„Das Schicksal der Menschen bewahren“. Seit 30 Jahren sucht ein Sibirier nach Informationen über Repressionsopfer

Es ist gelungen, Informationen über 180000 nach Sibirien Verschleppte zusammenzutragen.

Die Hauptsache ist, dass man die geschichtliche Erinnerung nicht verliert.
© / Krasnojarsker „Memorial“-Organisation

Aleksejs Mutter kam in ein Kinderheim, nachdem ihre Eltern 1937 in der Charbin-Sache erschossen worden waren. Er fand Informationen über die Großeltern und konnte danach mit der Suche einfach nicht mehr aufhören. Hunderte und tausende unschuldig in der Dunkelheit des GULAG Verschwundene warteten darauf, dass sie an die Reihe kamen. Bis zum heutigen Tage ist es gelungen, die Erinnerung an 180000 Repressionsopfer wieder aufleben zu lassen. Einer der Begründer und der heutige Leiter der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation, Aleksej Babij, erzählte dem Korrespondenten von „Argumente und Fakten - Krasnojarsk“, womit alles begann und was man in dieser Zeit alles geschafft hat.

Es kam die Zeit für ein Denkmal

Tatjana Rudenko, Korrespondentin von „Argumente und Fakten - Krasnojarsk“: - Aleksej Andrejewitsch, sie standen an den Ursprüngen des Krasnojarsker „Memorial“. Erzählen Sie, wie fing die Arbeit an?


Foto: Aus dem persönlichen Archiv / Aleksander Paniotow

Aleksej Babij: - Die Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft wird 30 Jahre alt, die Arbeit begann im November 1987. In Krasnojarsk wurde anfangs inoffiziell eine Gesellschaft gegründet, die sich „Menschen-Schicksale“ nannte – denn sie waren es, die sich im Zentrum der Aufmerksamkeit der Forscher befanden. Auf die Idee von Jurij Schtschekotschichin, Unterschriften für die Errichtung eines Denkmals für die Opfer der politischen Repressionen zu errichten, reagierten auch die Krasnojarsker (übrigens wird es in diesem Jahr endlich in Moskau aufgestellt werden). Das diente als Ausgangspunkt, um den herum sich interessierte Menschen versammelten. Wolodja Birger schlug vor, eine Organisation zu schaffen, die von Wladimir Sirotinin geleitet wurde. Am 9. März 1988 beschlossen wir dann, dass es ebenfalls notwendig war, auch Zeugnisse über verfolgte Menschen zu sammeln. Bis heute verfolgen die Leute diese Arbeit, die damals auch damit begonnen haben. Und als das internationale „Memorial“ auftauchte, gehörten die Krasnojarsker zu ihren Mitbegründern.


Die Arbeit begann mit dem Sammeln von Unterschriften.
Foto. Krasnojarsker „Memorial“-Organisation

- Wie kam es, dass Sie anfingen sich mit dieser Sache zu befassen, die doch eine Unmenge Zeit erfordert und dabei praktisch ohne Bezahlung ist?

- Die meisten Memorial-Anhänger kamen zu diesem Thema, weil sie selber versuchten, Zeugnisse über ihre eigenen Angehörigen ausfindig zu machen. Ich bin da keine Ausnahme. Meine Mutter kam in ein Kinderheim, nachdem ihre Eltern im Charbin-Fall erschossen worden waren. Wie einer Vielzahl anderer Menschen auch, gerieten sie rein zufällig „in diese Bescherung“. Alles, was dem kleinen sechsjährigen Mädchen an ihre Eltern blieb, sind ein Stückchen Stoff vom Futter des Geigenkastens und ein paar Fotos.

Es gelang, die Personenakten der Großeltern Anfang der 1980er Jahre im Nowosibirsker Staatsarchiv zu finden. Sie lebten an der Chinesisch-Fernöstlichen Eisenbahnlinie. Nachdem die Japaner einmarschiert waren, brach die Familie auseinander. Der Urgroßvater kehrte mit zwei Töchtern und einem Sohn in die UdSSR zurück, während die Urgroßmutter mit einer Tochter nach Amerika auswanderte. Die Großeltern wurden als japanische Spione erschossen. Der Grund – sie lebten auf einem Territorium, welches von den Japanern besetzt war. Und es ist nicht wichtig, dass der Großvater lediglich in er Mandschurei geboren ist, an der Station Zizikar, und die Großmutter in einer Lehrerfamilie in Charbin lebte. Es reichte eine formale Begründung, um sie zu vernichten. Nachdem ich in den Archiven Informationen über die eigenen Verwandten gefunden hatte, keimte das Verlangen auf, mit dieser Arbeit weiterzumachen.

- Es gibt jetzt zahlreiche Spekulationen zum Thema ihrer Finanzquellen. Woher bekommen Sie Geld?

- Wenn wir von Krasnojarsk sprechen, so haben wir Anfang 2000 eine große Beihilfe von der Ford-Stiftung erhalten, als wir an dem großen Projekt „Wiederkehr der Namen“ teilnahmen – in dem es um Menschen ging, die in der Sowjetunion verfolgt wurden, und noch ein paar kleinere Projekte. In den letzten zehn Jahren ist die einzige Finanzierungsquelle die regionale Verwaltung. Jedes Jahr werden uns für die Herausgabe des Buches der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen ungefähr 700000 Rubel zugeteilt, von denen 500000 an die Polygraphie gehen und 200000 für die Vorbereitung verwendet werden. Das sind Reisen in die Bezirke, Honorare für die Autoren von Artikeln. Die letzten fünf Jahre geht das gesamte Geld für wirtschaftliche Ausgaben verbraucht. Die Portogebühren sind bei uns auch höher, weil wir Angehörigen das Buch der Erinnerung kostenlos zuschicken. Aber seit dem vergangenen Jahr ist das Projekt ausgesetzt, es gibt vorerst kein Geld. Und wir sind müde geworden, in so einem harten Regime zu arbeiten. Die Bücher über die Bauern habe ich ganz allein zustande gebracht, jeweils ein Band pro Jahr. Jetzt setzt ich die Arbeit fort, aber ohne diese grauenvolle Anspannung. Bis zum Renteneintritt habe ich mich abends mit der „Memorial“-Arbeit befasst – und an den Wochenenden. Freiwillige tun eine Menge für uns, und sie machen das kostenlos.


Erhalten gebliebener Wachturm im Kraslag.
Foto: Krasnojarsker „Memorial“-Organisation

- Wie wurde dann die internationale „Memorial“-Organisation zum ausländischen Agenten?

- Das ist eine unmittelbare Gesetzesverletzung, weil eine internationale Organisation das laut Gesetz überhaupt nicht sein kann. Eine große Organisation benötigt Geld für Räumlichkeiten, die Unterhaltung der Museen und des Archivs, geschäftlich bedingte Reisen und die Herausgabe von Büchern. Die Finanzierung kommt aus unterschiedlichen Quellen. Übrigens, der Wettbewerb „Der Mensch in der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert“ wurde unter anderem auch vom Fond für Präsidenten-Stipendien der Russischen Föderation unterstützt. Es gab auch ausländische humanitäre Organisationen, die ähnliche Kultur-Projekte gesponsert haben – die Heinrich-Böll-Stiftung, die Körber-Stiftung. Ganz allgemein geschieht eine Menge wundersamer Dinge. Sagen wir mal so: das Menschenrechtszentrum „Memorial“ wurde wegen einer Veröffentlichung, deren Urheber es gar nicht ist, als ausländischer Agent eingestuft.

Arbeit gibt es noch für die nächsten 150 Jahre

- In groben Zügen – was haben Sie in 30 Jahren alles geschafft?

- Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Schicksale der Menschen zu rekonstruieren, konkret gesagt – die Schicksale derer, die Bezug zur Region Krasnojarsk hatten, die ganze Geschichte der Repressionen in der Region aufzuschreiben. Vermutlich war mit der Region das Schicksal von nicht weniger als einer Millionen Repressionsopfer verbunden. Unsere Staatliche Innenbehörde hat in den vergangenen 20 Jahren allein fast 600000 Rehabilitations-Beschei-nigungen ausgestellt. Das betrifft all jene, die einen Antrag auf Rehabilitation gestellt haben, und man kann die Zahl mutig verdoppeln – plus 50000 Verhaftete in der Region Krasnojarsk und Chakassien. Plus die enteigneten Bauern, von ihnen sind 9/10 immer noch nicht rehabilitiert – es gibt niemanden, an den sie ein Gesuch richten könnten. Insgesamt bis zu 1,5 Millionen Menschen. In unserer Datenbase befinden sich inzwischen 180000. Sieht so aus, als ob wir noch 120-150 Jahre benötigen, um die Arbeit abzuschließen.

Zweitens – die Herausgabe des Buches der Erinnerung; 14 Bände gibt es bereits, 10 davonsind denen gewidmet, die in der Region nach§58 verhaftet wurden. Ab dem 11. Band dann das Thema der Entkulakisierung. Hier gibt es noch Arbeit für die nächsten 5 Jahre – weitere 3-5 Bände. Wir haben sehr gut mit den Archiven zusammengearbeitet, die uns entgegengekommen sind. Gemeint sind die Archive der FSB-Behörde und der Staatlichen Behörde für Inneres, die Archiv-Agentur der Region Krasnojarsk.

Wir haben eine Reihe von Expeditionen durchgeführt. Früher haben wir die Überreste von Lagern untersucht, lebten in Zelten, fanden Gegenstände, vermaßen Baracken usw. Es gibt noch eine Expedition der anderen Art, wenn wir nämlich in Ortschaften der Krasnojarsker Region fahren und noch verbliebene Repressions-opfer befragen, wenn wir also eine Datenbase der Erinnerungen, Interviews, Fotografien schaffen. Sie wird von Anfang an durchgeführt und wir planen sie auch heute immer noch mit ein.


Viele Tage verbringen die Memorialer auf Expeditionen vor Ort.
Foto: Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft

Außerdem haben wir ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zum Museumszentrum „Friedensplatz“. Gemeinsam organisieren wir jedes Jahr zum 30. Oktober Ausstellungen und führen Veranstaltungen durch. Noch ein wichtiges Projekt – der Wettbewerb „Der Mensch in der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert“. Es wird geleitet vom Internationalen „Memorial“ geleitet, und wir koordinieren ihn für die Region Krasnojarsk und Chakassien. Es geht dabei nicht um die Repressionen, obwohl es dieses Thema auch dort gibt, - sondern um die historische Erinnerung im Großen und Ganzen. Es geht um Krieg und Alltag, Familiengeschichten, Beziehungen des Menschen zum Staat, bis hin zur Heimatkunde. Für uns ist das Projekt deshalb so interessant, weil die Schüler sich das Schicksal eines einfachen Menschen, eines Nachbarn, Verwandten anschauen. Dort kommen manchmal derartige Wendungen vor, wie sie sich nicht einmal Alexandre Dumas hätte ausdenken können. Der Wettbewerb findet bereits zum 19. Mal statt. Krasnojarsk sieht dabei ganz und gar nicht schlecht aus, wir liefern die meisten Arbeiten ab, in diesem Jahr gab es 3 Sieger von 40.

Ich möchte auch noch unsere Webseite erwähnen. Sie existiert seit 20 Jahren, und ihr Design ist bis heute unverändert geblieben. 1998 haben wir sogar den ersten Platz beim Allrussischen Wettbewerb „Internit“ gemacht, und in der Jury waren so bekannte Leute wie Tjoma Lebedjew, Anton Nossik. Die Webseite ist ein hervorragendes Instrument für unsere Arbeit, weil sie es ermöglicht, schnell Informationen schnell zu finden und zu systematisieren. Außerdem ist unser Archiv inzwischen in einem bedeutenden Maße digitalisiert. In diesem Sinne gehören wir zu einem der am meisten computerisierten „Memorials“.

- Sie arbeiten mit einem schweren Thema. Man muss eine Menge zerbrochener Schicksale, menschlichen Grams über sich ergehen lassen. Wie weit reicht da die seelische Kraft?

- Das hängt von der Empfindsamkeit des Menschen ab. Sirotinin, beispielsweise, ist sehr sensibel. Die ganzen 1990er Jahre hat er mit Archiv-Ermittlungsakten bei der FSB-Behörde gearbeitet. Seine Ehefrau, Swetlana Borisowna, hat erzählt, dass er im Traum schrie, in der Nacht aus dem Bett sprang und im Zimmer umherlief: „Was haben sie getan!?“ All das beeindruckte ihn zutiefst.


Die verlassene Bahnstrecke Salechard – Igarka.
Foto: Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft

Emotional bin ich nur schwer zu treffen, obwohl ich einmal geweint habe. Das hätte ich von mir nicht erwartet! Ich arbeitete am Buch der Erinnerung an die enteigneten Bauern. Damals gab es eine Anordnung, nach der man seine kleinen Kinder nicht mit in die Verbannung nehmen durfte, sondern sie bei Verwandten zurücklassen musste. Wenn eine Familie eine derartige Entscheidung traf, wurde ein Aufnahme-Übergabe-Dokument ausgefertigt. Die Mutter schrieb: ich übergebe meine Kinder – und der andere: ich nehme sie an und verpflichte mich, sie bis zu ihrer Volljährigkeit zu versorgen. In einem der Bezirksarchive haben sie eine dicke Mappe mit derartigen Dokumenten an einer Stelle zusammengetragen. Und ich stellte mir dieses Bild vor, wenn sie dir in einem großen Dorf den Besitz wegnehmen, die Frauen brüllen und sich ins Gemenge stürzen. Innerhalb weniger Minuten muss man sich entscheiden: sollst du es mitnehmen und es stirbt dort, oder sollst du es zurücklassen und weißt nicht, was hier aus ihm wird. Gebrüll, Geschrei. Plötzlich sehe ich, dass auf das Papier vor mir Tränen tropfen. Ich beugte mich zur Seite, um die Dokumente nicht zu beschädigen… Aber im Großen und Ganzen bedeutet das für mich vor allem die Aufgabe: herausziehen, klassifizieren, aufbewahren, erinnern. Dort gibt es eine Menge interessanter Themen. Wenn ich die Arbeit in den Archiven beendet habe, werde ich ein Buch schreiben.

Tatjana Rudenko

DOSSIER
Aleksej Babij. Geboren 1954 im Gebiet Tschita. 1976 beendete er die Mathematische Fakultät der Staatlichen Krasnojarsker Universität. Einer der Mitbegründer der Firma Maxsoft. Ab 2002 Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation. Verheiratet, zwei Söhne.

„AiF“ („Argumente und Fakten“; Anm. d. Übers.), 30.10.2017


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