den vier Jahrzehnten, in denen in Russland das Gesetz «Über die Rehabilitation der Opfer der politischen Repressionen» existiert, gingen bei der Abteilung für Sonderfonds und Rehabilitation der Staatlichen MWD-Behörde Russlands in der Region Krasnojarsk etwa 190.000 Anträge zu 600.000 Personen ein. Als Ergebnis der Arbeit an diesen Anträgen wurde mehr als eine halbe Million Menschen als Opfer der Repressionen anerkannt. Die Flut der Gesuche ist auch heute noch beträchtlich. In den neuen Monaten dieses Jahres gingen über 200 Gesuche ein. 333 Personen suchten die persönliche Bürgersprechstunde zu Fragen sozial-rechtlichen Charakters auf.

ÜBRIGENS
BERÜHMTE VERBANNTE IN DER REGION KRASNOJARSK
: - Schschonow, Georgij Stepanowitsch, geb. 1915, Schauspieler (Filme «Der Fehler des Residenten», «Equipage»); - Kramarow, Viktor Sawelewitsch, geb. 1900, Jurist (Vater Sawelij Kramarow, Film «Viel Glück, meine Herren»); - Efron (Zwetajewa), Ariadna Sergejewna, geb. 1913 (Tochter der Dichterin Marina Zwetajewa); - Michailowa (Budjonnaja), Olga Stefanowna, geb. 1905, Schauspielerin (Ehefrau von Marschall S. Budjonny); - Nalbandjan (Okudschawa), Aschchen Stepanowna, geb. 1903, Wirtschaftswissenschaftlerin (Mutter des Dichters und Barden B. Okudschawa); - Kniper-Timirjowa, Anna Wassiljewna, geb. 1893 (Lebensgefährtin von Koltschak); - Stilmark, Robert Aleksandrowitsch, geb. 1909, Schriftsteller, Autor des Romans «Der Erbe aus Kalkutta»; - Schirwindt, Jewsej Gustawowitsch, geb. 1891, Leiter der Hauptverwaltung der Haftorte und Begleittruppen der UdSSR, Organisator des juristischen Instituts in Moskau; - Rubzowa, Ljubow Grigorewna, - Dichterin, gebürtig aus dem Dorf Drokino, Jemeljanowsker Bezirk, Region Krasnojarsk, und andere.

Michael Markowitsch

„Argumente und Fakten am Jenissei“. 30.10.2017


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